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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Tromsø International Film Festival

Bewegende Bilder im Eis

"Frozen Land, Moving Pictures". Nichts kann das norwegische Festival treffender beschreiben, als das diesjährige Motto. Philipp Jedicke war vor Ort.
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In einem ehemaligen Speicherhaus am Kai erklärt ein Same einem Deutschen den Unterschied zwischen Rentieren auf dem Festland und auf Spitzbergen. Hongkong-Star Michelle Yeoh albert in einem Straßencafé mit einer Meute junger Norwegerinnen herum - von Paparazzi keine Spur. Ein amerikanischer Filmkritiker steuert das erste Mal einen Hundeschlitten durch die Tundra, sein serbischer Kollege vom Konkurrenzblatt vertraut ihm blind. Drei von vielen Szenen, die sich beim 18. Tromsø International Film Festival TIFF abspielen. Das diesjährige Motto: "Frozen Land, Moving Pictures". Nichts kann das Festival treffender beschreiben, nimmt man die letzten beiden Worte mit all ihren Bedeutungen.

Tromsø im Januar: Die Sonne schafft es noch nicht über den Horizont und der Tag besteht nur aus ein paar Stunden Dämmerung, der Rest ist arktische Nacht. Die Fußgänger tragen Katzenaugen an ihren Mänteln und Leuchtstreifen um die Arme, aus Angst, von einem der wenigen Autos übersehen zu werden, die trotz ihrer Spike-Reifen in den Kurven oft eher schlittern als fahren. Es ist schwer vorstellbar, dass in dieser 60.000-Einwohner-Stadt 350 km nördlich des Polarkreises kulturell viel geboten ist.

Doch der Eindruck täuscht: Tromsø verfügt über einen äußerst aktiven Filmklub, eine Cinemathek, Museen und Galerien, jede Menge Clubs und Bars für seine ausgehfreudigen Einwohner, zahllose Theatergruppen sowie mehrere Kultur- und Jugendhäuser. Jeden Sommer findet hier das Bukta-Festival statt, eines der wichtigsten Rockfestivals des Landes. In Tromsø begannen Håkon Gebhardt (Motorpsycho), Rune Lindbæk, Röyksopp und Washington ihre Karrieren. Es gibt unter anderem ein Stummfilmfestival, ein Jugendfilmfestival namens NUFF, das Elektronikfestival Insomnia und ganz in der Nähe Riddu Riddu, ein weltberühmtes indigenes Musikfestival. Lernt man Tromsø und seine Menschen kennen, wundert man sich nicht mehr darüber, dass Nelson Mandela vor einigen Jahren bei einer Feier begeistert alle Tromsøer zu Ehren-Afrikanern erklärt hat.

TIFF ist das größte Filmfestival des Landes und seine Wichtigkeit wird nicht nur dadurch deutlich, dass der Kulturminister dafür jedes Jahr seinem vollen Terminkalender eine ganze Woche abtrotzt. Die Relevanz von TIFF zeigt sich auch und vor allem in der Präsenz der nationalen und internationalen Kritiker, Festivaldirektoren und Filmschaffenden, die sich hier in einer absolut entspannten Atmosphäre treffen, um sich auszutauschen.

Einer von ihnen ist Svein Andersen. Sein erklärtes Ziel ist es, den hohen Norden, der jahrhundertelang immer nur von außen ausgebeutet wurde, zu einem aktiven Player im nationalen und internationalen Filmbusiness zu machen: "Nachdem ich lange in USA und Frankreich unterwegs war, kehrte ich hierher zurück und fragte mich: Warum sollte ich woanders hin gehen, um Filme zu machen? Warum kann ich nicht davon leben, unsere Kultur hier vor Ort in Filme umzusetzen?" So gründete Svein gemeinsam mit einem Partner vor sieben Jahren auf einem ehemaligen Militärgelände FilmCamp, einen riesigen Studiokomplex in atemberaubender Landschaft, der Filmemachern alles bietet, was sie zum Arbeiten brauchen, von Locations über diverse Dienstleistungen bis hin zu Finanzierungshilfen.

Die Infrastruktur von FilmCamp wird heute intensiv genutzt. Nicht nur von dem jungen Tromsøer Regisseur Ole Giæver, der mit 'Sommerhuset' (Sommerhaus) - einer intimen Studie über Trauer - einen der beeindruckendsten Filme des Festivals abgeliefert hat, sondern auch von internationalen Koproduktionen wie 'Far North', zu dessen Norwegen-Premiere Regisseur Asif Kapadia und Hauptdarstellerin Michelle Yeoh angereist sind. Ole Giæver ist froh über diese Entwicklung: "Früher hat Tromsø reihenweise Talente produziert, die dann nach Oslo oder ins Ausland gingen. Jetzt sind wir an einem Wendepunkt angelangt. Heute ist es viel leichter, einfach zu bleiben und hier zu arbeiten."

Auch TIFF - dessen Ursprünge in der Filmklub-Bewegung liegen - setzt in die Praxis um, was postkoloniale Theoretiker seit Jahrzehnten predigen: Es agiert ganz bewusst von den Rändern aus - sei es geographisch oder politisch - und läuft damit dem Zentrum mittlerweile den Rang ab. So hat TIFF das ehemals wichtigste Filmfestival im südnorwegischen Haugesund weit hinter sich gelassen, was mediales Interesse und Besucherzahlen angeht. Festivaldirektorin Martha Otte sieht sich daher in der Pflicht: "Wir haben eine Verantwortung, weil wir wirklich groß geworden sind und wollen der Region etwas zurückgeben." Dies soll zukünftig in Form von ganzjährigen Aktivitäten der Cinemathek geschehen: Im Rahmen eines pädagogischen Programms werden TIFF-Mitarbeiter Schulkindern filmanalytisches Werkzeug an die Hand geben und ihnen beibringen, qualitativ hochwertige Filme schätzen zu lernen. Dies entspricht ganz dem Geist des Festivals, dessen Ziel es ist, dem norwegischen Mainstream etwas entgegen zu setzen.

Der Aurora-Preis wird hier an Filme vergeben, die noch keinen norwegischen Vertrieb haben und ihn somit erhalten. Das gesamte Programm besticht durch eine ausgewogene Mischung zwischen einem lokalen bzw. regionalen Fokus (mit der Reihe 'Film fra Nord' und dem diesjährigen Schwerpunkt mit Filmen aus den angrenzenden Polarregionen) und einem internationalen Entdeckungsdrang, der weit über den üblichen Blick über den Tellerrand hinausgeht: Dieses Jahr werden unter anderem einige Filme aus Malaysia vorgestellt, einer Filmregion, die bisher kaum Beachtung gefunden hat.

Das Erfolgsgeheimnis von TIFF liegt jedoch nicht nur in seinem hochwertigen Programm, sondern auch in seiner oft beschworenen Intimität und Informalität. Schon Festivalgründer Hans Henrik Berg sagte, Tromsø sei "løs i snippen", zwanglos, und so sollte auch sein Festival sein. Diesen Gedanken repräsentiert Martha Otte selbst am besten. Die charismatische Exil-Amerikanerin mit skandinavischen Wurzeln ist jederzeit ansprechbar. Und dank der kurzen Wege und der unsichtbaren Tricks der vielen ehrenamtlichen Gästebetreuer kommen Filmschaffende, Journalisten und Festivalmitarbeiter bei den abendlichen Parties und Buffets ständig miteinander ins Gespräch und tauschen sich aus.

Der eingangs erwähnte Rentierzüchter aus dem Clan der Oskals war übrigens mitverantwortlich für das Gelingen zweier Filme, die im Zentrum des diesjährigen polaren Fokus von TIFF standen: 'Kautokeino-Opprøret' (Der Kautokeino-Aufstand) und 'Far North' mit Michelle Yeoh und Sean Bean. In beiden Filmen kommen jede Menge Szenen mit Rentierherden vor. Zur Verfügung gestellt und trainiert wurden die Tiere vor allem vom Oskal-Clan.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten könnten die Filme nicht unterschiedlicher sein: Während die englisch-norwegische Koproduktion 'Far North' das universelle Thema Einsamkeit behandelt, ist 'Kautokeino-Opprøret' ein typischer TIFF-Film, der die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der norwegischen Geschichte anhand eines Ereignisses darstellt, das sich im neunzehnten Jahrhundert in der Region abspielte. Der samische Regisseur Nils Gaup - 1987 mit 'Pathfinder' für den Oscar nominiert - berichtet in authentischen Bildern von einem blutigen Konflikt zwischen Samen und Norwegern, der 1852 in seiner Heimatstadt Kautokeino stattfand. Die Unterdrückung der norwegischen Ureinwohner im Allgemeinen und dieser Aufstand im Speziellen ist ein Politikum: Noch heute wird darüber gestritten, was damals wirklich geschah. Nils Gaup entschied sich, aus der Sicht seiner Vorfahren zu erzählen. 'Kautokeino-Opprøret' ist die teuerste nationale Produktion aller Zeiten und sorgt in Tromsø als Eröffnungsfilm für jede Menge Aufsehen. Vor der Premiere des Films singt Sami-Superstar Mari Boine, die Fischereiministerin und der Vorsitzende des Samenparlaments Sametinget halten feierliche Reden.

Natürlich sind sich Martha Otte und ihr Team der Exotik ihres Standorts sehr bewusst. Auf dem Marktplatz werden Filme auf einer Schneeleinwand gezeigt, für die internationalen Gäste Hundeschlittenfahrten organisiert und die eifrigen Gästebetreuer zerren einen bei jedem Nordlicht vor die Tür. Doch diese Region ist nun einmal einzigartig und vielleicht ist ein arktisches Städtchen zur Dunkelzeit der beste Ort überhaupt, um Filme zu schauen. Einen Tag nach dem Ende des Festivals wird die Sonne zurückkehren und zum ersten Mal seit Wochen über den Horizont kriechen. Die Kinder Tromsøs werden sich auf dem Marktplatz versammeln, um sie mit Gebäck und heißer Schokolade zu begrüßen. Ein weiteres Event in dieser Stadt am Ende der Welt.