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Bildergalerie: Sing zum Abschied leise Offspring

So war das Highfield 2009

Daniel Koch hat das Wochenende in Thüringen verbracht, hat zu Metric getanzt und zu Offspring gekotzt und weint nun dem Stausee ein paar Tränen nach...
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Daniel Koch hat das Wochenende in Thüringen verbracht, hat zu Metric getanzt und zu Offspring gekotzt und weint nun dem Stausee ein paar wehmütige Tränen nach: Unsere Festivalnachlese.



21. - 23.08.2009, Hohenfelden, Stausee.


Wo war denn nun der Abschiedsblues? Wurde er nur auf den Campingplatzen gesungen, damit man sich nicht das letzte Highfield mit trüber Stimmung versaut? Oder hatten sich einfach alle vom wunderbaren Spätsommerwetter bezirzen lassen und völlig vergessen, dass man hier in Hohenfelden nie wieder morgens an den Termen vorbei den Rasenpatt zum Gelände nehmen kann, um dann mit einem Blick auf den ruhig in der Mittagssonne liegenden Stausee belohnt zu werden?

Bevor man später Seite an Seite mit dem sanften Wellengang die Acts auf der Hauptbühne abfeiert und am Ende erschöpft und wehmütig noch einmal bestaunt, wie der See selbst in Nebelschwaden ertrinkt. Man spürte jedenfalls keine Wehmut auf dem Festivalgelände, allerdings auch kein Stimmungsgrad, der den traditionell hohen der Vorjahre noch mal besonders überstiegen hätte. Business as usual - im positiven Wortsinn - war angesagt.
Dabei machte es einem das letzte Highfield in der liebgewonnenen Location fast allzu leicht und präsentierte sich im schönsten Sonnenschein. Nur am Freitag gab es ein paar Schauer, aber nix Wildes. Angefangen bei Auletta, die mit ihrem Auftritt wohl ein paar hundert weibliche Fans im Alter von 14 bis 17 gewonnen haben dürften, entfaltete sich dann wieder ein gar seltsames Zusammenspiel zwischen den auftretenden Bands und dem irgendwie ein wenig schwer einzuschätzenden Publikum.

Aber das ist ja die Highfield-Spezialität: Da treffen Menschen mit Ärzte- und Hosen-Shirts auf ziemlich feine Indie-Acts - und verstehen sich manchmal prächtig. Nur halt eben eine Spur anders. Port O'Brian dürften es jedenfalls noch nicht erlebt haben, dass ihr Meerwind umwehter Näsel-Folk eine Polonaise auslösen kann. Und auch Jeff Tweedy von Wilco stutzte merklich, als drei bumsvolle Gestalten oberkörperfrei einen kleinen Circle-Pit zu eröffenen, der bei "I Am Trying To Break Your Bones", pardon "...Heart" sein Höhepunkt fand. Ansonsten bezauberten Wilco trotz noch leerer Publikumsreihen mit Spielfreude und Improvisationslust und trösteten auf musikalische Weise die paar Fans, die sich die Herren lieber in einem Club gewünscht hatten.

Den wahren Headliner sah man dann bereits am frühen Abend, zumindest gemessen am Publikumsirrsinn: Clueso. Mit Bubi-Charme und seiner guten Live-Band drehten die Massen bei "Chicago" und "So sehr dabei" dermaßen auf, dass der Gute wahrscheinlich da gerade den Auftritt seines Lebens spielte. Maximo Park bzw. Paul Smith lieferte dann wieder zackige Indie-Aerobic - diesmal vorgetantzt in himmelblauer Hose, die in Sachen Geschmacksverirrung nur zwei Tage später von Jan Plewkas, nennen wir sie mal "kussmundroten" Hemd-Hose-Kombi überboten wurde. Na, zum Glück sitzen die Maximo Park-Songs noch ganz ordentlich.

Die eigentlich als Headliner angesetzten Arctic Monkeys hatten es dann im Vergleich zu den Vorspielern recht schwer, bzw. machten es sich selbst schwer, weil sie den Abend anscheinend nutzten, um mal vor größerem Publikum all den "Humbug" vom neuen Album zu testen - immerhin müssen sie das Ding kommendes Wochenende bei der britischen Festivallegende Reading als Headliner an den Mann bringen. So ging's also los mit dem wüstenstaubigen "Propeller", dicht gefolgt von der guten Coverversion "Red Right Hand", die sie schon auf ihrer Web Transmission im Gepäck hatten. Dennoch: Das Highfield-Publikum wollte die Hits, die man kennt, und wurde nur bei "I Bet You Look Good On The Dancefloor" und dem abschließenden "505" so richtig aus der Reserve gelockt. Schade, denn das neue Material hat live durchaus Wucht.

Auf der nächsten Seite: So waren Metric, The Offspring, The Maccabees, Rise Against...

Am Samstag dasselbe Spiel: Erkläre einer, wie dieses Highfield-Publikum funktioniert! Dass Farin Urlaub mal wieder für kollektives Rumspringen sorgt, das wirklich alle Reihen infiziert, kann man ja noch nachvollziehen. Dass Panteón Rococó an einem sonnigen Nachmittag bei ansteigendem Stimmungs- und Alkoholpegel selbst Ska-Ignoranten zum Skanken bringt, weiß man inzwischen auch. Dass Brody Dalle mit ihrem neuen Projekt Spinnerette ganz gut ankommt, obwohl die Ex-Distillers-Frontsau aussieht, als hätte sie auch schon davon wieder die Schnauze voll, mag man vielleicht noch ihrer eindrucksvollen Erscheinung zusprechen können.

Aber dass am Freitagabend die Musikgesichte der Neunziger völlig mit Füßen getreten wird, war dann zuviel des Guten. Was war passiert? Man sah die vielleicht beste Stimmung, das höchste Springen, das lauteste Singen, die glücklichsten Gesichter nicht etwa bei den wieder mal grandiosen Faith No More - sondern ausgerechnet bei The Offspring, die ja - Hand auf's Herz - schon '94 zu "Smash"-Zeiten kacke waren. Ohne pathetisch werden zu wollen: Ein Sündenfall! Dafür gab's dann im Coca-Cola Soundwave Tent die ein oder andere Überraschung: Zum Beispiel The Maccabees, die auch jeden Maximo Park-Fan rumkriegen würden und die überirdisch tollen Metric. Emily Haines zeigte im silbernen Paillettenkleid vollen Körpereinsatz und riss das größtenteils nicht mit der Band vertraute Publikum vom ersten Song an mit. Und vielleicht drangen dabei auch die genialen Texte "Monster Hospital" oder "Dead Disco" durch.

Aus der Kategorie "Kann man immer bringen" bestand dann der sonntägliche Highfield-Abschluss, der wieder einmal vor Traumkulisse stattfand. Mit den Toten Hosen als Headliner kann man ja komischerweise nie was falsch machen, selbst wenn sie gerade auf Tour sind und drölfmillionen ausverkaufte Konzerte in ganz Deutschland spielen. Zuvor gab's dann eine weiter Gewinnerband, die das gesamte Highfield mobilisierte: Rise Against. Die politisch-korrekte Truppe um Tim McIlrath hat den weiten Weg von der Chicago-Hardcore-Szene bis zum Fast-Headliner eines 25.000er-Festivals recht schadlos überstanden und kommt immer noch authentisch rüber und an, selbst wenn die Riffs inzwischen nicht mehr die Aggressivität der frühen Jahre tragen und auch die Lyrics inzwischen gerne auf eingängigen Melodien geritten kommen. Dennoch taugte das alles zu anspruchsvollen Massenbespaßung und sorgte für ein Staubaufkommen, dass man wahrscheinlich auch vom Mond aus bestaunen konnte.

Mit gutem Gefühl ließen einen zudem die Deftones zurück, die sich von ihrem inzwischen ja auch recht eindrucksvollen Bandalter nicht lähmen lassen und dank Chino Morenas Fronteinsatz im Moshpit jedem klar machen, dass sie noch was für ihr Geld tun. Auch Turbostaat schlugen sich wacker, selbst in der wenig schmeichelhaften Position, nach Zebrahead aufzutreten - einer Band aus der Kategorie "Das sollte eigentlich gar nicht klar gehen!", die - erklär's bitte einer! - formidabel abgefeiert wurden.

Tja, und dann war's so weit: Der letzte Highfield-Sonnenuntergang in Hohenfelden, der letzte wehmütige Blick zurück, diesmal mit der Gewissenheit, dass man im nächsten Jahr nicht wieder dort stehen wird. Da hatte dann doch so mancher Pipi in den Augen. Nun darf man sich an dem Rätselraten beteiligen, wo denn das Highfield nun hinzieht. Dieter Semmelmann, Chef des lokalen Veranstalters Semmel Concerts, ließ auf einer sonntäglichen Pressekonferenz verlauten, dass man mit drei Locations im Gespräch sei, von denen zwei einen See hätte, und eines in der Leipziger Region läge. Thüringen werde man aber auf jeden Fall verlassen und eher nach Sachsen oder Sachsen-Anhalt "ziehen". Fest stehe auch, dass man die Kapazitäten um fünf- bis zehntausend Besucher erhöhen wolle. Konkreter wird's Ende Oktober. Man darf gespannt sein. Und sich nun noch ein wenig in Wehmut suhlen…

Bilder vom Wochenende folgen in Kürze.