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Alle unter einer Decke

Beach House live in Köln

Auch ohne Lightshow und Performance wissen Victoria Legrand und Alex Scally das Kölner Publikum tief in ihren Bann zu ziehen. Beach House machen eben Lieder für geschlossene Lider. Wer damit nicht klarkommt, hätte ja gestern auch zu Madonna oder Purity Ring gehen können.
Geschrieben am
04.11.15, Köln, Gloria
Mal ganz ehrlich: Es kommt schon ein wenig lasch, Konzertberichte mit Selbstverständlichkeiten wie nach Hause spazierenden Publikumsströmen abzumoderieren. Wenn dann noch von Wetter, Tageszeit und -art, Nachtruhe und Betten schwadroniert wird, sollten die Musiker des Abends so langsam beginnen, die Sache persönlich zu nehmen. Es sei denn, es handelt sich um Beach House, die Band, die – geben wir's doch zu! – seit Anbeginn ihrer Diskographie nach demselben Rezept backt und wie geschaffen erscheint für das Bescheren großer Momente des – und das ist alles andere als negativ gemeint – Schlafengehens.

Eine Band, die Schützenhilfe leistet beim Abschweifen und Wegträumen. Und die es sich offenbar leisten kann, noch bis in ihre letzten Atemzüge gleich zu klingen, ohne auch nur irgendjemanden zu verprellen.

Insofern haucht Victoria Legrand gleich zu Beginn der Show, die naturgemäß keine ist, ein kaum einzuhaltendes Versprechen durch ihre dichten, schweren Locken: »There's a place I want to take you / When the unknown will surround you« (»Levitation«). Ach, tatsächlich? Dabei ist es doch gerade das Bewährte und Vertraute, mit dem das transatlantische Dreampop-Duo seine Hörer bindet. Scallys klare (Slide-)Gitarren, Legrands androgyn angerauhter, in jede Pore dringender Gesang, unvergessliche Keyboard-Licks und hypnotische, nie enden wollende Rhythmusschleifen. Langeweile kann so schön sein.
Auch in Köln nimmt die um zwei Live-Mitglieder aufgestockte Band ihr Publikum bei der Hand, dimmt das Licht und begleitet es 90 Minuten lang auf der Überfahrt ins Reich der Pop-Träume. Besser, als es auf Platte je funktionieren könnte – zumal man die Fans großzügigerweise online über die Setlist jedes Tour-Termins abstimmen lässt. Und wie um die Kölner an der Schwelle zum Schlummer abzuwimmeln – schließlich ist das hier immer noch ein Konzert –, richten sich mehrmals spontan die Scheinwerfer aufs Parkett. Weitaus öfter als auf die Bühne: Die Musiker selbst bleiben von Licht genau wie vom Bewegungsdrang weitestgehend verschont, ein paar Sternchen im dreigeteilten Backdrop und Legrands Slo-Mo-Headbanging-Einsätze einmal ausgenommen. Ab und an wendet sich die Sängerin leicht verplant ans Publikum, grüßt und streckt einmal sogar kurz die offene Hand in dessen Richtung aus, als wolle sie sich vergewissern, dass das Dunkel ihre Gäste nicht verschluckt hat.

Nun, eher hat es sie entrückt: Die wunderlichen Popsongs mit verhangen-hypnotischen Harmonien verleiten zum kollektiven Schweigen und Schwelgen. Die überwiegende Mehrheit hat dabei die Augen geschlossen und genießt in sich gekehrt, viele wiegen gemächlich ihre Körper hin und her, manche lassen sich auch aktiver auf den Rhythmus ein – dem wohl einzigen Fädchen, das die Beach-House-Parallelsphäre jetzt noch mit der schnöden, schnellen Realität verbindet.
Sogar die Location spielt vorzüglich mit. Wüsste man es nicht besser, könnte es sich bei dem roten Samt auf den Wänden und Vorhängen im Gloria Theater auch um Requisiten zum letzten, in ebenso roten Samt verpackten Album »Depression Cherry« handeln. »Letzten«, weil Legrand und Scally anderthalb Monate später mit »Thank Your Lucky Stars« schon wieder das nächste vom Stapel laufen ließen. »Samt«, weil sich auch die darin befindliche Musik als weicher Mantel ums Gemüt legt. Und so verwirbeln an diesem Abend alte und neue Songs, frische und gelagerte Verklärungen zu einer einzigen vagen Erinnerung an … ja, an was überhaupt? Am ehesten an einen Traum, den man nur zu gern selbst (und allein) geträumt hätte.

Schlussendlich kommt es, wie es kommen musste: Die Leute gehen nach Hause. Dort werden sie ankommen, etwas klamm vom Nieselregen, sich hinlegen und schließlich einschlafen, und – ganz wichtig – träumen, beseelt von der wohligen Leier der Dreampop-Drehorgel. Ist es wichtig, das vor Augen geführt zu bekommen? Nach wie vor: Nein. Aber zauberhafter ins Bett bringen wird einen sicher so schnell niemand mehr.