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Ballroom-Geschichte

Le1f

Le1f belebt die Tradition des Voguing neu und hinterfragt Rollen-Klischees im Hip Hop.
Geschrieben am
Herkunft: New York
Bandmitglieder: 1
Genre: HipHop
Aktuelle EP: »Underwater« (BNR) / Aktuelles Mixtape: »Dark York«
Beim CMJ gesehen: MTV Showcase, Webster Hall, 18.10.2012

Selbst die MTV-Kameraleute, die schon so einiges in ihrem Showbusiness-Alltag erleben durften, schauen nicht schlecht drein angesichts der Show, die Khalif Diouf alias Le1f vor ihnen abzieht. Gemeinsam mit zwei Tänzern robbt der New Yorker Rapper recht freizügig gekleidet über die Bühne der Webster Hall. »Ich will doch auf der Bühne nicht aussehen wie mein Publikum«, erklärt ein sehr verschwitzter Diouf nach dem Auftritt. Wir sitzen auf einem dieser typischen New Yorker Hausaufgänge und genießen den milden Herbstabend. »Wir haben das zum ersten Mal vor zwei Tagen gemacht«, fährt er überraschend fort. »Aber es fühlt sich jetzt schon besser an, als wenn ich allein mit DJ auftrete. Es erdet die Show.«

Der gebürtige New Yorker ist im Stadtteil Hell’s Kitchen und an der Upper West Side als Sohn eines senegalesischen Einwanderers und einer Cherokee-Indianerin aufgewachsen. Zur Schule ging er an der Concord Academy, die seine Eltern ganz bewusst wegen der berühmten Ballett- und Tanzkurse ausgewählt haben. Seine frühe Neigung zum Tanz prägt bis heute das Auftreten von Diouf. »Ich beziehe mich mit allem, was ich mache, auf die New Yorker Ballroom-Geschichte, das Voguing.«

In der Tat erinnert die Choreografie im Videoclip zu »Wut«, mit dem er auf YouTube mittlerweile mehr als eine halbe Millionen Aufrufe erreicht hat, an die Voguing-Ära. Der Clip hat ihm in der geschlechterpolitisch leider doch noch sehr regressiven HipHop-Community nicht nur positives Feedback eingebracht. Vor allem die Sequenz, in der Diouf auf dem Schoß eines weißen Jungen sitzt, dessen Knie so unter ihm hervorkommt, dass man es zunächst für seinen Penis hält, sorgte auf der WorldStarHipHop-Seite für merklich homophobe Anfeindungen seitens der User. Darauf angesprochen, lacht er nur: »Es ist gut, wenn sich die Leute daran reiben. Ich mag es, Diskussionen hervorzurufen.«

Erstmalig bekannt wurde Diouf, als er 2008 gemeinsam mit Das Racist das Stück »Combination Pizza Hut And Taco Bell« produzierte, das nur so gespickt ist mit Samples aus der schwulen Voguing-Ära. Mit dem Anfang 2012 veröffentlichten Mixtape »Dark York« gelang ihm kurz nach seinem College-Abschluss auch allein der Schritt in das Zentrum der Wahrnehmung. Keine Selbstverständlichkeit für einen bekennend schwulen Rapper wie ihn, betont Diouf. »Ich habe viele ältere Musikerfreunde, die mich als Rapper geprägt haben und die schwul, lesbisch oder transsexuell sind. Diese Generation hat noch nicht die Beachtung bekommen, die sie verdient hätte.« Dementsprechend dankbar ist er, dass es endlich eine große Offenheit gibt und die Dinge in Bewegung kommen.

Die Musik zu seinen sexuell aufgeladenen Raps produziert der Anfang Zwanzigjährige zur Hälfte selbst, die anderen Tracks kommen von Future-Bass-Produzenten wie Nguzunguzu und Matt Shadetek. Mit Techno und Electro sozialisiert und in den New Yorker Chillwave- und Industrial-Kreisen zu Hause, steht Diouf für eine neue HipHop-Generation, die lieber zu experimentellen Beats rappt und nicht den klassischen Loop-Sound wählt. »In Amerika ist das nicht mehr so konfrontativ für die Leute«, erklärt er, auf seine Produktionen angesprochen. »Produktionsstile wie beispielsweise 8bit werden immer populärer. Hör dir nur mal ›Motivation‹ von Kelly Rowland an, das sie mit Lil Wayne produziert hat, das klingt krass nach Zomby. Oder ›Type‹ von A$AP Rocky, der hat seine Beats von Clams Casino.«