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Willkommene Steuerzahler

Ausländische Künstler in Deutschland

Wer sich schon immer mal gefragt hat, was eigentlich in VIP-Bereichen hinter der Bühne vor sich geht, dessen Neugier sei gestillt: Hier sitzt man gemütlich beieinander, redet über das nächste große Ding, coole Klamotten, über die Vor- und Nachteile des Barriqueausbau und natürlich über Steuerrec
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Wer sich schon immer mal gefragt hat, was eigentlich in VIP-Bereichen hinter der Bühne vor sich geht, dessen Neugier sei gestillt: Hier sitzt man gemütlich beieinander, redet über das nächste große Ding, coole Klamotten, über die Vor- und Nachteile des Barriqueausbau und natürlich über Steuerrecht und Gesetzesverordnungen. Gegenwärtig hat der Paragraph 50a Abs. 4 EstG, auch bekannt als Ausländersteuer, Chancen, zur ganz heißen Sache der kommenden Saison zu werden. Die Regierung Kohl hatte einst die Besteuerung von Gagen, die ausländische Künstler in deutschen Aufführungshallen, Galerien oder Clubs einnehmen, pauschal auf 25 % angesetzt. Diese Ausländersteuer an sich schien sinnvoll, war es doch zu dieser Zeit unter Fernsehmoderatoren und Fußballern très à la mode, zwecks Steuervermeidung ins benachbarte Ausland zu ziehen. In der Folge wurde aber vor allem der ausländische Künstler als Regelungssubjekt entdeckt. Und weil der nach der Darbietung gerne mal heimfliegt, ohne seine Steuer zu zahlen, wurde festgelegt, dass für die korrekte Abwicklung der deutsche Veranstalter, die Bookingagentur oder auch das Label oder der Verlag verantwortlich ist.

Es kam zu den bekannten Protesten und später zu einer Korrektur des Gesetzes. Diese wurde recht positiv aufgenommen. Ganz im Zeichen der Zeit wird nun sehr leise hier und da scheinbar am Revival des Paragraphen 50a Abs. 4 EstG gearbeitet. Dieser bezieht sich nämlich nicht nur auf die Einkünfte aus künstlerischen oder sportlichen Darbietungen im Inland, sondern auch auf die Einkünfte aus der Verwertung von Rechten ausländischer Künstler. Dazu kommt, dass beispielsweise die Kosten des Videodrehs, für Coverartwork oder die Reisekosten ebenfalls den Einnahmen des Künstlers zugerechnet und entsprechend versteuert werden müssen. Das ergibt sich aus einem Urteil des Bundesfinanzhofs, in dem ein jahrelanger Streit um die Anrechnung von Übernachtungskosten während einer Tournee geklärt wurde, diese sind nun als Einnahmen des Künstlers zu werten. So fallen auch hier die mittlerweile bis zu 20 % an. Unter Umständen kann zwar insgesamt auf eine Versteuerung in Deutschland verzichtet werden – das dazu im »Merkblatt zur Entlastung von deutscher Abzugsteuer gemäß § 50a Abs. 4 EStG aufgrund von DBA« beschriebene Procedere kennen aber nicht viele, häufig nicht einmal die zuständigen Sachbearbeiter des Finanzamtes. Wohl aber einige Steuerprüfer. Nur zufällig bekam etwa Jeannette Gustavus, Chefin von Stickman, mit, dass bei einigen Labels entsprechende Prüfungen »Auffälligkeiten« gezeigt hatten. Sie musste in einem langwierigen Prozess erst einmal die genauen Regelungen recherchieren, die selbst dem damaligen Steuerberater nicht bekannt waren, dem Finanzamt den Sachverhalt selbst anzeigen, um der Gefahr eines späteren Bußgeldes zu entgehen, in mühevoller Kleinarbeit die Zahlungen der vergangenen Jahre nochmals entsprechend den Anforderungen zusammenstellen, Verträge zusammensuchen und teilweise übersetzen lassen, die fragliche Summe komplett überweisen, um sie etwas später wieder zurückerstattet zu bekommen. Da trotz der zu erwartenden Rückerstattungen auf die Zahlung nicht verzichtet werden konnte, sahen sich Stickman schon kurz vor der Pfändung. Man könne ja nicht etwas rückerstatten, was nicht schon gezahlt worden sei, so der Bescheid, auch ein Aussetzen der Schuld war nicht möglich. Die Bank, um schließlich den nächsten großen Spielverderber in unserem Land zu nennen, wollte keinen kurzfristigen Kredit geben. Hätte man sich das Geld nicht zusammenleihen können, hätte es ganz düster ausgesehen. Trotzdem gedeiht sie, die Kultur in Deutschland. Ob der ausländische Künstler, der ja schon ein paar Steuern hier erwirtschaftet hat und irgendwann auch selbst im inspirierenden Klima zwischen Berlin und Köln leben will, entsprechend freudig und warmherzig aufgenommen wird? Das neue Zuwanderungsgesetz setzt die Hürden für ausländische Selbständige nach wie vor ganz locker an: Eine Million Euro in Deutschland investieren, zehn Arbeitsplätze schaffen, und schon darf man rein. Beim Zuzug von Künstlern ist man etwas genügsamer, wichtig ist hier vor allem, dass der Zuwanderer nachweist, dass er von seiner Kunst leben kann und nicht etwa am Ende gar noch eine niedrig qualifizierte Tätigkeit zur Sicherung seiner Existenz aufnehmen will. Dazu gewährt er den Behörden beispielsweise das Recht, in seine Konten Einsicht zu nehmen, und weist eine ordentliche Krankenversicherung und einen Stapel Bestätigungen über künftige Engagements vor. Er bekommt dann eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, und wenn er nix anstellt, darf er nach einem Jahr unter Umständen für immer bleiben. In Köln ist die Beratung während des ganzen Procedere recht gut und freundlich, erzählt Sheldon Thompsons Freundin Nadine, die den Kanadier (auch bekannt als Pan/Tone oder Sid LeRock) durch den Antragsprozess begleitet hat. Auch in Berlin haben sich in letzter Zeit eine Menge Leute niedergelassen, und man hört wenig Schlechtes. Sieht es mit den Bookings noch nicht so gut aus, so lässt dagegen die nette Sachbearbeiterin in Stuttgart wissen, könne man Land, Kultur und Leute doch erst mal mit dem drei Monate gültigen Touristenvisum kennen lernen und im Laufe dieser Zeit noch mal persönlich vorstellig werden. Weitere Nachfragen blieben in diesem Fall unbeantwortet.

Wie auch bei vielen anderen spannenden Geschichten aus der Welt der Bürokratie gilt: Eine große Rolle spielt der Ermessensspielraum der einzelnen Sachbearbeiter und natürlich auch deren Einsatz bei Beratung und Information. Kommt der nackte Gesetzeslaut zur Anwendung, in Zeiten knapper Kassen eine beliebte Dienstanweisung, wird es teilweise sehr absurd. Dabei geht es gerade im Indiebereich häufig um marginale Beträge und um einen Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Nutzen aus steuerlicher Sicht gesehen werden kann. Es bleiben unglaublich viele verplemperte Arbeitstage für alle Beteiligten, für Künstler, Veranstalter, Labelinhaber, Vereinsmitarbeiter, aber auch für Sachbearbeiter oder Prüfer in den jeweiligen Ämtern. Man möge diese Zeit einmal in Verhältnis zu einem durch die Abschaffung eines deutschen Feiertages gewonnenen Arbeitstag setzen. Yeah.

Ausländersteuer
Die 25 % Ausländersteuer wurden so begründet: Die Hälfte der Einnahmen wird pauschal als Werbungskosten angesetzt, die übrige Hälfte dann mit einem Steuersatz von 50 % versteuert. Mittlerweile gilt eine Progression, die ab einer Gage von mehr als 250 Euro pro Künstler und Auftritt einsetzt, der Spitzensteuersatz liegt seit 2003 bei 20 %. Weitere Informationen zum § 50a Abs. 4 EStG finden sich unter: www.bff-online.de/dba/10_dbade/.

Ausländer in Deutschland
In letzter Zeit bei uns eingezogen sind u. a.: Stewart Walker, Pierre Bucci, Mikael Stavöstrand, Magda, Richie Hawtin und Sheldon Thompson.