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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Was ist Musik heute noch 'wert'?

Ausgebrannt

"It's easy to point your fingers / And say you and you and you're wrong / But when it's time to be about unity / Huh-huh-huh you sing another song." (Kurtis Blow, "Under Fire") Mal ehrlich: "Heute schon gebrannt?" Schaut man bei Partys die CD-Sammlung des DJs durch oder bei Freunden das Regal, se
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"It's easy to point your fingers / And say you and you and you're wrong / But when it's time to be about unity / Huh-huh-huh you sing another song." (Kurtis Blow, "Under Fire")

Mal ehrlich: "Heute schon gebrannt?" Schaut man bei Partys die CD-Sammlung des DJs durch oder bei Freunden das Regal, selbstgebrannte CDs finden sich dort in immer größerer Anzahl wieder. Auf Schulhöfen wie in Firmen erweckt es oft den Eindruck, man habe es mit gut organisierten "Brenner-Gruppen" zu tun: Einer kauft das Album (oder zieht es aus dem Internet), und zehn kopieren es.

Auch die Medien und Teile der Wirtschaft (natürlich nur die, die davon profitieren) haben kein Problem damit, dieses Vorgehen zu hypen, sich dabei in juristischen Grauzonen zu verstecken und auf "das Recht der Privatkopie" zu verweisen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass eine Computerzeitschrift die neuesten Tipps und Tricks zum Umgehen eines Kopierschutzes verrät oder große Elektrofachmärkte CDs mit "billiger als selbstgebrannt" bewerben. Und nun verpackt auch noch Intro eine Kaufempfehlung mit den augenzwinkernden Worten: "Sofort brennen!"

Auch im Sprachgebrauch hat sich einiges geändert. Tauschte man Anfang der 80er-Jahre noch heimlich VHS-Kassetten aus, schließlich waren es ja Raub-Kopien, so ist das Morphem Raub und die damit einhergehende Konnotation heutzutage verschwunden. Wort und Tat wurden entkriminalisiert. Der Kanon "Brennen rules okay" hat sich durchgesetzt.

Nun schlägt die deutsche Tonträgerindustrie immer lauter Alarm. Sie hat im Jahr 2001 Umsatzeinbußen von 10,2% hinnehmen müssen. Zur Zeit machen gar aktuelle Quartalszahlen die Runde, in denen ein bis zu 40%iger Einbruch kommuniziert wird. Dabei stieg der Anteil des CD-Formats an den Gesamtstückzahlen in 2001 zwar nochmals überproportional an und überrundete mit 51% erstmals das Format MC, das Wachstum geht aber ausschließlich auf das Konto der CD-R. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsum-, Markt- und Absatzforschung wurden im letzten Jahr etwa 182 Millionen Rohlinge mit Musik bespielt, für die Urheber und Branchendienstleister leer ausgingen. Und die Prognosen sind noch dramatischer.

Schön, denken die einen, was interessiert mich denn die Tonträgerindustrie? Die hatten ihre fetten Jahre und verdienen jetzt immer noch mehr als genug. Falsch, sagen die Gemeinten, denn wenn die Industrie aufgrund rückläufiger Verkaufszahlen nichts mehr einnimmt, dann kann sie auch nichts mehr ausgeben. Das resultiert im Stopp von Signings, in der Schließung von Labels oder deren deutschen Departments (siehe "Def Jam"), in der Entlassung von Mitarbeitern und der Kürzung von Werbebudgets. Worunter Künstler, Konsumenten, Labels, Vertriebe, Handel und Medien gleichermaßen zu leiden haben. Der Kreislauf von Musik produzierenden Künstlern, darin investierenden Labels, darüber berichtenden Medien und die Produkte kaufenden Konsumenten - deren Geld wieder zurück an neue Künstler geführt wird - funktioniert nicht, weil der Konsument jetzt eigene Wege geht.

Was die Situation besonders prekär macht: Hersteller und Käufer werfen sich gegenseitig vor, Schuld an der Misere zu sein. "Diebstahl", schallt's aus dem einen Lager. "Abzocke", aus dem anderen. Fronten verhärten sich, beide Seiten heben den trennenden Graben immer tiefer aus. Intro steht als Interessenvertreter der Leser und kritischer Partner der Branche zwischen den Positionen, kann Wünsche und Forderungen beider Seiten verstehen, nachvollziehen. Und sieht es darum als Aufgabe an, für Dialog zu sorgen. So lud Intro zu einem Roundtable.

Zu Gast waren:
Mark Meyer (Geschäftsführer HMV Deutschland)
Benedikt Lökes (Unternehmenssprecher Warner Music)
Dr. Carl Mahlmann (Business Planing EMI)
Ansgar Fleischmann (Konsument, Musikfreak und Community-Member von intro.de)

Status Quo.

Ansgar Fleischmann: Ich sitze so ein bisschen zwischen allen Stühlen, weil ich nebenjobmäßig als Student in einem Einzelhandels-CD-Laden in einer Kleinstadt in Hessen arbeite. Und irgendwie ist das Hauptproblem, das ich sehe, dass alle aneinander vorbei reden und handeln. In heutigen Zeiten kann nicht nur die Industrie sagen: Uns geht's schlecht, und wir haben Umsatzrückgänge! Den Konsumenten fehlt das Geld auch, und Intro bekommt weniger Anzeigen. Man sollte irgendwie aufeinander zugehen, deshalb sitzen wir ja hier. Und was ich auch ein bisschen problematisch finde, ist, dass viel pauschalisiert wird: Es geht uns schlecht wegen der CD-Brenner, es geht uns schlecht wegen des Internets. Es sind doch so viele Faktoren.

Die Ursachenforschung fördert je nach Ausgangspunkt, Arbeitgeber oder Absicht des nach Erklärungen Suchenden unterschiedliche Ergebnisse zutage. Für die Vertreter der Musikindustrie ist klar: Das Brennen von aus dem Netz gezogenen MP3s und das massenhafte Kopieren von CDs sorgt für die Krise. Der Konsument hingegen findet die CD zu teuer und lässt das Produkt im Handel liegen. Verzichten muss er nicht, die Musik gibt es ja auch für umsonst im Netz. Ermutigt werden Kopierer auch vom Gesetzgeber, der die Privatkopie weiterhin zulässt. Ein effektiver Kopierschutz, der unerlaubten Vervielfältigungen Einhalt gebieten könnte, wurde bisher noch nicht gefunden - bzw. gerne auch öffentlich geknackt. Musik hat nichts zu kosten. Ist Musik dann auch nichts mehr wert? Welche Standpunkte vertreten die Anwesenden?

Intro: Der Anteil unbespielter Tonträger an allen verkauften Tonträgern (leer wie bespielt) betrug 1999 noch 33%. Im Jahr 2001 ist er auf 47% gestiegen. Die Musikindustrie zieht daraus den Schluss: Es wird immer noch viel Musik gehört - aber nur noch die Hälfte bezahlt. Der Konsument kauft kaum noch bespielte CDs. Was ist dafür die Ursache?

Carl Mahlmann: Die Gesamtzahl der Musik-CDs steigt unaufhörlich. Nur geht das auf das Konto der boomenden CD-R, und der Anteil der herkömmlichen, bespielten Tonträger geht dramatisch zurück. Es werden mehr CDs mit Musik gehört als je zuvor, das heißt, wir haben keine kreative Krise. Es gibt nur einen einzigen Grund, nämlich, dass man unseren Musik-Content zum Nulltarif nutzen kann. Wir wissen, was da passiert ist. Das Geld, das hier abgezogen wurde, wurde in DVD, Video, Kinobesuche, Modeartikel, Handys und PC-Artikel investiert. Das heißt, das Geld ist nicht verschwunden, sondern es ist umverteilt worden. Und warum? Weil man an die Musik-Contents ganz einfach und zum Nulltarif drankommt. Wenn nur noch unter 50% der Inhalte bezahlt werden, ist dieser Markt so nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Sind CDs zu teuer?

Intro: Unsere Leser sind sich weitgehend einig: CDs sind zu teuer. Angenommen, man hat ein monatliches Budget von 50 Euro für den CD-Kauf. Bekam man dafür vor einem oder zwei Jahren noch vier CDs, so sind es heute im günstigsten Fall noch drei. Bei einer Userbefragung auf www.intro.de im März 2002 meinte die Mehrheit: "Ich würde mir mehr CDs kaufen, wenn sie deutlich günstiger werden."

Carl Mahlmann: Das ist eine Mär. Die ganze Diskussion ist voller Unwahrheiten. Zum einen ist die Preiselastizität extrem gering, eine Reduzierung schon daher kaum machbar. Außerdem hat es vor dem 01.01.2002 überhaupt keine Änderung gegeben. Da hatten wir die D-Mark und keinen Euro, und da gab es auch keine Preiserhöhungen, die weitergegeben worden wären. Das, was wir jetzt Anfang des Jahres erlebt haben, das haben wir in allen anderen möglichen Bereichen auch erlebt, das erklärt die gesamte Entwicklung aber überhaupt nicht. Die CD des Jahres 2001 - Vollpreis -, um die es geht, kostet preisbereinigt weniger als eine LP des Jahres 1980. Ich hab' die Inflationsraten rausgerechnet. Die ganzen Argumente der gestiegenen Preise sind Bullshit. Man kann nicht nominale Preise von 1980 mit 2001 vergleichen. Guckt euch mal die Kinopreise an oder die GEZ-gebühren. Guckt euch mal an, was ein Buch kostet.

Benedikt Lökes: Schaut euch die CD-Preise in England oder Frankreich an. Die sind dort wesentlich höher. Oder vergleicht die CD Preise mit den Buchpreisen. Für einen neuen Roman z. B. von Umberto Eco zahlst du 25 EUR. Der wird einmal gelesen, vielleicht noch mal verliehen und dann in den Schrank gestellt. Unsere Tonträger hört man mitunter 30 oder 40 Mal. Die sollen dann aber zu teuer sein. Bei einer CD hat sich auch ein Künstler hingesetzt, hat komponiert und getextet. Das ist vom Arbeitsaufwand und künstlerischem Input absolut ebenbürtig.

Mark Meyer: Wir lassen Studien in unseren Läden mit den Kunden durchführen, wo sie zu unserem Sortiment Stellung nehmen. Und was dabei deutlich wird, ist, dass dem Endverbraucher die Handelspreise überhaupt nicht mehr nahezubringen sind. Bei Konsumenten gehen Sachen durch den Kopf wie: "Im letzten Jahr habe ich noch für eine CD beispielsweise 19,99 DM bezahlt, und nun bezahle ich 13 bis 17 Euro, wie kann das sein?" Also ist die Musikindustrie quasi ungewollt in diese ganze Euro/Teuro-Preisstrudel-Diskussion hineingeraten.

Intro: Kann man den Käufern das Zustandekommen der Preise nicht erklären und somit Verständnis erzeugen?

Carl Mahlmann: Ein Autoverkäufer erklärt seinen Kunden auch nicht, warum der Wagen so viel kostet. Wir wollen in diese Rechtfertigungsdiskussion nicht rein. Komischerweise beklagt man erst, seitdem die CD-Rs auf dem Markt sind, dass das Produkt zu teuer ist. Das ist ein schöner Witz. Das hat doch mit der Kalkulation überhaupt nichts zu tun. Wir können über Werte diskutieren. Und wie sie entstehen. Es gibt einen Marktwert und einen Wert, der von den Kosten her erklärt wird. Wir wollen nicht über den Kostenwert diskutieren, sondern über den Marktwert. Der Marktwert ist gesunken, weil das gleiche Produkt zum Nulltarif zu haben ist. Das heißt, es kostet 0,5 Euro, das ist der Marktwert für die CD heute. Zu dem Preis kann ich sie mir besorgen und brennen. Und die Differenz im Vergleich zu 15 Euro, die verstehen die Leute nicht mehr. Das muss man ihnen erklären, dass das, was sie da machen, nicht mehr in Ordnung ist. Und das muss man den Politikern beibringen, denn die haben diese Entwicklung bei ihrer Gesetzgebung nicht auf dem Schirm gehabt. Und die reagieren leider viel zu langsam. Wenn die noch ein bisschen warten, dann brauchen sie nicht mehr zu reagieren, dann war es das. Diese Entwicklung passiert ja in Schüben. Wir sind jetzt in der Phase, wo Plattenfirmen zusammengelegt werden. Das wird noch mal massiver kommen. Und der übernächste Schritt wird sein, dass die hier kein lokales Repertoire mehr produzieren. Da werden internationale Abteilungen sagen: Wir machen die lokalen Abteilungen dicht, weil die nicht profitabel sind. Und das bedeutet für deutsche Produktionen das Ende. Das ist die logische Konsequenz, wenn das weitergeht. Besonders dramatisch ist, dass die Peripherie bis heute auf der anderen Seite steht. Selbst der Musikmarkt berichtet ja gar nicht darüber, dass es um Piraterie und um CD-Rs geht, sondern dass die Musikindustrie kreative Fehler macht. Ob Radio, TV oder Print - die Medien stellen sich auf die andere Seite, nach dem Motto "weiter so". Habt ihr noch nicht gemerkt, dass ihr bei diesen Umsatzverhältnissen mit dran seid? Ich sage nur: Bei dieser Situation bricht die Peripherie mit einem Time-lag von 12 Monaten genauso weg, wie es uns erwischt, d. h., diese 40% Minus aus dem letzten Quartal, die wird die Peripherie auch haben. Wenn sich nichts ändert, werden 40% der Printmedien, der Musikradios und der Musikfernsehsender verschwinden. Das wird sich fortsetzen, es muss uns gelingen, das aufzuhalten!

Was ist aus der Online-Euphorie geworden?

Carl Mahlmann: Wir haben 1997 mit der Telekom das erste Download-Projekt gehabt. Ich glaube, das war das erste weltweit, da waren die Amerikaner noch nicht so weit. Nur - die Leute haben das natürlich nicht gemacht, weil die das Zeug um die Ecke umsonst bekommen haben. Nur: Die Bereitschaft der da bestehenden Peripherie und möglichen Partner, mitzumachen, ist gleich Null. Wir haben momentan einen Handelspartner, der mitmachen wollte, der aber immer noch nicht hochgefahren ist. Ein zweiter ist wohl dabei - und das von allen Händlern. Die Bereitschaft, jetzt in einen neuen Markt einzusteigen, noch mal zu investieren und ein Risiko einzugehen, ist sehr gering. Dazu kommt noch, dass man es sehr schwer hat als ein "lokales Unternehmen", hier lokale Download-Angebote hochzufahren. Was ich mir da schon alles an Problemen und Mühen eingehandelt habe, geht wirklich auf keine Kuhhaut. Aber ich ziehe das jetzt weiter durch, weil ich genau der Meinung bin: Wir müssen das jetzt machen!

Der technische Fortschritt spielt hier sicher eine entscheidende Rolle. Eine CD zu kopieren ist inzwischen leichter, als in Word eine Tabelle nach eigenen Wünschen zu erstellen. Das Resultat: Wer neue Musik haben will, geht nicht mehr zwangsläufig in einen Laden, sondern besorgt sie sich aus dem Netz oder von einer anderen CD. Dass es so weit kommen konnte, liegt auch mit daran, dass die Musikindustrie eine kundenorientierte Download-Alternative bisher hat vermissen lassen. Napster lief auf Grund. Die Majors können sich untereinander nicht abschließend auf Formate, Abgaben oder Lizensierungen einigen. Immerhin ging Pressplay, das gemeinsame Angebot von Sony und Vivendi Universal, mit seinen Nutzungsbedingungen einen signifikanten Schritt in Richtung Kundenverhalten. Man darf gespannt abwarten, wie die Konkurrenz darauf reagieren wird. Vielversprechend klingt das Konzept von popfile.de, dem Download-Angebot von Universal: Zum Preis von durchschnittlich 99 Cent können hier Songs in einem speziellen Format heruntergeladen und auf CD gebrannt werden.

Kopierschutz trifft doch nur den ehrlichen Käufer

Auch der Kopierschutz auf CDs hat noch nicht die erhoffte bremsende Wirkung gezeigt. Es gibt viel zu viele Nerds, die diesen kurz nach Erscheinen knacken. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Industrie bisher noch versucht, ein gesundes Mittelmaß zwischen "Level Of Protection" und "Playability" zu finden. Nicht zuletzt auch, um zu verhindern, dass ältere CD-Player oder transportable Geräte Probleme beim Lesen der CDs bekommen. Wie weit auch hier die Meinungen auseinander liegen, zeigt ein Beispiel: Am 5. August erschien das neue Album von Slut, von der Virgin mit einem Kopierschutz versehen. Den kommentierten einige "Fans" im Gästebuch von Slut, aber auch bei www.intro.de: "Habe alles bisher gekauft. Aber Pech für Slut: Die CD ist kopiergeschützt. Diese CDs verursachen nur Abspielprobleme bei mir und Freunden. Wir kaufen daher solche CDs nicht mehr! Hallo Plattenfirma, ihr könnt jetzt wirklich heulen, weil euch Umsatz entgangen ist!" Slut antworten noch moderat auf solche Vorwürfe: "Ein Kopierschutz, der keinen Rechner in die Bredouille brächte und die - gesetzlich erlassene - Sicherungskopie zuließe. [...] toll wäre das. [...] Deswegen möchten wir uns bei denen, bei denen die CD Probleme macht, entschuldigen." Joachim Witt hingegen schlug in einem Interview für www.grenzwellen.de ganz andere Töne an: "Ich würde auf die CDs zudem Programme einbinden, die das Betriebssystem sofort zerstören, sobald die CD in den Computer geschoben wird. Gnadenlos. Der jetzige Versuch der Plattenfirmen, durch Kopierschutz das Problem zu beheben, ist Pipikram, der zudem mehr Unmut verursacht, als dass er dazu führt, das Problem mit der Wurzel zu beseitigen."

Carl Mahlmann: Ich finde, da entstehen ebenfalls Märchen. Ich glaube, dass die andere Seite heftig dabei ist, so was zu verstreuen. Die Reklamationsquote liegt bei 0,00 und dann irgendwas Prozent. Es läuft auf fast allen PCs.

Ansgar Fleischmann: Es kommt auf den Kopierschutz an ...

Carl Mahlmann: Nein, nein. Schätzungsweise 80% verwenden den gleichen. Das Problem ist nicht die "Playability", die ist bei über 99% aller Equipments gesichert, sondern das "Level Of Protection". Das müssen wir noch verbessern.

Benedikt Lökes: Wir haben die "Bravo Hits" mit einem Kopierschutz ausgestattet. Es gab insgesamt 50 Reklamationen! Und das bei einer Compilation, die Hunderttausende verkauft.

Ansgar Fleischmann: Wobei die Qualität der CDs ja schon so gut ist, dass man die per Analog-Ausgang über die Soundkarte aufnehmen kann. Da ist fast jeder Kopierschutz sinnlos.

Carl Mahlmann: Wir wären ja schon heilfroh, wenn man sich auf ein Verfahren einigen könnte, dass man keine digitalen Kopien mehr machen kann. Den von dir geschilderten Schritt werden sicherlich noch ein Paar Prozent gehen, aber nicht alle, die zu den 47% führen.

Kopierer von CDs berufen sich übrigens pikanterweise auf das Gesetz. Denn: das Kopieren von CDs ist gesetzlich gestattet. Das Urheberrechtsgesetz sieht vor, dass Privatpersonen sich Kopien ihrer CDs erstellen und diese unentgeltlich an Verwandte und Nahestehende verteilen können. Eine genaue Zahl ist im Gesetz nicht angegeben, Rechtsexperten arbeiten dabei aber hin und wieder mit der Zahl sieben. Der Tonträgerindustrie ist das Gesetz verständlicherweise ein Dorn im Auge, schließlich wird es oft zitiert, während die neue "Bravo Hits", Oasis oder Eminem im Rechner dupliziert wird. Einer Novellirung des Gesetzes, die aufgrund der Einarbeitung einer EU-Direktive fällig war, sahen alle Beteiligten mit Spannung entgegen. Die Befürworter schlossen sich in Interessengemeinschaften zusammen - denen auch namhafte Politiker angehören -, die Gegner wandten sich in offenen Briefen an die verantwortlichen Politiker.

Das Ergebnis: Der am 31. Juli vorgelegte neue Gesetzesentwurf der Bundesregierung zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft erklärt digitale Privatkopien weiterhin für zulässig - verbietet aber das Umgehen von Kopierschutzen. "Wichtig ist, dass die Umgehung von Kopierschutzsystemen ebenso wie die Verbreitung von Umgehungstechnologien und die detaillierte Anleitung zur Umgehung verboten werden. Es muss den Rechteinhabern überlassen bleiben, ihre Werke gegen massenhaftes Kopieren zu schützen", wird Gerd Gebhardt, Vorsitzender der Phonoverbände Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft und der Deutschen Landesgruppe der IFPI in der Musikwoche zitiert. Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin hingegen betonte, dass das Kopieren von Musik und Text für private Zwecke erlaubt bleibe. Im Klartext heißt das: Was nicht mit einem Kopierschutz versehen ist, darf kopiert werden. Ob ein Kopierschutz überhaupt auf eine CD gehört ist damit aber nicht explizit geklärt worden - und wird wohl noch weiter diskutiert werden.

Wie auch immer: Dieser zeitgleich zum Intro-Roundtable vom Kabinett beschlossene Entwurf zur Umsetzung einer entsprechenden EU-Direktive wird dem Bundestag zur Beratung zugeleitet. Aller Voraussicht nach debattiert das Parlament den Entwurf noch vor der Bundestagswahl am 22. September. Es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass das Gesetz noch in der laufenden Legislaturperiode verabschiedet wird. Damit müsste die nächste Bundesregierung den Entwurf erneut in den Bundestag einbringen. Trotz zulässiger Privatkopie soll jedoch eine Umgehung von Kopierschutzmechanismen unter Strafe gestellt werden. Verstöße dagegen könnten mit Bußgeldern und - im Falle gewerblicher Verstöße - mit Geld- und Freiheitsstrafen geahndet werden.

Parallel zu dem Kabinettsbeschluss hat der Verband der IT-Industrie, Bitkom, mit den Verwertungsgesellschaften einen Gesamtvertrag für CD-Brenner abgeschlossen. Vertragspartner sind die Verwertungsgesellschaften ZPÜ (Zentralstelle für private Überspielungsrechte), Wort und Bild-Kunst. Die Hersteller und Importeure von CD-Brennern unter den Bitkom-Mitgliedern werden danach künftig für jedes verkaufte Gerät sechs Euro Urheberabgabe pauschal an die Verwertungsgesellschaften bezahlen. Außerdem werden rückwirkend für die seit Juli 2001 verkauften Geräte entsprechende Abgaben fällig. Der Verband will die Abgabe auf die Kunden abwälzen und hat Preiserhöhungen von 10 Prozent angekündigt. Bitkom hatte sich bis zuletzt gegen die von den Verwertungsgesellschaften geforderten Abgaben gewehrt. Laut Jörg Menno Harms, Vizepräsident des Bitkom ändere das nichts am Standpunkt der Wirtschaft, dass Pauschalabgaben auf digitale Geräte der falsche Ansatz zum Schutz der Urheber sind. Im Namen der Tonträgerindustrie kann Harms hierbei allerdings nicht gesprochen haben.

Musik zum Nulltarif = Wertlose Musik?

Zu den beschriebenen technischen und rechtlichen Möglichkeiten gesellen sich noch zwei weitere gesellschaftliche Aspekte, die verhindern, dass die Bereitschaft, für Musik zu bezahlen, nachlässt. Seinen Bekannten gegenüber generös den Satz "Kann ich dir brennen" äußern zu können, macht sexy. Und: Durch den inflationären Gebrauch von Musik haben nur noch wenige Menschen das Gefühl, dass es sich bei Musik um etwas handelt, das einen Wert hat. Der ideelle Wert geht weiter gegen Null - jedenfalls, was das Gros der Popmusik angeht. Jazz und Klassik sowie Liebhaber-Genres wie Indie kann man da zu gewissen Teilen ausklammern.

Intro: Der schleichende Prozess ging ja in den 80ern los. Damals freute man sich über die Etablierung des ersten Musikfernsehsenders MTV, heute buhlen fünf bis sechs reine Musikkanäle um Zuschauer. Musik for free gibt's überall: im Kaufhaus, im Werbespot, beim Konsolenspiel, via CD-Beilage in Magazinen, Snippet-CDs auf Konzerten... Die Wahrnehmung des Wertes von Musik ist insbesondere für die nachwachsenden Generationen zwangsläufig eine ganz andere als unsere. Damals verbanden wir noch viel mehr Emotionalität mit Musik und "der guten alten Schallplatte".

Benedikt Lökes: Das größte Promblem stellt für mich die Entwertung der Musik dar! Früher hat man gespart, bis man sich eine Platte kaufen konnte und es dann zelebriert, sie anzuhören.. Schade, daß dieses Erlebnis auf der Strecke geblieben ist. Ich hab hier ein Zitat von Dieter Gorny von VIVA, dem man nichts mehr hinzufügen muß: "Die Kopierbarkeit der musikalischen Klänge entwertet das traditionelle Musikprodukt. Das Vervielfältigen macht aus Tonträgern sekundäre Ware, der Schaden für das Image des Produktes ist riesig." Und aus eurem Forum: "Es geht da wirklich um Respekt vor dem Musiker." (Zitat: Neusprech, intro.de Forum 23.7.02).

Mark Meyer: In Deutschland ist der Mittler von Musik ja größtenteils der Handel, ob Onlinehandel oder der traditionelle. Wenn wir uns die anschauen, fällt auf, dass die Marktführer wie Saturn oder Karstadt letztendlich Großkonzerne sind. Das sind alles keine "Dedicated Music Retailer", decken allerdings bis zu 80% des Marktes ab. Für die ist Musik nur eine kleine Sparte. Ich glaube, auch im letzten Jahr hat sich da einiges getan. Wir sind ja mit der Musik in einem Verdrängungswettbewerb gegenüber anderen Medien, nicht nur Handys, sondern auch neu aufkommende Medien wie die DVD -und dort sind im letzten Jahr rasante Zuwächse zu verzeichnen gewesen. Dementsprechend haben sich dort auch Flächen verändert, und Sortimente wurden abgebaut.

Noch hat man den Eindruck, dass der die "Indie-Kultur" weniger stark belastet als den Massenmarkt. Michael Engelhardt vom Indigo Vertrieb stellt jedoch fest: "Auch wir Indies werden immer größere Anstrengungen unternehmen müssen, klarzumachen, warum die CD x unbedingt kaufenswert ist. Dem Endverbraucher muss der Wert von Musik wieder vermittelt werden, dann ist der Prozess zu verlangsamen, stoppen wird man ihn nicht mehr können."

There must be some way out of here

Wie aber kommt man aus der Misere wieder raus? Eine Änderung der Preispolitik wird bisher von der Industrie abgelehnt, die erhofften rechtlichen Mittel werden - zumindest in Deutschland - nicht im gewünschten Maße von der Politik zur Verfügung gestellt. Ob sich die legalen und kostenpflichtigen Services im Internet durchsetzen, bleibt ebenfalls abzuwarten.

Intro: Das Kundenverhalten hat sich ja auf jeden Fall geändert, viele der Lösungen für die Zukunft drehen sich aber immer noch um die CD. Gab es denn nie Überlegungen für einen anderen Vertriebsweg?

Carl Mahlmann: Das ist eine der sehr wichtigen Diskussionen in dem Zusammenhang. Ich bin selbst bei Phonoline sehr engagiert. Ich habe immer gesagt, wir müssen gegen die illegalen Angebote was machen.

Intro: Welche Möglichkeiten sieht denn die Industrie noch?

Benedikt Lökes: Meine konkreten Lösungsansätze wären: Als erstes die intensive Kommunikation mit den Konsumenten. Wir wollen aufklären und für Transparenz der Problematik sorgen. Wir wollen transportieren, dass wir dem berechtigten Wunsch nach Vielfalt in der Musik nur nachkommen können, wenn wir auch weiterhin Geld mit unseren Inhalten verdienen. Ein weiterer Punkt ist der längst überfällige Schulterschluss mit mit all denen, die für die Verbreitung und Vermarktung von Musik verantwortlich sind und letztendlich auch davon leben.

Darüber hinaus stützt sich die Musikindustrie auf die schnelle Etablierung eines neuen Formates: die DVD. Die hat seit ihrem Start vor drei Jahren einen beachtlichen kommerziellen Erfolg hinlegen können. Und: Am 1. Juli wurde das Regelwerk des Chartsystems von "Media Control" geändert. Nun werden auch die Verkäufe von Musik-DVDs mitgezählt. Es ist also damit zu rechnen, dass immer öfter Verkäufe durch die Veröffentlichung einer DVD animiert werden. Inwiefern das Medium DVD die Konsumenten dazu veranlassen wird, das Portemonnaie für Tonträger und nicht für einen Breitband-Anschluss zu zücken, bleibt fraglich. Offensichtlich wollen immer mehr Leute Musik in digitalen Formaten auf dem Rechner haben. Das Festhalten der Industrie an einem weiteren physischen Datenträger erscheint da etwas anachronistisch - und erweckt zuweilen den Eindruck, als sei man eher am Erhalt des Status quo als an einer kunden- und zukunftsfähigen Lösung interessiert. Im ungünstigsten Fall wird sich die Geschichte wiederholen. Damit ist nicht nur gemeint, dass ein Kopierschutz früher oder später geknackt wird. Das Interesse des Konsumenten an der neuen Technologie und dem Format DVD kann schnell enttäuscht werden, wenn vermehrt DVDs ohne echten Mehrwert veröffentlicht werden. Das erinnert an die Blütezeit der CD, als Backkataloge lieblos auf CD erschienen. Problematisch erscheint, dass die Hersteller sich einmal mehr nicht einigen können und jeder die DVD anders bezeichnet. Parallel verwendete Begriffe wie Audio-DVD, Super-Audio-CD oder DVD verwirren eher, als dass sie dem Konsumenten klarmachen: Hier ist etwas Neues, wofür es sich auch lohnt, die Heimanlage neu zusammenzustellen.

Eine weitere Initiative der Industrie ist die sogenannte 2-Track-Single. So kann man CDs für 2,99 Euro kaufen und erwirbt statt zahlreicher Remixe nur zwei Songs. Für Hitjäger, die bisher einzelne Songs aus dem Netz luden, könnte dieses Format eine Alternative werden.

Wie geht's jetzt weiter?

Eine detaillierte Betrachtung der Meinungen und Intentionen aller im Kreislauf beteiligter Parteien lässt nur ein Fazit zu: Die Bereitschaft zum Dialog ist lediglich bedingt vorhanden. Ein für alle gleichermaßen und gemeinsam erstrebenswertes Ziel scheint nicht auszumachen zu sein. Zu unterschiedlich sind die Positionen - selbst innerhalb der jeweiligen Interessenvertretung. Abseits der Verteufelung des Brennens und damit der Kriminalisierung ihrer (potentiellen) Kunden schafft die Tonträgerindustrie es kaum, ihre Interessen auf einen Nenner zu bringen. Und auch bei den Konsumenten scheint außer den Standard-Slogans und dem Ruf nach Preissenkung ebenfalls Uneinigkeit über die weitere Vorgehensweise zu herrschen: Unterstütze ich meine Faves oder lieber mein Konto? Und was ist mit der Peripherie? Auch da ist ein Großteil der Medien von einer differenzierten Darstellung noch weit entfernt, Dogmen beherrschen das Bild. Neben Intro bieten sich einige andere als Vermittler an - natürlich nicht, ohne dass es von Hardlinern der gleichen Innung verbal Schelte gäbe.

Fakt aber ist: Werden diese Uneinigkeiten anhalten, bricht das gesamte Musikbusiness in seiner jetzigen Form zusammen. Das ist für alle involvierten Parteien sicher eine schmerzvolle Erfahrung, denn neben der Tatsache, dass in vielen Betrieben die Lichter ausgehen, heißt das definitiv auch, dass man als Konsument nicht mehr so leicht Zugang zu "seiner" Musik hat. Das, worum es ja eigentlich allen gehen sollte: die Musik, die wird es sicherlich weiter geben. Es wird auch immer Musiker geben, die sich dafür engagieren, dass ihre Musik in irgendeiner Form Gehör findet. Und es wird immer jemanden geben, der Geld in die Produktion von Tonträgern steckt, um dadurch Profit zu schlagen. Nur der große Markt mit entsprechend vielfältiger Peripherie, wie wir es heute kennen, dürfte es dann nicht mehr sein.

Carl Mahlmann: Wir haben kein Problem damit, unser Produkt auch für umsonst wegzugeben. Ich wäre voll dafür, aber ich möchte dann auch meine Brötchen, mein Benzin, das Bahnticket und alle Zeitschriften am Kiosk gratis erhalten.

"The year three thousand may still come to pass / But the music shall last / I can hear it on a timeless wavelength / Never dissipating but giving us strength" (Pet Shop Boys)

Der Roundtable wurde auch von Viva Plus dokumentiert. Den Beitrag aus den News kann man sich hier anschauen.

Wo bleiben die 15 Euro für die CD?

Studio und Recording-Kosten, Remixes, (Live-)B-Seiten, Produzent, Mastering
Artwork Design, Photo-Sessions, Illustrationen
Künstlerlizenzen bzw. Vorschuss auf Künstlerlizenzen
GEMA-Zahlungen für Komponisten und Textdichter sowie Musikverlage
Artist Relations: Reisekosten, Unterkunft, Bewirtung etc.
Tour-Support: Zuschuss für Produktionskosten und Poster sowie Tickets für PR
Presse: Texte, Fotos, CD-Pressemuster, Mappe, ggf. Einschaltung von Presseagenturen
Reisekosten für Künstler und Journalisten zu Promotionzwecken (Interviews)
Club-Promotion, 12" Clubmuster, Club-Promotionservice
TV-Auftritte, Videoclip-Produktion, Produktionskostenzuschüsse für TV-Sender
Marketing: TV-Werbung (inkl. Spot-Produktion), Anzeigen (inkl. Gestaltung), Street Promotion (Snippet-CDs, Sticker etc.), Outdoor-Plakatierung
Vertrieb: Logistik, Vorverkauf, Außendienst, Retouren etc.
Handelsmarketing: Poster, Sticker, Display, Werbekostenzuschüsse etc
Produktionskosten der CD (Pressung, Druck Bootlegs, Inlay-Cards, Konfektionierung etc.
Personalkosten: Mitarbeiter des Labels, Vertrieb, PR-Agenturen und Dienstleister
Weitere Links bei intro.de zu diesem Thema:

Intro fragte Künstler nach ihrer Meinung zum Thema. Hier alle eingegangenen Künstlerstatements.

Und auch Labels wurden von Intro nach ihrer Meinung zum Thema gefragt. Hier alle eingegangenen Labelstatements.
Weitere Informationen zu Popfile gibt es hier.

Roundtable-Moderation & Text: Michael Krumbein, Matthias Hörstmann, Matthias Fricke, Thomas Venker