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Quaristice

Autechre

Das bereits neunte Studioalbum des ewig morgigen Duos aus Manchester ist eine über 70-minütige Reise zu unentdeckten Orten, findet Thomas Bläsen.
Geschrieben am

'Quaristice' - bereits das neunte Studioalbum des ewig morgigen Duos aus Manchester. Ob Autechre die interessierte Menschheit mit ihrem neuesten Werk erneut so polarisieren werden wie anno 2001 mit ihrem Meilenstein der generativen Musik 'Confield'? Nicht die einzige offene Frage.

Wie rezipiert man eigentlich die Musik der Freunde des lutschbaren Löschpapiers? Da gibt es spätestens seit der sagenumwobenen 'Confield' zwei Schulen: Die einen, die aus den beiden gerne etwas Enigmatisches machen und schlichtweg meinen, hier gäbe es a priori nichts zu verstehen. Diese stellen sich fasziniert die Frage nach dem "wie" und bleiben fassungslos und ohne Antwort zurück. Folgerichtig kann man die Musiker nun in den Olymp der abstrakten Electronica hieven und sie zu Titanen der Technologie stilisieren. Die anderen kommen lieber mit musiktheoretisch arg komplexen Begrifflichkeiten wie Musique Concrète, Fraktale oder Autonome Musik daher. Es bleibt aber auch die Option, Autechre als wahnsinnig und unhörbar zu verdammen.

All dies sei erst mal getrost ignoriert, denn jede Perspektive hat sowohl recht als auch unrecht. Kümmern wir uns also schlicht um das neue Werk: Der Opener 'Altibzz' erinnert sanft und voluminös an die ambiente Seite Autechres, die viele besonders mögen. Wohlig warm widmet man sich hier dem Fluss der Modulationen - abstrakt, schön, ohne Beats. Nur um kurz darauf mit 'The Plc' und weiteren Attacken und Explosionen wie 'IO', 'plyPhon' oder 'Perlence' spitze Klänge und zerhackte Polyrhythmik durch den Äther zu jagen.

Und dann sind sie wieder da, diese Patterns, die sich verändern und die mannigfaltig morphen. Mit dieser Technik polarisieren Autechre nicht nur, nein, sie greifen auf einer philosophischen Ebene das Phänomen Musik an: Warum soll sie schön sein, warum muss alles Sinn ergeben? Brachen sie vor der 'Confield' noch Beats und Samples, so brechen sie seit 2001 mit ästhetischen Konzepten, Ideen und mit Prämissen von Kunst im Allgemeinen. Das Teufelsding, das neben Lab Jack auch erneut auf "Quaristice" zum Einsatz kommt, schimpft sich MAX Patches. Ein Apple-Tool, mit dem sie viel "komponierten".

Was wohl im Laufe der Jahre sehr anstrengend und vielleicht auch zu akademisch wurde: "In letzter Zeit haben wir extrem viele Gigs gespielt. Dabei haben wir festgestellt, dass uns das Live-Spielen mehr Spaß gemacht hat als die Produktion des letzten Studioalbums. Also benutzten wir viele Jam-Sessions für ›Quaristice‹. So ergab sich ein sehr direktes, intuitives Album. Die Tracks darauf sind in einem Fluss entstanden." Jedoch sind viele der 20 (!) Tracks erstaunlich und ungewohnt kurz geraten. Hier ufert nichts mehr aus und verliert sich in der Welt der Geister, die man aus den Rechnern und Geräten rief. Meistens jedenfalls. Autechre sind hier verdammt on point. Auch beim Krach. Einen Trademark-Sound, der ihnen gerne mal unterstellt wird, haben sie jedoch nicht. Fragt man sie, was sie von solchen Aussagen halten, so ist die Antwort klar: "Fuck off! Wir gehen einfach unseren Weg, machen das, was wir machen wollen, und sind einfach ehrlich zu uns selbst. Unser Sound hängt ab von dem Arbeitsprozess, auf den wir grade Lust haben. Ohne Kompromisse!"

Das hört man, das fühlt man, das versteht man! Und ja, es ist wieder ein Meilenstein, denn hier ist der scheinbare Schritt zurück mindestens drei Schritte nach vorn! Wie sehr das nun wieder polarisieren wird, interessiert weder den Künstler noch den Kritiker. Denn wie es ist, ist es. Warum? Wie? Who cares? 'Quaristice' ist eine über 70-minütige Reise zu unentdeckten Orten und erzählt vom Outer Space der Festplatten und den Grenzen der aktuellen Hard- und Software. Und so endet nach einigem sperrigen und enorm kickenden Noise auch das Album so, wie es anfing: Die letzten zwei Tracks sind traumhaft, ruhig, verstörend schön. 'Quaristice' ist eine hermetische Halluzination.