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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

c/o pop - Die Conference II und der Rest

Atmosphäre und Patina

Machen wir mit dem Mann weiter, der am Donnerstag Abend die vorläufige Zwischenbilanz ziehen durfte: Wiederum sitzt Hans Nieswandt auf dem Podium im Kölner Panoramahaus und erzählt am Tag zwei der c/o Pop Conference von seinen Abenteuern als Abgesandter des Goethe-Instituts in Mexiko und Nahost. Sei
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Machen wir mit dem Mann weiter, der am Donnerstag Abend die vorläufige Zwischenbilanz ziehen durfte: Wiederum sitzt Hans Nieswandt auf dem Podium im Kölner Panoramahaus und erzählt am Tag zwei der c/o Pop Conference von seinen Abenteuern als Abgesandter des Goethe-Instituts in Mexiko und Nahost. Seine Geschichten verleiten zum Träumen: Was für eine geile Welt ist das denn, in der DJs als Kulturbotschafter um die Welt reisen? Angenehm chillige Materie wird hier verhandelt, nach zwei Festivaltagen darf eben auch die Businessabteilung der c/o Pop etwas relaxter angegangen werden - denn schließlich gilt es ja noch, das Musikprogramm zu bewältigen, das am Freitag und Samstag definitiv zu seiner Höchstform aufläuft.

Zum einen stehen die Monsters of Spex bevor, wie schon im letzten Jahr nicht gerade vom Wettergott gesegnet, aber zumindest bleibt der Regenguss, der drohend über dem Jugendpark am Rhein zu stehen scheint, am Ende doch aus. Von Abkühlung will ja auch niemand reden, wenn eine entfesselte Truppe wie Arcade Fire ihr gesamtes, heiß wallendes Herzblut von der Bühne ins Publikum vergießt. Es ist schier unmöglich, sich dieser geballten Macht an Pathos und Emotionalität zu entziehen. Noch mehr Nostalgie wird hochgekocht und lautstark in die Welt hinausgenölt, wenn als Headliner Dinosaur Jr. in Originalbesetzung ihre Seelen rausrocken. Da ist alles gleich wieder wie vor 15 Jahren, wild, romantisch, zum Weinen schön - und mit einem harten Cut beendet. Überpünktlich wird dem Konzerttreiben um zehn Uhr ein Ende gesetzt, Weiterweinen bitte auf den anstehenden Clubabenden und After-Show-Partys! Die anbrechende Freitagnacht wird ohne Frage dominiert von der großen Kompakt-Sause, über die nicht weiter viele Worte verloren werden müssen. Erinnert sich noch jemand daran, dass der Kompakt-Laden früher mal Delirium hieß? Was Justus Köhncke mit Band, DJ Koze, Rex The Dog, Ferenc und zig weitere Acts im Stadtgarten aufführen, wäre mit dem Titel "Delirium Total 6" ausgezeichnet beschrieben.

Trotzdem muss es schon ab den Mittagsstunden des Samstags wieder weiter gehen. Endlich spielt auch das Wetter mit und begrüßt Acts und Publikum zum zweiten Tag der Monsters of Spex mit strahlendem Sonnenschein. Frühaufsteher Benjamin Diamond und seine Band haben noch sichtlich gegen den Hangover der überwiegenden Mehrheit des Publikums zu kämpfen, denn die ist einfach noch nicht da. Die als große Pophoffnung gehandelte Annie zieht dann schon deutlich mehr BesucherInnen vor die Bühne, kann mit ihrer etwas schalen Live-Performance aber auch nicht restlos nachweisen, dass diese Hoffnungen auch gerechtfertigt sind. Die weiteren Acts - Tomte, Maximo Park und Saint Etienne - sind jeder für sich eine Bank und bieten genau deshalb die Möglichkeit, auch die parallel stattfindenden kleineren Events im Rest der Stadt auszuchecken.

So feiert am Samstagabend der A-Musik-Plattenladen sein zehnjähriges Bestehen mit einem feinen Programm: Lithops, Schlammpeitziger und Andreas Heiszenberger geben intime Konzerte im Laden, der natürlich aus allem Nähten platzt. Schlammi lässt es für seine Verhältnisse recht ordentlich rumpeln und mausert sich bei einem derartigen Heimspiel vor gut Kölsch-versorgtem Publikum fast noch zum Kabarettisten. Zeitgleich finden im Panoramahaus Konzerte von Wolke und Jona statt, und auf dem Ringfest wird eine Bühne mit Pop-Nachwuchshoffungen auch noch ins Programm gehievt - zuviel für einen kleinen Festivalgänger allein. Doch genau diese Vielfalt des Festivalgeschehens in ganz Köln macht die Besonderheit und den Charme der c/o pop aus, hebt sie allerdings auch vom gängigen Festivalbetrieb und den Gewohnheiten des Publikums ab. Hier wird eben eine ganze Stadt poptechnisch vereinnahmt und bespielt, das übliche Tingeln von Bühne zu Bühne erfordert mitunter Märsche bzw. Bahnfahrten durch halb Köln. Andererseits wäre die Atmosphäre und die Patina der teilnehmenden, etablierten Locations selbst durch noch so viel Dekoration nicht zu simulieren.

Die Idee der sogenannten "Deutschlandreise", tief in die Samstagnacht hinein, erhebt genau diese Gegebenheit zum Programm: Sie liefert ein Riesen-Clubspektakel mit unzähligen Elektronikacts in einem Areal, das von Artheater über Kulturbunker bis Sensor Club fast die ganze Stadt umfasst. Zwölf Locations, 28 Labels, knapp hundert VJs, DJs und Live-Acts. Trotz Shuttlebussen zwischen den einzelnen Clubs ist all das in einer einzigen Nacht sowieso nicht zu schaffen, der Autor kann im Morgengrauen immerhin noch das fünfte Ziel von seiner Wunschliste streichen. Die dazugehörige Geschichte vom Totalabsturz lasst euch aber bitte von wem anderen erzählen.