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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Aber hallo: Checkt das, neue Bands.

Ausblick 2009

Spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Christian Steinbrink und Thomas Venker haben nach neuen Bands gesucht.
Geschrieben am
Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Christian Steinbrink und Thomas Venker haben in New York (CMJ-Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und Köln nach neuen Bands gesucht und wurden fündig.


Little Boots
Gesehen: Fader, The Fort, 25.10.
Im Netz: www.myspace.com/littlebootsmusic
Das Wichtigste: Freche Gören braucht die Musiklandschaft. Little Boots ist so eine. Unbekümmert covert sie sich in ihren Youtubefilmchen durch die Popwelt, stellt Mixe und Lieblingsliederlisten ins Netz (derzeit u. a. "Till Death Do Us Part" von Madonna, "Veronica's Veils (Erol Alkan Rework)" von Fan Death und "The Nearness of You" von Ella Fitzgerald) - und trifft damit in die Herzen aller Fans von Synthie-Pop, der eben nicht so kalt perfekt daherkommt.
Lieblingsalben 2008: Hot Chip "Made In The Dark" (EMI), Britney Spears "Blackout" (Jive)
Auf wen muss man 2009 achten?
Es gibt da eine Band namens Heartbreak, die haben großartige Songs. Und Fan Death machen epische Disco. Und dann ist da noch ein Songwriter namens Marina and The Diamonds - ich remixe den gerade, ein umtriebiges Talent.
Aktuelles Release: "Arecibo" (This Is Music Ltd / Import)
Was war das Beste, was du beim CMJ gesehen hast?
Die Hunde. In New York habe ich mit die schönsten Hunde gesehen, die mir je über den Weg gelaufen sind. Wenn es dir um die Musik geht: Ich hatte leider absolut keine Zeit, andere Bands zu sehen, da ich viel zu viel mit meinen Shows zu tun hatte. Gesehen habe ich aber The Virgins und Passion Pit. Die waren beide ganz gut.
Du bist ja zum ersten Mal in den USA. Als wie groß empfindest du den Unterschied zu England?
Ich war etwas unsicher, wie die Leute hier auf meine Musik reagieren würden, da Popmusik in Amerika ja schon anders funktioniert. Aber bislang läuft es prima. Nur die Hektik mit so vielen Shows und DJ-Sets war etwas zuviel - ich freu mich schon, wenn ich zurückkomme und es etwas entspannter ist.
Du bist lange allein auf der Bühne gestanden, jetzt geht es aber los, dass Little Boots als Band auftritt. Wieso?
Es ist noch immer ein Soloprojekt. Es ist nur so, dass meine Songs live schwierig alleine zu präsentieren sind - und ich will nicht nur über Backing Tracks singen, das wäre mir zu karaokeesk. Deswegen helfen mir bei den Konzerten Musiker am Schlagzeug und Synthesizer aus. So hat das Ganze mehr Energie und ist reizvoller fürs Publikum. Aber wenn es um das Songwriting geht, so kommt das noch immer allein von mir. Ich war in der Vergangenheit auch in Bands und habe es immer als sehr schwierig empfunden. gemeinsam im Übungsraum Songs im Jam zu entwerfen. Ich bin lieber alleine am Klavier und arbeite mich langsam in die Akkorde und Melodien rein, texte, während ich im Bus sitze. Oder beim Trinken in der Bar.

Video: Little Boots - "Meddle" (live bei "Later with Jools Holland")



Derzeit hört man ja auch von einigen Kollaborationen, u. a. mit Hot Chip. Was geht denn da?

Joe von Hot Chip hat eins meiner frühen Demos in die Hände bekommen und mochte die Songs sehr. Er hat dann einige Songs für mich produziert. Normalerweise ist es so, dass ich den Song bereits fertig geschrieben habe, bevor ich ihn ihm maile. Er nimmt ihn dann auseinander, arbeitet mit den einzelnen Sounds. Da wir beide elektronische Musik und Popsongs mögen, läuft unsere Zusammenarbeit so gut.
Du bist durch Youtubeclips bekannt geworden, in denen du Songs coverst. Diese Clips zeigen dich sehr privat. Hast du nicht manchmal Angst, zuviel von dir preiszugeben?
Nicht wirklich. Heute ist es doch so, dass die Leute so nah wie möglich an einen rankommen wollen, das Internet mit seinen Blogs und Facebook hat diese Tendenz verstärkt. Die Videos zeigen mich doch nur in meinem Schlafzimmer, wie ich Blödsinn treibe, an Songs arbeite, lerne. Ich teile damit den Schreibprozess mit den Leuten, zeige, dass das keine künstlich produzierte Musik ist.






Musikjournalismus ist ja ein dreckiges Feld von Vergleichen. Ich nenne dir vier Künstler, und du sagst mir, was das in dir auslöst: Annie, Robyn, Lykee Li, Ladyhawke.
Nun, ich mag einige davon, sogar sehr, vor allem Robyn. Sie ist meine Favoritin, da es ihr in England gelungen ist, einen Nummer-Eins-Hit zu haben und damit viele Leute zu erreichen, ohne dass ihre Musik geradliniger Pop ist. Das ist wichtig und aufregend. Das Problem mit Leuten wie Ladyhawke und Annie ist, dass ihnen der Crossover nicht gelungen ist - sie sind noch immer etwas zu "cool", das will ich auf jeden Fall vermeiden. Ich will Songs schreiben, die die Leute zusammenbringen. Mir ging es noch nie darum, zu modisch zu agieren, eine Hipster-Fanbase zu haben. Ich will starke Songs schreiben, die aber trotzdem etwas Ungewöhnliches haben.
Wenn man durchs Netz surft, finden sich immer mehr News zu dir. Da ist von guten Aussichten für 2009 die Rede. Spürst du schon den Druck?
Ich werde das schon seit einiger Zeit gefragt - und ich sage immer nein und dass ich da eine gesunde Distanz zu habe, aber neuerdings spüre ich in der Tat den Druck etwas. Ich bin letzte Nacht in der Show von Jools Holland aufgetreten. Das ist in England eine ziemlich große Sache. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war ich richtig nervös vorm Auftritt. Ich spielte zwischen The Killers und Damon Albarn - und das ohne Albumveröffentlichung. Aber das ist fantastisch. Ich freue mich sehr, dass ich so tolle Reaktionen von einem so breit gestreuten Publikum bekomme.
Die Legende besagt, dass du Tonnen an Synthesizern zu Hause hast. Klingt ziemlich nach Geek/Nerd für mich und, bitte entschuldige, eher ungewöhnlich für ein Mädchen. Ich frage mich wie das zu Schulzeiten war: Bist du eher mit den Jungs abgehangen mit dieser Neigung?
Die Jungs an meiner Schule waren leider keine Musiknerds. Ich war 'ne ziemlich leise Type in der Schule. Wir sind oft umgezogen, weshalb es für mich schwierig war, Freunde zu finden. Mit den Jungs hatte ich schon gar kein Glück. Deswegen habe ich so viel Zeit mit meinen Klavier und den Büchern verbracht. Als Teenagerin habe ich mir dann den ersten Synthesizer gekauft, einen Korg, glaube ich. Ich hörte damals viel Yes, spielte aber auch klassisches Klavier. Tja, nach dem ersten kam der zweite - und ich konnte mit dem Sammeln nicht mehr aufhören. Zurzeit habe ich fünf - und ein weiterer ist bestellt. Du hast schon Recht, das ist sehr geeky, aber ich freu mich eben daran. Ich sehe es so: Wenn dir etwas Freude macht, dann ist es auch richtig, viel Zeit damit zu verbringen, immer mehr dazuzulernen. Das nennen die Leute dann wohl nerdy.
Überall wird über die Wirtschaftskrise gesprochen. Direkt gefragt: Denkst du, dass es dich als Künstlerin auch betrifft?
Direkt fühle ich die Effekte nicht, aber mein Label wird wohl weniger Geld haben, um mein Album und meine Tour zu supporten. Und die Situation erleichtert es auch nicht, einen guten Verlagsdeal zu bekommen - da wäre vor ein paar Jahren sicherlich mehr drin gewesen. Klar, die Leute werden noch weniger Platten kaufen - und das, wo die Musikindustrie doch auch schon so seit Jahren in einem schlechten Zustand ist. Trotzdem bin ich optimistisch: Solange die Songs und die Performance toll sind, wird alles gut werden. Denn: Wo auch immer ein Talent ausgebeutet werden kann, ist auch Geld zu machen.
Interview: Thomas Venker

Auf der nächsten Seite geht's weiter mit der neuen Band School Of Seven Bells.






School Of Seven Bells
Gesehen: Fader, The Fort, 24.10.
Im Netz: www.myspace.com/schoolofsevenbells
Das Wichtigste: School Of Seven Bells sind die neue Band des ehemaligen Secret-Machines-Mitglieds Benjamin Curtis und der Zwillingsschwestern Alejandra und Claudia Deheza. Überraschenderweise hat das Trio bei Ghostly International unterschrieben, einem Label, das bislang eher für elektronische Musik bekannt ist. Der naheliegende Grund: Die Leute können sich die Genrefizierung nicht so leicht machen.
Lieblingsalben 2008: Beach House "Devotion" (V2 / Universal), Erykah Badu "New Amerykah" (Universal) und Madlib "Beat Konducta 5 & 6" (Stones Throw / Groove Attack) sowie die Reissues von Harmonia und Robert Wyatt.
Aktuelles Album: "Alpinisms" (Ghostly Int. / Al!ve)
Habt ihr beim CMJ schon was Besonderes gesehen?
Benjamin Curtis: Wir hatten noch nicht so viel Zeit. Marnie Stern. Sie ist fantastisch. Sie hat das gewisse Etwas. Man sieht nicht viele Leute im Indie-Rock, die Sachen machen wie Eddie van Halen.
Euer Album ist in den USA ja schon raus. Wie sind denn die ersten Reaktionen?
Alejandra Deheza: Sehr positiv, was mich nicht wundert, da die Platte ja sehr gut ist [alle drei lachen]. Ich mag es natürlich, wenn die Leute sie mögen, aber auch Ablehnung ist okay. Meine größte Angst war, dass die Leute mit Gleichgültigkeit reagieren.
Claudia Deheza: Ich finde es toll, dass es auch viele Kommentare gab, die nicht auf die üblichen Vergleiche wie Shoegazer, Cocktail Twins, Dream Pop zurückgriffen, sondern eigene Bilder kreierten.
Wir haben bei Intro eine besondere Beziehung zu Zwillingsschwestern, da zwei unserer wichtigsten Autorinnen, Kerstin und Sandra Grether, welche sind. Ich weiß aber auch um die besondere Chemie, die zwischen diesen besteht und die Auswirkungen auf die Umwelt. Wie fühlt sich das bei euch im Alltag an?
AD: Wir haben beide unsere eigene Persönlichkeit - aber das ist alles schon lange geklärt. Wir sind Familie.
BC: Für mich fühlt es sich so an, als ob ihre Kämpfe telepathisch stattfinden, durch Blicke und Gedankenübertragung [alle drei lachen].
AD: Und sie sind immer sehr schnell vorbei.

Video: School Of Seven Bells - Ghostly-Trailer (HQ)



Ihr wirkt alle drei sehr ruhig. Kann man sich so auch euren Aufnahmeprozess vorstellen?

AD: Es ist ein sehr produktiver Prozess.
BC: Wir werden inspiriert, wenn wir zusammen sind.
AD: Und das zur gleichen Zeit.
CD: Jeder ist offen für den Input der anderen. Wir freuen uns immer sehr auf die Proben.
BC: Wir sind alle immer sehr gespannt, womit die anderen ankommen.
Euer Name kommt von einem südamerikanischen Crime College. Was hat es damit auf sich?
AD: Ich sah einen Beitrag über das College im Fernsehen und fand den Namen so cool, dass ich sofort wusste, dass meine nächste Band so heißen muss.
Ihr habt also keine tiefer gehende Sympathie für Kriminelle?
AD (lacht): Nein, ich wünschte, es wäre so. Das ist übrigens keine schmierige Angelegenheit, sondern eine ziemlich ausgetüftelte Ausbildung. Man lernt da im besten Fall, wie man einem Passanten sieben Gegenstände klaut, ohne dass die daran angebrachten Glocken klingeln - daher auch der Name. It's like Ninja.
Wir sitzen gerade mitten in Manhattan, nur wenige Meter von jenem Ort entfernt, an dem die aktuelle Finanzkrise begann. Denkt ihr, dass sie sich auch auf euch als Künstler auswirkt?
BC: Kunst wurde immer von den Reichen unterstützt - insofern wirkt sich das schon aus.
BC: Privat betrifft es uns aber nicht, da wir eh nichts haben: keine Aktien, keine Ersparnisse …
Interview: Thomas Venker

Auf der nächsten Seite geht's weiter mit der neuen Band Jay Reatard.






Jay Reatard
Gesehen: Music Hall Of Williamsburg, 23.10.
Im Netz: www.jayreatard.blogspot.com
Das Wichtigste: Jay Reatard hat trotz eines Alter von Mitte Zwanzig schon einige gescheiterte Bands hinter sich. Aktuell geht es mit ihm durch die Decke: Alle seine 2008 veröffentlichten Singles verkauften in Rekordschnelle aus. Schon wird über eine neue Garage-Welle spekuliert, obwohl Reatard eher nach Beat-Happening klingt als nach Garage-Helden wie den Dwarves oder den Oblivians. Ein erstes richtiges Album kommt 2009.
Lieblingsalbum 2008: Deerhunter "Microcastle" (4AD / Beggars Group / Indigo)
Tipps für 2009: Cheap Time, The Barbaras, Cola Freaks
Pläne für 2009: Touren, schreiben, schlafen, essen
Aktuelles Album: "Matador Singles 08" (Matador / Beggars Banquet)
Wir sind hier beim CMJ. Hat das Festival eine besondere Bedeutung für dich, ist es besonders aufregend, hier zu spielen?
Dieses Mal ist es wirklich speziell. Eine Menge Firmen haben meinen Namen gehört und wollen ihn nutzen, um Produkte zu bewerben, die niemand braucht oder je kaufen würde. Ich muss mich mit Dingen auseinandersetzen, mit denen ich sonst nichts zu tun habe.
Wirst du dir andere Bands anschauen?
Ich war eigentlich ganz heiß darauf, Mission Of Burma zu sehen. Aber wegen der eben genannten Gründe werde ich sie wohl nicht zu sehen bekommen.
Lebst du eigentlich immer noch in Memphis? Was kannst du über die dortige Musikszene sagen?
Die dortige Szene besteht seit zehn Jahren aus denselben zehn Leuten. Das ist ein bisschen langweilig geworden. Trotzdem genieße ich es sehr, zu Hause zu sein.
Im Augenblick gibt es einen ziemlichen Rummel um dich. Jede der Singles der letzten Monate war sehr schnell ausverkauft. Wie nimmst du diese außergewöhnliche Aufmerksamkeit wahr? Irgendwie unwirklich oder einfach verdient nach all den Jahren?
Ich sehe keinen Sinn darin, darüber nachzudenken, ob ich Fans, Respekt oder so etwas verdient habe. Das ist nichts, was du dir verdienen kannst, es ist nicht abhängig davon, wie viel Arbeit oder Energie du in etwas gesteckt hast. Es ist einfach so.

Video: Jay Reatard - impulsiv live



Inwieweit bist du jetzt erfolgreicher als mit deinen früheren Projekten?

Jeder noch so geringe Erfolg unterscheidet meine Gegenwart von meiner Vergangenheit.
Erwartest du, dass stilistisch ähnliche Bands jetzt auch größere Aufmerksamkeit bekommen werden? Eine Art Revival von Garage?
Ich empfinde keine Verbundenheit zu irgendeiner anderen Band oder Szene. Deshalb bin ich dafür wohl der falsche Ansprechpartner.
Was können wir von deinem kommenden Album erwarten? Unterscheidet es sich stilistisch von deinen Singles? Gibt es schon einen Titel?
Es gibt noch keinen Titel. Aber ja, es wird ein bisschen anders klingen. Etwas melodischer … na, vielleicht auch nicht. Mal schauen.
Wieso hast du dich für Matador als dein neues Label entschieden? Ich nehme an, dass du noch andere Angebote hattest …
Weil die Typen von Matador mich einfach machen lassen. Jede andere Person, mit der ich verhandelte, versuchte, mich unter Druck zu setzen.
Bist du gerade ausschließlich mit deinen Solosachen beschäftigt? Oder können wir demnächst ein Release eines deiner anderen Projekte erwarten?
Im Augenblick mache ich keine Seitenprojekte. Es ist gut für mich, endlich mal auf eine Sache fokussiert zu sein.
Interview: Christian Steinbrink

Auf der nächsten Seite geht's weiter mit der neuen Band Crystal Antlers.






Crystal Antlers
Gesehen: Fader, The Fort, 24.10.
Im Netz: www.myspace.com/crystalantlers
Das Wichtigste: Absolute Pitchforklieblinge. Dank der in Amerika so wichtigen Website hat sich das Leben der Band ziemlich verändert. Die Nachfrage nach Singles und Auftritten stieg rasant. Mit Touch & Go klopfte prompt eines der wichtigsten US-Indielabels an.
Lieblingsalben 2008: Keine. Die Band hatte keine Zeit für andere Platten.
Aktuelle EP: "Crystal Antlers" (Touch & Go / Soulfood)
Habt ihr beim CMJ schon was Besonderes gesehen?
Ich wollte Chairlift sehen, aber ich habe sie leider verpasst. Wir haben unseren ersten New-York-Gig mit ihnen gespielt.
Ich habe gehört, dass ihr es von Long Beach bis zur Ostküste mit nur 25 Dollar für Benzin geschafft habt, da ihr hauptsächlich mit gestohlenem Olivenöl fahrt.
Jonny Bell: Es ist ein Dieselbus, allerdings ein Hybrid, sodass er auch mit Olivenöl fährt. Wir haben ein sehr gutes Filtersystem, sodass wir das benutzte Öl von Restaurants nehmen können. Wir parken hinter chinesischen Restaurants und pumpen es in Kanister. Die Restaurants müssen eigentlich für das Recyceln zahlen, insofern klauen wir es nicht, sondern helfen ihnen.
Ihr kommt aus Long Beach, Kalifornien. Würdet ihr sagen, dass euer Sound typisch für die lokale Szene ist?
Wir haben keine sehr starke Szene dort mit eigenem Sound, aber wir unterstützen uns alle stark. Wir mögen es dort sehr, es ist eine sehr schöne, kleine Stadt.
Für mich seid ihr die Sonic-Youth-Version von MGMT. Ihr seid zwar sehr noisig, aber im Zentrum steht dabei immer der melodiöse Song.
Am Anfang jedes Songs stehen immer Keyboard und Bass. Es sind Songs, die man auch gut auf dem Klavier spielen könnte. Der Noise kommt dann erst durch die Art, wie wir sie spielen, hinzu. Wir agieren dabei gerne unter unseren Möglichkeiten.
Wollt ihr dieses Prinzip für das kommende Debütalbum beibehalten?
Das Album wird etwas geschliffener klingen - vielleicht da es persönlicher ausfallen wird, mehr Seele haben wird. Soundtechnisch haben wir wieder ein paar tolle Ideen. So wollen wir beispielsweise eine Wall of Sound aus Wall of Sounds generieren, indem wir immer wieder eine über die andere legen. Wir nehmen immer mit drei Aufnahmequellen auf: einfachen Mikros, einem 8-Track und einem 24-Spur-Gerät. Dadurch haben wir verschiedene Qualitätsstufen der gleichen Aufnahme. Das mixen wir dann ineinander. Ich habe von niemand gehört, der das auch macht - aber ich bin mir sicher, es gibt so jemanden.
Lass uns mal über die Texte des Albums sprechen. Was heißt persönlicher?
Es handelt stark vom Tod. Die EP beschäftigte sich damit, dass die Welt auf ihr Ende zusteuert. Das ist noch immer das Thema, aber es neigt sich nun alles zum Ende meiner Welt hin.
Eure erste Single kam der Legende nach beim Label des ehemaligen Flipper- und Red-Kross-Drummers und Bankräuber Majic Wallet heraus.
Oh ja, das ist eine wahre Geschichte. Wir haben ihn auf einem Festival kennen gelernt. Jetzt ist er einer meiner besten Freunde. Wir trafen ihn, als er nach elf Jahren aus einem der heftigsten Knäste der Staaten kam. Das Geld hat er bei Pferdewetten gewonnen.
Interview: Thomas Venker

Auf der nächsten Seite geht's weiter mit der neuen Band El Guincho.






El Guincho
Gesehen: Gloria, Köln, 04.11.
Im Netz: discotecaoceano.blogspot.com
Das Wichtigste: El Guincho heißt eigentlich Pablo Diaz-Reixa und kommt von den Kanarischen Inseln. Mit seinem Soloalbum besinnt er sich jener sozial-geografischen Wurzeln. Herausgekommen ist ein furioses Album: ein wilder Mix aus Samples und verschiedenster Percussionrhythmen, der von vielen Hörern vorschnell in die Afrobeat-Ecke gepackt wird. Dieser Stil ist zwar auch vertreten, aber eigentlich ist "Alegranza" ein in Pop gegossenes Abbild des musikalischen Schmelztiegels, den El Guinchos Heimat darstellt.
Lieblingsalbum 2008: Echospace "The Coldest Season" (Modern Love)
Tipps für 2009: Extraperlo
Aktuelles Album: "Alegranza" (XL / Beggars Group / Indigo)
Wie hast du mit der Musik angefangen?
Als ich 14 Jahre alt war, bekam ich Französischunterricht. Ein Freund schenkte mir damals Kassetten mit französischem HipHop. MC Solaar und so. Das hat mich sehr geprägt, ich hatte sowas vorher noch nicht gehört. Das brachte mich zur Dance-Music und dazu, selbst mit der Musik anzufangen. Mit 19 bin ich dann nach Barcelona gezogen und habe dort in vielen Bands gespielt, alles von Freejazz bis Punkrock. Vor etwa dreieinhalb Jahren habe ich dann mit dieser Platte als El Guincho angefangen, weil ich mal etwas ganz allein machen wollte.
Wie viel Prozent deiner Musik basiert auf Samples?
Etwa 40 Prozent der Platte sind Samples. Die Melodien und Harmonien habe ich aber selbst eingespielt, außerdem das Schlagzeug und die Percussions. Und ich singe natürlich selbst. Außerdem gibt es noch Sounds, wo ich mich selbst sample, z. B. bei einigen Gitarrenparts.
Woher stammt die Musik, die du samplest?
Als ich mit der Platte begann, war das noch ziemlich ziellos. Dann entwickelte sie sich zu einem für mich nostalgischen Ding: Ich samplete viele Platten von den Kanarischen Inseln, meistens aus den Siebzigern, also Musik aus der Region, aus der ich komme. Dann begann ich, mich für Musik von vielen Inseln der Welt zu interessieren, die dann auch den Weg auf meine Platte fanden.
Inseln? Ist das das Konzept?
Genau. Ich nahm Sounds aus Kuba, aus Trinidad und Tobago, aus Hawaii …
Es ist ja nicht ganz durchschaubar, woher eigentlich die ganzen Rhythmen kommen, die du benutzt. Wie würdest du die grundsätzlich benennen, welche klassischen Rhythmen waren für dich die wichtigsten? "Tropicalia" ist derzeit ja ein vielgenannter Begriff …
Grundsätzlich habe ich versucht, ein Popalbum zu machen. Mit Songs. Aber ich wollte ein bisschen an den Songstrukturen herumspielen, habe dafür deutsche Elektronik hinzugezogen, afrikanische Musik, besonders Orchestermusik von dort. Ich sample aber auch Tropicalia. Ich bin ein großer Fan von Caetano Veloso. Aber eigentlich wollte ich Popmusik machen.
Manchmal hat mich deine Musik auch an brasilianischen Karneval erinnert. Gibt es da einen Bezug?
Ja, tatsächlich haben auch die Kanarischen Inseln eine große Karnevalstradition. Die Strukturen von drei oder vier Songs meines Albums stammen von Karnevalssongs der Region.
Zurzeit umfasst dein Line-up ja zwei Musiker. Ich könnte mir vorstellen, dass euch zu Hause auch mal weitere Leute auf der Bühne begleiten.
Angefangen habe ich aber allein, an Sampler und Percussions. Das war mir auf die Dauer aber zu anstrengend, sodass ich einen Freund mit auf die Bühne nahm. Wir änderten das komplette Set, sodass es sich jetzt so anfühlt, als ob wir El-Guincho-Songs covern würden. Sie klingen live jetzt jedenfalls ziemlich anders als auf dem Album. Sie sind fokussierter. Früher waren sie viel samplebasierter.
Nimmst du eigentlich wahr, dass derzeit viele Popbands Rhythmen aus Afrika und Lateinamerika aufgreifen?
Das ist wirklich komisch, in Deutschland fragen mich das alle. Ich toure jetzt seit einem Jahr, ich habe das erst wahrgenommen, als mich alle danach fragten. Ich denke eigentlich nicht, dass ich in diesen Kontext passe, weil meine Musik sehr darauf rekurriert, wo ich herkomme, und viele dieser anderen Bands diese Musik sehr clever für ihren Indie-Pop nutzen. Musik, die sie sich erarbeiten mussten, nicht die, mit der sie aufwuchsen. Mein Anspruch ist nostalgisch, ihrer ist frisch und aufregend. Nichtsdestotrotz mag ich diese Bands sehr.
Interview: Christian Steinbrink