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Geiler, schneller und lauter

Beatsteaks

Sold out. Das sind die zwei Wörter, die man mit den Beatsteaks verbindet. Spontan einen Gig von denen sehen? Vergesst es! Vielleicht, wenn du Klaus Wowereit bist. Aber sonst? Typen, die ihre Karten schon vor Monaten gebucht haben, lachen dich aus. Ihre Lebensenergie wird gleich um das Hundertfache a
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Sold out. Das sind die zwei Wörter, die man mit den Beatsteaks verbindet. Spontan einen Gig von denen sehen? Vergesst es! Vielleicht, wenn du Klaus Wowereit bist. Aber sonst? Typen, die ihre Karten schon vor Monaten gebucht haben, lachen dich aus. Ihre Lebensenergie wird gleich um das Hundertfache aufgepumpt. Du dagegen kannst nach Hause gehen und dir das aktuelle Album anhören.

Im Falle von “.limbo messiah” ist das sogar eine lohnenswerte Ersatzhandlung, nicht der pure Stoff, aber immerhin ein Adrenalin-gesalbtes Trostpflaster höchster Kajüte. “Wir hatten Bock zu ballern”, mit diesen Worten stellte Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, kurz Teute, Ende letzten Jahres die ersten Rough-Cuts des neuen Albums im Bandstudio vor. Teute hat sich für die Angelegenheit scheinbar extra den Kiefer aushängen lassen, so übermenschlich breit grinst er unter seinem Suicidal-Tendencies-Cap hervor. Sein Super-Grinsen verrät, dass er der anwesenden Presseschar etwas Geiles präsentieren möchte. “Geil” ist nämlich einer der wichtigsten Begriffe im Beatsteaks-Kosmos: “Wir haben uns irgendwann mal auf eine Regelung geeinigt, wenn uns jemand von außen fragt, wie’s neue Album wird, dann sagen wir einfach nur noch: ‘Geil!’ Laber nicht viel. Sag einfach: ‘Geil!’” Und sie finden es wirklich geil, denn bei der anschließenden Listening-Session nicken sie nonstop und unisono mit den Köpfen. Was aus den Boxen kommt, ist überraschend und beruhigend zugleich. Überraschend, weil die Beatsteaks sich nicht Richtung radiotauglichem Rock orientiert haben, wie es ihnen kluge Strategen möglicherweise nach ihrem Goldalbum “Smack Smash” geraten haben. Beruhigend, weil er immer noch da ist, der unverwechselbare eins a Beatsteaks-Schmelz, der noch im derbsten Punkrock-Klopper dieses unwiderstehliche Glücksgefühl anklingen lässt. Nur ist dieser Schmelz diesmal ziemlich roh und körnig: “Also, wenn ‘Smack Smash’ ‘Goodfellas’ war, dann ist das hier ‘Taxi Driver’.” So sieht es Teute. Die Rückbesinnung auf die ungeschminkte Schilderung eines Daseins am Rande des Nervenzusammenbruchs kontra das glamourös brutale Leben auf der Überholspur also gewissermaßen.



Ein Radioreporter will mehr wissen: “Wie klingt denn jetzt euer neues Album? Also, außer geil.”

Teute: “Du hast es doch grade selbst gehört. Was würdest du denn sagen?”


Radio: “Das neue Album wird schneller!”


Teute: “Ja.”


Radio: “Und lauter!”


Teute: “Ja.”


“Geiler. Lauter. Schneller!” kommt es bestätigend aus den Reihen der Band.

Gut, dass wir das besprochen haben!

“Wir werden immer darauf angesprochen, dass unser glorreiches Debütalbum das Allerhärteste ist, was wir je gemacht haben”, verkündet Teute daraufhin, “und ich glaube, das sieht nach dem neuen Album nicht mehr so aus.” Ja, das eifrige Anhören gut gereiften Hardcores hat definitiv seine Spuren hinterlassen. Songs wie “As I Please”, “Sharp, Cool & Collected” und “Bad Brain” präsentieren die Berliner so aggressiv wie selten. Und sie zeigen auch, dass die Band sich offensichtlich nicht unbedingt für einfache Hitrezepturen interessiert. “Wir sind ein bisschen gelangweilt gewesen von den normalen Songstrukturen, die wir immer benutzt haben”, erklärt Teute, “und da haben wir einfach gesagt: Ach, komm, ist doch scheißegal, ob da jetzt noch der zweite Refrain kommt. Hauptsache, wir finden das geil so.”


Diese Herangehensweise bestärkt das Gefühl, dass einem hier ein Album vorliegt, auf dem sich die Songs gewissermaßen Hand in Hand präsentieren. Denn die Beatsteaks legen Wert darauf, nicht nur eine umjubelte Liveband, sondern auch eine zuverlässige Albumband zu sein. Wobei das Letztere ja sowieso das Erstere bedingt: “Deswegen nehmen wir ja überhaupt Platten auf. Um auf Tour gehen zu können.” Und das Touren juckt der Band sehr merklich in den Fingern, die Aufnahmen waren hart. Nicht nur, weil man den eigenen Ansprüchen gerecht werden musste (“Wir sind ja sowieso die Oberchefzweifler”), sondern weil man einfach lieber bei Rock am Ring abgehen würde, als im Studio zu schwitzen. Zumal die Aufnahmebedingungen in Hamburg zunächst für Irritationen gesorgt hatten: “Normalerweise stellen wir uns immer im Kreis auf, dann stellt Moses [Schneider] seine Mikros auf, und dann spielen wir unsere Songs. Das ging in dem Hamburger Studio aber nicht. Da waren wir erst mal verwirrt, aber da gab’s dann, wie es in so einem alten Studio üblich ist, Kabinen. Und da haben wir dann Torsten und Thomas separat reingestellt und die Songs mit Kopfhörern eingespielt. Macht bei unserer Musik auch echt keinen Sinn, da lang rumzudoktern, denn da geht’s ja nur um Energie.” Richtig, das Wichtigste an den Beatsteaks: ihre Energie!


Beim nächsten Listening-Termin – diesmal ist die Platte schon fertig – muss das noch näher erörtert werden. Alles andere ist nebensächlich. Woraus setzt sich diese Energie eigentlich zusammen? Wenn Musik gekonnt Emotionen ausschwitzt, nennen Verbrecher das immer gerne “soulig”. Das soll hier unbedingt vermieden werden. “Eure Musik transportiert drei Gefühle: Melancholie, Aggression und noch so eine schwer erklärbare Stimmung, die man als Glückseligkeit bezeichnen könnte.” Teute und Bassist Torsten nicken zufrieden: “Jut. Dit kannste so schreiben.”


Auf näheres Drängen, wo denn nun diese Energie herkomme, wird erfrischend unoriginell “ausgepackt”: Torsten verrät, dass er Sport treibe, und Arnim nennt Schlaf als wichtigste Kraftquelle. Das Geheimnis der Beatsteaks ist, dass sie gar keines haben! Sie haben sich und nehmen Rücksicht aufeinander. Ohne große Rührseligkeit wird diese Voraussetzung für ihren Erfolg von den beiden Herren erläutert. Das ist vielleicht kein Stoff, aus dem der schicke Gossip gestrickt wird, aber so bringt man den Saal in Bewegung und macht die Fans glücklich. Und die können sich echt jetzt schon freuen. Sofern sie ihre Tickets haben.