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»Bad Stream«

Bad Stream

Der Frittenbude-Gitarrist Martin Steer reizt mit seinem Soloprojekt Bad Stream die Synapsen bis an die Grenze zur Überforderung. Aber ist sein ambitionierter Anspruch aufgegangen? Die Kommentatoren streiten mit harten Bandagen.

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Man stelle sich vor, die Editors würden sich mal wieder zusammensetzen und überlegen, ihre schlechteste Platte zu schreiben. Das Ergebnis könnte der neuen Solo-LP des Frittenbude-Gitarristen Martin Steer recht nahe kommen. Geschult an Radiohead und vornehmlich englischem Pop der 2000er, hat sich Steer hingesetzt und eine Platte produziert, die vor allem für Kopfzerbrechen sorgt. Die ersten Sekunden wirken noch ganz verlockend. Es pluckert, ein spröder Stream an Sounds folgt, doch allzu bald kommt die Stimme Steers ins Spiel. Und ab diesem Punkt nimmt das Unheil seinen Lauf. Das liegt nicht unbedingt an Steers (Sprech-)Gesangsleistung selbst, denn die ginge noch als wenig aufsehenerregender Durchschnitt durch. Es liegt vielmehr an den Texten, die das Album gruselig machen. Steer scheitert an seiner verkopften Herangehensweise. Er hat Bad Stream als ein Projekt konzipiert, das sich die aufgekratzten Zeiten der Gegenwart vornimmt, das permanente Entgegenballern von News, Feeds und Messages. Unter diesem Einfluss des Informations-Overkills (Zitat Steer: »Ich schaue immer auf mein Telefon, selbst während ich Gitarre spiele«) ist nur leider musikalisch vieles auf der Strecke geblieben, denn letztlich handelt es sich bei den Stücken auf »Bad Stream« um Pre-Set-Indie mit einem experimentelleren Ansatz, der einem Jonny Greenwood nachzueifern versucht und daran scheitert.
Lars Fleischmann

 

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Dass Martin Steer mit seinen Aufgaben als Gitarrist von Frittenbude nicht ganz ausgelastet ist, zeigten in der Vergangenheit schon diverse Nebenprojekte, mit denen sich der Berliner stets weit vom angestammten Electro-Punk seiner Hauptband entfernte. »Bad Stream« ist darin nun das ambitionierteste und stilistisch verwegenste Werk. Mit der für ihn charakteristischen ernsten Aufrichtigkeit und Kunstbeflissenheit ist dieses Album ein Kommentar zu Informationsüberfluss und Technikabhängigkeit. Musikalisch ist es ungemein dicht und fordernd, der Ideenreichtum ist enorm und kann zweifelsohne auch überfordern. Steer arbeitet mit Sprach-Samples und bedient sich bei Electronica, Ambient, Industrial- und avantgardistischerem Indie-Rock, sicher auch bei den zu oft herbeizitierten Radiohead, allerdings ohne sich über eine längere Strecke auf eine stilistische Linie festzulegen. Seine leichte, etwas verschlafen wirkende Stimme bildet zu diesen Arrangements einen reizenden, aber auch kontroversen Kontrapunkt. Wie oft in solchen Fällen ist »Bad Stream« ein Album, dem man sich intensiv widmen muss und erst dann die eng verflochtenen Stimmungen und Sound-Cluster in all ihren Facetten entdeckt. Wer dazu nicht die Muße hat, bleibt überfordert zurück. Für alle anderen wird diese LP zu einem der gelungensten Werke des Jahres an den und über die Grenzen von Avantgarde, Rock und elektronischer Musik hinaus.
Christian Steinbrink

Bad Stream

Bad Stream

Release: 30.03.2018

℗ 2018 Antime