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Bildergalerie: Frühling in Barcelona

Das war das Primavera Sound

Von wegen Frühling! Der Sommer kann kommen! Unser Autor Christoph Dorner war beim bestbesetzten Indierock-Festival Europas vor Ort.
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Von wegen Frühling! Der Sommer kann kommen! Unser Autor Christoph Dorner war beim bestbesetzten Indierock-Festival Europas vor Ort.

28.05. - 30.05.2009, E-Barcelona, Parc Del Forum

Eigentlich sollte man meinen, dass Primavera Sound-Festival wäre sich selbst genug, so viele internationale Acts wie es jährlich nach Barcelona karrt. Und doch kam das wohl bestbesetzte Indierock-Festival Europas in diesem Jahr nicht ohne Reminiszenz an den heimischen FC Barcelona aus, der am Tag vor dem Festivalstart gegen Manchester United die Champions League gewonnen hatte.

Dass ausgerechnet der Fußball für das kleine bisschen Folklore sorgte, das auch für jedes Musikfestival eigentlich unabkömmlich ist, ist für die globale Metropole Barcelona gar nicht so verwunderlich. Schließlich bekommen die Katalanen in Ermangelung international konkurrenzfähiger, spanischer Bands beim Primavera Sound das vorgesetzt, was das alteingesessene amerikanisch-britische Indierock-Milieu rund um Gründerväter wie Sonic Youth und My Bloody Valentine, sowie die Plattformen Pitchfork und All Tomorrow's Parties als Schnittmenge (zu Recht) für laut und gut befindet.

Also werden eben drei Tage lang auch Messi und Co. als Ausdruck katalanischen Selbstwertgefühls gefeiert - und die Bands machen artig mit. Neil Young ließ sich nach seinem zweistündigen, unheimlich atmosphärischen Best-Of-Konzert (inklusive "Hey Hey My My", "Down By The River", "Heart Of Gold", "Rockin' In The Free World") mit Barca-Schal um den Hals feiern. Anarcho-Sänger Pink Eyes von brachialen Fucked Up pflügte mit zugeworfener Fan-Kappe durch den Mosh-Pit - eine Mutprobe für Pressefotografen, ein Alptraum für die überforderte Security.

Und Ponytail, die am Samstag mit den Bowerbirds, den Crystal Stilts und Sleepy Sun (Foto) im zentralen Parc de Joan Miró zusätzliche Shows für die Öffentlichkeit spielten, bolzten bei ihrem knuffigen Auftritt auf der Pitchfork-Stage einen blau-roten Fußball ins Publikum, der im Doppelpass ständig zurückgeflogen kam. Von den verbalen Glückwünschen von Andrew Bird (großartiger Geigen-Pop, das Haldern-Publikum darf sich schon mal freuen) bis hin zu Bloc Party (routiniertes Hit-Management) einmal ganz abgesehen.

Nun könnte man an dieser Stelle durchaus ausschweifende Lobeshymnen schwingen, wie straff und reibungsarm das Primaverasound im Parc Del Fòrum mit sechs Bühnen und täglich ca. 30.000 Besuchern als innerstädtisches Festival konzipiert und von 6 pm bis 6 am organisiert ist. Stattdessen lieber zum Line-up, dass sich wiederholt den Luxus gönnte, einen mit parallel angesetzten Konzerten zu ärgern: Magic Markers oder The Bats? Chad VanGaalen oder Jeremy Jay? Liars mit neuen Songs oder Deerhunter mit "Microcastle"? Eine Band knicken oder halbe-halbe?

Keine Widersprüche gibt es dagegen bei den Headlinern und Must-Sees. Yo La Tengo lärmen am Anfang und Ende ihres wunderbaren Auftritts und spielen währendessen fast ausschließlich Pop-Hits vom Schlage "Autumn Sweater" und "You Can Have It All". Jarvis Cocker gibt einen großartigen Entertainer und Charmeur ab, während Sonic Youth seit langem wieder ohne "Teenage Riot" und andere Gassenhauer auskommen und stattdessen ihr vorzügliches neues Album "The Eternal" fast in voller Länge uraufführen. Und - "This Is A Sad Fucking Song" - Steve Albini besitzt immer noch die Weltformel für ausgetrockneten Fratzen-Rock. Oder wie Kollege Venker direkt twitterte: "shellac wie immer die besten. heute so energisch wie schon lange nicht mehr."

Noch mehr Starkstrom gab es nur bei My Bloody Valentine, die ihren Sound seiner Bestimmung zurückgaben und auf der Hauptbühne und im Konzertsaal Auditori gleich zwei mal versuchten, ihr durchaus masochistisch veranlagtes, größtenteils britisches, Publikum mit "Loveless"-Krachern wie "Only Shallow" und "I Only Said" per Lautstärke umzubringen. Da brauchte es auch gar keinen Kunstnebel - ein unschlagbares, physisches Pop-Erlebnis. Gut auch Kevin Shields einziger Kommentar im Auditori: "This is a J. Mascis Guitar." That's it.

Für eine kleines Skandälchen sorgten unterdessen die Lo-Fi-Punks Wavves, die auf der Pitchfork-Stage zunächst einen absolut blamablen Auftritt hinlegten und vom Publikum mit Flaschen beworfen wurden, ehe sich das Duo auf der Bühne vollends gegenseitig zerlegte. Die ganze Geschichte kann man hier im Protokoll nachlesen. Die anstehende Deutschland-Tour ist nun - offziell "wegen Krankheit" - abgesagt - vielleicht besser so.


Ihre Chance vor großem Publikum genutzt haben dagegen neben Deerhunter ein völlig spinnerter Dan Deacon mit 15-köpfigem Lärm-Orchester und irren Publikumsspielchen, sowie The Pains Of Being Pure At Heart, die Shoegazing definitiv in Pop übersetzt haben und den Drive ihrer Songs auch live halten können. Nicht zu vergessen der schwedische Songwriter Kristian Matsson, der als The Tallest Man On Earth ob seiner kratzigen Singstimme in den USA schon als Nachfahre des jungen Dylan gefeiert wird und in einem seiner Songs nichts lieber wäre als der "King Of Spain". Szenenapplaus, logisch.

Wahrhaft königlich fühlt man sich dann auch, als man bei den Black Lips als geil-prolligem Festival-Rausschmeißer den vielen Flugbieren ausgewichen ist, und danach am Strand von Barcelona den Sonnenaufgang mitnimmt. "Una Cerveza" und etwas leiser Haschisch und Koks bekommt man dort trotzdem angeboten, egal um welche Uhrzeit. Man verneint, irgendwann muss auch mal Schluss sein mit Rock 'n' Roll.

Mehr Impressionen vom Primavera Sound 2009 in unserer großen Bildergalerie.