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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Interview zu »Singularity«

Auf einen Magic Mushroom mit Jon Hopkins

Jon Hopkins’ neues Album »Singularity« beginnt wie ein Burn-out samt Nervenzusammenbruch und endet in meditativer Erhabenheit – mit einem Stück, das passenderweise »Recovery« heißt. Es funktioniert wie eine Reise, die der britische DJ und Produzent uns allen ans Herz legen will. Wie? Das verriet er Daniel Koch.

Geschrieben am

Das klingt jetzt kitschig, aber deine Musik funktioniert für mich zuerst auf emotionaler Ebene. Vor allem »Immunity«, aber auch deine EPs mit King Creosote und selbst deine »Late Night Tales«-Compilation zeigen direkte Wirkung auf meine Gefühlswelt, wenn ich sie höre. Sagt man dir so was öfter?
Danke schön. Das freut mich. Und ja, hin und wieder sagt oder schreibt mir jemand Ähnliches. Vielleicht überträgt sich in meiner Musik, wie ich arbeite: Ich lasse mich komplett von meinen Instinkten und Gefühlen leiten. Sobald eine Melodie, ein Beat oder ein Sound etwas in mir auslöst, versuche ich dem nachzuspüren und arbeite weiter daran. Technische oder handwerkliche Dinge laufen dabei eher instinktiv ab. Wenn ich dann einen Song in Ableton vor mir habe, nehme ich mir die einzelnen Parts vor. Ich weiß nicht, ob man das Handwerk nennen kann – ich sehe es als eine Reihe intuitiver Entscheidungen. Manchmal starre ich so lange auf all diese Frequenzen und Graphen, dass sie wie in der Matrix in kleinen grünen Zahlenreihen verschwimmen.

Die Gefühle, die »Singularity« in mir auslöste, waren zuerst: Stress, Anspannung, Hektik, Aggression. Auf der Hälfte der Spielzeit ziehst du den Hörer dann langsam raus, und es wird sphärisch. Vor allem durch diesen Kontrast fühlte ich mich am Ende fast selig. Oder gar – komisches Wort – therapiert. Hattest du diese Wirkung im Sinn?
Ich wollte, dass die erste Hälfte des Albums destruktiv und unheilverkündend klingt. Es sollte vor Anspannung beben und dich dann tatsächlich langsam herausziehen – ich mag diese Wortwahl. Dieser Spannungsbogen ergab sich recht früh, aber trotzdem würde ich nie sagen, dass ich ihn als Konzept im Sinn hatte. Ich mag die Vorstellung, dass ich mich von meinem Unterbewusstsein leiten lasse, anstatt einen fixen Plan zu haben. Die Platte durchläuft einen Prozess der Reinigung: von den schmutzigen, knirschenden Sounds hin zu akustischer Klarheit.

Ich habe das Album als Metapher für ein Burn-out samt Therapie gelesen. Vermutlich, weil ich so was im Freundeskreis erlebt habe.
Diese Lesart passt tatsächlich gut. Vielleicht war das meine Intention. Ich selbst strebe immer wieder dem Zustand entgegen, den die zweite Hälfte des Albums symbolisiert. Das ist ein permanenter Kampf zwischen meinem sehr arbeitsintensiven und kräftezehrenden Leben in der Stadt und meinem inneren Drang, dem allen den Rücken zu kehren und in den Bergen in einer Hütte am See zu leben, wo ich die Tage mit Schwimmen, Sinnieren und dem Sammeln von Nahrung verbringe.

Ist »Singularity« also ein Statement zur Entschleunigung?
Könnte sein. Auch hier gilt: So was passiert eher instinktiv als intendiert. Aber ich teile diese Interpretation. Wenn ich allein auf mein eigenes Leben in den letzten 20 Jahren schaue, kommt es mir vor, als seien alle diesem unsinnigen Zwang der Beschleunigung verfallen. Wir arbeiten mehr, erholen uns seltener – und trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass unsere Gesellschaft dadurch besser funktioniert oder wir uns zufriedener fühlen. Eher im Gegenteil.

Elektronische Musik bietet als Antwort darauf oft eskapistische Hymnen, denen man sich im Club sehr einfach hingeben kann, um alles andere zu vergessen. Du scheinst tiefer schürfen zu wollen.
Es ist mir sehr wichtig, meine Musik – selbst die schnelleren Stücke wie »Emerald Rush« oder »Neon Pattern Drum«, die durchaus im Club funktionieren würden – nicht als Eskapismus zu verstehen. Ich möchte die Menschen im Idealfall zu der Erkenntnis führen, dass es eine Realität gibt, die tiefer geht als jene, die wir uns erschaffen haben. Die Strukturen, die unser Leben beeinflussen und uns Zwänge auferlegen, sind zu einem Großteil von Menschen gemacht. Die Mühle des Finanzsystems ist da nur ein Beispiel – und sie ist eine Illusion, der wir kollektiv verfallen sind. Die tiefere Realität erschließt sich, wenn wir uns nachts die Sterne anschauen und diesen winzigen Teil des Universums vor Augen haben. Diese simple, aber weitreichende Erkenntnis kam mir, seitdem ich regelmäßig meditiere. Und ich hatte einige psychedelische Erfahrungen, die sie vertieften – und die ich in meiner Musik, im »Singularity«-Artwork und zum Beispiel im Video zu »Emerald Rush« transportieren will. Mir geht es um die Idee, bis zum größtmöglichen Bild herauszuzoomen – um zu erkennen, dass die Dinge viel simpler sind, als wir sie haben werden lassen. All die Arbeit, die wir Menschen jeden Tag auf der ganzen Welt verrichten, wird von der schieren Größe des Universums überstrahlt. All die Dinge, die uns Sorgen bereiten, sind im Vergleich bloß ein winziges Staubkorn. Wenn ich mir das bewusst mache, erfüllt es mich mit Ruhe und diesem Gefühl des Staunens, das ich vermitteln will.

Bei »psychedelischen Erfahrungen« werde ich natürlich hellhörig. Kannst du uns eine beschreiben?
Haha, das klang jetzt illegaler, als es ist. Ich habe tatsächlich in Holland eine Kur besucht, bei der man diese Erfahrungen mit medizinischer und psychologischer Betreuung machen kann. Das sind sehr ernste, zeremonielle Events, gar nicht so hippiesk, wie ich mir das vorgestellt hatte. Man sitzt dabei in betreuten Gruppen zusammen, bekommt legale bewusstseinserweiternde Pilze und kann relativ sicher in die tiefsten Seen seiner Psyche eintauchen, um hoffentlich mit der einen oder anderen substanziellen Wahrheit zurückzukehren. Bei mir war das die eben beschriebene Erkenntnis, die nun das Herz meines Albums ist. Ich erinnere mich, wie ich auf meine Hände blickte, die von Lichtstrahlen durchzogen pulsierten, und dabei dachte: »Heilige Scheiße! Warum mach ich mir Sorgen über all diesen Kleinkram? Warum sind wir nicht alle viel glücklicher mit dieser wundervollen Erfahrung, Mensch zu sein?«

Jon Hopkins

Singularity

Release: 04.05.2018

℗ 2018 Domino Recording Co Ltd