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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Man kann keine halbgare Scheiße abliefern.«

Beginner im Gespräch

Die Beginner veröffentlichten 1998 mit ihrem zweiten Album »Bambule« eine wichtige Deutschrap-Platte, die noch bis heute nachwirkt. Nach 18 Jahren erscheint mit »Advanced Chemistry« nun endlich Album Nummer vier. Der Titel ist dabei als Verbeugung vor dem Heidelberger HipHop-Urgestein gleichen Namens zu verstehen, das anno 1993 mit »Fremd im eigenen Land« deutschen Rap in der hiesigen Musikszene implementierte und damit auch den Grundstein für Bands wie die Beginner legte. Jan Wehn sprach mit Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad über Deadline-Druck, hohe Ansprüche, die lange Auszeit und 25 Jahre Bandgeschichte.
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Wenn ich zurückschaue, kommt es mir vor, als wäre nach »Blast Action Heroes« irgendwie die Luft raus gewesen. Wie habt ihr diese Zeit empfunden?
Denyo: Das ist sehr interessant. Denn da hat sich tatsächlich ein Loch aufgetan. Trotz unserer tollen Ideen und den clublastigen Sounds auf »Blast Action Heroes« kam international eine Phase, in der es noch mehr Synthie-Beats gab und Crunk plötzlich total angesagt war. Außerdem waren wir vom ganzen Touren und den ganzen Egos echt ausgebrannt und Musik wurde immer wertloser. Die MP3s kamen, die Industrie ging den Bach runter, MTV war nicht mehr MTV, sondern ein Jamba-Werbeträger. Alles fühlte sich nicht mehr so geil an. Jan hat dann für sich entschieden, dass er mal ganz raus will und läutete seine Funk-Ära ein. Eigentlich war ja gedacht, dass wir beide jeweils ein Soloalbum machen, er als Jan Delay, ich als The Denyos, und danach machen wir mit den Beginnern weiter. Aber auch wenn wir immer close waren, war das nicht die Zeit, in der wir gute Musik zusammen machen konnten. Hinzu kam, dass Jan erst beim zweiten Album so richtig mit der Disco-No.-1-Band eingegrooved war und das machen konnte, was er schon auf »Mercedes Dance« machen wollte. Also haben wir ihn ziehen lassen. International ist im Rap nicht viel Spannendes passiert und hierzulande war gerade Aggro am Start. Ich war dann in Berlin und hatte eine richtige HipHop-Depri-Phase, weshalb ich begonnen habe, ganz andere Sachen zu machen. Ich habe ein Singer-Songwriter-Album und einen Soundtrack aufgenommen und gemeinsam mit Mad viel aufgelegt.  

Habt ihr auch mal ans Aufhören gedacht?

Denyo: Grundsätzlich war für mich immer klar, dass es weitergeht, man dem Ganzen aber auch Raum geben muss. Natürlich kann man sich auch mit einer Deadline Druck machen, aber es musste immer auch die Option zum »Ah, nee, doch nicht« geben.
Eizi Eiz: Mir war auch klar, dass da was Neues kommen wird. Aber es musste eben auch unseren Ansprüchen genügen oder sie sogar noch übertreffen.
Denyo: Parallel dazu haben wir aber auch wieder erste Shows gespielt, was total Spaß gemacht hat, weil der Vibe stimmte – aber wir waren eben noch nicht advanced. 
Heutzutage traut sich ja schon fast keiner mehr »Wir sind noch nicht so weit« zu sagen.
DJ Mad: Man kann heutzutage nicht mehr mit halbgarer Scheiße kommen. Dafür ist einfach viel zu viel Mist da draußen, der zwar formal richtig ist, aber nichts reißt.
Denyo: Ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass wir mit den Beginnern in so einer Position sind, dass dieses Album eine derartige Aufmerksamkeit genießt. Diese Chance, noch mal ein Album zu veröffentlichen, was genau wie die Songs auf »Bambule« auch nach ein paar Jahren noch gehört wird, will man ja auch nutzen – und dann mit was richtig Derbem kommen.
DJ Mad: Der Rückenwind, den wir gerade bekommen, ist echt fies. Die Tour war fast ausverkauft, bevor es überhaupt einen Beweis dafür gab, was die Fans erwartet. Andere Artists würden sich ein Bein ausreißen, damit man ihnen wenigstens zehn Sekunden zuhört. Das ist echt ein Privileg. Aber genau deshalb wollen wir es auch nicht verkacken.    

Wann ging es bei euch wieder richtig los?

Denyo: 2015 waren wir dann an dem Punkt, an dem wir gesagt haben: »Jetzt machen wir wieder was.« Wir haben in den Jahren davor schon ein paar Skizzen gemacht, die wir dann wieder rausgeholt haben. »Rap & fette Bässe« ist ein Beat von Jan und Tropf, der damals schon geknallt hat. »Nach Hause« war ursprünglich ein Beat von mir, für den ich mit Wobble-Bässen rumexperimentiert habe, der aber noch nicht ganz so gut klang. Dafür haben wir Chris von Symbiz ins Boot geholt. Das ist genau das, was Mad eben meinte. Wir mussten uns ja jetzt nicht krampfig irgendetwas aneignen, sondern hatten jemanden dabei, der unsere alte Musik kennt, weil er früher Fan von uns war und jetzt am Puls der Zeit ist. So konnten Jan und ich uns auf die Lyrics konzentrieren und aus der Essenz der damaligen Beats von Jan, Tropf und mir und den neuen Sachen das Ding fertigmachen.
Eizi Eiz: Beats Bauen und Rappen ist in meinen Augen Sport, also haben wir immer weitertrainiert. 2014 waren wir vielleicht besser darin, aber unsere Ansprüche sind auch wieder gestiegen. Erst im letzten Sommer haben wir gemerkt, dass sich unsere Ansprüche mit der Musik decken und dass da was geht. Wäre dem nicht so gewesen, hätten wir die Songs nicht rausgebracht.
DJ Mad: Die Beginner wollen ja immer etwas Neues machen und nicht so klingen wie früher. Man erfindet im HipHop gerade aber keine grundsätzlich neuen Strömungen wie in den 80er-Jahren, als die SP1200 kam und plötzlich alles anders war. Heute bekommst du das eher durch die geschickte Neumischung bekannter Zutaten hin. Die Generation, die es gewohnt ist, mit Synthesizern und Plug-ins aus dem Nichts Musik zu erschaffen – was grandios und eine große Kunst ist – ist gar nicht fit in diesen ganzen Samplefragen. Das ist meinem Verständnis nach aber eine der Hauptantriebsfedern im Rap – eine MPC konnte alleine auch nicht viel, da musste der Flash von woanders kommen. Ein gutes Beispiel für dieses Zusammenbringen ist sicherlich »Rambo No. 5«. Da zimmert die ganze Zeit dieses ultrapenetrante Hornriff durch, aber gepaart mit dem 75-BPM-Lowbass-Scheiß funktioniert das Ding auf deinem Handylautsprecher genau so wie im Club – so ein Ding hat sonst keiner.
Ihr habt mal erzählt, dass es zu »Blast Action Heros«-Zeiten eine schwarze Liste gab auf der ihr all jene Sachen geschrieben habt, die auf »Bambule« und »Searching For The Jan Soul Rebels« schon verwendet worden sind. Gab’s so eine Liste dieses Mal auch wieder?
Denyo: Nee. Aber was es gab war eine grundsätzliche gemeinschaftliche Herangehensweise. So nach dem Motto »Alles für den Song!« Wir haben alle zusammen gearbeitet und die Egos außen vor gelassen. Bei »Blast Action Heros« war das noch viel klarer unterteilt und jeder hat für sich seine Ideen verteidigt und auf Dingen bestande. Dieses Mal ging es viel mehr darum, dass ganze gemeinsam zum besten Endergebnis zu führen – mit mehr Liebe, mehr Flash und mehr Detail.
DJ Mad: Ich habe das als sehr professionelle Denkweise empfunden. Man klammert nicht mehr so sehr an seinem eigenen Scheiß, sondern hat auch verstanden, wenn etwas anderes geiler geklungen hätte.  

Was ihr aber noch selber macht, sind Scratches.

DJ Mad: Die sind alle nach Parametern der alten Welt gesucht. Es war immer so, dass erst der Text stand und wir dann nach den passenden Vocalcuts gesucht haben – und die müssen stimmen: Thema, Tonlage, Grammatik, Tempo. Die einfachste Variante wäre natürlich, dass man sich einen Sprecher holt. Wir kennen ja auch Oliver Rohrbeck und können den einfach etwas einsagen lassen. Mit meinem Digital-Cut-Ding scratche ich dir das in einem halben Nachmittag ein – aber das ist nicht der Sport! (grinst) Man wollte die Sachen früher schon immer auf Vinyl finden, damit man sie auch scratchen kann. Ich habe auch für dieses Album meine gesamten Deutschrap-Maxis durchgehört und hinterher einen Cut von der gesamten Plattensammlung zu benutzen. (lacht)  

Die Cuts kommen unter anderem ja von Torch, von Audio88 & Yassin, Afrob & Ferris MC und Samy Deluxe.

Eizi Eiz: Unsere Musik ist ja eine Wiedergabe unseres Universums. Egal, wo ich gehe und stehe, trage ich alle Songs, die ich je gefeiert habe, immer mit mir herum. Dann mache ich einen Beat und höre darauf einfach ein Sprach-Sample. Seitdem Samy bei Tropf im Schlafzimmer »Dinge regelt« auf »Fingernägel« gerappt hat, habe ich diese Line im Kopf – und irgendwann ist dann da der Moment in dem man sie nutzen kann.
Denyo: Es ist ganz wichtig, dass diese Cuts da drin sind. Die geben den neo-mäßigen immer noch wieder ein bisschen was Klassisches mit – ganz egal, wie weit draußen man sich musikalisch bewegt. Aber dadurch, dass die Cuts von Mad so unheimlich präzise sind, hat es auch wieder etwas total Neuartiges.
DJ Mad: Die Samples verorten das Ganze ja auch im HipHop – und darum geht’s doch! Durch die Vocalscratches bekommst du Zugang zu der Vergangenheit.
Das Feedback - egal ob positiv oder negativ - auf »Ahnma« war ja wirklich beeindruckend. Habt ihr mit solchen engstirnigen Kommentaren gerechnet, die sich über den »Türsteher« Gzuz beschweren?
Eizi Eiz: Am besten haben mir die »Was machen diese beiden Typen neben Gzuz« und die »Seit wann rappt Jan Delay denn?«-Kommentare gefallen. (Gelächter)
Denyo: Ich finde das aber total geil, weil es junge Leute sind, die uns noch gar nicht auf dem Zettel hatten. Wenn sie sich nämlich darauf einlassen, dann checken sie auch, dass wir nicht irgendeine Band sind, sondern dass es uns schon seit 25 Jahren gibt. Abgesehen davon hätte ich niemals damit gerechnet, dass es so viel positives Feedback gibt. Das ist nicht selbstverständlich.

Beginner

Advanced Chemistry

Release: 26.08.2016

℗ 2016 Beginner, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH