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Bilder vom Samstag: Klingender Ausklang

So war das Reeperbahn Festival

Daniel Koch war auch am Samstag noch ausgehfreudig: Seine Eindrücke des dritten und letzten Festivaltags bzw. -abends lest ihr hier.
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Daniel Koch war auch am Samstag noch ausgehfreudig: Seine Eindrücke des dritten und letzten Festivaltags bzw. -abends lest ihr hier.


26.09.2009, Hamburg. St. Pauli, diverse Locations.


Auf der Reeperbahn nachts um halb eins weiß man dann plötzlich, warum die Bands, die auf der öffentlichen Bühne des Reeperbahn Festivals spielen, dies nur am frühen Abend tun. An den Lärmschutzbedingungen kann's nicht liegen, bei den lautstarken Menschenwellen, die die Straße rauf- und runter rollen. Aber, wenn man sich die zerbrechliche Songwriterkunst von Morton Valence anschaut und -hört, möchte man diesen tollen Musikern nicht wünschen, die Horden internationaler Sauf- und Bumsbrigaden zu bespaßen, durch die man sich des nächtens schiebt. Zum Sonnenuntergang eines herrlichen "Nennt man das jetzt Spätsommer oder Frühherbst?"-Abends passen Morton Valence aber ganz formidabel.

Kurz zuvor gab's dann mal wieder die standesgemäße Einstimmung von und mit Ray Cokes im Schmidt Theater, der seine Tipps des Abends vorstellte und mit z. B. Heidi Happy, Animal Kingdom, Dear Reader, Hellsongs und Fight Like Apes Geschmack bewies. Es ist erstaunlich, wie schnell sich das "Meet & Greet with Ray" zu der Veranstaltung entwickelt hat, die dem Festivalabend eine gewisse Ordnung gibt, bei der man sich nach Ausschlafung des Katers oder nach einem Diskussionsnachmittag auf den Panels trifft, und nicht nur perfekt unterhalten wird, sondern vielleicht gar noch den ein oder anderen Bandtipp für später abgreift. Oder aber gar Turnschuhe, oder eine ganze Flasche Wodka - die fand Cokes nämlich hinter der Bühne. Und da er sie nicht mehr trinken wollte, weil er eher so der Kiffer ist (wie man seinen Moderationen entnehmen konnte), verschenkte er sie prompt im Publikum.
Auch der Samstag brachte dann aber die Sorgen und Nöte, die man so hat auf dem Reeperbahn Festival: Man schafft nicht alles, was man sehen will. Aber, die Devise sollte sein: Nicht stressen, eher treiben lassen. Während viele ihre Freuden bei The Tallest Man On Earth fanden, und die Großartigkeit dieses Mannes im weiteren Nachtverlauf gleich mehrfach betont wurde, zeigten Hello Saferide, warum man sich so leicht in sie verlieben kann. Leider zeigten sie das in der wohl schlimmsten, weil unpassendsten Location, die das Festival herzugeben hat - namentlich der O2-World on Tour. Nicht, dass man die mobile Location, die seit längerem durch die Großstädte zieht, verteufeln sollte. Immerhin gibt's hier - oft wirklich gutes - Line-up zum Nulltarif für alle. Auch die Getränkepreise sind bedeutend fairer als in den übrigen Hamburger Clubs. Aaaaaaber: Irgendwer muss den Leuten, die so was machen, noch mal erklären, dass weniger oft mehr ist. Zwar war das Branding dezenter, als andere Marken das so auffahren, aber allein mit der schrecklichen Marotte, vor jedem Act, mag er auch noch so leise und zerbrechlich sein, ein donnerndes Geigen-Pomp-Drama Intro abzuspielen, inklusiver gitarrenrockender Figürchen an den Animationswänden - allein damit, kann man all die Bemühungen wieder kaputt machen. Denn nach so einem - pardon - unpassenden Scheiß, antwortet jeder auf "O2 can do", allerhöchstens mit einem "Fuck you!" Also: Bitte gerne beim nächsten Mal drauf achten, dass das auch alles passt.

Nun lag es also an den Bands, solch einen schlechten Start aufzufangen, was Hello Saferide mit viel Spielfreude und einer kleinen Prise Irrsinn in Annika Norlins Bewegungen und Mimik recht fix hinbekamen. Und diese Lieder! Ist schon jemals so war über das erste Mal gesungen worden, als in "X Telling Me About The Loss Of Something"? Gibt es eine schönere Wahrheit als "people are like songs, I swear" in "I Wonder Who Is Like This One"? Gibt es Herzzereißenderes als "Anna", diese kleine Hymne an die Tochter, die es nicht geben wird, weil der potentielle Daddy "ongemoved" ist? NÖ! Pickepackevoll wurde es dann natürlich bei Headliner José González an selber Stelle, der einfach nicht mehr braucht als sich und seine Gitarre. Aber auch er schlich eher verunsichert auf die Bühne nach diesem Donnerintro und stimmte erst einmal ganz in Ruhe seine Gitarre, in der Hoffnung, dass jeder danach den Lärm vergessen hat. Also - "O2 can do", meinetwegen, aber bitte "…better!"




Also wieder in "richtige" Clubs, wie Hamburg sie ja nun mal genug hat. Friska Viljor machen im Docks (ach nee, das Ding heißt ja nu' D-Club) mal wieder alles wie immer. Und damit richtig. Nur mit dem Unterschied, dass sie nun auch neueres Material anbieten können, dass wie "Die Die Die" beweist, immer noch auf vertrunkene Verzweiflungssongs setzen, die sich nicht in Selbstmitleidstempo durch die Minuten suhlen, sondern diese Art verzweifelter Lebensfreude innehaben, die die ganze Scheiße mit dem nötigen Tempo wegspielen. Die Editors (Foto) bringen im Anschluss zwar den Laden zum Platzen, aber Ohren- und Augenzeugen konnten nicht unbedingt bestätigen, dass sich das auf die Stimmung auswirkte. Gar mancher sagte, diese Band klänge auf der Bühne einfach zu sehr nach Platte und hätte so gar nix anzubieten, was eine Liveerfahrung über den Genuss eines Albums hebt. Hartes Urteil eigentlich. Vielleicht liegt es ja daran, dass sie mit ihrer neuen Keyboardlust noch kälter klingen als eh schon. Wenn sie sich jetzt auf der Bühne auch noch zu Charismakomapatienten entwickeln wird's düster enden. Aber die Jungs stehen ja auf düster…

In der Großen Freiheit 36 (nein, ich werde sie hier nicht Haspa Bühne nennen, höchstens "Haspa Bühne in der Großen Freiheit 36") gab's derweil alte Bekannte - namentlich Tele und Kante. Letztere wurden vom Autor leider verpasst, erstere muckten sich gewohnt gut durch ein einstündiges Set, bei dem vor allem "Falschrum" ein Publikumsdarling wurde. Aber auch "Die Nacht ist jung" vom neuen Album kam gut an - vielleicht weil's einfach so gut passte. Zum Runterkommen empfahl sich der Auftritt von Phantom / Ghost in den Fliegenden Bauten, jenem getuneten Zirkuszelt mit den schön samtenen Sesseln. Man fragt sich zwar dort immer, wer den Ausgang so panne platziert hat, dass fast jeder der rauswill, vor der Bühne lang muss, aber ansonsten passte der Auftritt der Herren Mynther und von Lowtzow ganz vorzüglich dahin. Während erstere den Flügel klimperte, als mache er das jetzt viel lieber, als bei (Super-) Punk- und Popbands an Keyboards zu stehen, zeigte von Lowtzow mit herrlichster Arroganz, warum ein Jeder diesen Schnösel aus der Drama School geworfen hätte, wie er das im gleichnamigen Song ja so besingt. Andererseits: So will man das ja auch sehen bei ihm. Trotzdem überlegte man vielleicht kurz, ob man nicht doch besser zu Frittenbude in Uebel & Gefährlich gegangen wäre - dann hätte man vielleicht nicht jüst in dem Moment den Wackeldackel gemacht (übersetzt: wäre nicht weggenickt), in dem einen die junge Kollegin im Publikum entdeckt.

Tja, und danach war das nächtliche Programm schon wieder gegessen - viel zu schnell wie immer und man gab sich erschöpft aber willentlich den übrigen Club-Versprechungen der Hansestadt hin, was schließlich im Pudel endete, wo leider arschcooles Dumpfgewummer lief, dass einen stimmungstechnisch nicht in Wallung sondern eher in den Keller brachte. Und dann war auch schon Schicht mit dem Reeperbahn Festival 2009. Und an dieser Stelle muss man vielleicht mal ausdrücklich konstatieren: Wenn es eine Stadt gibt, bzw. ein Festival, das das Zeug hätte, eine Showcase-Institution zu werden wie vergleichsweise das Noorderslag in Groningen, dann Hamburg.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/30/1241643778/1254053811]Es freut mich ja für das Festival, für mich persönlich ist es aber trotzdem schade, dass einige Venues fast immer voll waren. das Molotow z.B., das natürlich auch nicht gerade vielen Leuten Platz bietet. Ich war auch sehr positiv angetan vom Großteil der Festivalbesucher. Ich habe eigentlich kein richtig leeres Konzert erlebt, statt dessen überall interessierte Zuhörer.[/usercomment]
Denn wo Berlin es dank Popkomm-Unfähigkeit nicht geschissen bekommt und das Problem einer viel zu weit verstreuten Clublandschaft hat, wo Köln dann doch eher noch ein wenig zu provinziell gemünzt ist und zu sehr auf seine Elektro-Geschichte pocht, bietet Hamburg nicht nur eine hohe Locationgeschichte mit einigen fast historisch zu nennenden Clubs und vielen spannend-schicken neuen Locations, Hamburg hat einfach auch noch den Vorteil, dass diese Stadt eine ganz eigene internationale Strahlkraft hat, die eben auch das internationale Booking-Publikum anziehen könnte. Bleibt also spannend zu sehen, was aus dem Reeperbahn Festival in den nächsten Jahren noch werden kann. Wir werden das im Auge behalten…

Weitere Impressionen vom Reeperbahn Festival 2009 unter www.intro.de/fotostrecke.

Diskutiert über das Festival auch bei uns im Forum.