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Auf allen Hochzeiten tanzen

Karen Elson / The Dead Weather

Karen Elson veröffentlicht ihr Debüt, produziert hat es Superstar-Gatte Jack White. Der bringt wiederum mit The Dead Weather auch ein neues Album raus.
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Karen Elson veröffentlicht ihr Debüt, produziert hat es Superstar-Gatte Jack White. Der bringt wiederum mit The Dead Weather auch ein neues Album raus. Liz Weidinger und Verena Reygers entwirren das personelle und kreative Geflecht.
 
Auf die Spitze getrieben hat es Karen Elson bereits bei ihrer ersten Zusammenarbeit mit Jack White. Im Video der White Stripes zum Song „Blue Orchid“ stakst das Topmodel in schwindelerregend hohen Alexander-McQueen-Lookalike-Schuhen durch eine bizarre Kulissenwelt. Das war 2005, also in dem Jahr, in dem nicht nur dieses dunkel-wirre Video mit Elson und White im Musikfernsehen rotierte, sondern auch die Nachricht über die Heirat der beiden die Runde machte. Jetzt erscheint Elsons Debütalbum. Es ist zugleich professionell und eigenwillig, vereint also das Unvereinbare – das scheint eine Gewohnheit der beiden zu sein.

Das Artwork von „The Ghost Who Walks“ mit seiner schwarzen Krähe und dem pfirsichfarbenen Vollmondflair hüllt das Album in einen nach altem Schrank riechenden Tüllschleier. Musikalisch findet man passenderweise neben morbidem Gothic-Chic auch die Begeisterung für Vintage-Klamotten und -Sound wieder. Country, Americana und Sixties-Folk-Einflüsse dominieren das Klangbild und nehmen einen mit, an einen anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Dorthin, wo es auch Nick Cave gefallen würde.

Insgesamt mutet das Album wie der perfekte Soundtrack zur Vampir-Serie „True Blood“ an: Den Stücken haftet etwas Dreckiges an, sie transportieren auf sehr leidenschaftliche Weise eine Weltentrückheit, wie man sie nur in verlassenen Ortschaften findet. Das klingt nicht nur perfekt komponiert und arrangiert, das ist es auch. Diese übertriebene Perfektion nimmt „The Ghost Who Walks“ allerdings etwas von seiner Überzeugungskraft. Erst gegen Ende des Albums wird die Musikerin Karen Elson besser greifbar und schafft es, sich den Staub von den Schultern zu klopfen.

Produziert hat das Album natürlich Ehemann Jack White. Zu Hause in Nashville, der Stadt des Kommerz-Country. Stellt sich die Frage, wie ernst die musikalischen Ambitionen des Topmodels sind: „Als ich mein Album nach der Produktion der Öffentlichkeit vorstellen musste, wurde ich wirklich unsicher. Auf der einen Seite bin ich Model und schäme mich auch nicht dafür. Ich bin eher stolz drauf, weil ich hart dafür gearbeitet habe. Aber auf der anderen Seite verstehe ich, wenn Leute erst mal skeptisch sind und nur das singende Model oder die singende Ehefrau sehen.

Das kann aber auch ein Vorteil sein, weil es vielleicht Fans gibt, die sich erst dadurch für meine Musik interessieren.“ Elson hofft, dass man ihre Leidenschaft für Musik auf dem Album spürt. Im Gegensatz zu der emotionslosen Silhouette auf Fashionfotos könne man ihr durch das Album sehr nahe kommen, sagt sie: „Das Grundgerüst stammt hundert Prozent von mir. Jack hat nur sein großes Produktionstalent eingebracht. Der Sound fühlt sich sehr stark nach mir an ... Die Melancholie, die Dunkelheit, das sind alles wichtige Elemente meiner Persönlichkeit.“

Man kann gar nicht anders, als sie zu mögen, wie sie beim Interview unaufdringlich selbstbewusst und redselig auf der beigefarbenen Couch des Nobelhotels sitzt und trotzdem keine Anzeichen von Größenwahn zeigt. In ihren roten offenen Haaren steckt eine große Blume, und statt Haute Couture trägt sie ein schlichtes buntes Sommerkleid. Nachdrücklich betont sie, dass White keinen einzigen Gitarrenriff für ihr Album eingespielt habe. Okay, aber wie sah die Zusammenarbeit mit White nun konkret aus? „Zwar mussten wir nur durch den Garten ins Studio gehen und konnten schon ein paar Lieder einspielen, trotzdem konnten wir uns nicht einen Monat lang im Studio einschließen, um alle Songs aufzunehmen. Jack ist sehr beschäftigt, ich bin sehr beschäftigt.“ So mussten die beiden zwischen den Aufnahmen immer wieder Pausen machen. Pausen, die dem Album und ihrer Zusammenarbeit offensichtlich gutgetan und sie vor möglichen Ehe-internen kreativen Differenzen verschont hätten, meint Elson.

Denn ab und an knisterte es dann doch, einfach, da die quasi Novizin sich nicht vom umfangreichen Backkatalog ihres Produzenten habe beeindrucken lassen: „Ich war nicht eingeschüchtert, er ist schließlich mein Ehemann. Ich sage ihm, wenn er die Klappe halten soll.“ Whites Rolle als Produzent sei es gewesen, sie aus ihrem Versteck zu locken. „Er half mir, sicherer zu sein. Er hat mir keine Zeit gelassen, zu zögern.“
Auch wenn White die Songs nicht mitgeschrieben hat, kann man ihn zwischen den Zeilen entdecken. Manchmal sogar ganz deutlich, denn er hat neben der Produktion auch die Drums eingespielt, die zum Beispiel „Cruel Summer“ mit ihrem schweren Country-Beat sehr kraftvoll und angriffslustig ausfallen lassen. Eine Kraft, die einem von anderen Projekten Whites bekannt vorkommt, besonders The Dead Weather schleudern einem mit dem Sound ja nur so die Fäuste um die Ohren.

Auf die Frage, ob sie sich zukünftig vermehrt auf die Musik konzentrieren wolle, antwortet Elson ambivalent: „Menschen haben viele Leidenschaften. Ich sage jetzt nicht, dass ich leidenschaftlich Model bin, aber es ist mein Job. Es ist das, was mir die Freiheit gibt, sechs Monate lang ein Album aufzunehmen. Warum kann ich nicht beides machen? Jack wird auch immer wieder gefragt, ob es die White Stripes noch gibt. Als ob er nicht mehrere Sachen gleichzeitig machen könnte. Jacks Herz wird immer bei den White Stripes bleiben, aber warum kann er nicht kreativ sein, bei einer Band Schlagzeug spielen und trotzdem ein Label managen?“

Auf der nächsten Seite: The Dead Weather - die dritte Superband.

Karen Elson veröffentlicht ihr Debüt, produziert hat es Superstar-Gatte Jack White. Der bringt wiederum mit The Dead Weather auch ein neues Album raus. Liz Weidinger und Verena Reygers entwirren das personelle und kreative Geflecht.
 
The Dead Weather – die dritte Superband
 
Andere wären froh, wenn sie eine Superband gemanagt bekämen, Jack White hat derer gleich drei im Angebot: White Stripes, Raconteurs und The Dead Weather. Knapp ein Jahr nach dem Debüt „Horehound“ veröffentlicht White zusammen mit Alison Mosshart, DeanFertita und Jack Lawrence nun mit „Sea Of Cowards“ bereits das zweite The-Dead-Weather-Album. Passend zum Versteckspiel-Cover, das vier von Masken und Gitarre verdeckte Köpfe zeigt, gestaltet sich auch der journalistische Blick hinter die Bandkulissen. Man hält die Dinge gerne im Vagen. Beispielsweise, indem Alison Mosshart von der unerschöpflichen Kreativität des sich im Bluesrock wälzenden Kollektivs schwärmt: „Wir sind wirklich unglaublich voneinander inspiriert. Wenn wir im selben Raum sind, egal, ob auf Tour oder in Nashville, dann schreiben wir sofort Songs.“ Sie sei selbst überrascht, wie gut das funktioniere. Klar, man dürfe nicht faul sein, aber sie hätten einfach diese unermessliche Energie, dieses Verlangen, mit dem sie morgens aufwachten, tolle neue Songs zu schreiben.

Elf Stück sind es schließlich für „Sea Of Cowards“ geworden, von denen „Die By The Drop“ als erste Single ganz besonders den hauseigenen schweren Gitarrenriff auffährt, rasant wendet und mit Kies aufwirbelndem Tempo in die dunkle Nacht, die Wüste oder wohin auch immer entbraust. Das Video trifft diese Stimmung ziemlich genau, irgendwo zwischen Vintage-Gothic und Stummfilm-Grusel – ein Mix, der auch Karen Elsons Musik wie bereits angeschnitten treffend auf den Punkt bringt.

Deren Debüt hat Mosshart natürlich schon gehört. „Großartig“ sei es, gibt sie betont freundlich zu verstehen. So warm, wie Karen Elson über Meg White als Teil der Familie spricht, so entspannt scheint auch das Verhältnis aller anderen Jack-White-MitstreiterInnen zueinander zu sein. Kommt denn da nichts durcheinander? „Nein, Jack trennt seine Projekte total voneinander“, erzählt Mosshart. „Er und Karen haben während unserer Tourpause an ihrem Album gearbeitet.“ Schließlich hätten sie alle noch genügend andere Verpflichtungen, Mosshart zum Beispiel bei The Kills oder Fertita bei Queens Of The Stone Age. Die Klangfarben dieser Bands schlagen sich auch in The Dead Weather nieder. Wie sie da reinkommen, das kann sich Mosshart aber nicht wirklich selbst erklären – und will es auch gar nicht: „Du zerstörst, wenn du nach seinem Ursprung suchst, etwas, das so wunderbar von alleine funktioniert.“ Schön gesagt, dann klappen wir den Notizblock mal lieber zu ...