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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Sexmaschin

Bilderbuch im Interview

Bei der BBC ist es eine langjährige Tradition, am Ende eines Jahres den Sound des kommenden zu definieren. Die daraus resultierenden »Sound of ...«-Listen, die fünf vielversprechenden Künstlern den großen Durchbruch an den Hals schreiben, gelten als wichtiger Karriere-Push. Wir wollen es in diesem Jahr der BBC gleichtun und haben gemeinsam mit befreundeten Top-Checkern, Szenehasen, Starbookern und Labelexperten fünf Acts zusammengestellt, die 2015 ihr großes Jahr haben werden. Allen voran Bilderbuch, die schon länger als österreichische Rettung des deutschsprachigen Pop gehandelt und 2015 zum großen Sprung ansetzen werden. Lena Ackermann traf sie für uns beim Tourstopp mit den Beatsteaks in Siegen.
Geschrieben am
In Wien bestellt man einen Braunen, einen Kapuziner, einen Verlängerten und manchmal sogar einen überstürzten Neumann. Das, was in einem Hotel im nordrhein-westfälischen Siegen in einer weißen Tasse schwimmt, ist im Grunde genommen dasselbe, heißt hier allerdings schlicht Kaffee. Damit wäre der Unterschied zwischen deutscher und österreichischer Kultur bereits erklärt. Die eine pragmatisch, ein wenig bieder und verklemmt. Die andere angenehm überkandidelt, selbstironisch, witzig und auch ein bisschen morbide. Wer einmal in Wien war und sich von rosa beschürzten Bedienungen Einspänner und Kuchen hat servieren lassen oder mit einem Ottakringer an der Donau gesessen hat, der fragt sich ohnehin, was der ganze Hype um Berlin soll und warum eigentlich man nicht gleich hier bleibt.

Und wer gute deutschsprachige Bands aufzählen will, muss zwingend Gruppen aus Österreich anführen (und dabei reden wir nicht vom gerne mal belächelten Austropop der späten 1980er). Ja, Panik! fallen darunter, Wanda ebenso, vor allem aber – und damit kommen wir auch endlich zur Sache – Bilderbuch. Die Jungs sind mit Sicherheit der neueste und heißeste Scheiß, den die junge deutschsprachige Musikszene zu bieten hat. Zuletzt haben uns die vier Oberösterreicher mit ihrer EP »Feinste Seide« in Aufregung versetzt. Drei Songs: »Maschin«, »Plansch« und »Spliff«, jeder ein Hit. Und die Band kann (und wird) mehr davon liefern. 

Gut gelaunt sitzen Maurice Ernst (Gesang) und Peter Horazdovsky (Bass) in der Lobby, die beiden anderen Bandmitglieder Michael Krammer (Gitarre) und Philipp Scheibl (Drums) sind schon beim Soundcheck, die Band tourt grade mit den Beatsteaks. Zunächst gibt’s einen kleinen Braunen (Milchkaffee) für Ernst und einen kleinen Schwarzen (Espresso) für Horazdovsky. Ernst trägt ein schwarzes Shirt zu schwarzer Hose, den Ringelpulli hat er bereits ausziehen müssen, es ist ziemlich schwül im Siegerland. Um den Hals trägt er eine dünne Goldkette, die man gerade noch als dezent durchgehen lassen kann. Horazdovsky sitzt im verwaschenen Hoodie da. »Wir kommen praktisch direkt aus dem Bus«, entschuldigt Ernst das verhältnismäßig unaufregende Outfit und fährt sich durch die blondierten Haare. Schwamm drüber, in ihren Videos und auf der Bühne glänzt ihr Style umso mehr.  Dass den vieren im nächsten Jahr der endgültige Durchbruch bevorsteht, liegt unter anderem daran, dass sie keine gewöhnlichen Newcomer sind. Bilderbuch haben schon zwei Alben veröffentlicht, ihr Schaffen ist bereits jetzt in Phasen einteilbar. Vom ersten, an Britpop orientierten Album »Nelken und Schillinge« aus dem Jahr 2009 ging es zum düsteren, Camus-getränkten Konzeptwerk »Die Pest von Piemont«, das 2011 veröffentlicht wurde. 2014 erschien nun die EP »Feinste Seide« und liegt wie das Album, das 2015 kommen wird, irgendwo zwischen Punk, KanYe West, Prince und Deichkind. Problematisch finden Bilderbuch ihren Neuling-Status nicht, erklärt Peter Horazdovsky: »Auf Festivals und Konzerten kommen immer wieder Leute, die nach den Konzerten sagen: ›Hey, ihr könnt ja wirklich spielen. Wir dachten, ihr seid eine Anfängerband.‹ Das ist schon witzig. Die Erwartungshaltung ist bei Newcomern eben geringer, und wir können mit der Erfahrung, die wir die letzten zehn Jahre gesammelt haben, ein bisschen auftrumpfen.«
Auf der iTunes-Liste, in der ich die Rough-Mixes des neuen Albums hören durfte, steht unter »zuletzt hinzugefügt« Nicki Minaj. Ein Hinweis auf eure Einflüsse?
ME: Einflüsse zu benennen ist echt schwierig. Ich könnte dir sagen, dass Prince im Moment ein Riesenvorbild für mich ist. Oder David Bowie, der ist auch eine inspirierende Person. Vorbilder sind für mich vor allem Künstler, die sich über einen längeren Zeitraum immer wieder verändert und trotzdem qualitativ Hochwertiges abgeliefert haben. Natürlich gibt es Ausrutscher, Phasen, die jetzt nicht so cool sind, aber die Rezeption verändert sich ja auch. Vor vier Jahren hätte ich noch gesagt: »Scary Monster« von Bowie, das ist ein Schas [Wienerisch für Scheiß].
PH: »Scary Monster« ist super!
ME: Stimmt. Damals habe ich aber lieber »Ziggy Stardust« gehört. Ich sehe uns in der Tradition von solchen Künstlern. David Bowie zum Beispiel hat so viele Stimmen und so viele Weisen, sich auszudrücken. Ich habe auch mehr als eine Stimme. Ich singe mal Kopfstimme, mal wieder tief, habe auf jedem Album versucht, meine Stimme ein wenig zu verändern, sie weiterzutreiben und dann auf Altes zurückzugreifen.
 
Und Nicki Minaj?
ME: Das war nicht unser Laptop, auf dem du vorhin hören durftest. Aber vor anderthalb Jahren haben wir auch viel Nicki Minaj gehört. Ich mag nicht alles, es gibt ein paar schreckliche Lieder auf den Alben. Sie ist ein etwas grenzwertiger Act. Ihre schöne Seite kommt raus, wenn sie zum Beispiel bei KanYes »Monster« das Feature macht. Aber dann haut sie ein paar Pophits raus, weil das Management sagt, das verkaufe sich gut.

Und weil große Labels so was öfter sagen, habt ihr ein eigenes?

ME: Eigenwilligkeit muss man sich hart erkämpfen. Das war ein Grund für uns, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ich glaube, dass in jedem Album, das wir bislang gemacht haben, Eigenheit und Protest und Entwicklung stecken. Wir sind es uns schuldig, uns nicht zufriedenzugeben. Wir wollen immer wieder Grenzen ausloten.

Warum gerade Österreich die jungen Wilden hervorbringt, hat wohl etwas mit dem Schmäh, dem Mut zum Absonderlichen, der weit verbreiteten nihilistischen Weltanschauung und einer Selbstwahrnehmung zu tun, die vor allem durch tragische Komik geprägt ist. Während in Deutschland Typen wie Revolverheld und Tim Bendzko von Liebe säuseln, geht es bei Bilderbuch um Sex. Nein, stimmt nicht ganz, eher um Sexiness, verpackt in dicke Beats, laute Gitarren, intelligente Texte und eine gehörige Portion Selbstironie. Das alles ergibt, was Maurice Ernst meint, wenn er von Augenzwinkern spricht. Eine kecke, fast schon frivole Leichtigkeit, die er in der bisherigen deutschen Musiklandschaft vermisst hat.

Du hast bemängelt, dass es zu wenig Sex in der deutschsprachigen Musik gebe.
ME: Das hat etwas damit zu tun, dass mir deutschsprachige Musik in den letzten Jahren so erzieherisch erscheint. Die Bands der Hamburger Schule, die waren so kalt. Wir wollten mit der EP mehr Wärme bringen und mehr singen, die Kopfstimme ausprobieren und schauen, was passiert, ohne den Druck, alles eins a richtig machen zu müssen.

Ihr habt von Anfang an auf Deutsch gesungen und geschrieben, obwohl das Risiko, »uncool« zu klingen, sehr hoch ist. Stellt ihr diese Entscheidung manchmal noch in Frage? 

ME: Es gibt Wörter, die klingen auf Deutsch komisch, wenn man sie singt. Und man verbindet mit dem Deutschen oft so einen schlageresken Stil. Man hat schnell das Gefühl, dass Deutsch platt klingt. Bei Englisch ist das ganz anders. Das nehmen wir durch die kulturelle Entwicklung, die wir intus haben, einfach auf und empfinden es als ganz normal. Rückblickend kann ich sagen, dass es eine gute Entscheidung war, nie Englisch zu singen. Denn an der Herausforderung, mit Sprache umzugehen, ist Bilderbuch gewachsen.

Die neue EP »Feinste Seide« weist nun den Weg auf die großen Bühnen. In Stücken wie »Maschin« und »Plansch« liegt etwas Naives, das sich beim Lesen der reinen Titel bestätigen lässt. Im Video zu »Plansch« sieht man ein Haus samt Pool irgendwo in der österreichischen Dorfeinöde, ein wenig beklemmend wie die tristen Szenerien von Ulrich Seidl. Wo man bei Seidl einen Liegestuhl nebst Mann in Adiletten mit lechzendem Rottweiler vermutet, schiebt sich langsam der Kopf von Maurice Ernst ins Bild. Mit Sonnenbrille und quietschgelber Hose treibt er auf einer Luftmatratze und singt: »Kind, du musst was lernen, sonst verdienst du nichts.« Zwischen Wassertropfen und dem grellen Azurblau des Swimmingpools lassen Bilderbuch anstelle von dickbrüstigen Frauen lieber Kinder tanzen. Und trotz der ausgelassenen Stimmung wird es plötzlich ganz ernst. »Wenn du alles hast – ersauf dich im Pool«, singt Ernst. Ohne eine Miene zu verziehen. 
Dieses feine Gefühl für Witz und Hintergründigkeit muss man sich erarbeiten. In Ernsts Fall geschieht das durch eine Stunde Kreativarbeit täglich, direkt nach dem Aufstehen. Diese unaufgeregte Struktur ist sicher auch ein Grund, weshalb die Band es noch weit bringen wird. Vielleicht haben Ernst und Horazdovsky das auf der Klosterschule gelernt. Davon scheint es auf dem oberösterreichischen Land, wo Bilderbuch aufgewachsen sind, unerwartet viele zu geben.
Auch wenn sie in ihren Videos dick auftragen: Dass die Band nicht nur auf Effekthascherei aus ist, beweist schon der Bandname. Bilderbuch, das klingt nach Strickabend und Vorlesestunde, ungefähr so aufregend wie Früchtetee. Aber der Name bleibt, weil die Band auf ihre Geschichte stolz ist. Ganz am Anfang haben sie nämlich Märchen vertont. Sie wollen sich treu bleiben. Und beweisen, dass es scheißegal ist, ob der Name cool klingt, wenn dahinter ein gutes Produkt steht. Jetzt klingelt Ernsts Handy, die Oma ruft an.
Was hält die Oma denn von euren Sachen?
ME: Sie versteht nicht alles, aber wenn der Beat stimmt, dann findet sie es gut.

Weil du absichtlich ein bisschen nuschelst?
ME: Na ja. Das klingt jetzt so blöd. Klar versuche ich, Sachen so auszudrücken, dass sie gut klingen. Das kann nuscheln oder eine exaltierte Aussprache sein. Wenn ich mir Bilderbuch im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Bands anhöre, dann verschlucken wir schon mehr oder hauen kryptisch was hin, was erst beim dritten Hören verstanden werden kann. Bei Udo Lindenberg, Grönemeyer oder Falco versteht man ja auch nicht jeden Satz. Meine Oma zum Beispiel beschwert sich über Udo Lindenberg. Jedes Mal, wenn sie ihn im Fernsehen sieht, sagt sie: »Das ist ein komischer Vogel, denn man versteht nicht, was er sagt.« Und das sagt eine Österreicherin über einen Deutschen!

In den neuen Songs geht’s unter anderem ums Kiffen. Zu viel für Oma?
ME: Über »Spliff« habe ich noch nicht explizit mit ihr gesprochen. Ich glaube aber, dass sie das Wort nicht kennt. Das hoffe ich jedenfalls. Sie hat ja Gott sei Dank kein Internet. Es könnte also an ihr vorbeigehen. »Maschin« habe ich ihr gezeigt, und da hat sie selbst gesagt: »Das ist ja sexy.« Das war für mich ein Zeichen des Erfolgs.

Bilderbuch ist ein, sagen wir mal, eher schwieriger Name. Ein Risiko? ME: Nein, das ist kein Risiko. Das ist Ehrlichkeit. Was wir heute im Musikbusiness erleben, sind ständige Namenswechsel und Bands, die nicht mehr sind als punktuelle Projekte, die vielleicht zwei Jahre bestehen. Klar, wenn ich jetzt als 25-Jähriger noch mal eine Band starten würde, dann hätte die einen cooleren Namen, der wäre durchdachter. Aber hey, wir sind im Grunde genommen immer noch eine Schülerband, und deshalb haben wir diesen Namen. Es gab Zeiten, da dachten wir: »Geht sich das aus, Bilderbuch?« Aber am Ende macht es uns stärker, weil es bei uns eben diese Geschichte gibt. Und wer sich darauf einlässt, wird belohnt. Unter anderem durch die ganze Geschichte.

Warum wird 2015 euer großes Jahr? 
ME: Weil wir unsere erste eigene Tour spielen und es ohnehin immer schöner wird.
PH: Hits, Hits, Hits! Es wird ein Album kommen, auf dem nur Hits drauf sind.
ME: Ehrlich, 2014 war schon so super, da kann 2015 nur noch besser werden. 

Am Ende ist Maurice Ernst ein bisschen enttäuscht, weil keine skandalösen Fragen gestellt wurden. Wirklich rausrücken mit Skandalträchtigem wollte er aber auch nicht. Bei so einer talentierten Band braucht es das vorerst ohnehin nicht. Es geht sich auch so ganz gut aus!
– Bilderbuch »Feinste Seide EP« (Maschin Records / VÖ 29.10.14) + Intro empfiehlt das 2015 erscheinende Album / Support für Beatsteaks vom 04.11. bis 16.12.14 + Intro empfiehlt die Tour vom 11.03. bis 01.04.15

Bilderbuch

Feinste Seide (EP)

Release: 01.01.2014

℗ 2014 Maschin Records

Bilderbuch

Spliff - Single

Release: 01.01.2014

℗ 2014 Maschin Records