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Die gefühlte Premiere

Berlin-Festival 2007

Es fühlte sich an wie eine Premiere – und das obwohl das Berlin-Festival bereits zum dritten Mal an den Start ging. Aber in diesem Jahr war alles anders.
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Es fühlte sich an wie eine Premiere – und das obwohl das Berlin-Festival bereits zum dritten Mal an den Start ging. Aber in diesem Jahr war alles anders, alles näher, alles größer. Zunächst einmal ist der oft kritisierte Etikettenschwindel behoben: Das Festival fand nicht mehr in Paaren (Gliem) vor Berlin statt, sondern im Poststadion Mitte in der Nähe des Hauptbahnhofs. Fünf Minuten Fußweg vom HBF, zentraler geht nun wirklich nicht. Damit ist man dem lauffaulen Mitte-Publikum rund 45 km entgegengekommen. Genau hier lag nämlich das Hauptproblem der Veranstaltung, die zwar immer ein Top Line-Up hatte, aber selten mehr als 300 Besucher. Auch Veranstalter Conny Opper, der mit dem Club Rio Berliner Nachtlebengeschichte geschrieben hat, kam im Interview mit dem Stadtmagazin Tip zu diesem Schluss: "Der gemeine Berliner ist halt bequem und bleibt gerne mal in seinem Stadtteil […] Das Berlin Festival ist also in Berlin angekommen, und dort gehört es auch hin." So gesehen, war der erhoffte Publikumszuwachs um 1.000 % gar nicht mal so anmaßend.

Letzten Endes mögen es zwar nur 2.500 Besucher gewesen sein, die am frühen Freitagnachmittag bei schönstem Festivalwetter ins Poststadion kamen, aber die Veranstalter dürften trotzdem zufrieden sein. Die eine oder andere Technikpanne hätte man vielleicht vermeiden können, aber der Festivalfluss wurde dadurch nicht wirklich gestört. Und der war vor allen Dingen eines: Entspannt. Das Publikum verteilte sich fast zu gut auf der großen Rasenfläche und der etwas abgelegenen Vice-Stage. Die in der Sonne sitzenden Grüppchen ließen fast schon Umsonst&Draußen-Stimmung aufkommen – bloß mit dem Unterschied, dass das Publikum hier bedeutend schicker war. Vor der Vice-Stage dagegen hörte man schon mal Kommentare, dort sähe es aus, wie auf "`nem Schulhof", ein anderer fühlte sich "wie auf’m Busbahnhof". Dabei kam wohl keiner zu dem Schluss, dass der kleine Platz teil eines Freibades war, und es da nun mal so beschissen rot und grau gepflastert aussehen kann.

Der frühe Start am Freitag sorgte leider für leere Reihen bei den ersten Acts, was schade war, denn mit den Kölnern MIT und ihrem Kreischelectro hatte man eigentlich den passenden Festivalkickstart gebucht. So richtig gemütlich wurde es dann spätestens bei Erobiques Beatgeplucker, das er mit sanftem Grinsen von der Hauptbühne ins Grün schickte. Auch Midlake passten mit ihrer folkigen Popvariante gut zu Sonnenschein und Wiesenfläzen. Allerdings musste man feststellen, dass sie im Club mit ihren Videoprojektionen bedeutend intensiver wirken. Never mind the whistling – die vielerorts verhassten Peter, Bjorn And John spielten zwar auch mal wieder 'Young Folks', aber zum Beispiel ebenso 'Objects Of My Affection', was ein viel größerer Hit hätte werden können. Auf der Vice-Stage ballerten derweil Shitdisco recht unkoordiniert aus den Boxen und über die Bühne – aber das muss bei ihnen wohl so. Die Headlinerslots besetzten Tocotronic auf der Hauptbühne und Princess Superstar auf der Vice. Letztere war gar mit einer Rad schlagenden Tänzerin aufgelaufen und schaffte es, nach kurzer Aufwärmphase ähnliche Zuckungen im Publikum auszulösen. Tocotronics 'Kapitulation'-Siegeszug ging auf der Mainstage ungebremst weiter. Kein Wunder, spielten sie doch fast das selbe Set, dass sich schon auf dem Melt! bewährt hatte plus der gewohnt hochnäsig-verschwurbelten Zwischenansagen.

Allerdings zeigten diese beiden letzten Auftritte die Probleme der neuen Location auf. Sie mussten um Punkt 22 Uhr beendet sein. Manch einer monierte (wie auch hier im Forum) da: "Tolles Festival. Nur leider zu leise." Andere klagten: "Jetzt ist’s endlich dunkel und ich komm’ so richtig in Festivalstimmung – und dann ist schon Schicht!". Tja, leider – sonst hätte es Mecker von den Anwohnern gegeben. Allerdings berichteten mehrere Augen- und Ohrenzeuge am nächsten Morgen, dass die After-Festival-Party im Tape-Club mit DJ Mehdi und DJ Supermarkt legendär gewesen sein soll und leider um fünf Uhr per Stromausfall beendet wurde.Der Samstag brauchte zwar zuerst Regen, beruhigte sich dann aber schnell wieder. Das Publikum hatte die Nacht offenbar größtenteils zuhause (und nicht in der anliegenden Tent-Station verbracht) und kam geschniegelt und gegeelt, mit polierter Pornobrille, Neonarmbändchen respektive Fußkettchen und gewaschener Röhrenjeans bzw. Mini-plus-Leggins-Combi zurück zum Festival. Jape und die zauberhaften Au Revoir Simone verscheuchten die letzten Katersymptone, die Tele-Sänger Francesco Wilking noch vor sich gehabt haben dürfte. Der traf zwar alle Töne, fiel selbst beim komplizierten A-capella-Intro zu 'Fieber' nicht aus der Reihe und sang 'Falschrum' richtigrum, wirkte aber ansonsten a bisserl breit. Datarock waren eher Rock denn Data – und zelebrierten auf der Bühne in roter Kapuzenjacken-Uniform ein ziemliches Klangchaos, bei dem Schlagzeug und Gitarrenbett die Richtung vorgaben.

Zurück an der Vice Stage ließ man sich von Uffie allerlei Obszönitäten ins Gesicht singen, während DJ Feadz sie mit den passenden Beats versorgte. Klang leider mangels Lautstärke ein wenig brav, was das Publikum aber nicht groß störte. The Go! Team hatte dann das Zeug zum Tagessieger, und trat wirklich in Teamstärke mit zwei Schlagzeugern an. Auch wenn auf der Bühne fast zuviel passierte, blieb Sängerin und Rapperin Ninja der quirlige Blickfang und vermittelte eine Ahnung, warum der NME sie 2005 zur "Coolest Person In Music" ernannt hatte. Peaches – übrigens seit fünf Jahren die Lebensgefährtin des Veranstalters – sorgte für den versauten Ausstieg. Schon lustig, ein turtelndes Pärchen Anfang 20 vor sich stehen zu haben, dass sich gegenseitig die Lyrics zu 'Slippery Dick' ins Gesicht flötete: "Fist fuck cock suck / whats the diff? / slippery dick / its just a fish in the atlantic." Papa und Mama `68 wären stolz auf die beiden gewesen. Anfangs zum Drumcomputersound singend, gesellte sich mit der Zeit eine vollständige Live-Band zu ihr – sehr clever getimed übrigens, denn Basser und Gitarrist kamen pünktlich zu 'Two Guys For Every Girl'. Trotzdem verließ so mancher auf halber Strecke den Gig, um noch die letzten Songs von WhoMadeWho zu sehen. Da hatten sich einige in den Arsch gebissen, nicht früher auf die Idee gekommen zu sein, denn der Dreier schaffte es nicht umsonst innerhalb einer Handvoll Songs von 30 Zuschauern auf 300. Tja, Punkt 22 Uhr war dann wieder Schluss – bzw. man zog um in den Tape-Club wo z. B. die 2manydjs von 2 bis 4 Uhr auflegten. Kein Wunder, dass die Location aus allen Nähten platzte. Aber nachdem man tagsüber so viel leeren Raum zu füllen hatte, war genau diese Enge das, was man brauchte.

Die gefühlte Premiere ist also geglückt. Nettes Festival, alle Anwesenden zufrieden – jetzt muss sich das Ganze nur noch rumsprechen, damit man auch die Leute außerhalb der Stadtgrenzen lockt. Ein Festival mit Hauptstadt vor der Tür – das kann sicher so manchen Ländler überzeugen. Und wer weiß, vielleicht wird das Berlin-Festival im kommenden Jahr dann auch mal richtig geschrieben: nämlich MIT BINDESTRICH. Dieser Seitenhieb am Ende sei erlaubt.

Und das sagt das Forum sonst noch so.