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Bogalusa Blues

Beach House im Gespräch

In einem Südstaaten-Kaff mit dem klangvollen Namen Bogalusa tanzen Beach House einen Slowfox im Schwebezustand und naschen von den bittersüßen Kirschen der Depression. Im Gespräch erklären Victoria Legrand und Alex Scally gegenüber Annett Bonkowski, warum sie sich für »Depression Cherry« nicht neu erfinden wollten.
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Ließe sich die Musik von Beach House fühlbar machen, wären ihre Songs in etwa so anschmiegsam wie der rote Samt, der das Innere des Covers ihres neuen Albums »Depression Cherry« bedeckt. Seiner Beschaffenheit nach ist er gerade schwer genug, um mit den Fingerspitzen die darin enthaltene Sehnsucht nachzuzeichnen, die beim Hören zum Vorschein kommt. Aber dem, was so federleicht und flirrend klingt, ging eine harte Zeit voraus, in der Victoria Legrand und Alex Scally erst wieder zusammenfinden mussten: »Wir brauchten unbedingt eine Pause. Es fiel mir schwer, mich darauf einzulassen, aber irgendwann habe ich nicht mehr an die Musik gedacht«, beschreibt Sängerin Victoria Legrand die Auszeit. »Das Schreiben und Aufnehmen fühlt sich für uns wie eine Art Jahreszeit an«, fügt Gitarrist Alex Scally mit Begeisterung in der Stimme hinzu. »Im Sommer kann man es kaum erwarten, sich die Klamotten vom Leib zu reißen und Spaß zu haben. Mit der Musik ist es ähnlich. Irgendwann signalisiert dir etwas, dass es Zeit ist, neue Songs zu schreiben, und du stürzt dich hinein.«

Noch auf dem Vorgänger »Bloom« rückte der Beach-House-typische akustische Weichzeichner zugunsten eines fülligeren Sounds in den Hintergrund. Die neuen Stücke orientieren sich nun wieder am frühen Werk der Band. Für das Duo aus Baltimore ist »Depression Cherry« die Metapher für eine Reise innerhalb ihrer eigenen Existenz – die darauf vertonten Gefühlszustände, Energien und Orte verschmelzen zum Sinnbild ebenjener Farbe, die das aktuelle Albumcover ziert. 

Kein business as usual

Dass die Band sich künstlerisch gesehen nicht krampfhaft neu erfindet, stört Victoria Legrand wenig, wie sie betont: »Für Alex und mich hat unsere musikalische Entwicklung eher etwas mit den in uns stattfindenden Prozessen zu tun als mit externen Veränderungen wie dem Sound. Wichtig ist für einen Künstler nur das Innere, wenn er schreibt. Die Gesellschaft tendiert dazu, die Vergangenheit zu ignorieren, um Fortschritte zu erzielen. Aber ich glaube an die Kraft der Tradition. Es muss nicht immer etwas völlig Neues entstehen.« Um der Gefahr einer erzwungenen Innovation zu entgehen, beschlossen die beiden, die Reißleine zu ziehen: »Wir wollten beim Schreiben der neuen Songs bewusst alle Stimmen von außerhalb zum Schweigen bringen«, verrät Alex Scally. Dafür notwendig war auch die Loslösung aus jeglichen kommerziellen Kontexten. 

Doch funktioniert so ein radikaler Schnitt für eine international erfolgreiche Band wie Beach House, die in den über zehn Jahren ihres Bestehens weit über die Grenzen des Indie-Kosmos’ hinaus bekannt wurde? Überraschend eindeutig fällt Victoria Legrands Urteil aus: »Kennst du das Gefühl, wenn du draußen Lärm hörst und ihn ausblenden willst? Du schließt die Fenster und ziehst die Vorhänge zu. Wir haben genau das getan. Alle geschäftlichen Entscheidungen spielten in dieser Phase keine Rolle.« Die Distanz wurde erst nach Fertigstellung der Platte abgebaut, wie Scally bekräftigt: »Solche Dinge sind nur für die Veröffentlichung und die Planung der Tour wichtig. Einst waren Künstler nicht so stark von diesen Gedanken eingenommen wie heute. Im Grunde verhalten sich Bands immer mehr wie Geschäftsleute.« 
Dunkle Gewässer sind tief

So verbarrikadierten sich die beiden Dream-Pop-Querdenker zusammen mit ihrem langjährigen Begleiter und Produzenten Chris Coady im Studio und ließen Label und Management mit scharrenden Hufen zurück. Als passender Ort für die zeitweilige Isolation erschien der Band die Ortschaft Bogalusa in Louisiana. Deren Name bedeutet dem indianischen Ursprung nach »dunkles Wasser«. Ein perfekter Marketing-Gag? Legrand schüttelt amüsiert den Kopf: »Wir erfuhren erst von der Bedeutung des Namens, nachdem wir uns für die Aufnahmen dort entschieden hatten. Es war purer Zufall.« Scally gibt sich redlich Mühe, nicht in Gelächter auszubrechen: »Ich hatte mir die Promo eigentlich so vorgestellt: Bogalusa, das dunkle Gewässer von Louisiana, wo Beach House die düstere Kraft der Finsternis spürten!« 

Eigentlicher Grund für die Aufnahmen im Süden der USA war das genaue Gegenteil: Beach House sehnten sich im bitteren Winter Ende 2014 nach Wärme. Alex Scally wird wieder ernst: »Wir wollten die wenigen Momente abseits der Zeit im Studio nicht in der klirrenden Kälte verbringen und stattdessen Rahmenbedingungen schaffen, die uns guttun würden. Bei 12-Stunden-Arbeitstagen sind Pausen knapp, da verbringt man diese Momente lieber im Sonnenschein.« 

Dort führten sie auch Zwiegespräche mit Chris Coady, mit dem die beiden bewusst erneut zusammenarbeiteten: »Es war schön, jemanden um uns zu haben, den wir nicht von Grund auf neu kennenlernen mussten. Das Studio ist stets eine sehr emotionale und physische Erfahrung, dein Geist und deine Gefühlswelt tanzen im Prinzip miteinander«, schildert Legrand den Prozess. Im Fall von Beach House wäre das vielleicht ein Slowfox im Schwebezustand, der einen neun Songs lang durch »Depression Cherry« trägt. 

Beach House »Depression Cherry« (Bella Union / Coop / PIAS / Rough Trade / VÖ 28.08.15)

Beach House

Depression Cherry

Release: 28.08.2015

℗ 2015 Bella Union