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auf Festivals: Was tun, wenn's richtig gießt?

Mit Regen leben

Ein Wolkenbruch kann Existenzen vernichten. Festivalveranstalter stellen sich jede Saison auf Regen ein. Denn es gibt einige Dinge, die man dagegen tun kann.
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Es gibt Dauerregen. Es gibt Starkregen, Sprühregen, Nieselregen. Und da sage noch einer: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung! Openair-Veranstalter sehen das anders. Für sie ist Regen nicht nur etwas, das nass macht, sondern die Bilanzen verhagelt. Ein Wolkenbruch kann Existenzen vernichten. Die Festivalveranstalter stellen sich jede Saison auf Regen ein. Denn es gibt einige Dinge, die man gegen Regen tun kann.

Thees Uhlmann hatte es kommen sehen. Damals, im Sommer 2006 auf dem Southside-Festival, als sich der Himmel am Horizont bedenklich verdunkelte, streckte der Tomte-Sänger engagiert dem Himmel den Wutfinger entgegen und meinte: "Das sind die dunklen Wolken der Plattenindustrie." Kurze Zeit darauf entluden sich jene dunklen Wolken mit derartiger Wucht über dem Festivalgelände, dass auch dem tapferen Thees nur der Rückzug blieb.

"Eigentlich bekommen wir das Wetter auf dem Hurricane immer ganz gut hin", sagt Booker Marc Huelsewede mit feiner Ironie. "Es regnet beim Aufbau, es regnet beim Abbau. Dazwischen geht es meistens. Unsere Zuschauer haben es bei den Konzerten einigermaßen trocken. Bloß 2006, beim Zehnjährigen, hat sich der Regen um zwei Stunden vertan." Da wurden Muse, Headliner am Sonntag, Opfer eines Wolkenbruchs apokalyptischen Ausmaßes. Eine derartige Öffnung der Schleusen kam völlig unvorbereitet, das Festival musste abgebrochen werden, Muse traten nicht mehr auf. Binnen Minuten waren die Zeltplätze überschwemmt, durchnässte Festivalgäste suchten Unterschlupf im nächsten Mc Donald's. Die Veranstalter benötigten Schwerlasttraktoren, um das Mischpult vor der Hauptbühne aus dem Lehm zu ziehen.



Sind derartige Wetterumschwünge nicht vorhersehbar? "Bedingt", erklärt Huelsewede, "spätestens ab zwei Wochen vor dem Festival werden wir total wetterfühlig. Wir kontaktieren die gängigen Wetterdienste. Doch mit Unwetterwarnungen kann man viel Unruhe erzeugen." In vielen Punkten sind Unwetterwarnungen sehr genau. Nach der Vorwarnstufe "gelb" kommen die Warnstufen "orange", "rot" und "violett". Sie beschreiben Unwetter mit Niederschlagsmengen von 30 Litern in 24 Stunden bis hin zu 150 Litern pro Tag und Windgeschwindigkeiten von 75 km/h (Windstärke 9) bis 130 km/h (Windstärke 12). Allerdings bedeutet eine Warnung etwa für Niedersachsen noch lange nicht, dass es auch Scheeßel tatsächlich erwischt.

Es gibt Dauerregen. Es gibt Starkregen, Sprühregen, Nieselregen. Und da sage noch einer: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung! Openair-Veranstalter sehen das anders. Für sie ist Regen nicht nur etwas, das nass macht, sondern die Bilanzen verhagelt. Ein Wolkenbruch kann Existenzen vernichten. Die Festivalveranstalter stellen sich jede Saison auf Regen ein. Denn es gibt einige Dinge, die man gegen Regen tun kann.

Absichern kann man sich als Veranstalter nur bedingt gegen den schwer kalkulierbaren Wetterunbill. Versicherungen bieten Schutz gegen Schäden, die dadurch entstehen, dass die Veranstaltung "abgebrochen, unterbrochen oder verschoben" werden muss, wenn "Gefahr für Leib und Leben der Zuschauer und Mitwirkenden" besteht. Dagegen bleibt der Veranstalter auf Verdienstausfällen bei Zuschauerschwund oder geringem Getränkeumsatz infolge schlechten Wetters selbst sitzen. Auch die Gagen für Bands, deren Auftritt ins Wasser fällt, sind trotz allem vom Ausrichter zu zahlen.

Henrik Wächter von der Vibra-Agency, die in Nordrhein-Westfalen diverse Festivals organisiert, erlebte gleich beim ersten Serengeti-Festival in Schloß Holte-Stukenbrock vor drei Jahren das Wetter von seiner lebendigsten Seite. Am Nachmittag brach binnen weniger Minuten ein Unwetter los. Drei Bands fielen aus, der weitere Fortgang des Geschehens war plötzlich mehr als ungewiss. "Nahezu alle Zuschauer waren abgehauen. Außer ein paar, die sich an die Bierbude und in die Dixi-Toiletten geflüchtet hatten, war niemand mehr da", erinnert sich Henrik Wächter an das Fiasko. Als das Wetter besser und eine Fortsetzung der Veranstaltung absehbar wurde, halfen benachbarte Bauern, den Bereich vor der Bühne mit Stroh zu präparieren. Lokalradios meldeten, das es weitergehen konnte. Knapp 5.000 Zuschauer kamen tatsächlich zurück. Und die erlebten, vom Regen durchweicht, den Schulterschluss des Top-Acts H-Blockx mit der nassen Crowd. Vor Konzertbeginn begoss sich Sänger Henning Wehland mit zwei Litern Wasser: Jetzt könne es ja losgehen, nun sei er auch nass.

New Order hingegen sind wasserscheu. Auf dem Hurricane weigerten sie sich vor vier Jahren, bei Starkregen auf die Bühne zu gehen. Als Elektroband hantiere man schließlich mit Strom. "Die meinten, sie würden sterben", lacht Marc Huelsewede. "Unsere Techniker haben 20 Minuten gebraucht, um ihnen zu erklären, dass sie es überleben werden." Danach tobte die Band im Regen wie kleine Kinder und hatte sichtlich Spaß. Einer der Techniker vor Ort war seinerzeit Jörn Brömelmeyer, der jahrelang unter anderem mit diversen HipHop-Acts tourte. "Durch eine Gitarre fließt kein Strom, sondern nur ein ungefährliches Spannungssignal", erklärt er. Ständen die Gitarrensaiten unter Strom, könnte man auch bei Trockenheit nicht bzw. nur einmal auf das Instrument fassen. So aber ist es ungefährlich, im Regen Gitarre zu spielen, wenn denn die Bühne geerdet ist und an eventuell vorhandenen Dieselaggregaten keine sogenannten Nullleiter vergessen wurden. Für die Einhaltung der Sicherheitsstandards ist auf allen Festivals ein ausgebildeter Bühnenmeister zuständig. Pannen sind somit quasi ausgeschlossen.

Allerdings dürfen Verstärker, Keyboards, Mischpulte und Netzteile nicht mit Wasser in Berührung kommen. Daher stehen sie stets wasserdicht im hinteren Bühnenbereich oder in Racks und Containern. Eine Abdeckfolie für Mischpulte liegt meistens in Griffweite, zur Not wird die Stromzufuhr durch einen Hauptschalter unterbrochen. Effektboards umwickelt Jörn Brömelmeyer gegebenenfalls mit Frischhaltefolie. "Damit bekommt man die Schwachstellen an den Steckverbindungen dicht und kann sogar noch die Regler sehen", verrät der Technikfuchs.

Es gibt Dauerregen. Es gibt Starkregen, Sprühregen, Nieselregen. Und da sage noch einer: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung! Openair-Veranstalter sehen das anders. Für sie ist Regen nicht nur etwas, das nass macht, sondern die Bilanzen verhagelt. Ein Wolkenbruch kann Existenzen vernichten. Die Festivalveranstalter stellen sich jede Saison auf Regen ein. Denn es gibt einige Dinge, die man gegen Regen tun kann.

Ein weitaus größeres Problem als Regen stellt ohnehin der Wind dar. "Wasser macht nass", sagt Mirko Roßner, "Wind kann totmachen." Schon geringere Windböen können DJs das Leben erschweren, wenn sie unter den Tonarm greifen. Ab Windstärke 8 wird es ernster: Nun gerät die Bühnenstatik in Gefahr, wenn Teile aus der Dachkonstruktion herabgeweht werden. Daher werden Traversen abgesenkt und die Seitenplanen gelockert, damit der Wind durch die Bühne hindurchwehen kann. Nötigenfalls müssen Musiker und Techniker die Bühne verlassen. Und wenn es ganz hart käme, läge auch ein Evakuierungsplan für die Zuschauer bereit.



"Wir jammern hier die ganze Zeit von Wind und Regen", wirft Jörn Brömelmeyer schließlich noch ein, "aber was ist mit Schneesturm und Kälte? Mir sind mal in Seefeld beim Snowboard-Festival nachts bei minus 23 Grad die Fader am Mischpult eingefroren, und DJ Stylewarz konnte seine Hände nicht mehr bewegen."

Auf der nächsten Seite: Welche Sorten Regen es gibt...

Es gibt Dauerregen. Es gibt Starkregen, Sprühregen, Nieselregen. Und da sage noch einer: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung! Unser Überblick über streng genommen drei Sorten Regen.


1. Dauerregen, der: auch Landregen genannt, bezeichnet ein andauerndes Niederschlagereignis, das mehrere Stunden, manchmal auch Tage anhalten kann. Dauerregen fällt üblicherweise aus der klassischen Regenwolke "Nimbostratus" und tritt meist in Zusammenhang mit einer Warmfrontpassage auf. Für gewöhnlich spricht man von Dauerregen, wenn der Niederschlag eine Intensität von 0,5 Millimeter über einen Zeitraum von mindestens sechs Stunden nicht unterschreitet. Dies entspricht auch in etwa der Zeitspanne, in der Zelte mitsamt Schlafsäcken und restlichem Inhalt ihre volle Wassersättigung erreichen.

2. Starkregen, der: Regen, der im Verhältnis zu seiner Dauer eine hohe Niederschlagsintensität hat. Er dauert manchmal nur wenige Minuten, kann aber auch einige Stunden lang anhalten. Von Starkregen spricht man generell ab einer Menge von fünf Millimetern in fünf Minuten oder 17 Millimetern pro Stunde. Er tritt vornehmlich auf, während Festivalbesucher große Mengen an Gepäck zwischen Park- und Zeltplatz hin- und hertragen.

3. Sprühregen, der: kann, je nach Form, auch Nieselregen heißen. Der Durchmesser seiner Tröpfchen misst weniger als 0,5 mm. Er fällt für gewöhnlich aus Schichtwolken oder hinter einer Warmfront. Dank seines oftmals absurden Einfallswinkels gelangt Sprühregen, unabhängig von Standort und Körperhaltung des Festivalbesuchers, auch in die entlegensten Innenwinkel des Regenmantels.