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Die Schumis Der Dancehall

Beenie Man / Shaggy

Nein, das kann Beenie Man einfach nicht auf sich sitzen lassen. Da schickt sich ein längst in den Niederungen der Ramschtisch-Compilations mit Hits von gestern verschwunden geglaubter DJ an, ihm den Ruf des erfolgreichsten jamaikanischen Exportartikels in Sachen Wortakrobatik streitig zu machen. Was
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Nein, das kann Beenie Man einfach nicht auf sich sitzen lassen. Da schickt sich ein längst in den Niederungen der Ramschtisch-Compilations mit Hits von gestern verschwunden geglaubter DJ an, ihm den Ruf des erfolgreichsten jamaikanischen Exportartikels in Sachen Wortakrobatik streitig zu machen. Was erlaubt sich dieser Shaggy eigentlich? Ein "amerikanisierter" Auswanderer, der für die USA im Golfkrieg kämpfte und sich später Coverversionen und Jeans-Hits auf den Leib schneidern ließ. Für den vom Erfolg besessenen Beenie ist dieses Comeback mehr als überflüssig. Der Beenie Man mag sie nicht besonders: Dancehall-Stars, die Jamaika den Rücken kehrten. Die ihr Patois gegen US-Ghetto-Slang eingetauscht und mit ihm gleich ihre ganze Herkunft an den Nagel gehängt haben.

"Amerika hat keine eigene Kultur. Die haben sie sich aus Europa und der dritten Welt zusammen geklaut. Wenn du in Jamaika als Künstler respektiert werden willst, musst du im Land bleiben. Ich werde Jamaika niemals verlassen." Shaggy, der bereits in jungen Jahren nach Brooklyn auswanderte und erst dort zum "Oh Carolina"-Star wurde, hat diese goldene Regel der Dancehall wohl widerlegt, und das nervt Beenie am meisten. Zehn Millionen Mal verkaufte sich Shaggys Comeback-Albums "Hot Shot" aus dem letzten Jahr. Das war der weltweit größte Verkaufserfolg eines Einzelkünstlers im Jahr 2001 überhaupt und eine harte Nuss für Beenie. Sieht er sich doch selbst als einzig legitimen Weltmeister in Sachen Ragga-Styles, und auf seiner Insel machte ihm bislang auch niemand diesen Titel streitig.

Wenn Journalisten das Phänomen Beenie Man zu erklären versuchen, greifen sie gern auf sportliches Zahlenwerk zurück. Spricht doch die Statistik für sich. Beenie hatte seinen ersten Nummer-1-Hit im Alter von neun Jahren, etwa 60 weitere nationale Pool-Positions sollten folgen. Kaum ein anderer DJ hatte in den letzten Jahren einen solchen Output, manchmal veröffentlichte der dünne Mann fast jede Woche eine neue Single. Mitunter blockieren die Beenie-Versions gleich als Dutzendware die jamaikanischen Top-40. Für sein letztes Album "Art And Life" gewann er den Grammy für das beste Reggae-Album des Jahres 2000. Der "Musik-Oskar" der amerikanischen Recording Academy steckt seinen Gewinnern zumeist eine Rakete in Sachen Absatz in den Allerwertesten - das gilt zumindest für den amerikanischen Markt, der für die Dancehall-Szene besonders wichtig ist. Hier füllen Stars wie Beenie Man, Bounty Killer oder Lady Saw Hallen mit Zehntausender-Kapazitäten. "Art And Life" ist erst das dritte DJ-Album, das in der seit 1984 vertretenen Reggae-Kategorie die Trophäe pflücken konnte, auch das ein Zeichen dafür, dass die Dancehall endgültig im US-Mainstream angekommen ist.

Und trotz der Superlative bleibt ein Wermutstropfen: Das trotz Crossover-Experimenten letztendlich bodenständig gebliebene Dancehall-Album "Art And Life" verkaufte sich in den USA nur etwa 500.000 Mal - und das mit Grammy-Fames! Zu wenig für den ehrgeizigen Beenie. Und dann kam auch noch dieser Shaggy daher!

Diese Hintergründe sind es wohl, die Rekordfresser Beenie Man zu dem Popalbum "Tropical Storm" verleitet haben. Diesmal will er es international wissen, und vielleicht klingt sein Toasting auf der fest eingeplanten Hit-Single "Feel It Boy" mit Janet Jackson deshalb auch ein wenig nach seicht gefälligem Strandplantschen mit, ähm, Shaggy. Beenie Man selbst nennt sein neues Werk "a little bit more light". Damit es auch "a little bit more boombastic" wird, hat er nebst Janet auch gleich die Neptunes als Produzenten verpflichtet, sich mit Lady Saw ein wenig Hardcore-Kredibilität vors Mikro geholt und sogar mit der hippen UK-Garage-Posse So Solid Crew zusammengearbeitet. Dass mit "Street Life" der schönste Poptitel des Albums ausgerechnet vom norwegischen Produzententeam Stargate beigesteuert wurde, ist eine durchaus humoristische Fußnote der geplanten Beenie'schen Globalisierung. Ob sie stattfindet oder nicht, das ist dabei fast die spannendste Frage.