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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Lounge und Lobby

Barry Adamson

ADAMSON ist ein Gentleman und seine Ausdrucksform ist dunkelbrauner Samt. Nicht als Anspielung auf seine Farbigkeit. Sondern weil es als Bild stimmt. Es ist nicht blau und auch nicht schwarz und auf gar keinen Fall grün. Sein Anzug, ein Zweireiher mit etwas zu breitem Schlag ist an der Grenze zwisch
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Autor: intro.de

ADAMSON ist ein Gentleman und seine Ausdrucksform ist dunkelbrauner Samt. Nicht als Anspielung auf seine Farbigkeit. Sondern weil es als Bild stimmt. Es ist nicht blau und auch nicht schwarz und auf gar keinen Fall grün. Sein Anzug, ein Zweireiher mit etwas zu breitem Schlag ist an der Grenze zwischen 70er, 80er und Zeitlosigkeit. Er verbreitet die Aura eines Leben in Hotellobbys, eines Lebens aus Rauchwaren, Drinks und Bonmots, in dem Sex formvollendet oder aber alkoholisiert-animalisch stattfindet. Wegen zwei zurückligender Hüftoperationen zieht er das rechte Bein nach (was ihm sehr gut steht). Diese recht lange Krankenhauszeit war die Geburt der neuen Platte, die Geburt von Gesang und inhaltlicher Grenzerfahrung, wie sie in seiner Biographie ausgeführt wird. Aber war die Operation wirklich so schwierig, daß sein Gedanke von 'nicht mehr aufwachen' begründet war?
'Nein. Aber die Irrationalität ... Ich hatte vorher gelesen, daß statistisch einer von hundert Fällen auf dem Tisch sirbt. Wegen Blutverlust und so. Jedenfalls habe ich mich sehr mit dem Sterben und vor allem dem Tod des Egos auseinandergesetzt. Ist das Ego so kraftvoll, daß es sich gegen andere Realitäten durchsetzt? Oder kommt der Punkt der Erkenntnis, daß nichts wirklich existiert? Ich saß da mit ziemlich vielen Büchern und, naja, irgendwann habe ich mir gesagt, daß alles okay sein wird.' Film Noir, worauf letzten Endes dann doch alles hinausläuft, ist BARRYs Welt, die ihn auch mit dem alten Wegbegleiter NICK CAVE verbindet, in dessen schlechter Samen-Suppe er ein Zeitlang mitrührte. CAVE ist ein gutes Abgrenzungsmodell, um ADAMSON lokaliseren zu können. Beide haben mit Jugendkultur wenig am Hut, sind fasziniert von Morbidität und menschlichen Abgründen, doch wo CAVE zu jammern beginnt, wird ADAMSON noch mehr Beobachter, Detektiv, Flaneur. Umso erstaunlicher, daß er selbst seine innere Aufteilung mit 70/30 beziffert. 'Es scheint wahrscheinlich, daß der Schaupieler die 70% hat, aber es ist genau andersrum. Ich glaube an das, was ich mache. Und ich könnte es nicht machen, wenn es nicht so wäre. Vielleicht ist es Method Acting. Der Schauspielerteil ist eher eine Art Maske. Ein Spiel.'
Ein Spiel voll von schwarzem Humor. Morbidität und dann Entspannung. Ein guter Witz ist uinbezahlbar. 'Wobei NICK auch in der Lage ist, einen guten Witz zu machen. Sie sind nur schwerer zu finden in seinen Stücken. Und sie sind nicht unbedingt zum Lachen, was ja auch recht aufschlußreich ist.' Nein, sie sind nicht gerade die besten Freunde. Ihre möglichweise unausgesprochenen Animositäten lassen sie skurrilerweise von ihren Kindern ausgetragen, die allen Ernstes in der gleiche Schulklasse sind und sich regelmäßig beharken. Die Väter stehen dann als Trainer und Schiedrichter daneben und verhindern Schlimmeres. Durch ADAMSONs Neugeburt als tiefgründig-dunkler Poet im orchestralen Beat-Gewand fällt plötzlich auf, wie zeitlos-zeitgemäß er dasteht, ein väterlicher Verwandter von MC 900 FT. JESUS oder TRICKY. Daß er Leader und andere Follower sind, glaubt er aber, bescheiden-realistsich, nicht.
Er ist auch kein Nostaligiker. 'Ich glaube, im Jahr 2020 werden Leute, wenn sie fragen, was die zeitgenössische Musik des 20. Jahhunderts war, eine Platte von sagen wir mal DUSTY SPRINFIELD und die neue PULP in Bezug auf das Erscheinungsjahr nicht zuordnen können. Von daher, was ist Nostalgie? Wir sind voll mit Dingen, die in unserer Lebenszeit passiert sind. Ich denke, die Musik, die ich mache, ist zeitgemäß. Und ich habe keine Sehnsucht, in den 60ern zu leben. Ich habe Lust auf die Zukunft. Ich muß nicht in die Zeit, wo die Röcke kürzer waren, die Absätze höher...' (Augen leuchten)