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Bildergalerie: Der verlebte Wackel-Opa

The Fall live

U2 in Berlin, The Fall zeitgleich in Hamburg: Intro-Autor Christoph Dorner hatte wenig Mühe, sich für das richtige Konzert zu entscheiden...
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Während U2 zeitgleich in Berlin einen "Freedom-Gig" absolvieren, spielt Mark E. Smith in Hamburg eines seiner raren Deutschland-Konzerte. Intro-Autor Christoph Dorner hatte wenig Mühe, sich für das richtige Konzert zu entscheiden.

05.11.2009, Hamburg, Uebel & Gefährlich.

U2 aus Dublin und The Fall aus Greater Manchester existieren beide seit 1976, dem Jahr der "Punk Explosion". Ihre Sänger, hier der urcharismatische Performer und Weltverbesserer Bono, dort der bildungsferne Autodidakt und Working-Class-Hero Mark E. Smith sind über drei Jahrzehnte hinweg beide zu auf ihre Art zu Ikonen der Popkultur geworden.

So ist es durchaus eine schöne Parabel auf die deutsche Rezeption beider Bands, dass U2 am vergangenen Donnerstag einen mit Symbolik aufgeladenen Freedom-Gig im ehemals geteilten Berlin spielten, während The Fall, die in Ost und West eine ganze Generation von Postpunkbands beeinflusst haben, am gleichen Abend für eines ihrer ziemlich raren Deutschland-Konzerte in das Punk-Biotop Hamburg gekommen waren. Bono und The Berlin Wall, Mark E. Smith und die Straßen von St. Pauli - das passt.

Formaler Anlass, dass Mr. Smith das Uebel & Gefährlich in Hamburg beehrte, war die sehenswerte Ausstellung "Repetition - Paintwork #3" in der Hamburger Galerie Borchardt, die noch bis zum 21. November geistesverwandte Arbeiten aus dem künstlerischen Dunstkreis von The Fall zeigt. Was gibt es sonst neues von Mark Edward Smith? Im Frühjahr hat der störrische Grand Seigneur seine Autobiografie "Renegade: The Lives And Tales Of Mark E. Smith" veröffentlicht, die - glaubt man einem englischen Rezensenten - in ihrer Polemik so etwas wie "'Mein Kampf' for the Hollyoaks generation" sein soll. Vielleicht mal lesen. Außerdem unterschrieben The Fall im April bei Domino, die im Januar 2010 nach derzeit 33 Jahren Geschichte und 40 verschlissenen Bandmitgliedern ihr 28. Studioalbum "Our Future - Your Clutter" veröffentlichen. Ein Blogger hat gleich noch nachgerechnet und herausgefunden, dass es die insgesamt 100. Veröffentlichung (!) von The Fall sein wird.
Außerdem hatte Smith vor kurzem mächtigen Ärger mit Tierschützern bekommen, nachdem er in einem Interview bekannt hatte, sich gewaltsam einiger unliebsamer Eichhörnchen entledigt zu haben, die es gewagt hatten, seinen Gartenzaun anzunagen. Wozu dieses Briefing, wozu der Gossip? Nun, es zeigt, dass Mark E. Smith fest entschlossen ist, mit The Fall alt zu werden. Nach einem langwierigen Hüftbruch hatte er im Frühjahr einige UK-Shows sogar in einem klapprigen Rollstuhl absolviert. Wie sehr ihn diese Verletzung immer noch in Beschlag nimmt, lässt sich auch in Hamburg an einem kleinen Detail beobachten. Smith, der - ganz der Bühnendiktator - immer noch nach Herzenslust Mikrofonständer zerlegt und Kabelsalat produziert, bekommt an einer Stelle den Fuß nicht mehr aus einer Schlaufe. Keine fünf Zentimeter kann der schlurfende Smith seinen Fuß in die Luft bewegen und muss gebückt mit den Händen nachhelfen, um sich zu befreien. So seltsam diese Verrenkung selbst bei einem 52-Jährigen aussieht, so klar erscheint dennoch, dass Smith nach einer Privatinsolvenz weitermacht bis er auch gesundheitlich irgendwann bankrott ist.

Dabei ist einem The Fall-Konzert eh nicht mit den üblichen Leistungskriterien näherzukommen. Sport- und Jugendlichkeit sowie große Gesten muss man sich live woanders holen. Es reicht schon, wenn Smith da ist und man ihn nicht versteht. Das muss im Vorfeld auch die deutsche Vorband feststellen, die sich sympathisch ins Zeug legt, Melodien springen lässt und doch nur wiederholt ein nicht zu überhörendes "Get the fuck outta here" von einem britischen Fan am Bühnenrand erntet.

Und auch bei den anschließenden Warp'schen Loop-Rekonstruktionen von Evergreens von Sinéad O'Connor, Elvis, Barbara Streisand und den Jackson Five wird zunächst aufgestöhnt und später gar dezent gebuht. Da erscheinen einige Fall-Fans bei weitem unaufgeschlossener als die Band selbst. Als The Fall dann endlich da sind, enden die Widersprüche und beginnt der Kult. Obwohl einige ältere Semester sicherlich etwas enttäuscht sind, dass Smith auf ein Best-Of-Programm so gar keine Lust hat. So ist "Psykick Dancehall" von dem gleichnamigen, 2000 erschienen Box-Set tatsächlich der formal älteste Song auf der Setlist. Kein Song aus den Achtzigern, keiner aus den Neunzigern - bemerkenswert.

Während U2 zeitgleich in Berlin einen "Freedom-Gig" absolvieren, spielt Mark E. Smith in Hamburg eines seiner raren Deutschland-Konzerte. Intro-Autor Christoph Dorner hatte wenig Mühe, sich für das richtige Konzert zu entscheiden.

Stattdessen wird an diesem Abend deutlich, wie kraftvoll die Rückkehr von The Fall auf die Bildfläche in den Nuller Jahren ausfällt. Es sind die Songs der letzten beiden Alben "Reformation! Post LTC" und "Imperial Wax Solvent", die mit ihren kickenden, urbritischen Vintage-Riffs und simplen Korg-Melodien dank zurückhaltender, perfekt eingespielter Band voll zur Geltung kommen. Angefangen mit dem Groundhogs-Cover "Strange Town" über "My Door Is Never" und dem fantastischen, von Smiths Frau Elena Poulou gesungenen, "I've Been Duped". Auch der Postpunk-Mahlstrom "Fall Sound" und eine großartige Extended Version von "Reformation!" als letzte Zugabe sind über jeden Zweifel erhaben. Dazwischen streuen The Fall auch vier, nach erstem Eindruck sehr ordentliche neue Songs ein, darunter mit "Funnel Of Love" auch eine neue Coverversion der Country-Sängerin Wanda Jackson, womit auch jene lange Tradition der Fall'schen Verarbeitung von Songs, sei es nun aus den Bereichen Heavy Metal, Psych Rock, Garage, Folk, Surf oder Rockabilly, weitergeführt wird.

Wie bereits erwähnt: Mark E. Smith macht als verlebter Wackel-Opa an diesem Abend nicht den fittesten Eindruck. An den vorderen Bühnenrand mit finsterem Blick auf die vorderen Reihen drängt es ihn kaum noch. Und doch ist es ein einmaliges Bühnenschauspiel, das er da herumschlurfend, Textblätter durchwühlend und mit Händen in der Hosentasche abliefert. Allein wie Smith mit seinen Mikrofon-Achtlosigkeiten seine Roadies ins Schwitzen bringt, den Bandkollegen grob an den Verstärkern herumdreht und Elena Poulou in die Tasten langt, hat eine komische Form von Unterhaltungswert. Und Smiths mal pressendes, dann wieder höchst lakonisches Kauderwelsch, das sich so herrlich an den rauen Sound schmiegt, wird man live wohl nie auch nur ansatzweise verstehen. Wenn dann auch noch ein zwölfjähriger Junge mit "Fall Heads Roll"-Shirt und der aktuellen Tokio Hotel-Intro in der ersten Reihe steht, muss man unweigerlich schmunzeln.

Es ist ein toller Abend mit Mr. Smith, wenn auch mit Sicherheit nicht das eindringlichste The Fall-Konzert aller Zeiten. Ein Kommentator im Online-Forum von The Fall wird trotzdem gewusst haben, warum er dem Hamburg-Publikum aus der Distanz mit britischer Herzlichkeit gratuliert hat: "You lucky fuckers".

Setlist:
"Strange Town"
"My Door Is Never"
"Wolf Kidult Man"
"Cowboy George"
"I've Been Duped"
"Fall Sound"
"50 Year Old Man"
"Psykick Dance Hall"
"Sloppy Floor"
"I'm Not From Bury"
"Funnel Of Love"

"Reformation!"