×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Musik und Stadtplanung

Beirut

Mit dem Debüt "Gulag Orkestar" wurden Beirut sofort in die Ecke "Balkan-Pop" gestellt. Das brachte Zach Condon nicht nur Freunde ein
Geschrieben am

Mit dem Debüt "Gulag Orkestar" wurden Beirut sofort in die Ecke "Balkan-Pop" gestellt. Das brachte Zach Condon nicht nur Freunde, sondern auch scharfe Kritik ein: Hier würde einer fremde Musik, mit der er biografisch gar nichts zu tun habe, verwässern und in westlichen Indie-Pop ummünzen. Ganz egal, was von der Debatte um Folk-Authentizität zu halten ist - Zach Condon kann sie egal sein, denn er ist längst schon auf ganz anderem Terrain unterwegs.

Das neue Album "The Flying Club Cup" handelt von Zachs Liebe zu Frankreich, der Balkan-Blues kommt darin nur noch am Rande vor. Die Stücke tragen Titel wie "Nantes", "Le Banlieu" und "Cherbourg" und verbinden den für Zachs Songwriting typischen US-Indie-Pop mit europäischer Folklore, diesmal stark am französischen Chanson orientiert, den Zach während seines Paris-Aufenthalts kennenlernte. "Es ist die romantische Auseinandersetzung eines Fremden mit Frankreich", erklärt der junge Musiker, der fast all seine musikalische Inspiration aus dem Reisen zieht. Ein Stück wie "Le Banlieu", das auf die Aufstände migrantischer Jugendlicher in den französischen Stadtgürteln anspielt, macht allerdings klar, dass es hier nicht nur um Verklärung geht. "Ich habe die Nummer ganz bewusst instrumental gehalten", erzählt Zach, "weil ich kein politisches Statement, sondern eine Stimmung wiedergeben wollte. Sie war mir wichtig, da ich nicht den Eindruck aufkommen lassen wollte, in Frankreich nur naiv ein Paradies zu sehen. Mir ist klar, dass es auf diesem Planeten keine Paradiese mehr gibt."

Zach stammt ursprünglich aus Albuquerque, New Mexico. Obwohl erst Anfang zwanzig, hat er schon in den unterschiedlichsten Städten gelebt, darunter New York, Berlin, Paris und Amsterdam. Die Tour zu "Gulag Orkestar" führte ihn auch nach Istanbul, das ebenfalls tiefen Eindruck hinterließ. Wo immer er hinkommt, saugt er die Musik vor Ort begierig auf und prüft, wie sie sich in den eigenen Beirut-Sound einspeisen lässt. Demnächst also vielleicht auch türkische Folklore ... Auf die Frage, ob er denn in Deutschland ebenfalls fündig geworden sei, antwortet Zach lachend: "Na ja, kann sein, dass Deutschland keine wirklich gute Folklore hat, aber Elektronik und House haben es mir schon angetan, das Kompakt-Label, die Kölner Szene um Mouse On Mars ... Vielleicht ist Electro ja the new german Folk."

Der Vorwurf, Beirut plündere Folklore und raube ihr damit das Eigentümliche, ist in gewisser Hinsicht berechtigt - kann aber auch problemlos ins Positive gewendet werden: In der Musik von Beirut gibt es keinen volkstümlichen Bezug auf Heimat, Nation und kulturelle Identität, sie präsentiert sich bewusst als Produkt eines Wanderers zwischen den Welten: "Ich bin ein schlechter Tourist, aber ein guter Flaneur. Wenn ich irgendwo ankomme, schaue ich mir nicht die Sehenswürdigkeiten an, das interessiert mich gar nicht. Ich schlendere lieber stundenlang durch die Straßen, achte auf Geräusche und Gerüche, auf die Passanten und auf die Architektur. Diese Flanier-Stimmung prägt meine neue Platte. Sie spielt deshalb vorwiegend in Frankreich, weil man in keinem anderen Land so gut flanieren kann. Sogar das riesige Paris strahlt eine Ruhe aus, die ich in New York vermisst habe."Auch wenn es Zach nicht um nationale Identität im eigentlichen Sinne geht, so kommt er doch immer wieder auf regionale architektonische und musikalische Eigenheiten zu sprechen, die zu verschwinden drohen: "In den USA gibt es zahlreiche Trabantenstädte, die absolut gleich sind. Du kannst morgens in einer solchen Stadt aufstehen, dich ins Auto setzen, zwölf Stunden fahren und abends in der exakt gleichen Stadt ankommen - die gleiche Autobahnausfahrt, die gleichen Wohnviertel und Shopping-Malls. Diese Uniformität scheint den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu geben, sie können sich überall sofort orientieren. Aber um den Preis der totalen ästhetischen Verödung! Das ist in Ländern mit alten Städten natürlich nicht möglich - Paris ist nun mal anders als Istanbul oder Rom."

Eines haben allerdings alle europäischen Metropolen mit New York, der europäischsten aller US-amerikanischen Städte, gemeinsam: Der Prozess der Gentrifizierung drängt ethnische Minderheiten und Unterprivilegierte an die Stadtränder und verwandelt ehemalige Szene-Hochburgen in teure Shopping-Meilen. Prenzlauer Berg, Schanzenviertel und Williamsburg unterscheiden sich da kaum: Vom Flair her mögen das alles immer noch angenehme Orte sein, doch der Preisanstieg sorgt für ein privilegiertes Umfeld und für eine damit einhergehende kulturelle Stagnation: Künstler und Studenten, die solche Viertel einst prägten, können sich nicht mehr leisten, dort zu wohnen. "Das ist wie mit der Musik", meint Zach: "Alles gleicht sich bis zur Unkenntlichkeit an. In den USA gelten Beirut nach wie vor als Exoten, weil wir eine andere Form von Folklore spielen, keinen Countryfolk. Innenstädte verlieren ihr Profil, wenn überall nur noch die gleichen Geschäfte zu finden sind; und die Musiklandschaft verliert ihr Profil, wenn Country & Western das Einzige ist, was die Leute noch unter Folk verstehen. Mir sind dagegen Differenzen wichtig, hörbare Unterschiede."

Für Differenzen dürfte auch die Mitwirkung Owen Palletts von Final Fantasy gesorgt haben, der die Streicher auf "The Flying Club Cup" arrangierte. Dessen filigraner, opulenter Gay-Pop, der nicht den leisesten Anflug von Authentizität aufkommen lässt, hat nur wenig mit Beiruts an Straßenmusik orientierten Songs zu tun. "Genau dieser Unterschied zwischen seiner und meiner Musik hat mich gereizt. Owen hatte totale Bedenken, dass er zu viel von seinem Stil in meine Musik einbringen könnte, und fragte dauernd höflich: ›Ist dir das auch recht?‹ Ich wusste allerdings, dass ich ihm blind vertrauen konnte. Deshalb bin ich einfach spazieren gegangen, als er die Streicher aufnahm. Ich wollte ihm damit zeigen, dass es von meiner Seite her nicht nötig ist, seine Arbeit zu kontrollieren."

Nachdem Zach "Gulag Orkestar" fast im Alleingang aufgenommen und nahezu alle Instrumente selbst eingespielt hatte, musste er sich für das neue Album umstellen. Erstmals hat er mit kompletter Band und zahlreichen Gastmusikern zusammengearbeitet, darunter auch Heather Trost von den "Balkan-Pop"-Kollegen A Hawk And A Hecksaw. "Ich kann bis heute Songs nur alleine schreiben", erzählt Zach. "Es geht nicht anders, ich brauche dafür totale Ruhe. Es hat dann allerdings Spaß gemacht, die Stücke mit so vielen Musikern zu arrangieren, schließlich erleichtert es den Aufnahmeprozess total. Allerdings ist es ein Horror, das nun alles wieder für die Livekonzerte neu zu arrangieren. Ich kann schließlich keine 20 Streicher mit auf Tour nehmen. Das, was für die Platte aufgebläht wurde, muss jetzt also für die Tour wieder abgespeckt werden. Damit es nicht so langweilig ist, die Stücke einfach nur in Minimalbesetzung wiederzugeben, plane ich, sie teilweise komplett zu verändern: Leise Stücke will ich live total laut spielen, laute dagegen total leise. Mal sehen, ob das hinhaut."

Wir verlosen 3 x das aktuelle Beirut-Album 'The Flying Club Cup'. Ihr wollt es gewinnen? Dann schickt eine E-Mail an verlosung@intro.de. Und vergesst Eure Adresse nicht.