×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Angst Auf dem Schulhof

Audio Bullys

Mal ehrlich: Niemand will ein langweiliges Leben. Weder selbst eins führen noch davon auf Platte hören. Die Audio Bullys aus London verfolgen mit ihrer Musik deswegen ein durchschlagendes Konzept: Sie vertonen einfach ihre Jugend. Mädchen, Drogen, Clubbing. Eben das wahre Großstadtleben, von manche
Geschrieben am

Mal ehrlich: Niemand will ein langweiliges Leben. Weder selbst eins führen noch davon auf Platte hören. Die Audio Bullys aus London verfolgen mit ihrer Musik deswegen ein durchschlagendes Konzept: Sie vertonen einfach ihre Jugend. Mädchen, Drogen, Clubbing. Eben das wahre Großstadtleben, von manchen auch “Krieg” genannt – festgehalten auf einem Album randvoll mit skippy Beats und zerhäckselten Samples. In England sorgten sie so jüngst für Begeisterung. Passt das doch bestens zum neuerdings so beliebten Schlagwort “Hooligan House”. Es gibt allerdings auch böse Zungen, die behaupten, Audio Bullys seien nichts weiter als “The Streets mit Hauptschulabschluss”.

“Liebe ist definitiv wichtiger als Geld.” Simon Frank, 22, sitzt in einem Hotelzimmer in Berlin, rollt sich einen dicken Joint und denkt laut über die Prioritäten des Lebens nach. Wenn man – wie er derzeit zusammen mit seinem Kollegen Tom Dinsdale – von seinem Label ein hübsches Sümmchen Vorschuss kassiert hat, von der Presse als das nächste große Ding nach The Streets gehandelt wird und erste Charts-Erfolge feiert, passiert es schon mal, dass man durcheinander kommt, irgendwo zwischen Moneten und Mitmenschen. Kollege Dinsdale, 24, liegt derweil auf dem Bett und hat auch schon ohne Joint erschreckend dunkle Augenringe. “Ehrlich gesagt hätte ich nicht damit gerechnet, dass wir es auf diesen Level schaffen würden”, resümiert er die letzten Monate. “Aber ich hätte mit der Sache auch nicht aufhören wollen, bevor was Richtiges draus wird.” Mit “der Sache” meint er das, was vor ein paar Jahren ganz harmlos in seinem Zimmer in Richmond im Südwesten Londons anfing – mit einem Sampler, seinem Schulfreund Simon, liebevoll “Si” genannt, mit ein paar Joints und einer Platte, die sie beide so großartig fanden, dass sie heute noch große Augen bekommen, wenn sie von ihr sprechen: “Diamond Rings” von X Presidents, frühester Underground-UK-Garage. Und mit “was Richtiges” meint er den aktuellen Karriere-Peak ihres Projekts Audio Bullys: Sie haben in diesem Sommer die große Festival-Runde durch England und Europa gespielt, ihre Single “We Don’t Care” kletterte in England auf Platz 15 der Charts, das Debütalbum “Ego War” auf Platz 19, Toyota kaufte den Track “Snake” für einen TV-Spot, und dann waren sie noch mit dem New Yorker Star-DJ Erick “More” Morillo im Studio, um ihm ein paar feiste Big-Room-House-Tunes zu mixen. Viel Zeit für feste Freundinnen blieb in letzter Zeit also nicht – und als ob er das bereits vorausgeahnt hätte, hat Simon, der für die Arbeit am Mikro verantwortlich ist, auf dem Album schon mal einen passenden Reim verewigt: “If I had the time, then I’d spend a little more with you / and if I had a hundred million, then I’d probably give half to you”, heißt es in einem Track.

DJ ODER DEALER?

Nun wundert es nicht, dass auch Geld im Universum der Audio Bullys eine wichtige Rolle spielt, weiß man doch, dass ihre Heimatstadt eine wirklich schweineteure Angelegenheit ist. Will man dort nicht unter die Räder kommen, muss man sich schon was überlegen. Und was bleibt übrig, wenn man frisch von der Schule kommt, keinen Bock auf Pizza-Service oder Callcenter hat und weiß, dass Drogendeals zu oft mit Messerstechereien enden? Anders gesagt: wenn man dem Schicksal der Teenage-Protagonisten aus Ken-Loach-Filmen wie “Sweet Sixteen” entkommen möchte? Tom und Simon kam bei der Suche nach einer rentablen Beschäftigung die Endstation der Londoner District Line in Richmond entgegen. Sie fuhren in die Stadt, um in Clubs wie dem Camden Palace oder dem Bagleys zu den neuesten Garage-”Chooons” zu feiern – “Weak Become Heroes”-Style –, und dabei merkten sie, dass sie das auch gerne professionell machen würden. So wurde Tom nicht Dealer, sondern DJ, und Si griff zum Mikro. Und in die Erinnerungskiste, die man nach einer Kindheit “in a land called London” eben so mit sich rumschleppt. Der Schritt zu den Audio Bullys war danach nicht mehr weit.

WHITE LINES ODER HARD TIMES?

“Bully” heißt so viel wie “brutaler Kerl” oder “Maulheld” – ein Begriff, den Tom und Simon noch aus der Schulzeit kennen: So wurden die großen Jungs genannt, die sich einen Sport daraus machten, den Jüngeren Angst einzujagen. Die Art und Weise, wie sie ihr Equipment und ihre Samples bearbeiten, um den druckvollsten und einschüchterndsten aller möglichen Sounds hinzubekommen, erinnert sie genau an dieses Große-Pause-Ritual. So überrascht es nicht, dass ihre Tracks auch so klingen, als stolzierten sie mit geschwellter Brust und hämischem Grinsen über den Schulhof. Noch unverschämter, als man sich eine Mischung aus Basement Jaxx, Röyksopp und So Solid Crew vorstellen würde. Dazu rappt und singt Simon mit seinem London-Slang und einer Stimme, die klingt wie frisch aus dem Stimmbruch und schon Kettenraucher. Klar, dass diese Kombination dem Duo im Post-”Original Pirate Material”-England unzählige Vergleiche mit Mike Skinner einbrachte – obwohl dessen Texte gewitzter und nuancierter sind. Wo bei Letzterem eine slicke Weisheit die nächste jagt (“Geezers need excitement / if their lives don’t provide them they stay inside violence / common sense, simple common sense”), grölt Dinsdale einfach “What the faaack, we don’t care!” oder zieht sein Reimbuch zu Rate. Dann heißt es “Got his feeling in my head / got this feeling in my bed” oder – auch schön – “About a year I was with her for / and when we broke it left me quite sore”. Ob da jemand zu viel kifft? Die Fans der Bullys lassen sich von lahmen Reimen nicht stören. Im Gegenteil: Ein Kommentar im Forum von audiobullys.co.uk stellt zum Thema “Audio Bullys vs. The Streets” schlicht und ergreifend fest: “Bullys kick betta ass.” Das mit dem “kick” liegt dann allerdings vor allem daran, dass Tom und Simon ihre Beats mit Samples würzen, mit denen man im Club- und Garage-Kontext normalerweise nicht rechnet. In “Way Too Long” (einem Song über geplatzte Drogendeals und über Kumpels, die einem die Freundin ausspannen) hört man über schnellen HipHop-Beats einen fast bis zur Unkenntlichkeit zerschnipselten Loop aus Elvis Costellos “I Don’t Want To Go To Chelsea”, und in “Face In A Cloud” werden das Honkytonk-Piano und der Refrain von Joe Cockers 30 Jahre altem Song “Marjorine” zwischen Ragga-Basslines ausgesetzt. Apropos: face in a cloud? Da liegen Kiffer-Assoziationen nicht weit. Und es geht noch mit anderen Drogen weiter: In “The Snow”, einem auf hysterischen Disco-Samples reitenden House-Monster, wundert sich Simon darüber, dass sein gesamter Bekanntenkreis aus Koksnasen besteht. “Wir sagen immer, dass das unsere Version von ‘White Lines’ ist”, lacht er.

TUBE ODER AUTO?

Wenn man sich vor diesem Rausch-Panorama noch mal daran erinnert, dass es auf “Ego War” um die Teeniezeit der beiden Audio Bullys geht, liest sich eine Zeile wie “There’re things I have to tell you, I go out late at night” (aus “We Don’t Care”) fast schon wie ein Geständnis vor Mama, die ihren Sohnemann gerade dabei erwischt, wie er sich nach einer versumpften Nacht zurück ins Haus schleicht. Erfahrungen, die Simon und Tom mit Sicherheit gemacht haben oder – beide leben nach wie vor zu Hause – immer noch machen? “Nein, damit hat das gar nichts zu tun”, berichtigt Simon. “Das Sample stammt aus ‘Teen Wolf’, das ist über einen Jungen, der nachts rausgeht und sich in einen Werwolf verwandelt. Es ist eine etwas seltsame Zeile, aber sie klingt gut. Das war einfach als Witz gemeint.” Wen stört’s, wenn Simon und Tom von solchen Witzen neuerdings gut leben können. So trägt Simon gerne Prada-Trainingsjacken, und Tom fährt mit seinem Audi A4 Cabrio durch London, wo man seit kurzem jedes Mal fünf Pfund berappen muss, wenn man mit seinem Auto ins Zentrum will. Mit der London Tube, die sie früher nachts in die Clubs brachte, fahren sie jedenfalls nicht mehr besonders häufig. Für das Cover von “Ego War” haben sie es allerdings noch mal getan, natürlich um zu zeigen, woher sie kommen: aus dem Underground. Wer dabei einen Widerspruch wittert, sollte im Hinterkopf behalten, dass in England selbst Casting-Show-Acts wie Girls Aloud ungeschoren davonkommen, wenn sie in Nr.-1-Hits behaupten: “It’s the sound of the underground.”

ORIGINAL ODER KOPIE?

Um noch mal auf Elvis Costello zurückzukommen, der in “Way Too Long” ja so nonchalant gesampelt wurde: In einer hellen Sekunde soll der Mann mal gesagt haben: “Great pop music is people trying to copy other people but getting it slightly wrong.” Ein schlauer Satz. Auf die Audio Bullys ließe er sich, etwas abgewandelt, ebenfalls anwenden, wenn man “slightly wrong” als “nicht ganz so gut” versteht und für “other people” Mike Skinner einsetzt. Warum eigentlich ständig dieser Vergleich? Skinner dürfte doch herzlich schnuppe sein, wer nach ihm noch Erfolge feiert mit dem Konzept “HipHop plus UK Garage” – in weiser Voraussicht hat er ja selbst schon ein “Original” in den Titel seines ersten Albums gepackt und so quasi das Patent angemeldet. Außerdem wird demnächst sein zweites Album erscheinen, und dann wird man ja sehen, ob die Bullys tatsächlich “betta ass” kicken. Original oder Kopie, besser oder schlechter – mit solchen Überlegungen halten sich Tom und Simon erst gar nicht auf. In Gedanken sind sie schon ganz woanders. Tom träumt sich beispielsweise seine Wunschgästeliste für kommende Produktionen zusammen: “Ich würde gerne mal mit Redman arbeiten, mit Mary J. Blige und Roots Manuva, oder mit George Clinton.” Simon, der schon wieder am nächsten Joint rollt, ergänzt: “Und mit Dr. Dre und Daft Punk.” Große Namen. Dre und Daft Punk haben bekanntlich bereits das getan, was zu einer richtigen Karriere im Showbiz dazu gehört – das Mischpult mit der Leinwand getauscht. Dre hat sowohl Filme produziert als auch in ihnen mitgespielt, und Daft Punk haben jüngst ein Anime in die Kinos gebracht. Und: Auch Mike Skinner soll letztens gesagt haben, er könne sich durchaus vorstellen, demnächst mal einen Film zu drehen. Tom ist von diesem Gedanken schwer begeistert: “So was müssen wir unbedingt auch machen!” Drei Schauplätze würden wohl schon feststehen: ein Schulhof während der großen Pause, die Tube-Station in Richmond und eine Rauchwolke.