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Heart Of Darkness

Barry Adamson

"'cause there's a conflict in every human heart between the rational, the irrational, between good and evil. And good does not always triumph." (General Corman in "Apocalypse Now") Das Licht im Theatersaal geht aus. Das letzte Husten des Publikums fällt zusammen mit den ersten Streicherklängen vo
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"'cause there's a conflict in every human heart between the rational, the irrational, between good and evil. And good does not always triumph." (General Corman in "Apocalypse Now")

Das Licht im Theatersaal geht aus. Das letzte Husten des Publikums fällt zusammen mit den ersten Streicherklängen von "Cinematic Soul", dem Opener des neuen Albums von Barry Adamson. Nach einigen Sekunden wird der Vorhang an einer Stelle kurz geöffnet: Adamson tritt auf die Bühne. "Guten Abend, geehrtes Publikum, willkommen zur Show. Heute abend geht's um den 'King Of Nothing Hill'. Wir werden uns jetzt in der Dunkelheit zusammensetzen und uns die Vorgänge auf der Bühne anschauen." Dann zeigt Adamson in den Orchestergraben: "Darf ich Ihnen noch kurz die Musiker vorstellen. Und dort", er zeigt auf die die Bühne betretenden Schauspieler, "kommen schon die Charaktere auf die Bühne. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen."

Willkommen in der Welt von Barry Adamson. Der Welt eines Geschichtenerzählers. Wo andere Bücher schreiben oder Filme drehen, schreibt er Musik. Auf seinen Platten entwickelt er Charaktere, Plots und Geschichten, setzt das alles musikalisch um - und zieht sich dann in den Hintergrund zurück. Es geht ihm nicht darum, als authentisch Leidender rezipiert zu werden und durch das Mitgefühl des Publikums die Katharsis zu erreichen, er lässt lieber fiktive Charaktere leiden: "Ich würde nicht wollen, dass jemand mit mir das durchmacht, was ich manchmal durchmache." Sagt es und muss dabei selbst ein wenig lachen.

That Fool Was Me

Immerhin. Die Distanz, die Adamson zu seinen Charakteren hält und die ihm erlaubt, sich sarkastisch über deren selbst verursachten Probleme zu mokieren, ist dieselbe Distanz, aus der Adamson auch seine eigenen Geschicke betrachtet. Vor seiner deutlich hörbaren Schadenfreude ist nicht mal er selbst sicher. "Vor einigen Monaten bin ich auf einem Marmorfußboden ausgerutscht. Ich hing wirklich waagerecht in der Luft - und plötzlich war es wie im Film 'Matrix'. Die Zeit stand still, ich konnte mich selbst aus verschiedenen Perspektiven betrachten und hatte eine Unterhaltung mit mir selbst. 'Okay, ich schwebe jetzt hier also über dem Boden. Wenn ich gleich auf der falschen Seite lande, dann werde ich meine künstliche Hüfte, die ich seit ein paar Jahren habe, auf dem Marmor hier zerschmettern. Was mach' ich jetzt bloß? Ich muss mich irgendwie abstützen. Mann, ich bin so ein Idiot.' Und im nächsten Moment knalle ich auf den Boden, schaffe es aber, mich abzustützen, und hatte Glück. Ich würde aus der Situation gerne einen Film machen. Und etwas von dieser Betrachtungsweise ist auch auf der Platte zu hören."

Go Inside, Find The Shit

Bei "King Of Nothing Hill", Adamsons neuestem Werk, lässt der Erzähler/Adamson seine Hauptfigur aus einem vielversprechenden Leben in dunkle Abgründe abdriften. Auch wenn die Geschichte des sogenannten Kings noch funky und optimistisch - samt Gesangseinlage von Adamsons Sohn - beginnt, spätestens mit Stück Nummer vier ruft die Dunkelheit: "Dieser imaginäre Ort, Nothing Hill, ist so etwas wie eine Metapher für einen dunklen Fleck in meiner Seele, zu dem ich immer wieder hingezogen werde. Es ist ein Ort, der sehr einsam ist, wo man zu seinen Mitmenschen keinen Bezug mehr hat. Mit der Platte habe ich versucht, mir diesen Ort mal genauer anzusehen, seine Existenz zu akzeptieren und daraus etwas zu lernen." Adamson hat die Rückreise offensichtlich geschafft; ob seinem "King Of Nothing Hill" die Rettung gegönnt ist, weiß er allerdings nicht. "Es kann gut sein, dass mein Hauptcharakter am Ende stirbt. Am Ende der Platte ist so ein Geräusch, das einerseits andeuten könnte, dass er tot ist. Andererseits könnte es auch sein, dass er es schafft, da wieder rauszukommen. Das werde ich selbst wahrscheinlich auch erst in ein paar Jahren verstanden haben."

Look Hard, Find The Code

Dass nicht mal Adamson selbst weiß, wie seine Geschichte ausgeht, mag anfangs vielleicht verwundern, sagt aber auch viel über seinen Erzählstil aus, dem eine wesentliche Annahme zugrunde liegt: Jede Form von Kunst enthält codierte Botschaften. So lässt Adamson zwar vieles unausgesprochen, hat ein Rezipient aber erst mal seinen Code geknackt, erschließen sich ihm zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten. "Vor kurzem kam bei uns ein Film von Claude Chabrol im Fernsehen", erläutert Adamson seine Arbeitsweise anhand einer eigenen Wahrnehmung. "Zu Beginn des Films sieht man ein Mädchen auf der Straße spielen, eine Frau kommt dazu. Die trägt ein schwarzes Kleid mit ein paar Federn an der Schulter und fängt an, dieses Mädchen zu umkreisen. Ich konnte darin eine Anspielung an einen Geier erkennen, der seine Beute umkreist. Und hatte damit das Verhältnis zwischen den beiden Personen, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wurde, erkennen können."

"Das eigentlich Verblüffende ist nicht, wie leicht man in die Situation kommen kann, Unrecht zu begehen, sondern mit welcher Leichtigkeit man dies anschließend verdrängen kann." (Andrew Pyper, "Die Nachhilfestunde")

Zwei Motive tauchen auf "King Of Nothing Hill" immer wieder auf: der stückchenweise Verlust von Kontrolle und das Negieren von Verantwortung für das daraus Resultierende. "I don't even know how the gun got in my hand", lässt Adamson den King im Song "Whispering Streets" singen und macht damit deutlich: Hier ist jemand offensichtlich in Schwierigkeiten geraten - aber die Verantwortung dafür soll gefälligst jemand anders tragen. "Mir ist bewusst geworden, dass wir für alles, was wir tun, Verantwortung tragen. Und selbst wenn man in so eine Geschichte nur so reinschlittert - du bist irgendwie immer selbst schuld. Auf andere zu zeigen hilft da nicht wirklich, sondern verstärkt meiner Meinung nach dieses Gefühl der Isolation noch mehr - und lässt dich nur noch tiefer in den Schlamassel reinrutschen."

The Negro Inside Me

Für seine düsteren Klänge ist Adamson inzwischen bekannt - für musikalische Referenzen an Isaac Hayes und Sly & The Family Stone eher weniger. Dass diese auf "Nothing Hill" so deutlich zutage treten, hat zum einen natürlich mit seinen schon immer vorhandenen musikalischen Vorlieben zu tun, aber auch mit seiner Selbstwahrnehmung als Schwarzer. "Ich hatte das Gefühl, dass es jetzt für mich angemessen ist, deren Sprache, deren Werkzeuge zu benutzen. Isaac Hayes, Curtis Mayfield und auch Barry White im gewissen Rahmen haben ihre Blaxploitation-Musik ja auch als Widerstand gesehen. Als Teil des Kampfes gegen die Unterdrückung. Das wollte ich gerne wieder aufgreifen." Darüber hinaus ging es Adamson aber auch darum, sich deutlich von weißen Filmmusik-Komponisten abzugrenzen. "Besonders, wenn ich in den USA bin, sagt man mir immer: 'Hey, du bist doch dieser John-Barry-Typ aus London.' Ich denke dann immer: 'Moment, ich bin doch schwarz?' Die Orientierung an diesen musikalischen Größen war mir in vielerlei Hinsicht wichtig."

Sein neues Selbstverständnis als Musiker brachte Adamson auch auf die Idee, nach langer Zeit wieder mit einer Band auf Tour zu gehen. Wobei er sich weniger als Bandleader im Sinne eines James Last, sondern eher als Entertainer sieht. "Ich dachte mir, ich könnte ein wenig singen, dann wieder mal ein bisschen als Erzähler agieren und so die Ideen der Musik auf der Bühne umsetzen. Auf Leinwände werde ich aber verzichten. Das ist ja schließlich keine Filmvorführung." Adamson stutzt, als er das sagt: "Ich verwickle mich doch gerade in einen Widerspruch, oder? 'Das ist keine Filmvorführung - das ist ein Rockkonzert.' Wie auch immer: Ich wünsche mir, dass das Publikum sich in der Musik verliert. Da muss ich denen hoffentlich nicht sagen, was sie dabei sehen sollen." Die Gefahr, bei seinen Auftritten gegebenenfalls in Rockklischees abzudriften, sieht er nicht? "Nein, denn da komme ich schließlich her. Schon vergessen? Ich war bei Nick Caves Bad Seeds."