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An die Nachgeborenen / Werke - Eine Auswahl

BERTOLT BRECHT

"Es ist mir gleich, ob diese Welt mich liebt", lautet das dissidente Bekenntnis von Bertolt Brecht. Und hätte sich Brecht nicht rechtzeitig von dieser Welt gemacht, so müßte er nun miterleben, wie er geliebt, wie er von allen und jedem vereinnahmt wird. Doch das war nicht immer so. Peter Handke tönt
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Autor: intro.de

"Es ist mir gleich, ob diese Welt mich liebt", lautet das dissidente Bekenntnis von Bertolt Brecht. Und hätte sich Brecht nicht rechtzeitig von dieser Welt gemacht, so müßte er nun miterleben, wie er geliebt, wie er von allen und jedem vereinnahmt wird. Doch das war nicht immer so. Peter Handke tönte 1968, auf dem Höhepunkt der Brecht-Verzückung: "Ich konnte ihn nie leiden." Eine Geisteshaltung, mit der Brecht sicherlich kein Problem gehabt hätte. Aber das, was dieser Tage - anläßlich seines einhundertsten Geburtstages am 10. Februar - geschieht, hätte Brecht mit größter Sicherheit Magenschmerzen und schlaflose Nächte bereitet. Er, der bereits zu Lebzeiten erstaunt konstatieren mußte, daß er "anfange, ein Klassiker zu werden", hätte nun verwundert miterleben müssen, wie seine Person einerseits zum Säulenheiligen der deutschen Literatur stilisiert wird, ohne daß hierbei seine Texte eine wirkliche Beachtung finden. Andererseits würde er vermutlich den Medienhype um ihn, der zur Zeit monumental und multimedial daherkommt, eitel schmunzelnd verfolgen.
Entgegen dem Denkmuster "je weniger Literatur, um so erfolgreicher die Literatursendung" (Hubert Winkels) wurde beispielsweise den 3sat-Zuschauern in den letzten zwei Monaten ungewöhnlich viel Literatur zugemutet resp. geboten. In der gigantischen Retrospektive "Alles was Brecht ist ..." wurde gesendet, was die Archive hergaben. Der Suhrkamp Verlag begleitete die Sendereihe in bester Funkkolleg-Tradition mit einem gleichnamigen "Brecht-Medienhandbuch". Reichhaltig bebildert, sind hier Brechts Theater-, Film- und Rundfunkarbeiten anhand von Textauszügen, Selbstaussagen und ausgewählter Sekundärliteratur dokumentiert. Eine ideale Einstiegslektüre, die Lust auf mehr macht. Leselust anstatt Bildermacht! Obgleich Brecht es schon frühzeitig verstand, seine Werke für die seinerzeit neuen Medien (Film, Rundfunk und später Fernsehen) zu adaptieren, war seine Hinneigung zum Film eher eine "unglückliche Liebe" (Werner Hecht). Allerdings verdanken wir Brechts reger Rundfunkarbeit eine schier unglaubliche Menge an Tondokumenten. Es ist somit nicht verwunderlich, daß die CD-Box von "Amiga Wort" bescheiden als "repräsentative Auswahl" deklariert wird; es handelt sich immerhin um zwanzig (!) Tonträger. Also singt, liest und diskutiert Brecht stundenlang in historischer Tonqualität, daß es eine wahre Freude ist. Eine Qual hingegen sind die Probenmitschnitte einiger Theaterstücke, aber schlußendlich darf man sich bei den Interpretationen seiner Songs, Lieder und Gedichte durch Helene Weigel, Therese Giehse, Ernst Busch, Ekkehard Schall u. v. a. entspannen. Brecht und kein Ende - bis einem das Hören vergeht.
Wem die CD-Box zuviel Lebenszeit bzw. Geld kostet, der wird mit der Zusammenstellung "An die Nachgeborenen" hinreichend bedient - quasi dem "Best of"-Sampler vom armen Popstar B.B. Neben den Hörspielen "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und "Der Ozeanflug" sowie anderen Texten, Gedichten und Songs sind die wichtigsten Tondokumente (Reden und Diskussionen) von und mit Brecht wie z. B. die legendäre Vernehmung vor dem Kongreßausschuß zur Untersuchung "unamerikanischer Aktivitäten" (1947) vertreten.
War vor fünfzig Jahren der Kommunist Brecht noch ein "Skandal", so macht man jetzt entsprechenden Zirkus um den Frauen-Liebhaber Brecht. Ein amüsanter Störversuch, mit dem das Brecht-Jahr in seiner feierlichen Einfältigkeit und der gewöhnlichen Feuilleton-Jubeltrubelheiterkeit torpediert wird. "Brecht & Co." von John Fuegi erschien in erheblich überarbeiteter deutscher Übersetzung just in dem Moment, als es an das Abfeiern des "Klassikers" Brecht gehen sollte. Nun schmollt die "Brecht-Mafia" (Ulrich Greiner) und will mit dem Nestbeschmutzer nichts zu tun haben. Dabei hat Fuegi nur noch einmal detailliert geschildert, was Brecht-Kenner längst wußten: Viele Texte, die unter Brechts Namen erschienen, wären ohne das Zutun diverser Frauen nicht das geworden, was sie heute sind - nämlich fertiggestellt. Anhand der "Dreigroschenoper" belegt Fuegi beispielsweise, daß Brecht nach dem Motto "Sex for Text" verfuhr. Sein wohl bekanntester Text soll demnach als Teamarbeit mit Hauptmann, Weill und Klammer entstanden sein, wobei 80 bis 90 Prozent des Textes von Elisabeth Hauptmann stammen. Nun klagen ihre Erben auf die Beteiligung an den Tantiemen ... Sicherlich ein lustiges Unterfangen, wenn Gerichte sich mit Literatur beschäftigen. Und Elisabeth Hauptmann war nicht die einzige Brecht-Geliebte, die ihm den Stift schwang. Ruth Berlau und Margarete Steffin waren ebenfalls in dieser höchst merkwürdigen "Company" beschäftigt ...
Ich möchte jedoch, um die leidige Diskussion über Brecht und seine "Handelsgesellschaft" zu verkürzen, an dieser Stelle Robert Gernhardt ("Der legitime Erbe Brechts", Jörg Drews) zitieren, verdichtet dieser doch auf 42 Zeilen, wofür Fuegi immerhin über tausend Seiten benötigt - und auch keine Antwort findet:
"ER NUN WIEDER / Dann wieder hört man, / der Brecht, der habe / zwar viel ge---, / aber nicht gut. / Sei doch ein reichlich / einfallsloser / Hacker gewesen, / Typ Hahn, / so rasch runter / wie rauf. // Aber diese ganzen Frauen dann? / Alle so schön und so / klug und so / viele? / Immer gleich drei auf einmal. Während / er es der / dritten / noch besorgte, da tippte die / zweite / die Handschriften schon / des Tages, Gedichte, / die dann die / erste / jubelndem Saal sogleich / vortrug, in welchem / schon warteten die / vierte, die / fünfte, die / sechste, so / liest man es doch / dauernd. // Dann wieder hört man - / Wo ist da nun Wahrheit? / Ich meine, das muß sich / doch feststellen lassen! / Man hat doch ein Recht / darauf zu erfahren, / womit und wodurch / und weshalb ihm die Frauen / derart. Man soll doch / von den Klassikern lernen!"