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Labelporträit

Audiolith / Cobretti

Die Hamburger Labels Cobretti und Audiolith beweisen, dass es Leben in Pop abseits von Röhrenjeansgitarren gibt. Linus Volkmann schnüffelte rum.
Geschrieben am
Fickeriger Electro-Rave, der mitunter an U96, Eiffel 65 oder 'Hardcore Vibes' von Dune erinnert und von Leuten betrieben wird, die eigentlich aus Punk und Hardcore kommen. Wie geht denn so was? Die Hamburger Labels Cobretti und Audiolith beweisen, dass es Leben in Pop abseits von Röhrenjeansgitarren gibt. Linus Volkmann kam gleich bei ihnen zu Hause vorbei und schnüffelte rum. Er fand weit mehr als ein 90s-Revival und traf auf der Trabrennbahn The Dance Inc.

Im HipHop besitzt der Opener zumeist die Anchorman-Funktion - es geht darum zu postulieren, dass irgendwer wieder da sei und wie er alle anderen jetzt wegblasen würde und man solle sich in Acht nehmen. Bei so viel drögem Wiederholungseifer dämmern wir Opfer ja schnell mal weg. Schnarch. Der erste Song der Compilation 'Weihnachten mit Cobretti' bringt zwar keinen HipHop, dafür aber eine Ansage - und was für eine. "Hallo Freunde, es ist an der Zeit, ›Danke‹ zu sagen. An Der Tante Renate, Plemo, Juri Gagarin, DJ Kante, Tipo Van Scoop, Tomarcte, Jim Panse, Schmidt Und Schmidtchen ... your heart is our beat!" Erinnert das nicht an Scooters 'Hyper Hyper'? Das auf ewig verpöhnte Pamphlet, das die dort Genannten seinerzeit schockte und peinlich berührte? Ist so ein Bezug überhaupt erlaubt? Vor allem einer, der daraus keine Gag-Travestie mit eingespielten Lachern macht?

Offensichtlich. Die Tune-Einstellungen des Yamaha-Keyboard-Soundalikes stehen dabei auf Sturm und Trumpet. So was hat man seit Eurodisco doch nicht mehr gehört. Und das ist erst der Anfang. Auf diesem Sampler folgt noch einiges aus dem No-Go-Katalog der Synthie-Voreinstellungen. Man sagt sich instinktiv: Wenn ich diesen Trend nicht sofort verbieten kann, will ich umgehend mitmachen.

Stadt
Cobretti stellt dabei nur die Spitze des Eisbärs dar. Wenn man tiefer bohrt nach diesem neuen seltsamen Sound, dieser neuen Präsentationswut für Coming-of-Age-Beat-Punk, stößt man schnell auf Audiolith. Wobei die beiden Labelbetreiber sich offenbar kennen, der eine sei der Putzerfisch des anderen oder so ähnlich. Jetzt reicht's, die werden aufgesucht. In Hamburg, im strömenden Regen, zu Hause bei Lars Lewerenz von Audiolith. Und DJ Kante von Cobretti ist auch schon da. Hamburg, stell die Verbindung her - und zwar nicht zu knapp. Denn so verstörend und individuell der musikalische Aspekt sich ausmacht, so wenig trifft man hier auf Eremiten der Marke Eigenbau. Denn obwohl sich die Szenerie viel durch anonyme, niederschwellige Netz-Kontakte speist, kommt einem das Bandkarussell, auf dem man hier Platz nehmen kann, nicht wirklich fremd vor.

Lars trägt die Schirmmütze zur Seite, wie das Klischee des bescheuerten Vorstadtbubis, der selbst gemachte Limonade verkauft. Kennen kann man ihn u. a. als Bassisten von ClickClickDecker, früher spielte er sogar in der Oi!-Band Smegma, die über die Szene hinaus bekannt sein dürfte durch ihren Auftritt in dem Film 'Oi! Warning' der Geschwister Dominik und Benjamin Reding. "Ich war schon alles irgendwie: Punk, Oi!, Hardcore. Und wenn mich jetzt jemand fragt, was hast gerade du denn mit elektronischer Musik am Hut, dann sage ich ›gar nix‹, ich kenne mich da null aus, damit bin ich, genau wie die anderen, einfach nicht sozialisiert worden. Und trotzdem mache ich das Label." Genau, "und trotzdem" ist so die Attitüde, aus der sich hier ein ganz eigener Weg zu Beats geschaffen wurde.

Aber dazu später mehr, jetzt noch mal Nerd-besoffen zurück zu den Stammbaumqualitäten der Nummer. Cobretti wurde einst mitbegründet von Dennis Becker von Tomte und der Olli-Schulz-Band, und bei ClickClick spielt live auch Simon Rass Schlagzeug, der sonst beim Tomte- und Kettcar-Label Grand Hotel Van Cleef arbeitet - aus deren Umfeld wiederum Acts wie Marr kamen, die teilweise in Tomte aufgingen oder sich eben auch an die Synthies hockten und bei Audiolith veröffentlichten. Namentlich André von The Dance Inc., eine der ausgefeiltesten Bands aus dem nur noch vermeintlich dilettantischen Umfeld von Cobretti und Audiolith. André arbeitet als Teilhaber bei dem legendären Hamburger Plattenladen alter Schule, bei Michelle. Wir wollen ihn später alle zusammen auf der Hamburger Trabrennbahn hier in Bahrenfeld treffen.

Vorher hängen wir aber noch in der Bude von Lars herum. Alles ist voller skelettierter Tierkadaver, nur einer lebt noch und ist eine dicke, fast schwarze Katze namens Schorsch. Trotz des Zulaufs der Konzerte und trotz des Szene-Hypes, der sich um jede Audiolith-Veröffentlichung fast immer von selbst lostritt, ist das hier erst mal alles: meine Wohnung, mein Büro, meine Ich-AG, meine Kleintier-Skelette. Auf die Konzerte seiner Acts wie Plemo, Supershirt, Juri Gagarin, Miki Mikron und Bratze gehen regelmäßig Hunderte von Leuten. Der Geheimtipp-Status platzt aus allen Nähten. Und dennoch rechnet sich das noch nicht: "Ich bekomme noch so einen Existenzgründungszuschuss vom Arbeitsamt, den kann ich noch mal verlängern, der läuft danach aber aus. Ich will es dieses Jahr mit dem Label wissen, also davon leben zu können ist der Plan", sagt Lars. Man könnte sich 2008 einfachere Pläne vorstellen. Aber gegenläufige Politik - ist das nicht das klassische Geheimnis von Trendsettern, Stylern und Wahnsinnigen? Und überhaupt, Politik spielt hier noch eine Rolle. Trotz Instrumentalmusik. Mitunter sogar in Instrumentalmusik.

Land
"Ich find's ja immer geil, wenn man auf Bahnhöfe kommt und Punks sieht statt Soldaten. Das nervt so, wenn man am Wochenende verreist, und der ganze Zug ist voll mit Soldaten. Das hasse ich!" So geäußert von Lars im Videoblog von www.fortschritt.tv. Und überhaupt klingt der Punk'n'Hardcore-Background der Beteiligten zwischen den Zeilen des eigenen Netzwerks unmissverständlich durch. Das ist kein rein ästhetisch motiviertes MySpace-Movement von Langweilern für Langweiler, und an einigen Stellen schwingt das nicht nur mit, sondern wird laut. Egotronic sind vielleicht das beste Beispiel.

Vor einem Rave-Panorama entfalten sich ganz selbstverständlich tanzbare anti-deutsche Texte. Macher Torsun mag Britney Spears und die Bombardierung von Dresden. Überspitzt gesagt natürlich. Seine deutsche Version des englischen Schmählieds 'Ten German Bombers' beschwor dabei einen echten kleinen Skandal herauf. Die Musik wirkt frisch, die Typen an den Keyboards, Rechnern und Mikros sind trinkfest und auf der Bühne Hool-erprobt. So fordert gleich der Erstkontakt mit den Künstlern die Entscheidung heraus, nichts wird vertagt: Entweder du bist dabei, oder du bist so was von draußen, wie du es bei dem ganzen egalen Kram, der sonst so üblich ist, nie gewesen bist.

Sound
Natürlich wäre es fahrlässig zu behaupten, man könne den Sound von all den Akteuren, die zu diesem losen Verbund von Künstlern, Labels und Netzwerken gehören, als präzise beschreibbares Movement erzählen. Dafür gehen die einzelnen Acts zu weit auseinander. Der stilistische Konnex, den man allerdings raushören kann, führt dabei eher zurück auf den intensiven Austausch, der über die label- und bandeigenen Blogs [zum Beispiel: plemo.blogsport.de oder www.cobretti.org] betrieben wird, und nicht auf die Ambition, an einem übergreifenden Soundentwurf zu stricken. Gemeinsam ist den Akteuren der Entwurzelungsprozess, besitzen doch fast alle eine gutbürgerliche Gitarrensozialisation und begannen in den 90ern, Punkrock-Tunnelblick zu heben. Um sich selbst lustvoll und DIY-mäßig an der fremden Materie zu versuchen, geschichtslos, aber bockvoll. Oder, wie es DJ Kante, dem auch der Act Reddelört untersteht, sagt: "Wir saßen so zu Hause rum und haben Gary D gehört [Unterschichts-Techno-Trance-Legende]. Tja, und das war relativ scheiße, und da haben wir gedacht: Das machen wir jetzt auch irgendwie - nur noch schlechter!"

Der offensive Billo- und Verkürzungsaspekt als Anreiz herrscht bis heute noch auf Cobretti. Raushauen, du Sau. Das Ganze unter dem Banner, das man sich auch auf T-Shrits gedruckt hat: "Scheiße - korrupt - aggressiv". So finden viele Stubenhocker-Platten ihren Weg in die Welt, von C64-Techno (Rampue) zu Minimal-Bingo-Bongo (Tomarcte) oder eben Eurotrance (Reddelört). Wohingegen das Prinzip des Unfertigen, des Desaströsen im Audiolith-Kosmos bei näherem Hinsehen nur noch Koketterie ist bzw. sich höchstens noch auf die entfesselten Live-Umsetzungen bezieht. Aber Bands wie The Dance Inc. sind richtige Bands, und aus der punkigen Selbstermächtigung des Laptop-Schaffens ist längst ein eigenes Fricklertum geworden, das seinen Tasten-Sound keinesfalls mehr dem Zufall oder der Verweigerungs-Mülltonne überlassen will.

Pferd
Mittlerweile sind wir auf der Trabrennbahn angekommen. André erzählt motiviert gegen den Lautsprecher, der Pferdenamen und -nummern ruft, an. Im März erscheint die nächste The-Dance-Inc.-Single - muss sein, sonst kannst du gleich einpacken ohne stete VÖs, er als Plattenladenbesitzer dürfte es wissen. Es regnet immer noch, die Pferde donnern durch Matsch und Flutlicht. Für die Wettscheine, die nötig sind, um mitzutippen, benötigt man Abitur. Allerdings nicht so eins, wie wir es besitzen. Irgendein anderes. Vielleicht könnte Dustin Hoffmans Figur des 'Rain Man' mit den zahlengespickten Vordrucken was anfangen, wir nicht. Trotzdem schön hier. Man muss auch nicht immer alles kapieren, um dabei zu sein. Und irgendwann fällt der Groschen sowieso. Your heart is our beat.

.: www.audiolith.net/ :.
.: www.cobretti.org/ :.