×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Persönliche Angelegenheit

Bettie Serveert live

Schade, dass den Niederländern Bettie Serveert in Deutschland nach dem Debüt 'Palomine' und dem ebenso starken zweiten Album 'Lamprey' nie mehr wirklich viel Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Dabei haben auch die nachfolgenden sechs Alben viele schöne Momente und einige Hits, die die Band aus Amsterdam live jedoch immer sehr stimmungsabhängig umsetzt.
Geschrieben am

23.03.07, Köln, Kulturbunker Mühlheim.

Mit manchen Bands verbindet einen mehr als nur die Musik allein. Bettie Serveert waren einer der Auslöser dafür, regelmäßig den kleinen Indie-Plattenladen der Stadt aufzusuchen, um Taschengeld in spannende Schallplatten zu investieren, deren Songs bestenfalls mal Sonntags um Mitternacht auf MTV liefen. Anachronistische Erinnerungen, die viel länger als 15 Jahre zurück zu liegen scheinen. Der Indie-Laden hat natürlich längst geschlossen, das Taschengeld der Jugend fließt mittlerweile woanders hin.

Bettie Serveert trotzen den veränderten Rahmenbedingungen so gut es geht, auch wenn ihnen in Deutschland nach dem Debüt 'Palomine' und dem ebenso starken zweiten Album 'Lamprey' nie mehr wirklich viel Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Dabei haben auch die nachfolgenden sechs Alben viele schöne Momente und einige Hits, die die Band aus Amsterdam live jedoch immer sehr stimmungsabhängig umsetzt. Bettie Serveert scheint sich dabei deutlich von den vor Ort herrschenden Umständen beeinflussen zu lassen, was als Launigkeit, Unlust oder schlichte Schüchternheit gedeutet werden kann.

Im, mit zirka 50 Gästen doch recht luftig bevölkerten Kulturbunker darf jedoch zunächst die Wee Lil' Band auf die Bühne. Aufgrund der bereits aufgebauten Backline der Betties ist ihr Equipment nah an den Bühnenrand gerückt, was dem Schlagzeuger einen exponierten Platz direkt neben Bass, Gitarre und Orgel ermöglicht. Das erweist sich als optisch kluge Entscheidung, denn während die übrigen Bandmitglieder des Kölner Quartetts etwas steif auf der Stelle verharren, liefert Drummer Helge Schroers eine astreine Keith Moon-Impersonation ab, die der Show spätestens nach den ersten zarten Countrynummern richtig Leben einhaucht. Musikalisch reicht die Bandbreite von Will Oldham bis hin zu sehr energetischen Buffalo Tom, wobei Schroers und auch Keyboarderin Anna Sobott herrlich schöne Backroundgesänge einflechten und der Drummer sogar mal souverän und Kaugummi kauend eine Nummer als Leadsänger bestreitet. Gute Band, von der wir hoffentlich noch mehr hören und sehen dürfen.

Bettie Serveert sind dagegen natürlich alte Showhasen, Frontfrau Carol van Dijk lässt sich vom Keyboarder Martijn Blankestijn erstmal den Bühnenplatz einrichten und die Gitarren stimmen, bevor sie unter Beifall als letzte auf die Bühne kommt - und mit der wasserstoffblonden Pagenkopf-Frisur tatsächlich immer mehr an Debbie Harry erinnert.

Mit 'Smack' hat das Set einen guten, vertrackt-rockenden Opener, der Sound ist trotz des relativ leeren Raumes sehr gut, was vor allem dem Gesang von van Dijk genug Platz gibt, um das anwesende Häufchen Die-Hard-Fans mitzureißen. Die Sängerin mit kanadischen Wurzeln fühlt sich mittlerweile sichtlich wohl in der Frontfau-Rolle, legt immer wieder ein paar verträumte Tanzschritte hin und lässt sich durch die Songs treiben, ohne den Taktstock zu verlieren. Van Dijks einzigartige Stimme bleibt neben Peter Vissers extrovertiert-wildem Gitarrenspiel der große Trumpf der Betties, schöne Melodiebögen, die sie auch in ruhigen Momenten absolut souverän und voller Gefühl zu vermitteln weiß. Der letzte Neuzugang des Schlagzeugkarussells, Gino Geudens, spielt nicht nur so tight wie keiner vor ihm, sondern liefert ebenfalls erstaunlich sicheren Backroundgesang.Von launischer Stimmung diesmal keine Spur, trotz der bescheidenen Besucherzahl ist die Band ausgelassen fröhlich und tauscht untereinander kleine Gemeinheiten aus. Man darf wohl behaupten, dass Bettie Serveert personaltechnisch absolut auf dem Höhepunkt angelangt ist, die selten so präsente Spielfreude überdeckt die etwas verkrampfte Ernsthaftigkeit vergangener Tage. Visser versucht sich das ein oder andere Mal an deutschsprachigen Ansagen, was zu noch mehr Gelächter auf beiden Seiten des Bühnenrands führt, heraus kommen lustige Sätze wie "Das ist ein Rock-Lied, bei dem ihr den Kopf abrocken könnt".

Gut fünfzig Minuten spielen die Betties Songs von allen Alben. Die alten, heimlichen Hits, werden nach Ansage schon mit Beifall quittiert, während die mit elektronischen Beats und Synthie-Flächen unterfütterten Nummern aus jüngerer Vergangenheit zwar zum Mitwippen animieren, aber ein wenig wie Fremdköper im Set wirken. Die Kostproben vom neuen, eher akustisch dominierten Album 'Bare Stripped Naked' fügen sich deutlich harmonischer in das Bettie-Portfolio ein, obwohl die Tasteninstrumente auch hier nur einen Zuckerguss auf den angerauten Gitarrensound legen, der auch ohne gut funktioniert.

Die am Ende verbliebenen 30 Gäste klatschen fleißig Zugabe, die Band zeigt sich nach dem üblichen Weggehen-Zurückkommen-Spielchen ehrlich dankbar und spielt noch zwei Nummern. Dann sind alle befriedigt und nehmen ihre Erinnerungen an ein sehr intimes und positives Bettie Serveert-Konzert dankbar mit nach Hause.