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Arrogante Sau!

Bela B. live

Bela teils launig mit Scherzen über Schlagzeugerhoden, teils wehmütig vor der Midlife-Crisis. Aber trotzdem immer ein Entertainer!
Geschrieben am
13.12.06, Berlin, E-Werk. Tja, so kann's gehen: Handyrechnung nicht bezahlt und schon muss man am Abend vor seinem Geburtstag noch mal die Rampensau geben und mit einer Bande Ein-Euro-Jobber aus Helmstedt ein ehemaliges Umspannungswerk voller "Geiz-ist-geil-Tyen" unterhalten. Das ist natürlich nur Belas Sicht der Dinge – und die ist wie immer schwerst ironisch gemeint, also nicht gleich wegklicken.

Man kann es an dieser Stelle ja ruhig noch einmal sagen: Die O2-Musicflashs sind schon eine tolle Sache. Natürlich sind sie nur halb so geil wie ein Guerilla-Gig der Others im Albany Pub. Und nur ein Hundertstel so geil wie ein Reunion-Auftritt der Libertines im Tap'n'Tin Pub. Und von den Unterschieden zu einem Abschiedsgig der Beatles auf dem Dach des Apple-Gebäudes in der Savile Road wollen wir hier ja gar nicht erst reden. Aber, wenn man bis zum Nachmittag noch nichts vorhatte und plötzlich ein Konzert für um lau ansteht, noch dazu von meist geschmackssicher gewählten Künstlern – da kann man sich doch nicht beschweren. Wer immer noch nicht weiß, wie das Ganze funktioniert, kann sich hier noch mal nachbilden.

Das Vorprogramm fällt bei Konzerten dieser Art traditionell aus, findet also nicht statt, gibt's nicht wegen is' nicht. Dafür sei hier aber mal der DJ gelobt. Nettes Cover von 'Common People', sehr schön, dass Jenny Lewis mit ihrer Version von 'Handle With Care' gespielt wurde und den Herrn Lekman sollte man viel öfter hören. Ihn mittendrin abzuwürgen, ist allerdings nicht die feine Art. Schuld daran ist natürlich der "Humanboss" persönlich, der Oberarzt, der Assistenzarzt, der Gute-Laune-Doktor, der Chefarzt – um schon mal die Klischeewortschöpfungen im Vorfeld abzuhaken. Hiermit erledigt.

Die Bühne ist auffallend schnieke dekoriert. Ein wallender roter Vorhang, der wahrscheinlich in den Zwanzigerjahren in einem Berliner Nachtclub geklaut wurde. Davor das obligatorische Doppel-B in Schnörkelschrift. Selbiges an dem riesigen Drumset (dessen Bass-Drums laut Bela "die Sicht auf die überdimensional großen Hoden des Drummers verdecken"). Als Intro gibt es selbstverfreilich die 'B-Vertüre' aus der Konserve. Dabei betritt die Band samt Bela im Gemeinschafs-Outfit die Bühne: schwarzes Hemd, rote Armbinde, schwarze Hose, rote Krawatte dazu einen Zylinder on Top. Später trägt Bela eine seltsame Hemdkonstruktion, die Rippen wie Achselhöhlen ebenso frei hält, und nur von Lederschlaufen gehalten wird. Damit hat man sicher auch im SM-Schuppen freien Eintritt. "Mach die Gitarre runter, wir wollen deinen Sack nicht sehen", singt Bela als Einstieg. Der Seitenhieb in Richtung der Franz Ferdinänder geht von seinen Lippen durchaus klar, ist er doch eher ein Vertreter des kniehohen bzw. –tiefen Gitarrenspiels.

Die Songs von seinem Solo-Album Bingo bringt Bela inzwischen ohne hörbaren Qualitätsverlust auf die Bühne. Kein Wunder, man ist ja auch im 40. Konzert mit den Los Helmstedts. Und die rekrutieren sich an entscheidenden Positionen sowieso aus seinem Freundeskreis. Wayne Jackson (der laut Bela, die "versauteste Myspace-Seite" hat, die er jemals gesehen hätte) und Odin Awesome Olsenstolz sind nicht nur Kumpels von ihm – sie haben auch gleich sein Album produziert. Die beiden mimen zudem sehr sympathisch die Sidekicks ihres "Humanbosses", wie Bela sich wiederholt nennt. Der gibt zwischen den Songs den sarkastischen Entertainer und bringt das feierwillige Publikum mit blöden "Berlin!"-Rufen zum Mitgröhlen. Oder er hält die Leute mit Winkspielen zum Narren. Die arrogante Sau hat er ebenso im Repertoire. So holt er bei 'Traumfrau' eine "Glückliche" aus dem Publikum, damit diese mit ihm einen Discofox über das Parkett schubbert. Als sie sich mit dem Abschied vom Scheinwerferlicht ein wenig Zeit lässt, sagt er trocken: "Danke, Traumfrau! Ja, ist gut. Jetzt HAU SCHON AB!" Nach dem Spruch dann die gegrinste Selbsterkenntnis: "Ich bin schon eine arrogante Sau, oder?"Kann man unter'm Strich natürlich nicht sagen. Vielmehr scheint er heute wehmütig drauf zu sein, vielleicht gar am Rande der Midlife-Crisis? Na so schlimm wohl nicht, aber wie ernst er die langsamen Songs diversen Freunden widmet – da merkt man schon, dass er noch weiß, wo er her kommt und wer ihn begleitet hat. Vor seinem 44. Geburtstag kann man ja auch mal sentimental werden. Dann schaltet er aber wieder auf Unterhaltung und bringt die lockeren Spaßnummern à la '1,2,3' und den 'Zappingsong'. Ersteres wird von der charmanten Sängerin Ina Paule gesungen, die sowieso durchgehend eine gute Figur macht. Sei es am Schellenkranz, am Keyboard oder beim Engtanzen mit Bela.

Fast alle Songs des Debüts findet man in der Setlist wieder, besondere Highlight sind sicher die "Du bist Deutschland"-Verarsche 'Wiehr Thind Sssuper', die Lee Hazlewood-Hommage 'Lee Hazlewood und der erste Song am Morgen' (bei der er gleich eine Kaufempfehlung für dessen 'Cake Or Death' ausspricht) und Belas erste Solo-Single 'Tag mit Schutzumschlag'. Von der auch Bela eine Menge hält: "Bei diesem Song dachte ich nur: Der ist so super! Scheiße, dass ich Bela bin! Sonst könnte ich den Song und Bela auch geil finden!" Arrogante Sau? Nö, nur selbstbewusst. Leider blieb er das bissige 'Deutsche, kauft nicht bei Nazis' schuldig, aber man kann ja nicht alles haben. Trotzdem eine solide Show, wenn auch nicht ganz so erfrischend wie das Ärzte-Trio in trauter Dreisamkeit. Wir hoffen dennoch, es gab noch eine nette Geburtstagsfeier hintendran. Herzlichen Glückwunsch, Herr Felsenheimer! Sollten Sie diese Zeilen lesen...