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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eine bessere Welt ist möglich

Austra im Gespräch

Während das Weltgeschehen dieser Tage eher wirkt, wie die ersten Kapitel eines dystopischen Zukunftsromans, werben Austra auf »Future Politics« für konstruktiven Optimismus und den Mut, Utopien zu denken. Bandleaderin Katie Stelmanis verrät im Interview mit Daniel Koch Antrieb und Inspiration und erklärt, warum ausgerechnet die Garanten für hochdramatische Popmusik nun auf diesen Wegen wandeln.
Geschrieben am
Bereust du es bereits, dem Album einen programmatischen Titel wie »Future Politics« verpasst zu haben?
Nein. Ich rede sogar lieber über Politik als über Musik. Allerdings nur, wenn ich nicht zum x-ten Mal die Wahl von Trump kommentieren soll. Ich will die Menschen mit diesem Album motivieren, in Zukunft völlig neue Wege des Zusammenlebens zu gehen. Darüber den ganzen Tag zu reden und für diese Idee zu werben, macht mir einen Riesenspaß.

Popmusik und Politik zu verbinden, ist ein schmaler Grat. Das gelingt nur wenigen. Für mich funktioniert es bei euch, weil ihr nicht bloß Parolen vorbetet, sondern eigene Emotionen und Ängste als Ausgang nehmt – und dabei geradezu optimistisch klingt. Wie kam es zu dieser eher ungewöhnlichen Zusammensetzung? 
Politik mag manchmal abstrakt und elitär wirken, aber sie hat direkte Auswirkungen auf die Leben der Menschen. Momentan passieren viele Dinge, die mich zutiefst verunsichern, deshalb war es schlüssig, diese Ängste als Basis für meine Überlegungen zu nehmen. So wird das Thema zugänglicher. Die Idee kam mir, als ich auf einem Festival in Belgien zum ersten Mal eine Show von Massive Attack sah. Ich liebe es, wie sie die Bühne nutzen. Die Musik ist hochemotional gleichzeitig flimmern auf großen LED-Screens Slogans, Textfetzen, manchmal Schlagzeilen, die mich noch Tage später beschäftigt haben. Man spürt durch diese Verbindung, wie sehr Massive Attack diese Themen am Herzen liegen.

Dein Song »Utopia« funktioniert auf diese Weise: Am Anfang stehen Einsamkeit und Verzweiflung in einer »city full of people I don’t know«, aber dann singst du: » I can picture a place / Where everybody feels it too / It might be fiction but I see it ahead / There's nothing I wouldn't do / Utopia«. Woher der Optimismus? Den fand man zuvor bei Austra ja eher selten. 
Du hast recht. Anfangs dachte ich auch, ich schreibe einfach wieder ein trauriges Album. Mir kam alles so hoffnungslos vor. Es ist so verdammt frustrierend zu sehen, wie vieles auf der Welt einfach nicht zu funktionieren scheint. Während des Schreibprozesses wuchs aber die Erkenntnis, dass Optimismus als treibende Kraft wichtig ist. Wie soll sich denn jemals etwas ändern, wenn man ständig frustriert ist? Und um Optimismus zu wecken, muss man Lösungen präsentieren. Es müssen ja nicht die richtigen sein, aber immerhin zeigen sie einen Ausweg. Für mich ist Science Fiction eine sehr treibende, kulturelle Kraft. Sie zwingt dich mit ihren Szenarien auf unterhaltsame Weise zu einem Paradigmenwechsel und liefert manchmal zwar abgefahrene, aber vielleicht gar nicht unbedingt abwegige Lösungen.
Das klingt, als hättest du dich ausgiebig in das Thema eingelesen. Welche Bücher haben dich inspiriert? 
Das waren eher Sachbücher: Es begann mit Naomi Kleins »No Logo«. Obwohl es schon 2000 erschien, ist es immer noch das zugänglichste Buch über die Risiken und Nebenwirkungen des Kapitalismus. Ich finde, es ist heute aktueller denn je. Der Kapitalismus ist treibende Kraft vieler Ungerechtigkeiten und er wird diesen Planeten früher oder später zu Grunde richten. Die Frage, wie man ihn überwinden und vor allem durch ein anderes System ersetzen kann, ließ mich nicht los. Ich wollte möglichst viele, diverse Meinungen dazu lesen. Durch einen Freund fand ich »Kleine Geschichte des Neoliberalismus« von David Harvey, der sehr zugänglich und zugleich kritisch schreibt, obwohl er ein hochdotierter New Yorker Professor ist. Außerdem recherchierte ich viel im Internet und fand so »Inventing The Future« von Nick Srnicek und Alex Williams. Die beiden formulieren das sogenannte »#ACCELERATE MANIFESTO«. Im Grunde geht es um die Idee, dass uns Technologie vollständig von Arbeit und Kapital befreien wird. Niemand wird mehr arbeiten müssen, und wer Hunger oder Durst hat, nutzt eine Maschine wie den Replikator aus Star Trek. Das mag unrealistisch oder hoffnungslos optimistisch klingen, aber es löste bei mir all diese Gedanken über mögliche Zukunftsvisionen aus.

Wie gehst du mit der Tatsache um, dass du als Musikerin ja auch aktiver Teil des Kapitalismus bist? 
Das ist ein Totschlagargument, das einen nicht weiterbringt. Und trotzdem erstickt es immer wieder viele gute Impulse. Was ist denn die Alternative? Du kannst versuchen, außerhalb des Systems zu leben, aber dann wird dich erst recht keiner mehr hören. Es gibt die Alternative eben noch nicht. Außerdem finde ich es heutzutage vermessen, ausgerechnet Musikerinnen und Musiker Kapitalisten zu nennen. Wenn du nicht gerade Kati Perry oder Justin Bieber bist, ist es ein überschaubares Einkommen, weil Musik heute for free rausgeschleudert wird. Im Grunde ist es super – Musik sollte für alle da sein – aber es kann nicht angehen, dass wir für unsere Kunst nur ein paar Cents verdienen, während ein paar große Firmen reich werden. Aber das Fass will ich jetzt gar nicht erst aufmachen ... 

Ein Großteil des Albums entstand in Mexiko. Warum nicht in deiner Heimat Kanada? 
Mexiko war reiner Zufall. Ich hatte mir ein paar Monate zum Schreiben frei genommen. Es war Winter und den wollte ich nicht in Montreal verbringen. Also kaufte ich ein One-Way-Ticket nach Mexico City und kam bei Freunden von Freunden unter. So hatte ich gleich meine eigene Crew und war viel in der Szene unterwegs. Ich entdeckte sogar eine Musikrichtung, die mir bisher völlig unbekannt war: Electro Kumbia. Dieses Genre ist faszinierend und wahnsinnig energetisch. Meine erste Electro-Kumbia-Party hat mich regelrecht umgehauen. Im Grunde ist es eine Mischung aus indigener, lateinamerikanischer Musik und modernen elektronischen Beats. Der Stil ist hochpolitisch aufgeladen, weil die Produzentinnen und Produzenten damit im Grunde sagen wollen: »Fuck America!«. Es ist antikapitalistische, antikolonialistische Musik. In Kanada gibt es gerade eine ähnliche Strömung: A Tribe Called Red zum Beispiel, die indigene Musik mit EDM verbinden und damit wahnsinnig erfolgreich sind. Das ist sehr spannend.

Austra

Future Politics

Release: 20.01.2017

℗ 2017 Domino Recording Co Ltd