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Balkan-Blues

Beirut

Immer diese Wunderkinder. Zach Condon ist gerade mal Anfang zwanzig, spielt allerdings schon Musik, so lange er denken kann. Seine Teenager-Jahre lesen sich noch wie die Biografie eines typischen amerikanischen Indie-Nerds, der sich lieber mit dem Vierspur-Recorder im Schlafzimmer einschließt, als m
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Immer diese Wunderkinder. Zach Condon ist gerade mal Anfang zwanzig, spielt allerdings schon Musik, so lange er denken kann. Seine Teenager-Jahre lesen sich noch wie die Biografie eines typischen amerikanischen Indie-Nerds, der sich lieber mit dem Vierspur-Recorder im Schlafzimmer einschließt, als mit den Kumpels Basketball zu spielen. Doch eine Reise nach Europa änderte sein Leben – und seine Musik. Und zwar komplett. Die Musik vor seinem Trip nach Paris hat nichts mehr mit jener gemeinsam, mit der er innerhalb der letzten Monate die Herzen des anspruchsvollen New Yorker Publikums erobert hat. “Die Folklore des Balkans hat mich erfasst”, erzählt er. “Es mag komisch klingen, da ich diese Länder ja gar nicht bereist habe, aber in Paris fahren momentan total viele Kids auf Balkan-Folk ab. Dort bin ich mit Gruppen wie dem Boban Markovic Orkestar in Berührung gekommen – und es war um mich geschehen! Also habe ich begonnen, diese folkloristischen Elemente in meine Musik zu integrieren.”

Aus typisch amerikanischem Indie-Folk wurde Balkan-Folk, für den Zach in New York ein 9-köpfiges Orchester zusammenstellte, unter anderem aus ehemaligen Straßenmusikern. Mit der ganzen Palette aus Bläsern und Streichern, die für einen solchen semi-authentischen Folk notwendig ist, vermischen Beirut nun Indie-Pop mit Folklore, die neben osteuropäischen auch jüdische und mexikanische Elemente enthält. “Es ist sicher kein ausgesprochenes Ziel von mir, politische Musik zu machen, aber wenn unsere Mischung dem Publikum den Eindruck vermittelt, dass Grenzen und das Denken in Nationen überflüssig geworden sind, dann ist das ein schöner Nebeneffekt.” Eine Band, die sich Beirut nennt und mit einem Album namens “Gulag Orchestar” debütiert, will nicht politisch sein? “Ich benutze den Namen Beirut, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich mag ihn, weil er so schön klingt. Aber er hat wirklich keine tiefere Bedeutung, und es ärgert mich inzwischen, dass er ständig Kontroversen auslöst, obwohl es mir dabei eigentlich nur um den Klang geht. So ähnlich wie bei meinen Texten, in denen die Stimme als Instrument wichtiger ist als irgendeine Botschaft.”

Die New Yorker lieben seine Musik, schätzt Zach, weil sie so etwas nicht kennen. “Die amerikanische Indie-Musik ist so langweilig berechenbar geworden. Und wenn sich die Musiker hier mal auf Folk beziehen, dann immer nur auf amerikanischen Folk. Obwohl der ja eigentlich auch mal Wurzeln aus aller Welt hatte. Aber indirekt profitiere ich von dieser Langeweile, weil unsere Musik dadurch total heraussticht.” Das stimmt zwar nicht ganz, denn in der New Yorker Jazz-Szene rund um John Zorn und Marc Ribot gibt es eine lange Tradition, jegliche Arten der Folklore und traditioneller jüdischer Musik zu verarbeiten, doch im Indie-Kontext ist dies neu und bislang einzigartig. “Stimmt, es gibt ähnliche Ansätze in der Jazz-Szene”, pflichtet Zach bei, “aber wir sind anders, denn wir haben direkten Kontakt zum Publikum. Ein Teil unserer Shows findet nicht auf der Bühne, sondern mitten im Publikum statt.”

Nächstes Jahr will sich Zach dann auch mal den Wunsch erfüllen, die Länder zu bereisen, aus denen seine Musik stammt. “In Zagreb gibt es ein legendäres Brass-Festival. Das werde ich besuchen. Und vielleicht wird es meine Musik abermals verändern.”