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Auf Ochsentour

MGMT

Ben Goldwasser und Andrew Vanwyngarden wollten nie eine Band gründen. Jetzt sind sie als MGMT auf Ochsentour und müssen mit Typen wie Martin Riemann reden.
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Ben Goldwasser und Andrew Vanwyngarden wollten nie eine Band gründen. Als man sie für 'Oracular Spectacular' ins Studio holte, hatten sich die beiden schon seit einem halben Jahr aus den Augen verloren. Jetzt sind sie als MGMT auf Ochsentour und müssen mit Typen wie Martin Riemann reden.

Mit ihrem Semi-Hit 'Kids' kehren sie nämlich jetzt zurück in die Zukunft. Dieses simple, bis an die Schmerzgrenze mit Emotionen vollgepumpte Stück Electro-Bubblegum hat offensichtlich so eine starke Anziehungskraft, dass die Welt plötzlich offen ist für Prog Rock, Stirnbänder und uncoole Frisuren. "'Kids' ist das allererste Lied, das wir je zusammen geschrieben haben", erzählt mir ein sichtlich erschöpfter Ben Goldwasser, der mit schwarzem Jackett und Bart wie ein griechischer Philosophiedozent aussieht. "2005 haben wir die EP ''Time To Pretend' rausgebracht, aber da war alles noch sehr unorganisiert. Unsere Auftritte waren eher so was wie Karaoke mit Background-Musik vom Band. Es war eher die Persiflage eines Rock-Acts." Offenbar eine sehr gute.[fotol]

Als die E-Mail eines Talentscouts des Majors Columbia nach der nicht vorhandenen Band bettelte, war Goldwasser gerade außerhalb von New York, holzhackenderweise auf einem Selbstfindungsprozess, und dachte kaum noch daran, sein Geld mit Musik zu verdienen. Rasch wurde ein sechsstelliger 4-Alben-Deal unter Dach und Fach gebracht, um die frisch gebackenen Rockstars dann ins Studio mit Dave Fridmann zu schicken. Heraus kam ein ziemlich verwegenes Psychedelic-Monster mit dem hirnverbrannten Titel 'Oracular Spectacular', dessen echolastigen, halligen Mushroom-Sound Goldwasser selbst gerne als 'Future 70s' bezeichnet.
Dank Vanwyngardens glasklarem Falsett klingt das Ganze stellenweise, als hätten die Bee Gees mit den Klaxons zu viel LSD genommen. Aber Goldwasser macht lieber andere Referenzen geltend. Er unterstreicht mehrfach den Einfluss seiner Ansicht nach sträflich vernachlässigter Juwelen wie Suicide, Spacemen 3, Royal Trux und Incredible String Band. Dass man ausgerechnet diese Einflüsse bei MGMT kaum heraushört, soll jetzt nicht zur Debatte stehen.

Es zeigt jedenfalls, dass das Duo aus einer sehr verschrobenen Zeitblase heraus operiert: "Es ist schon merkwürdig, dass viele Leute nur die gegenwärtige Musik hören wollen und keine Ambitionen haben, den Kontext zu sehen, aus dem sie stammt. Wir möchten gerne das Publikum mit diesem obskuren Zeug anfixen."

Das Anfixen klappt offensichtlich bereits hervorragend. Beim Auftritt von MGMT im Berliner Lido entdecke ich mehrere Gestalten, die den schwer zu tolerierenden Hippie-Look Vanwyngardens bereits kopieren. Zwei Burschen um die 20 sehen mit ihren Stirnbändern und engen Westen aus, als hätten sich dummdreiste Drogenfahnder in Schale geworfen, um eine von Rentnern betriebene Haschischfarm zu infiltrieren. "Ach, diese Jungs", hat die Mutter dieser Typen bestimmt gedacht, als sie so verkleidet das Haus verließen. Ich bin aber nicht deren Mutter, also denke ich: "Ist eure Zeit jetzt wirklich wieder da? The age of Fischgott und dergleichen?" Dumpfe Provinzler-Aggressionen steigen in mir auf. Woher nur kommt plötzlich dieser beschämenswerte Hippie-Hass?

Besonders hartnäckig ist er jedenfalls nicht, denn obwohl die 5-köpfige Mannschaft auf der Bühne aussieht, als würde sie an einem Casting für das nächste Doors-Biopic teilnehmen, werde ich ihnen schon bald aus der Hand fressen. So wie der Rest des Publikums, in dem sich auch auffallend geschmackvoll gekleidete Leute befinden. Vom Werbeprofi um die 50 bis zum erfolgreichen Jungschauspieler ist hier jeder, den man irgendwo schon mal gesehen hat. Das illustre Publikum nimmt die geballte Ladung "Future 70s" mit offenen nach oben gestreckten Armen bereitwillig an. Selbst ambitionierte Hirnschmelzer wie das elegische "Of Moons, Birds & Monsters" sorgen nicht für Aufmerksamkeitsdefizite.

Das mag daran liegen, mit welcher Disziplin die Band ihr psychedelisches Gewand tight hält und so langatmiges Abdriften ins Muckertum vermeidet. Vielleicht ist es auch die engelsgleiche Erscheinung Vanwyngardens. Ja, er trägt schon wieder sein verdammtes Stirnband, aber er singt auch ein berückendes Falsett, über das die meisten Männer nur VOR ihrer Pubertät verfügen können. Am Ende des Konzerts zeigt sich dann, dass es auch ihre Vergangenheit ist, die sie momentan derart attraktiv für das Publikum macht. Ohne 'Kids' gespielt zu haben, lässt man sie nicht gehen. Und als sie nach der dritten Zugabe endlich den lang ersehnten Hit bringen, ist die Reaktion absolut frenetisch. Obwohl das Duo die Nummer traditionsbewusst als Karaoke mit Backgroundmusik vom Band präsentiert und später lapidar dem Drummer das Mikro in die Hand drückt, könnte die Menge nicht glücklicher sein.

Der, wie es Goldwasser selbst nennt, "kitschy Electro-Pop" ihrer scherzhaften Anfangstage mit bittersüßen Botschaften à la "das Wasser ist warm, aber es bringt mich zum Frösteln" kommt noch besser an als der komplexe Reminiszenz-Rock der gerade ins Studio geschickten Profis, die MGMT jetzt zweifelsohne sind. Für Goldwasser ist allerdings klar, in welche Richtung es gehen wird: "Ich schätze Künstler wie Alan Vega dafür, dass sie immer die Konfrontation suchen und nie versuchen, dem Publikum zu gefallen. Das ist definitiv ein Weg, an dem wir uns orientieren werden."

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