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Ein Leben auf der Überholspur

Ben Kweller

Wie konnte nur eine so unfassbar einfallslose Überschrift über diesen Text kommen? Ganz einfach: mit Absicht. Denn jedes einzelne Wort in ihr stimmt. Ben Kweller hat, obwohl erst 23 Jahre alt, bereits ein halbes Rockstarleben (äußere Rahmenbedingungen minus körperlicher Verfall) hinter sich. Mit 1
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Wie konnte nur eine so unfassbar einfallslose Überschrift über diesen Text kommen? Ganz einfach: mit Absicht. Denn jedes einzelne Wort in ihr stimmt. Ben Kweller hat, obwohl erst 23 Jahre alt, bereits ein halbes Rockstarleben (äußere Rahmenbedingungen minus körperlicher Verfall) hinter sich. Mit 15 gab’s bereits einen Major-Plattendeal, damals mit der Band Radish. Mit 18 und ohne Band dann den Umzug von Texas nach New York. Seitdem heißt sein bester Freund, symbolhaft für diese Teenager-Erfolgsgeschichte, Adam Green. Und den Proberaum teilt er sich mit einem anderen Freund namens Evan Dando. Mit Ben Lee und Ben Folds nahm er unter dem einleuchtenden Projektnamen The Bens eine EP auf. Und geheiratet hat er konsequenterweise auch schon. Gibt es da noch Ziele? Ja, Europa zum Beispiel. Denn hier, speziell in Deutschland, heißt er für die meisten noch Ben Queller oder vielleicht, wenn es gut läuft, Keller. Mit seinem zweiten Soloalbum nach ›Sha Sha‹ könnte sich das ändern. ›On My Way‹ ist eine elfteilige Hommage an alles, was Kweller heilig ist. 60s-Rock, früher Tom Petty und anderer Songwriter-Kram, 90er-Indie, gute Melodien. Dabei sind seine Mitmusiker, allesamt ebenfalls gute Freunde, alles andere als ersetzbare Vasallen. »Es ist so ein bisschen wie bei Neil Young & Crazy Horse – ich brauche diese konstante Unterstützung. Der Vorteil als Solokünstler ist allerdings auf der anderen Seite, dass ich persönliche Dinge verhandeln kann, für die nur ich allein einstehe.« So zu hören im vielleicht schönsten Stück des Albums ›My Apartment‹ (»... the home that I hide away from all the darkness outside«). Eine Brechung des Bildes vom manisch-depressiven Indie-Nerd, der immer nur über das leidvolle Alleinsein singt, für den die kargen vier Wände das Sinnbild seiner verkorksten Existenz darstellen. »Diese inhaltliche Drehung war mir wichtig. In New York werden die Bars, in die du gehst, teilweise zu deinen Wohnzimmern. Zu Hause aber kann ich alles aussperren und fernsehen, schlafen, Songs schreiben – da ist für mich das Licht.«

Davon könnte er in nächster Zeit vielleicht weniger abbekommen. Denn die Welt ruft nach ihm. Die in den USA bereits erschienene neue Platte wurde in zwei Monaten bereits über 50.000 Mal verkauft und eine Tour mit Death Cab For Cutie ein Erfolg. Da dürften selbst Evan Dando (»Er ist wie ein großer Bruder für mich«) und Adam Green neidisch werden: »In den USA bin ich ja bekannter als Adam Green, da eröffnet er für mich. Aber hier ist das anders. Letzten Monat waren wir zusammen essen, und Adam meinte: ›Hey, ich war gerade in Deutschland, und da bin ich ein großer Star, du glaubst es nicht!‹«, spricht Kweller und freut sich, dass er nach dem Interview wieder auf sein Zimmer zu Laptop und Frau gehen darf. »Ich nehme oben nämlich gerade einen Song auf.« Der Mann verliert wirklich keine Zeit.

Du bist ja ursprünglich aus Texas. Wann bist du nach New York gezogen?
Vor fünf Jahren.
Hat sich das spürbar auf dein Songwriting ausgewirkt?
Ja, absolut. Die Energie, diese Geschwindigkeit von NY ist sehr inspirierend. Einfach nur auf der Feuerleiter zu sitzen und Gitarre zu spielen, während unten die Leute vorbeiziehen. Jeder ist unterwegs, und du weißt nicht, wohin. Ich komme ja aus Greenville, Texas, und das ist das absolute Gegenteil davon. Wir haben McDonald’s und Walmart, und das war’s dann auch bald.
In dem Song ›My Apartment‹ singst du: »My apartment, the place where I hide from all the darkness outside.« Da ist ja schon eine deutliche Brechung zur typischen Indie-Rock-Larmoyanz, die ja immer die Einsamkeit und die Frustration in den eigenen vier Wänden besingt.
Ja, diese Drehung der Sichtweise war mir sehr wichtig. In New York werden die Bars, in die du gehst, teilweise zu deinen Wohnzimmern. Die Apartments sind klein, da geht man viel aus, um Freunde zu treffen. Wenn du also zu Hause bist, hast du deine Ruhe, kannst die Tür zumachen und alles andere aussperren. Da kann ich fernsehen, schlafen, Songs schreiben – da ist für mich das Licht.
New York hat also offensichtlich auch etwas sehr Ambivalentes für dich.
Ja, das ist schon sehr stressig und seltsam, gerade, wenn man neu da ist.
Würdest du sagen, dass auf ›On My Way‹ Stücke sind, die du für das erste Album (›Sha Sha‹) noch nicht hättest schreiben können?
Ja, auf jeden Fall. Als ich ›Sha Sha‹ schrieb, bin ich gerade von Texas nach NY gezogen, und alle Stücke handelten von Veränderungen und davon, niemanden zu kennen, nervös und aufgeregt zu sein. Und jetzt bin ich seit fünf Jahren da, und alle meine Freunde leben da, deswegen dreht sich jetzt eben vieles darum: Freunde, Familie.
Wie wichtig ist dir deine Band? Ist es dir wichtig, eine gewachsene Struktur im Rücken zu haben, die auf dich zurückwirkt, oder spielt deine Band nur deine Songs?
Es ist so ein bisschen wie bei Neil Young & Crazy Horse – ich brauche diese konstante Unterstützung. Oder wie bei Tom Petty, der hat ja auch Leute wie Mike Campbell [Gitarrist] seit Ewigkeiten um sich herum. Es ist wichtig, solche Leute zu haben, weil sie alles verbessern, was ich anbringe. Der Vorteil als Solokünstler ist allerdings auf der anderen Seite, dass ich persönliche Dinge verhandeln kann, für die nur ich allein die Verantwortung übernehme. Ich muss also nicht für alle sprechen. Ich glaube, dass z. B. Kurt Cobain am Schluss einen gewissen Druck verspürt haben muss, weil er Songs schreiben musste, die für Nirvana stehen mussten. Vielleicht hätte es ihn weniger unter Druck gesetzt, wenn er Kurt Cobain solo gewesen wäre.
Schreibst du denn tatsächlich immer über das, was du konkret erlebt hast?
Meistens schon.
Reflektieren deine Songs denn immer die Stimmung, die du beim Schreiben hattest?
Normalerweise schreibe ich so, wie ich mich fühle. Wenn ich traurig bin, kommt etwas Trauriges dabei heraus. Es ist aber schon so, dass ich überhaupt keine Songs schreiben kann, wenn ich total depressiv oder wenn ich total glücklich bin.
Das finde ich interessant. Es gibt ja gerade in dieser ruhigeren Singer/Songwriter-Sparte viele Musiker, die betonen, ihnen müsste es richtig dreckig gehen, um inspiriert zu sein. Viele suchen diesen Zustand dann ja auch richtiggehend.
Ja, es ist natürlich auch bei mir von Song zu Song unterschiedlich. Aber generell trifft das zu, was ich eben sagte.
Aber du schreibst alleine und stellst die Songs dann erst fertig der Band vor?
Ja. Ungewöhnlich war für ›On My Way‹, dass meine Band die Songs vorher nicht kannte. Wir haben Studiozeit gebucht, sind rein, und erst dann habe ich ihnen die Songs gezeigt. Ich wollte, dass das alles sehr frisch klingt. Niemand sollte die Songs beim Einspielen zu genau kennen. Weil manchmal, wenn man zu genau probt, wird ein Song zu perfekt, um noch richtig gut zu klingen.
Andererseits müsste das ja auch für dich interessanter gewesen sein. Du hattest wahrscheinlich bestimmte Vorstellungen von deinen Songs, die ja durch den Aufnahmeprozess auch auf die Probe gestellt wurden. Das Material dürfte sich doch durch die Zugabe der Band stark verändert haben.
Jaja, das ist wahr, die kamen dann ständig mit neuen Teilen und Ideen. Das hat allem sehr gut getan.
Der Titelsong ›On My Way‹ klingt ja durch diesen martialischen Einschlag ein bisschen wie ein Update eines Johnny-Cash-Outlaw-Songs. Wie siehst du das?
Ja, stimmt ein bisschen. Aber das bin schon ich, um den es da geht. Eine andere Seite von mir, die ich vorher nie ausgedrückt habe.
Ich fand auch sehr bezeichnend, dass du vorhin Tom Petty erwähntest. ›Believer‹ hat mich beim Hören sehr an den 70er-Jahre-Tom-Petty erinnert.
Ja, das kann sein. Ich liebe Tom Petty. Ich liebe generell Songwriter, die mit sehr wenigen Akkorden auskommen. Je simpler, desto besser.
Wie kam das eigentlich mit The Bens [bestehend aus Ben Kweller, Ben Lee und Ben Folds]? Das ist ja, um beim Tom-Petty-Bild zu bleiben, wie eine Indie-Version der Traveling Wilburys.
Wir sind befreundet, schrieben Songs und wollten gerne eine EP rausbringen. Da haben wir beschlossen, uns The Bens zu nennen. Ein bisschen eine Verarsche auf Bands wie The Who oder The Kinks. Das war so eine einmalige Sache, wir hatten jeweils noch nie mit jemand anderem zusammen Songs geschrieben. Aber vielleicht machen wir das eines Tages wieder, wer weiß.
Wie ist denn, um auf New York zurückzukommen, dein Verhältnis zu den Bands dort?
Adam Green ist zum Beispiel mein bester Freund. Wir sind gleich alt, und unsere Geburtstage liegen nur ein bisschen auseinander. Er war einer meiner ersten Freunde in NY, die Strokes auch. Wir haben alle zu der Zeit auch richtig angefangen – Adam startete da gerade richtig mit The Moldy Peaches durch. Wir haben da schon so eine gemeinsame Szene, wenn man es so nennen will, auch wenn unsere Musik sehr unterschiedlich ist. Wir respektieren uns sehr.
Und wie war die US-Tour mit Death Cab For Cutie? Ist ja immerhin auch eine Band, die stilistisch doch recht weit entfernt ist von dem, was du machst?
Wir haben uns zu der Tour auch deshalb entschlossen, weil wir beide relativ viele Fans haben und so größere Hallen spielen konnten. Und das hat sich auch gut ergänzt. Viele Death-Cab-Fans kannten meine Musik nicht, und andersherum war es oft ähnlich.
Evan Dando?
Auch zu dem habe ich ein inniges Verhältnis. Meine ersten Fans waren Lemonheads-Fans, weil er mich früh mit auf Tour genommen hat. Wir sind mit meinem Volvo ein Jahr durch ganz Amerika getourt. Zwei Gitarren im Kofferraum. Ich bin gefahren und habe jeden Abend für ihn eröffnet.
Weißt du, was er gerade macht?
Ja, er schreibt wieder Songs für ein neues Album. Er will wieder vermehrt Platten machen, will etwas konsequenter in seiner Arbeit werden. Wir teilen uns ja einen Proberaum in New York. Er ist wie ein großer Bruder für mich. Er hat mich übrigens vor ein paar Tagen angerufen und erzählt, dass er Bruce Springsteen getroffen habe. Und er sagte begeistert: »Hey, weißt du was? Bruce wusste, wer ich bin! Und dann hat er gesagt: ›Hey, du musst mehr Musik machen, Evan!‹« Ich glaube, es hat Evan sehr angespornt, das von so jemandem wie Springsteen zu hören.
Kannst du dir vorstellen, was du in zehn Jahren machen wirst?
Hm, hoffentlich dasselbe wie jetzt. Ich hätte gerne irgendwann einmal eine Farm und Kinder. Ich wäre, glaube ich, gerne wie Neil Young oder Bob Dylan.
Neil Young wohnt ja auch auf einer Farm in Kalifornien.
Ja, genau. Der sitzt da rum, genießt sein Leben und macht Musik. Er ist mein Held.
Die letzten Alben mit Crazy Horse waren leider ziemlich enttäuschend.
Ja, ›Are You Passionate?‹ war nicht gut. Meine Lieblingsplatte ist ›Everybody Knows This Is Nowhere‹ aus den 70ern.
Irgendwo habe ich gelesen, er habe gesagt, dass, wenn er sterben würde, sich seine Fans schon freuen könnten, weil er für jedes Album, das er in den letzten 20 Jahren veröffentlicht hat, noch zwei oder drei weitere gemacht habe, die fertig bei ihm zu Hause im Schrank liegen würden.
Wow. Das wäre ja unglaublich.
Reden wir wieder über dich. Die Platte ist ja in den USA schon raus. Wie lief’s bisher?
Sehr gut. Ich habe meine erste Fünf-Sterne-Kritik bekommen [wahrscheinlich meint er im Rolling Stone]. Wir haben an die 50.000 Platten verkauft, alles super.
Was war denn die letzte Platte, die du gekauft hast?
Ähm, The Unicorns, glaube ich. Sehr toll, sehr verrückt. Und auf Tour habe ich viele Creedence-Clearwater-Revival-Platten gekauft.
Wann wirst du denn in Deutschland spielen?
Im September mache ich eine Club-Tour. Vielleicht als Vorgruppe für Ben Folds oder Adam Green, falls einer von denen auch gerade hier ist. Adam Green ist ja so erfolgreich hier.
Wie ist das denn in den USA?
Da ist das anders, da bin ich bekannter, und er spielt vor mir. Aber hier ist das anders. Letzten Monat waren wir zusammen essen, und er meinte: »Hey, ich war gerade in Deutschland, und da bin ich ein großer Star, du glaubst es nicht!«
Ja, irgendwas ist sehr Konsens-stiftend an Adam Greens Musik. Ich kenne niemanden, der seine Sachen scheiße findet. Bei den Moldy Peaches war das nicht ganz so.
Ich freue mich für ihn.
Okay, das war’s.
Vielen Dank. Ich gehe jetzt in mein Hotelzimmer hoch, da nehme ich nämlich gerade einen Song auf. Es gibt da so ein neues Apple-Programm für meinen Laptop. Sehr praktisch für unterwegs, man benutzt einfach das eingebaute Mikrofon.
Dann viel Spaß.