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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eine Taktik gegen Ticktack

Ásgeir im Gespräch

Der isländische Musiker Ásgeir Trausti Einarsson begreift seinen schwelgerischen Sound als Familienangelegenheit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sein Vater – ein landesbekannter Dichter – die Texte zu seinen Kompositionen schreibt. Annett Bonkowski plaudert mit Ásgeir über mütterliche Yogatipps, den Wahnsinn im Allgemeinen, Heimat im Speziellen und sein neues Album »Afterglow«.
Geschrieben am
Die dünn besiedelten und malerischen Weiten Islands laden dazu ein, in sich hinein zu hören und den Blick durch die Ferne schweifen zu lassen. Vorausgesetzt, die eigene Karriere katapultiert einen nicht im Handumdrehen auf sämtliche heimische Bestenlisten oder beschert einem gar das bis dato erfolgreichste Debütalbum Islands, sodass dementsprechend kaum Zeit bleibt.

Ásgeir Trausti Einarsson kommt aus dem beschaulichen Dorf Laugarbakki im Nordwesten Islands. Nach seinem erfolgreichen Debüt »Dýrð Í Dauðaþögn« im Jahr 2012 und den folgenden drei Tour-Jahren verabschiedete er sich erst einmal eine Weile vom Idyll, um hinaus in die Welt zu ziehen. Besonders »In The Silence«, die Übersetzung des Albums ins Englische durch den Musikerkollegen und Wahl-Isländer John Grant, sorgte auch in Übersee dafür, dass Ásgeir zum neuen Aushängeschild des sympathischen Inselstaates wurde – wenn auch nicht ganz so durchschlagend wie das isländische EM-Team im vergangenen Jahr.

Für die Arbeit an »Afterglow« kehrte Ásgeir nun aus dem internationalen Metropolen-Dschungel in die Abgeschiedenheit zurück. Leicht gestresst vom neuen Lebenswandel und im Hinblick auf weitere produktive Sessions innerlich gelähmt, wie er im Gespräch mit uns gesteht: »Ich wollte nach meiner Heimkehr an alles Mögliche denken, nur nicht an die Musik. Man muss aufpassen, dass man unterwegs nicht einen Teil seiner Identität verliert. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis ich mich wieder der Musik annähern konnte.« Da sich der mittlerweile 24-Jährige schon in seiner Jugend die Zeit mit Segeln vertrieb, zog es ihn auch dieses Mal zurück zur körperlichen Ertüchtigung, um wieder in den Alltag und damit zum mentalen Gleichgewicht zu finden. »Der Druck, den ich mir selbst machte, um neue Songs zu schreiben, war so groß, dass ich schließlich Yoga für mich entdeckt habe. Es hat mir erstaunlich gut dabei geholfen, mich locker zu machen, obwohl ich das niemals vermutet hätte.«
Unbewusst greift Ásgeir wohl immer noch auf ähnliche Taktiken zurück, um beim langen Promotiontag in Berlin ausgeglichen zu bleiben. Während des Interviews landen seine Beine mehrmals federnd auf der Tischkante, und der Blick wandert nachdenklich hinauf zur Zimmerdecke, an der er seine Antworten zu suchen scheint. Während seine Mutter ihn mit Yoga-Anweisungen versorgte, brütete sein Vater über neuen Texten für »Afterglow«. Auch der Nachfolger bleibt im Kern eine Familienangelegenheit, bestätigt Ásgeir stolz: »Mein Vater, der seit Jahrzehnten dichtet, hat all dieses großartige isländische Vokabular, das sehr gut zu den modernen Songs passt und ihnen etwas Einzigartiges verleiht. Ich habe ihn schon immer dafür bewundert.« Und doch ist es nicht abwegig für ihn, zukünftig selbst zu texten: »Ich könnte mir das durchaus vorstellen, aber ich muss noch mehr Erfahrung sammeln und anfangen, mich wohler dabei zu fühlen, neben der Musik auch diesen Teil des Songwritings zu übernehmen. Meine Texte sind nicht schlecht, aber wenn dein Vater ein Dichter ist und die Zusammenarbeit mit ihm so gut funktioniert, dann liegt eine Wiederholung nahe.«

Nur die musikalische Ausrichtung von »Afterglow« sollte keinesfalls in die Wiederholungsfalle tappen. Die ersten Impulse für ein neues Klangbild setzte der isländische Songwriter sich selbst, indem er in den Tourpausen immer wieder begeistert mit elektronischen Sounds experimentierte. Dadurch löste er sich behutsam vom vorwiegend akustischen Element seiner Songs. Eine völlige Kehrtwende vom Ursprung des Debüts schließt Ásgeir jedoch aus: »Der Kern eines Songs ist das Wichtigste. Die etwas rohe Komponente und vor allem die Simplizität waren schon immer von großer Bedeutung für mich. Mit den neuen Songs habe ich mich zwar etwas davon wegbewegt, aber nur, weil ich mich vor allem hinsichtlich der Produktion weiterentwickeln wollte.«

Das führte während der Aufnahmen vereinzelt zum Ausnahmezustand: »Teilweise kam ich mir fast schon verrückt vor, weil ich so viele verschiedene Visionen im Kopf hatte. Man kann aber nicht ein Jahr an einem Song arbeiten und immer wieder minimale Veränderungen vornehmen. Ich musste mich irgendwann selbst stoppen, weil mir die Arbeit so keinen Spaß mehr gemacht hat.« Auch den zunächst gefassten Plan, »Afterglow« separat mit isländischen und englischen Texten aufzunehmen, verwarf der Musiker nach kurzer Zeit, um kein unüberwindbares Mammut-Projekt zu schaffen.
Ganz seinem isländischen Naturell entsprechend, ist Ásgeir niemand, der bei der Arbeit allzu viel Trubel um sich herum schätzt. So tüftelte er am liebsten zu später Stunde unter möglichst wenig Beobachtung an den neuen Songs und ließ seinen Ideen freien Lauf. Diese Arbeitsweise erlaubte es ihm schließlich, ungezwungen immer tiefer in den elektronischen Kosmos einzutauchen, der ihm so reizvoll erschien. Dieses Gefühl von Loslösung und Offenheit trägt auch die Single »Unbound« in sich, wie Ásgeir erklärt: »Als ich jünger war, fühlte ich mich so herrlich frei und habe viel weniger über alles nachgedacht. Ich vermisse diese Zeit, in der alles einfacher erschien. Es fällt mir schwer, heute zu diesem Zustand zurückzukehren. Manchmal bleibt nur die Nostalgie übrig.« Und die passt zum Glück ausgesprochen gut zur warmen Atmosphäre der Abendröte, die Ásgeir auf seinem neuen Werk so leuchtend und großflächig skizziert.

Ásgeir

Afterglow (Deluxe Version)

Release: 05.05.2017

℗ 2017 Embassy of Music under exclusive license from One Little Indian Records