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Profan und beschränkt

Beirut live

Wunderkind is over: Zach Condon dilettiert in Berlin. Sollte das einstige Wunderkind mit 'Gulag Orkestar' schon sein Pulver verschossen haben?
Geschrieben am
05.07.07, Berlin, Postbahnhof.

Als das mittlerweile 21-jährige Wunderkind Zach Condon vor zwei Jahren mit 'Gulag Orkestar' eines der schönsten Alben des Jahres aufnahm, lag ihm nicht nur die amerikanische Indiewelt zu Füßen. Der neu geborene Balkan-Folk mit seinen osteuropäischen, jüdischen und mexikanischen Einflüssen verzauberte mit über 100.000 verkauften Einheiten ein ganzes Fußballstadion von traurigen Teenagern bis hin zu schampusgelaunten Topkritikern aus aller Welt. Egal, ob wir uns geküsst, gestritten, zu einander gefunden oder uns getrennt haben – mit Beirut war immer das nötige Pathos dabei.

Der Höhepunkt jener Beirut-Story sollte am 5. Juli im Berliner Postbahnhof stattfinden. Wir wollten die Freude, die aus einer Melancholie heraus entsteht, erleben, und diese so überschwänglich feiern, dass wir uns schließlich alle in den Armen liegen, weinend und lachend zugleich. Wir wollten das erleben, was Kinski einmal als monumental und epochal bezeichnet hatte. Nun ja, leider war alles, was wir an diesem Abend zu sehen und zu hören bekamen, profan und beschränkt. Im gut gefüllten Postbahnhof musste man erst mal die beiden Anti-Bibelkreis-Vorbands A Hawk And A Hacksaw und Dirty Projectors über sich ergehen lassen. Als schließlich Zach Condon unter großem Jubel auf die Bühne schritt und sich einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann genehmigte, sollte es losgehen. Doch alles, was die zeitweise 9-köpfige Band in ihrer mageren Inszenierung zustande brachte, waren verwischte Schrammelsounds, Feedbacks und eine Abstimmung unter den überforderten Instrumenten, die als lächerlich zu bezeichnen ist. Dazu gestikulierte der wie ein Streber wirkende Condon hilflos mit den Armen, dilettierte ein Jacques Brel-Stück in Grund und Boden und wusste mitunter auch nicht mehr, was er eigentlich sagen sollte. Das sonst so elegante 'Prenzlauerberg' stolperte dahin wie die Kollwitzstraßen-Mütter mit ihren Doppel-Kinderwagen über den holprigen Gehweg und auch die Ukulele-Hymne 'Postcards From Italy' klang eher wie von einer Youtube-Coverband als von dem genialen Chefmelancholiker selbst. Dass es so nicht weitergehen konnte, ließ ihn das Publikum allerdings zu keiner Zeit wissen. In Berlin, so scheint es, gibt’s gerade für alles und überall Applaus. Nach der zweiten Zugabe war Schluss, endlich. Mein Gott, warum hast du mich verlassen?