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Bildergalerie: Von Radiohead bis Deichkind

So war das Hurricane 2008

Daniel Koch und Ines Sundermann haben sich den Dreck von der Haut gewaschen, etwas ausgeschlafen und fassen das Hurricane-Wochenende noch einmal umfassend zusammen.
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Daniel Koch und Ines Sundermann haben sich den Dreck von der Haut gewaschen, etwas ausgeschlafen und fassen das Hurricane-Wochenende noch einmal umfassend zusammen. 

 

Der Chef liegt einem in den Ohren, wenn denn jetzt der Hurricane-Bericht käme, es sei ja schon Dienstag. Dennoch genießt man erst mal die Freuden eines normalen Vormittags: Ausschlafen, Kaffeetrinken, Zeitunglesen. Denn: Wenn man wirklich das Hurricane erlebt, durchlebt und sich selber dabei zerlebt, wenn man nicht den Quick-and-Dirty-Musikjournalismus betreibt, sich ein paar Impressionen abholt, im Hotel schläft und dann nach Hause fährt, wenn man auch Menschen außerhalb des VIP-Campingplatzes kennt, sich also auch mal in den "siebten Kreis der Hölle vorwagt", wie mancher Kollege den "normalen" Campingplatz nennt, wenn man es tatsächlich mal drauf anlegt, feiertechnisch mit dem Abi-08-Jahrgang aus Scheeßel oder der etwas in die Jahre gekommenen Dorfjugend von Venne mitzuhalten, wenn man tatsächlich erst einmal für sich klar und in Reihenfolge bringen will, welche Bands man gesehen hat und welche Auftritte auch nach Abflauen der Festivaleuphorie noch Bestand haben werden, wenn man das ganze Wochenende mit zwei bis vier Stunden Schlaf ausgekommen ist - dann braucht man nun mal zumindest eine Erholungsnacht plus Frühstück. Sonst schreit nämlich jeder Leser, der auch da war, ganz laut "Authentizitätsdefizit" - wenn er es denn schon wieder aussprechen kann.

Also erst einmal die Erinnerungsfetzen zusammenpuzzeln. Wie ging es los, was war, was bleibt? Da muss man einfach zuerst über das Wetter sprechen. Nicht etwa, weil das spannender war als die rund 60 Acts, sondern weil auch das mal wieder für ein unvergleichliches Auf- und Ab- der Hoffnungen und Erwartungen sorgte. Das für Freitag und Samstag angekündigte "mehr wolkig als heiter" entpuppte sich dann aber als durchgehende Sonnenbrandgefahr, wie man schon am Freitagabend an krebsroten Stirn- und Nackenpartien ablesen konnte, die Unwetterwarnung samt Steinschlaghagel wurde nicht zuletzt von Radioheads überirdischen Auftritt auf sicherem Abstand gehalten. Statt Matschpampe an den Schuhen musste man sich also in diesem Jahr eher mit Staub in der Lunge auseinandersetzen, denn der Scheeßeler Eichenring verwandelte sich an den stark frequentierten Stellen schnell in eine feinkörnige Ackerwüste, die man aber spaßeshalber sehr gut in Wolken vom Boden stampfen konnte. 

Was gleich beim herb norddeutschen Opener Turbostaat sehr gut funktionierte. Ihr souveräner Auftritt und der bekannte Spagat zwischen In-die-Fresse-Punk und In-die-Birne-Lyrik funktionierte sogar selbst von der Giganto-, pardon Green-Stage herunter. Trotzdem ließen es sich viele nicht nehmen, das Wochenende vor der Blue Stage mit eher weltmusikalischem Flair zu beginnen - im postiven Sinne. Da sorgten z. B. Shantel und Patrice für. Der Auftritt von Kettcar geriet dann leider eher zwiespältig, da ihr Sound - wenn man nicht in der ersten bis zehnten Reihe stand - vom norddeutschen Winde verweht wurde und gerade die neuen Nummern wie z. B. 'Es gibt kein Außen mehr' dadurch einen Teil ihrer Dringlichkeit einbüßten. Aber die Kracher mit den 'Landungsbrücken' und den 'Balkonen' machten das wieder wett. Trotzdem ertappte man sich bei dem Gedanken: "In Oelde kamt ihr damals besser!"



Die auch hier wieder zahlreich vertretene Remmi-Demmi-Fraktion, die wirklich sehr oft "Abi 08"-T-Shirts trug (gab's das Rabatt-Aktionen vom Veranstalter?) versammelte sich dann in breitester Feierlaune vor Deichkind und Jan Delay. Erstere reisten wieder mit Trampolin und Gummiboot an, zeigten aber diesmal eine modernere Müllsack-Dress-Variante und verteilten in den ersten Reihen Wodka-Pinneken, die die Meute da vorne sicher nicht mehr nötig gehabt hätte. Jan Delay dann ebenfalls altbewährt, mit Mitsingspielen und "Freeze!"-Dance-Aktionen im Gepäck, die sogar noch in der letzten Reihe funktionierten. "Respect, Alder!", wie man wohl in Eimsbusch so sagt. Monster Magnet gab's dann ja auch noch und wieder, was man kurz im Vorbeigehen registrierte, als einem guten Alten Rock-Sprengkopf 'Supersonic Teenage Warhead' in die Flanke knallte. Während der Song noch saß, passte und Luft hatte, schien das bei Herrn Wyndorf nicht mehr der Fall zu sein. Zitat des Nebenmannes: "Herrgott, ist der fett geworden!"



Spätestens dann fingen die Gewissensbisse an: Holte man sich eine Ahnung von Clubgig-Atmosphäre und ließ sich im Coca-Cola Soundwave Tent vom Multiinstrumentalisten Xavier Rudd, den Indie-Zwillingen Tegan And Sara und den Weakerthans hinreißen, schlug man eher den Punkpfad ein und ließ es sich von NoFX und den Beatsteaks besorgen? Oder doch lieber Lightshow und Bigbeat-Gewitter mit den Chemical Brothers? Hatte alles sein für und wieder.

 

Gut NoFX waren die unterhaltsamen Gesellen, die sie so sind - überspielen damit aber lediglich, dass ihre Musik einfach bis auf ein paar Ausnahmen laaaangweilig bleibt. Die Beatsteaks hingegen wählten den Modus der leidenschaftlichen Souveränität und hatten endlich den Platz, für den sie sich schon vor zwei Jahren an selber Stelle empfohlen hatten: Headliner Mainstage. Der Moshpit dazu: "Krieg", "Wahnsinn", "Geil!" Die Chemical Brothers hingegen berauschten vor allem visuell, wobei ihre Musik damit natürlich nicht runtergespielt werden soll. Dennoch: Tegan And Sara bleiben live wunderbar und kriegen auch einen ausgewählten Teil eines 75.000er-Publikums rum - und die Weakerthans können einfach nichts falsch machen. Das unterschreibt man spätestens nachdem man 'Left And Leaving' live gehört hat. Schade, dass ihnen aus unerfindlichen Gründen zwei Songs zu früh der Saft abgedreht wurde.

Am Samstag ging's gleich sonnig weiter, was schade war, denn bei der Band Krieger hat sich sicherlich so mancher gewünscht, der Himmel würde ihm - oder besser Krieger - auf dem Kopf fallen. Apokalypse oder zumindest ein Hurricane oder ein Buschfeuer - gerne bei dem Songkrampf 'In Flammen stehen', weils so schön passt - wären auch nicht schlecht gewesen. Die zweitgrößte Blue-Stage stand dann im weiteren Tagesverlauf ganz unter dem Banner, der "The"-Bands - namtlich The Pigeon Detectives (rotzig, munter, ziemlich gut), The Enemy (vorlaut, lasch und ziemlich Jam), The Wombats (motiviert, sympathisch und extrem publikumswirksam) und The Subways (laut, laut und äh… irgendwie dabei nicht mehr so catchy, wie man sie in Erinnerung hatte).

 

Im Zelt widmete man sich weiterhin den zukunfstorientieren Fragen: Haben die New-Wave-Boller-Bratzer Does It Offend You, Yeah? das Zeug dazu, im nächsten Jahr auch größere Mengen als ein platzendes Coke-Zelt zum ausrasten zu bringen? Ja. Wie sind die angeblichen Überflieger Foals eigentlich so auf der Bühne? Keine Ahnung, ein zum Glück glimpflicher Busunfall verhinderte die Anreise. Klingen und wirken Operator, Please wirklich wie die B-52s auf Amphitaminen? Ja. Bringen es Blackmail immer noch? Oh ja! Sind Biffy Clyro auch live so punktgenau vertrackt? Jupp. Kann der Typ von Oceansize wirklich im Aereogramme-Style schreisingen? Ebenfalls ein ja. Und hat der Electro inzwischen nicht nur die Indiefestivals infiziert sondern auch den - pardon, Hurricane - Mainstream? Doppelja! Bei Digitalism drehte wirklich das gesamte Zelt durch, man zuppelte sogar noch vor der Absperrung draußen und man musste sich allen ernstes nach dem Gig vor Schweißschauern schützen, die von der Zeltdecke tropften. Zitat Security-Mensch: "Ich sag euch lieber nicht, was da runter tropft."

 

Während die Blue Stage mit einer perfekt gekleideten, aber doch schon recht oft gesehenen (wenn auch recht oft sehr guten) Show von Maximo Park schloss, langweilten auf der Hauptbühne zunächst die Malle-Indie-Rocker Kaiser Chiefs, bei denen sich inzwischen nur noch Sänger Ricky Wilson bewegt, bevor Billy Talent mal wieder für einen kollektiven Klopp- und Pogorausch sorgten. Helium-Hardcore scheint also immer noch das neue Ding zu sein. Dann aber kam Mr. "I've been in the greatest Rock'n'Roll-Band of the 90ies

 


Dave Grohl (sorry, Dave, bist'n Guter) und seine amtlichen Foo Fighters, die wirklich ackern, wie sich das für einen Headliner gehört. Wenn auch das Arbeitstier zu oft durchschien, der Mr. Grohl konnte sich offenbar nicht merken, auf welchem Festival oder vielleicht sogar in welchem Land er gerade spielte. Jedenfalls sprach er das Publikum konsequent mit "Hey, big festival people" an. Dennoch bleibt es eine beeindruckende Leistung wie Grohl es mit seiner perfekt eingespielten Band geschafft hat, diese Musik - an der man ja damals zum Debüt kurz nach Nirvana kritisierte, sie verlöre sich oft in der Belanglosigkeit des Pop-Punks - dass er diese Musik durch seine kaugummikauenden Gitarrenschrubber-Charme mühelos auf Stadionrock-Level hochgebracht hat. Außerdem merkte man wieder einmal, was die Bandgeschichte inzwischen an Hits hochgespült hat - selbst noch auf dem letzten Album, was die Wirkung von 'Road To Ruin' auf dem Menschenmassen gut belegte.

 

Und auch, wenn manch einer persönlich beleidigt war, das Grohl 'Everlong' und 'My Hero' inzwischen akustisch klampft, blieben es dank 60.000er-Chor dennoch Hymnen, die man sicher noch bis Twistringen hörte. Eine Seltsamkeit hatte der Auftritt dennoch, was aber weniger an der Band lag: Warum zum Henker fuhren fast zehn Mal Krankenwagen mitten durch die Menschenreihen? So was hat man selbst als Festivalveteran nur selten gesehen.



Dann also der große Wetter-Wackel-Kandidat: Der Sonntag. Den Donots hätte da mal jemand erklären sollen: So sehr man sich auch vom Publikum wünscht, dass es jetzt endlich mal "voll abgeht!", an einem Festival-Sonntag ist das im geforderten Maße leider kaum mehr möglich. Hat gar nichts mit fehlendem Wohlwollen zu tun, sondern müden, übernächtigten Gliedern und gefühlten 10 Kubiklitern Eichenring-Staub in den Atemwegen. Schade eigentlich, denn ausgerechnet für das großartige Line-Up des letzten Festivaltages, das auf allen drei Bühnen ausgeglichen verteilt zu sein schien, hätte man fitte Beine dringend nötig gehabt.



Razorlight-Diva Johnny Borrell seinerseits hätte seine unterkühlte Selbstgefälligkeit mal besser zuhause in London gelassen, dann hätte das mit der Publikumsanteilnahme sogar in der gleißenden Sonne funktioniert und die Leute hätten nicht erst bis 'America' gewartet, um endlich "voll abzugehen". Vielleicht hat er sich ja im Anschluss an seinen eigenen Auftritt den der Kooks auf der Nachbarbühne angeguckt und gedacht: "Mist, so hätt ich's machen sollen." Abgesehen davon, dass Luke Pritchards mit seinem unübertrefflichen Charme ohnehin beim weiblichen Publikum punktet, verbuchten sie auch die festivaltauglichsten Songs auf ihrer Habenseite: "Shine, shine, shine on" dachten man sich auch so über das labile Wetter und "I know you wanna make love to me" wussten bzw. wünschten sich immer noch viele von der jeweiligen Festivalbegleitung.

 

Apropos Wetter: Aller Panikmache um ein drohendes Unwetter zum Trotz gab es nur kurzweiligen Sturzregen am Sonntag, der sogar noch was Gutes für sich hatte: Das Tocotronic-Set musste kurz unterbrochen werden, so dass - Videoaufzeichnung sei dank - 'Kapitulation' komplett noch mal abgedreht werden musste. Die Fans dürfe es jedenfalls gefreut haben. Die auf den Screens eingeblendete Unwetterwarnung (Regen, Hagel, Windstärke 10) blieb indes aus und zog wie von Geisterhand bezwungen in Form einer schwarzen Wolkenwand den Horizont entlang am Hurricane vorbei.

 

So konnte man miterleben, dass die sphärisch-melancholische Musik von Sigur Rós nicht nur in Dunkelheit, sondern auch in der Abendsonne wunderbar funktioniert. Sogar dann, wenn hinter einem voller Wehmut falsettierenden Jón Thór Birgisson die Männer an den Blasinstrumenten ihrem eigenen Spaß zu frönen scheinen, indem sie Hampelmannbewegungen machen oder in ein imaginäres Mikro mitsingen und sich dann über sich selbst kaputt lachen. Leider musste man feststellen, dass die Melancholiker-Kollegen von Elbow und The Notwist in der Mittagssonne leider trotz großartigen Auftritten nicht ganz die Stimmung treffen, wohingegen Calexico im Staub natürlich vorzüglich funktioniert.

Das Wetter blieb auch beim letzten Auftritt des Abends ein spannender Faktor. Die SMS einer guten Freundin brachte den Auftritt dabei besser auf den Punkt, als man das als Journalist leisten kann: "Hinter uns ist der Himmel `ne schwarze Wand und vor uns bin ich gerade völlig beeindruckt, was Radiohead da so tun. Hammer! Wird also noch spannend hier …" Das wurde es in der Tat. Manch einer hatte befürchtet, die Mehrzahl reise vor Radiohead ab, weil das nun mal am Hurricane-Sonntag so sei und weil ihre Musik doch zu sphärisch und/oder sperrig für dieses Festival sei - trotzdem wurde es nicht zuletzt dank den ebenfalls vor Ehrfurcht erstarrten Wolkenmassen ein phänomenales Finale. Thom Yorke und seine Manne warfen sich emotionshigh in ihre Songs, wählten mit 'Planet Telex' einen überraschenden Einstieg, verneigten sich vor ihrem eigenen aktuellen Album, in dem sie außer 'House Of Cards' jeden Song darauf spielten, untermalten das ganze mit einer passgenauen Lightshow und spielten mit 'Paranoid Android' dann sogar noch einen amtlichen Hit - wie man das auf großen Festivals so macht.