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Bildergalerie: Bericht eines Begeisterten

So war das Roskilde 2009

Daniel Koch bereist, das liegt an seinem Job, über den Sommer so manches Festival. Trotzdem freut er sich über das Roskilde wie ein kleines Kind.
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Daniel Koch bereist, das liegt an seinem Job, über den Sommer so manches Festival. Dass er sich über das just vergangene Roskilde Festival trotzdem noch wie ein Kind freut, spricht für ihn und das Festival.

02.-05.07.2009, DK-Roskilde.

Die spinnen die Dänen! Machen ein Festival mit über 100.000 Menschen aus ganz Europa und schaffen es trotzdem, dass man sich durchgehend gechillt und wohl fühlt. Stellen sich schon nachmittags um 16 Uhr geduldig in wohlgeformte Schlangen an "Oasis"-, "Slipknot-" oder "Trentemøller"-Schilder, um dann um 23 Uhr in den Bühnenvorraum bei selbigen gelassen zu werden. Halten es für selbstverständlich, dass bei nachmittäglichen Punkkonzerten drei Security Guards mitpogen, weil sie auch im kleinsten Zelt aufpassen, dass im Moshpit keiner zu Boden geht.

Machen ein Open Air, haben aber eigentlich nur eine riesige Freiluftbühne und weitere liebevoll gestaltete Zelte, deren Größen von "Arena" bis "Klein-gemütlich-Club" reichen. Hauen bei den Konzerten dermaßen viel Umsonst-Wasser raus, dass man auf dem Gelände gar nix mehr kaufen muss. Säubern nach jedem Gig die Location und schmeißen die gesamte Pitbelegschaft raus. Freuen sich über den Irrsinn der Festivalbesucher und fördern solch verrückte Aktionen wie den "Naked Run" - der traditionell in nackter Gelassenheit auf dem riesigen Campingareal stattfindet. Und nicht zuletzt: Machen ein Festival, dessen kompletter Erlös für wohltätige Zwecke rausgehauen wird. Die spinnen die Dänen - und das ist auch gut so!
Das Roskilde ist eines dieser Festivals, das einen schnell völlig aus den Latschen haut, weil man sich vor Begeisterung nicht mehr einkriegt. Was zum Teil auch am großartigen Line-up liegt, in erster Linie aber der ganz eigenen Stimmung dort geschuldet ist. Trotz maximaler Professionalisierung, die von den "Veteranen" oft bemängelt wird, sind dort nämlich überwiegend Freiwillige am Werk, die nicht den Stundenlohn im Sinn haben, sondern die Gewissheit, Gutes zu tun, und (vielleicht der wichtigere Grund) im Anschluss ihrer Schicht noch selbst das Roskilde zu rocken. Außerdem scheinen auch die Gesellen, die den Großteil des Tages auf dem Campingplatz verbringen, um dort die 18,8er Chillum ihrer Bong kreisen zu lassen oder eine Tuborg-Hülse nach der anderen zu zischen, irgendwie unprolliger daherwanken, als man das aus heimischen Landen kennt. Aber vielleicht liegt's auch nur daran, dass sie alle noch mal in den Campingplatz-eigenen Badesee hüpfen, bevor sie das Festivalgelände betreten.

ROSKILDE - Trailer

Trailer: "Roskilde - The Music. The Party. The Feeling.

Bei strahlendem Sonnenschein fand also am vergangenen Wochenende das wohl best beschallteste Musikvolksfest der Dänen und ihrer europäischen Nachbarn statt. Und bei solch einer traditionsreichen Veranstaltung legte sich diesmal nicht nur das Wetter ins Zeug sondern auch ein Großteil der eingeladenen Acts. Angefangen bei Social Distortion, die am Donnerstag das riesige Arena-Zelt mit ihren Gassenhauern wie "Don't Drag Me Down", "Sick Boys" und "Ball And Chain" zum Ausrasten brachten. Immer noch die anspruchvollste Dicke-Eier-Mucke wo gibt - das unterschrieben auch die runden achttausend Anwesenden. Derber und direkter wurde es bei Fucked Up, die wohl so was wie den Gig des Wochenendes hinlegten. Ihren mit Punk vermischten, In-die-Fresse-Hardcore hauten Shouter Father Damien und seine Mitmusiker mit einer Leidenschaft ins Publikum, die sich auch durch Platzwunden am Schädel nicht bremsen ließ (siehe Fotogalerie).

Daniel Koch bereist, das liegt an seinem Job, über den Sommer so manches Festival. Dass er sich über das just vergangene Roskilde Festival trotzdem noch wie ein Kind freut, spricht für ihn und das Festival.

Man hätte sich gewünscht, dass die Maskenfatzen von Slipknot sich das Konzert mal angeschaut hätten, denn die bewiesen trotz Headliner-Status ein paar Tage später nur eines: Nämlich, was für unsäglich clowneske Wimps sie inzwischen geworden sind. Klar, die Masken waren wieder ganz geil, der auf einer rotierenden Plattform spielende Ölfass-Percussion-Hansel für fünf Minuten ein Blickfang, die Flammenwerferaction ganz munter - aber was die Bauernsöhne aus Iowa da als das Härteste vom Harten verkaufen, ist bloß angemalte und vermummte Dickeierigkeit amerikanischer Prägung. Statt geballtem Hass gab's also eine Lobeshymne auf die Fans nach der anderen, mit einem Pathos vorgetragen, den man sonst vielleicht eher vom Creed-Sänger erwartet hätte. Dem Corey Taylor inzwischen durchaus gleicht, wenn er ins Singen gerät. Was er auf den neuen Songs ja (zu) oft tut. Hart und gut gab's dagegen von Isis und Neurosis, wobei letztere leider damit zu kämpfen hatten, dass die Zeltarena bei Sonnenschein einfach viel zu hell für sie war. Trotzdem genoss man gerne, wie die tonnenschweren Riffs einem über den Nacken rollten.

Unter den Headlinern punktete Nick Cave, der mal wieder den gitarreschreddenden "Mr. Bad Motherfucker called Stagger Lee" gab, wunderbar begleitet von den ehrwürdigen Bad Seeds. Geradezu triumphal wurde es bei Homeboy Trentemøller, der sein nächtliches Heimspiel auf der riesigen Orange-Stage perfekt arrangierte und sein "DJ-Set mit Live-Gästen" auf einer Insel inmitten des Publikums begann, während geheimnisvolle Zeitlupentänzer die Bühne bevölkerten. So begann ein Massenrave sondergleichen, der nicht nur gut zur Nacht passte, sondern mit seinem grandiosen Remix von Jesus And Mary Chains "Just Like Honey" sicher auch die Indie-Nazis befriedete. Selbst Oasis gaben sich in Roskilde gut gelaunt, mit einem gar lachenden Noel und einem fast gesprächigen Liam, den man aber mal wieder die meiste Zeit nicht verstand. Was vielleicht besser war, sagte er doch einmal: "This song is dedicated to the moon." Leider bedankte sich dieser nicht im Mighty-Boosh-Style...

Daniel Koch bereist, das liegt an seinem Job, über den Sommer so manches Festival. Dass er sich über das just vergangene Roskilde Festival trotzdem noch wie ein Kind freut, spricht für ihn und das Festival.

Perfekter Inszenierung dann bei den Pet Shop Boys, die mit Videoeinspielungen, Tänzern und selbstmörderischer Hutwahl das Publikum auf eine Reise durch ihr Schaffen schickten. Das war so überzeugend wie kurzweilig und hinterließ nur wieder die berechtigte Frage, warum ihre neuen Songs trotz hoher Qualität, immer noch nicht so recht zünden wollen. Der Auftritt von Kanye West hingegen ließ einen noch mit einem komischen Stimmeffekt im Hals am nächsten Morgen aufwachen. Der Spannung, die vor seinem Gig in der Luft lag, trat er unmotiviert, statisch und obercool entgegen. Vor allem das Material von "808's & Heartbreaks", das "live" noch mehr klingt, wie das Herzschmerzalbum der Schlümpfe, zog einen latent runter, und funktionierte wenn überhaupt nur bei den Hits wie "Love Lockdown". Besser wurd's nur, wenn Kanye rappte - was er bittegerne in Zukunft wieder öfter tun dürfte. Seinen verschleimten "I've made mistakes blablablbabla" Monolog zu Spülmittelwerbungsmusike verschweigen wir mal lieber ganz.

Für einen überragenden Festivalabschluss sorgten dann am Sonntag ausgerechnet Coldplay - ein Aufritt aus der Kategorie "Guilty Pleasure", der zugleich cheesy und geil war. Highlights dabei vor allem die früheren Songs "In My Place", "The Scientist", "Politik" oder meinetwegen auch "Yellow", die einen daran erinnerten, warum man sie mal so mochte. Die Mitte des Sets bestritten sie sympathischerweise inmitten des Publikums, Rücken an Rücken, lediglich mit Akustikgitarren und Mikro bewaffnet. Dabei schafften Coldplay es gar, völlig unpeinlich und erfreulicherweise unkommentiert Michael Jackson zu huldigen, mit einer reduzierten "Billy Jean"-Version. Das Schmetterlingskonfetti am Ende war dann zwar wieder too much, aber was soll's?

Was gab's sonst noch? Das Klassentreffen der deutschen Reisegruppe(n) beim Deichkind-Gig, die selbst in Dänemark alles auseinandernahmen. Das düstere, nebelverhangende, laser-zerschossene Konzert von Fever Ray, bei dem das Zelt aus allen Nähten platze. Die Dänemarkpremiere der hüftschüttelnden Friendly Fires, das sensationell erfolgreich ausfiel, der fortgesetzte Siegeszug der White Lies, die in einem viel zu kleinen Zelt spielten. Die wie immer erhabenen Elbow. Einen nur leicht derangierten Peter Doherty, der lediglich mit Akustikgitarre angereist war, was ihm sehr gut stand. Intime Konzerte von M.Ward und First Aid Kit im "Astoria", dem Zelt, das jeder Indoor-Location in Sachen Atmosphäre und liebevoller Gestaltung Konkurrenz machen kann. Ach, man könnte seitenweise weiterschreiben.

Deshalb an dieser Stelle genug bzw. nur noch ein letztes Fazit: Das Roskilde ist tatsächlich ein Festival, dass man mal gesehen, gehört, durchlebt haben sollte. Das selbst einem abgehangenen Festivalguide-Redakteur, der der landläufigen Meinung nach ja die Dinger mit den Bühnen, den Zelten und der frischen Luft, sicher gar nicht mehr sehen kann, noch den Kiefer runter klappen lässt. Das kann man mal so sagen. Und so stehen lassen.