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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

I want to be part of a youth movement

Art Brut

Manch einer hielt die burlesken Briten anfangs für einen Witz, bestenfalls für einen der Sorte, die immer besser werden, je öfter man sie erzählt.
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Manch einer hielt die burlesken Briten anfangs für einen Witz, bestenfalls für einen der Sorte, die immer besser werden, je öfter man sie erzählt. Dabei ist Sänger Eddie Argos eigentlich nur eines: aufrichtig. Seine Band pflegt auch auf dem zweiten Album noch jenen perfektionierten Dilettantismus, der schon das Debüt vor zwei Jahren zum vielleicht schönsten Running Gag der neuen Brit-Welle machte.

In einem eurer neuen Songs, "I Will Survive", gibt es die Textzeile "I don't know what I'm doing but it feels like success". Fasst das die Band nicht wunderbar zusammen?
Mikey B: Ein bisschen schon, ja. Wir haben keine Ahnung, was wir tun. Wir machen einfach irgendwas, ohne einem konkreten Plan zu folgen, denn das würde bei uns gar nicht funktionieren. Auf diese Weise überrascht man sich selbst am häufigsten, und das ist wirklich nett.
Ihr habt ja fast als Guerilla-Band angefangen, habt Demos kostenlos in der Stadt verteilt, an Bushaltestellen ausgelegt und wolltet eure Single ursprünglich mal nur in Secondhand-Shops verkaufen, damit die Leute sich fragen: "Art Brut, wer war das denn noch mal ...?" Und jetzt habt ihr einen Major-Vertrag ...
Eddie Argos: Das ist schon wirklich verrückt. Der Plan war ja - und da hatten wir dann doch einen -, dass Leute die CDs finden und uns dann kontaktieren. Nicht eine Antwort haben wir bekommen. Da sieht man mal, dass man derlei Dinge eben nicht planen kann.

Die Beatles haben einmal sinngemäß gesagt: "Wenn wir unseren Humor nicht gehabt hätten, wären wir verrückt geworden." Schützt euch euer Humor vor dem Business? Wenn man alles nicht so ernst nimmt, kann einem schließlich auch nicht viel passieren.
E: Irgendwie schon. Wir haben uns immer schon sehr viel mit Musik beschäftigt, haben Bücher gelesen, über Bands, die am Business, am Erfolg oder sich selbst zerbrochen sind. Man darf all diese Dinge nicht zu sehr an sich heranlassen und sollte es als das begreifen, was es ist: eine gute Zeit, die auch irgendwann schnell vorbei sein kann.
Euer neues Album heißt "It's A Bit Complicated". Das klingt fast, als versuchtet ihr vergeblich, jemandem etwas zu erklären ...?
E: Der Titel schrieb sich von selbst, denn immer, wenn wir zusammenkamen, um an den neuen Songs zu arbeiten, sagten wir: "Das ist jetzt ein bisschen knifflig", das wurde ein echter Running Gag. Der Titel lässt sich ja auch wunderbar aufs ganz normale Leben übertragen: Freundinnen, Ex-Freundinnen - alles etwas kompliziert. Wobei "etwas" ja auch impliziert: Wir kriegen das schon irgendwie hin, es ist nicht wirklich kompliziert, schon gar nicht "zu" kompliziert, aber eben: ein bisschen. Wir wissen, was wir tun, wir hatten nur etwas anderes erwartet.Hast du, Eddie, denn nicht den Druck verspürt, jetzt witzig sein und mit ein paar guten One-Linern um die Ecke kommen zu müssen?
E: Ein wenig vielleicht, um ehrlich zu sein. Dann dachte ich: "Fuck it. Ich mache, was ich immer mache." Ich musste nur bisher noch nie schreiben, im Sinne von: Du musst jetzt Texte zu zwölf neuen Songs schreiben. Bisher kamen die Texte einfach oder waren schon da. Ich liebe es zu schreiben, das war dann eben mal eine neue Herausforderung, unter Druck zu schreiben ...
Nervt es dich, wenn Leute deine Texte ironisch nennen?
E: Es hat mich mal genervt, aber mittlerweile eigentlich nicht mehr. Ich habe halt immer gedacht: "Ich erzähle die Wahrheit, es ist vielleicht lustig oder launisch, aber es ist die Wahrheit, ich meine das ernst." Ich bin darüber hinweg.
Kannst du dir denn vorstellen, warum Leute auf die Idee kommen?
M: Ich glaube, weil wir ehrliche und direkte Texte haben. Es sind Geschichten, die du sonst vielleicht nicht oft in der Popmusik findest, und das irritiert die Leute dann. Nach dem Motto: "Es ist so direkt und auf den Punkt gebracht, das muss ja augenzwinkernd gemeint sein." Es sind wahre Geschichten, und die ist niemand gewöhnt.
E: Wenn die Leute sagen, "eure Texte sind ironisch", dann sage ich: "Nein, unsere Texte sind aufrichtig."
Ihr habt schon auf der letzten Tour einen Song namens "St. Pauli" gespielt, der jetzt auch auf dem Album ist. Du zitierst darin die Hamburger Schule und singst auf Deutsch: "Punkrock ist nicht tot." Wie kam es dazu?
E: Das war der einzige Satz, den ich kannte, als ich das erste Mal in Deutschland war. Das war in Hamburg, ich stand in einer Gruppe von Leuten, die sich alle nur auf Deutsch unterhielten. Ich verstand kein Wort und wollte doch neue Freunde gewinnen, also sagte ich immerzu: "Punkrock ist nicht tot." Ich sah die Leute in ihren St.-Pauli-Shirts und dachte: "Das passt. Ich will auch so ein Shirt, ich möchte Teil der Gang sein! Ich möchte Teil der Hamburger Schule sein." Mikey hatte mir auch mal Songs von Tocotronic vorgespielt, ich mochte die sehr. Vielleicht werden wir die erste britische Hamburger-Schule-Band.
Auf der letzten Platte hast du noch verkündet: "Popular culture no longer applies to me." Auf dieser gibt es nun viele Popmusik-Referenzen: Allein drei Songs - "Pump Up The Volume", "Sound Of Summer" und die schon bekannte Single "Nag Nag Nag Nag" - handeln von Mixtapes, dem perfekten Soundtrack eines Sommers, kurzum: von emotionaler Bindung durch Musik.
E: Ich liebe Popmusik. Aber in der Popkultur selbst dreht es sich nicht mehr um Musik: Es geht um Celebritys, um Computerspiele und dämliche Fernsehshows. Popmusik ist keine Populärkultur mehr. Deswegen schrieb ich damals den Song. Die Plattenverkäufe brechen ein, niemanden interessieren mehr die Bands. Wir führen ein Nischendasein, das ist schon etwas traurig.
Würdest du sagen, dass "It's A Bit Complicated" ein nostalgisches Album geworden ist?
E: Ich pflege immer zu sagen: "Das letzte Album handelte von mir als 17-Jährigem, auf diesem bin ich vielleicht 21, und auf dem nächsten werde ich dann 23 sein." Ich singe über meine Erlebnisse, insofern: Ja, es ist schon ein wenig Nostalgie dabei. Ich singe ja z. B. auch immer über Tapes, die es bekanntlich nicht mehr gibt. [lacht] Von dieser Mixtape-Sache bin ich auch echt besessen: Ich habe das geliebt, für Mädchen Mixtapes zu kreieren. Nicht nur, dass man sich intensiv mit der Musik beschäftigt, man hört das ganze Tape ja schließlich in Real Time, während man es aufnimmt. Auch diese vermeintlich versteckten Botschaften, die man immer darin las, wenn man selbst eins bekam. Dieses Sprechen durch Musik, wahnsinnig toll: Heißt dieser oder jener Song jetzt was? Mag sie mich? Fantastisch.
Ist es vielleicht auch eine Platte über das Heranwachsen oder besser: das Nicht-Heranwachsen geworden?
E: Definitiv über das Nicht-Heranwachsen-Wollen. Ich bin immer noch der Typ, der ich mit 17 war. Ich tue nur erwachsener. Vielleicht verpasst man gerade in einer Band einige wichtige Dinge des Lebens, man bleibt ja Teenager.
... während um einen rum alles in wahnsinniger Geschwindigkeit abläuft.
E: Es ist wirklich verrückt, man hat eigentlich keine Zeit, all die Eindrücke auch zu verarbeiten. Ich hatte neulich ein Telefongespräch mit meiner Mutter, und ich erzählte ihr, wo ich überall war: Japan, Brasilien. Da habe ich erst mal realisiert, was im Moment mit uns passiert. Ich war danach so aufgeregt, dass ich nicht schlafen konnte: "Oh, mein Gott. Ich reise um die Welt. Es ist fantastisch."

Schlimmstes Interview
M: Ich hatte mal ein Telefoninterview mit einer Prager Tageszeitung. Der Journalist konnte nur überhaupt kein Englisch, und ich habe wirklich überhaupt nichts verstanden. Zu allem Überfluss stellte er dann noch Fragen wie: "Was habt ihr den Prager Bürgern zu sagen?" Nun, was sagt man in so einer Situation den Prager Bürgern? Es war wirklich unangenehm.

Bester Interviewmoment
E: Wir waren mal im Zoo, das war toll. Sie fragten uns, was wir machen wollten. Wir schlugen das vor und haben eine Extratour gekriegt. Wir haben die Giraffen gefüttert, wir waren im Löwengehege, sie haben uns alles über die Tiere erzählt. Das war unglaublich, wir waren wie die Kinder.

Meine markanteste Interviewgeschichte
Peter Flore: Ein Klassiker, den jeder einmal erlebt haben sollte: Die Mikro-Batterien gaben während des Gesprächs ihren Geist auf, allerdings schleichend, sodass der Ton beim Abhören des Interviews immer leiser wurde, bis er in einem apokalyptischen Rauschen endete, irgendwo in der Ferne wisperte aber noch mein Gesprächspartner Brian Molko. Beim Abhören habe ich mir vermutlich einen Hörschaden geholt.