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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Märchenhaft im Jetzt

Aurora im Gespräch

Kann man diese verhuschte Authentizität überhaupt vortäuschen? Für ihre 19 Jahre wirkt Aurora Aksnes, die vom Feuilleton immer wieder zur Elfe stilisiert wird, vor allem ziemlich abgeklärt. Seit anderthalb Jahren bewegt sie sich im professionellen Musikzirkus, nun erscheint endlich ihr Debütalbum. Klaas Tigchelaar hat nachgefragt, warum das so lange gedauert hat.
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»Ich bin ja schon die ganze Zeit darauf vorbereitet, dass es endlich losgeht«, erklärt die Sängerin aus der norwegischen Stadt Bergen, »aber die Veröffentlichung des Albums wurde ein paar Mal verschoben. Es fühlt sich alles schon so alt an, am liebsten würde ich nun mit dem zweiten Album beginnen.« Natürlich hat die Verzögerung auch mit der Tatsache zu tun, dass sie bei drei Plattenfirmen unter Vertrag ist, die das Album weltweit simultan veröffentlichen wollen.

Und obwohl Aurora sich grundsätzlich nicht sonderlich für die geschäftlichen Belange rund um ihre stetig wachsende Popularität als Nordlicht am schwelgerisch-melancholischen Electropop-Firmament interessiert, kann sie dazu präzise Auskünfte liefern, bevor sie beim Interviewtermin in einem Berliner Hotel wieder versonnen an ihrem Minztee nippt. Fokussiert und verträumt zugleich – eine schwierige emotionale Achterbahn, von deren Aufrichtigkeit man sich in Ruhe einfangen lassen muss. Im Laufe der Vormittags wird Aurora immer wieder eine Melodie summen oder eine leise Gesangslinie in die Gesprächspausen werfen, beim kurzen Spaziergang zum Fotoshooting muss sie in letzter Sekunde vor einem Hundehaufen auf dem Kiesweg im Park gerettet werden: »Oh, das passiert mir ständig, dass ich etwas abwesend bin. Ich bin auch schon mal gegen ein Straßenschild gelaufen«, erklärt sie ohne Scham. Nur um im nächsten Moment wieder konzentriert und ohne jede Launenhaftigkeit vor der Kamera zu posieren.
Ungewöhnlicherweise hat Aurora den Schlüsselmoment ihrer musikalischen Karriere gar nicht bewusst herbeigeführt: Mit 15 sang sie auf einer Schulveranstaltung ihren Song »I Had A Dream«, jemand aus dem Publikum filmte den Auftritt und stellte das Video bei Facebook ein. Ihr jetziges Management entdeckte den Clip und nahm Aurora sofort unter Vertrag. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die schon begann, bevor die Vermarktungsmechanismen überhaupt ins Spiel kamen. Mit neun Jahren schrieb Aurora »Lucky«, mit elf »Runaway«. Beide Songs befinden sich auf ihrem Debütalbum – selbstverständlich um ein opulentes, verwunschenes Arrangement erweitert, bei dem Aurora doch versucht hat, stets alle Fäden in der Hand zu behalten:
Ich habe immer das letzte Wort, wenn es um künstlerische Belange geht. Um den Sound oder um das Artwork der Platte. Die Toughness dafür musste ich mir aber erarbeiten.
Mit ihrer zerstreuten wie charmanten Art befindet sie sich stetig in einem gewissen Konflikt mit den Idealen der Plattenindustrie, die junge, talentierte Künstler immer gerne frühzeitig nach ihren Marketingprinzipien formen möchte. »Ich habe nie davon geträumt, ein Popstar zu werden oder auf der großen Bühne zu stehen. Aber nun habe ich die Möglichkeit, Musik zu machen, um der Welt etwas mitzuteilen und die Zuhörer hoffentlich emotional zu bewegen«, erklärt die zierliche Person, deren kleine geflochtene Zöpfe im halblangen, blassblond gefärbten Haar herumbaumeln, akzentuiert von einer kleinen Schmetterlingsspange. »Ich hoffe, dass ich daran nie die Freude verlieren werde, denn wir arbeiten hart und sind momentan viel unterwegs. Ich vermisse den Luxus, öfter mal einen ganzen Tag nur für mich zu haben.« Seit zwei Jahren promotet sie das Produkt »Aurora« mit geduldigem Gehorsam auf der ganzen Welt. Die Single »Running With The Wolves« mit ihrer hypnotischen Aura und dem eingehenden Refrain klebt spätestens seit der Verwendung im Werbespot eines Mobilfunkanbieters in vielen Ohren. Der Song legte ein erfolgreiches Fundament, das es nun geschickt mit dem weiteren Weg zu verknüpfen gilt.

Natürlich hat Aurora vor der umfassenden medialen Beobachtung ihrer Person professionellen Respekt, fühlt sich allerdings nicht davon bedroht. Obwohl sie überwiegend nur noch in Hotels wohnt und oft nicht weiß, was am nächsten Tag in ihrem Terminkalender steht, weil sie auf dieser endlosen Promotiontour meist erst spät am Abend irgendwo ankommt. Vom letzten Konzert bleiben manchmal nur kurzatmige Erinnerungen und kleine Anekdoten. Übermorgen schon wieder ein anderes Land, eine andere Stadt, in der die Gefahr der plumpen Gleichgültigkeit stetig wächst und das geliebte Bergen in immer weitere Ferne rückt. Aurora kann sich trotzdem freudig auf vermeintlich belanglose Details fokussieren. Wie zum Beispiel auf ein altes Kirchengebäude in Kreuzberg, von dem sie sofort wissen will, ob man es wohl betreten und besichtigen kann. Oder Pflanzen, deren erste Blüten im viel zu warmen Winter austreiben. Sie ist ein Landmädchen, das die Welt gesehen hat und sich seiner naiven Erscheinung durchaus bewusst ist: »Trends interessieren mich nicht, ich möchte vielmehr meine Persönlichkeit nach außen hin sichtbar machen. Vielleicht, um den Leuten das Gefühl zu geben, dass sie mich bereits ein wenig kennen.«
Barrieren abbauen ist auch die Botschaft, die hinter dem Titel ihres Albums steckt. Sich seine eigenen, vor allem aber auch die Dämonen von fremden Menschen zu Freunden zu machen. Was die Zukunft für sie bringen möge? »Ich möchte das noch lange so weitermachen. Und Mundharmonika lernen.« Na klar, schließlich will Aurora nicht nur ihr eigenes Ding durchziehen, sondern verehrt auch Bob Dylan und Leonard Cohen.

AURORA

All My Demons Greeting Me As a Friend (Deluxe)

Release: 11.03.2016

℗ 2016 Decca, a division of Universal Music Operations Limited