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Interview zu »Tranquility Base Hotel & Casino«

Arctic Monkeys – Klassenfahrt war gestern

Sie waren frühe Internet-Stars und veröffentlichten das am schnellsten verkaufte Debütalbum der britischen Popgeschichte. Nach einer spektakulären Karriere sind die Arctic Monkeys heute eine der größten und letzten Rockbands überhaupt. Experimentierfreudig waren sie stets, nun fällt der Kurswechsel radikaler aus: Das neue Album »Tranquility Base Hotel & Casino« ist eine Hommage an Lounge, Jazz, hohe Brill-Building-Schule. Torsten Groß traf Sänger Alex Turner in London.

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Wer sich jemals gefragt haben sollte, wie ein mögliches Soloalbum des Arctic-Monkeys-Sängers Alex Turner klingen könnte, hier ist die Antwort: »Tranquility Base Hotel & Casino« bringt Turners Crooning-Leidenschaft, angedeutet bereits in Songs wie »Cornerstone« oder »No. 1 Party Anthem«, vor allem aber auf den beiden Alben seines Nebenprojekts The Last Shadow Puppets, konsequent auf den Punkt. Einziges Problem: »Tranquility Base Hotel & Casino« ist gar kein Soloalbum, sondern die neue Arctic-Monkeys-Platte.

Die anderen Musiker kamen allerdings erst hinzu, nachdem Turner die neuen Songs zu Hause in Los Angeles eingespielt hatte. Nach einer konstituierenden Session in L.A. trafen sich Matt Helders, Jamie Cook, Nick O’Malley und Turner Ende vergangenen Jahres in den La Frette Studios in dem kleinen französischen Dorf La Frette-sur-Seine in der Nähe von Paris. Außerdem dabei waren Stammproduzent James Ford, der auch der Arctic-Monkeys-Tourbesetzung angehörende Gitarrist Tom Rowley sowie andere alte Freunde aus Sheffield. »James Ford ist vor einigen Monaten Vater geworden, und von uns haben auch schon einige Kinder«, sagt Alex Turner an einem schönen Märztag in London. »Wir haben das Album in Europa aufgenommen, weil die Familienväter so zwischendurch immer schnell nach Hause konnten.«

Man hört es der neuen Musik an, und es klingt in diesem Zitat mit: Die Arctic Monkeys sind erwachsen geworden. Die Band, die vor zwölf Jahren mit pickligen Teenagergesichtern, stürmischem Indie-Rock und nordenglischen Adoleszenzgeschichten ein Millionenpublikum eroberte, gibt es nicht mehr. Turner ist im Januar 32 Jahre alt geworden. Die wenigen Interviews zum Album gibt er alleine. So hat es die Band entschieden, es sind vor allem seine Songs. Trotzdem geht es in dem einstündigen Gespräch auch darum, inwiefern die anderen schließlich doch ihre Spuren auf dem neuen Album hinterlassen haben. Dass sie das getan haben, merkt man erst nach einigen Durchläufen: Die elf Songs des Albums folgen einem durchgehenden Tempo und einer ähnlichen Stimmung. Es ist eine Art moderne Lounge-Musik, Jazz-inspiriert, absolut klassisch, man denkt an Brill Building und Tin Pan Alley, der letzte Song heißt »The Ultracheese« und erinnert an »Blueberry Hill« von Fats Domino.

Trotz dieser Referenzen klingt das Album frisch, modern, mitteilungskräftig, durch Verweise auf Trump und andere gesellschaftliche Entwicklungen in Teilen sogar zeitgeistdiagnostisch. Neben den clever zwischen Realität und Traumwelt changierenden Texten Turners bezieht diese Musik ihre besondere Magie aus O’Malleys auf sanfte Weise dominanten Basslinien, dem akzentuierten, aber effektvollen Spiel des vormaligen Brachialdrummers Matt Helders und aus den hochmelodiösen, mit Meisterhand arrangierten Gitarrenlinien von Jamie Cook.

Wobei die Zuständigkeiten nicht immer so klar definiert waren: »Während der Aufnahmen haben wir die Instrumente getauscht«, sagt Turner. »Nick hat Gitarre gespielt, Matt Keyboards, Jamie und ich Bass, andere Freunde haben ebenfalls etwas beigetragen – so ergab sich ein gemeinsamer Geist.« Turner gibt sich im Interview große Mühe, die Zusammenhänge genau zu erklären. Eine Zitatschleudermaschine wird aus ihm nicht mehr werden, aber die Schüchternheit früherer Interviews gehört der Vergangenheit an. Die letzten zwölf, 13 Jahre hat er im Zeitraffer durchlebt, jeden Tag eine neue Bühne, ein anderes Studio, eine weitere Stadt. Nun ist er nach London gekommen, um seine bislang persönlichste Musik zu erklären. Er trägt lockere Freizeitgarderobe, lange Haare – und einen Bart. Dieser bietet gleich einen perfekten Einstieg ins Interview:

Alex, auf change.org gibt es eine hoffentlich nicht ganz ernst gemeinte Petition, mit der erreicht werden soll, dass du dir den Bart abrasierst. Wirst du diesem Aufruf folgen?
Es gibt eine Petition? Ich hatte keine Ahnung. Aber es amüsiert mich. Es ist wirklich abgefahren, dass sich die Leute so sehr für Frisuren und solches Zeug interessieren.

Man könnte diese Petition als Metapher auf deinen heutigen Celebrity-Status lesen. Dabei wolltest du angeblich einfach nur einer von den Strokes sein, wie du in der ersten Zeile des neuen Songs »Star Treatment« singst.
Stattdessen sitze ich hier mit einer verdammten Petition, in der es um mein Aussehen geht! Die Strokes sind übrigens immer noch die Größten, ich habe sie vor zwei Jahren live gesehen. Und dieses neue The-Voidz-Album ist auch klasse.

Zwölf Jahre nach dem Debüt seid ihr erfolgreicher, als die Strokes es je waren. Das neue Album »Tranquility Base Hotel & Casino« wirkt wie eine Reflexion dieser sehr öffentlich abgelaufenen Entwicklung. Am Anfang wart ihr im Grunde noch halbe Kinder.
Als ich im Januar 32 geworden bin, hat meine Mutter gratuliert und gefragt, ob mir überhaupt bewusst sei, dass ich nun schon die Hälfte meines Lebens in dieser Band verbringe. Sie wollte wissen, ob es nicht langsam an der Zeit für etwas anderes sei, etwas Vernünftiges zum Beispiel.

Die alte Elternfrage. Dabei haben deine Eltern dich doch in deinen musikalischen Ambitionen unterstützt, oder?
Sogar sehr. Seit ich als Kind begonnen hatte, Gitarre zu spielen. Später konnten wir in unserer Garage proben, und ich durfte ein Jahr in der Schule aussetzen, um mich auf die Band zu konzentrieren. Meine Mutter hat diese Geburtstagsfrage nicht ganz ernst gemeint, aber sie hat einen Prozess bei mir in Gang gesetzt.

Muss man sich Sorgen machen?
Das nicht. Aber mit der Tour zum letzten Album ist für uns etwas zu Ende gegangen. Keiner hätte danach sagen können, wie es weitergeht. Bis dahin war alles wie eine ewige Klassenfahrt. Nun aber hatten einige von uns geheiratet, es gab die ersten Kinder, Schwangerschaften. Veränderungen lagen in der Luft. Und so kam es dann auch: Wir haben uns in den vergangenen fünf Jahren viel seltener gesehen als irgendwann sonst in unserem Leben.

Während Matt Helders und du weiterhin Musik gemacht haben, hat man von den anderen beiden in der Pause fast gar nichts gehört.
Jamie Cook ist vor einiger Zeit Vater geworden. Er genießt es, sich in den Pausen ganz um seine Familie kümmern zu können.

Am spektakulärsten hat Matt Helders die Pause genutzt: In der Band von Iggy Pop spielt man nicht alle Tage.
Das ist immer noch vollkommen surreal für mich. Ich habe mir zwei Shows angesehen, das war wahnsinnig emotional. Am besten war es in New York. Eigentlich wollten wir gar nicht gehen, weil wir tagsüber einen Dreh mit den Last Shadow Puppets hatten und einfach nur platt waren. Mit den ersten Akkorden von »Lust For Life« war die Müdigkeit aber wie weggeblasen. An dem Abend fühlten wir uns, als wären wir wieder sieben Jahre alt. Ich war so unglaublich stolz, meinen Freund da oben auf dieser Bühne zu sehen! Er hat das so wahnsinnig smart gemacht, er war so cool. Der Bastard hat beim Spielen sogar noch Kaugummi gekaut.

Ihr kennt euch in der Tat seit frühester Kindheit.
Matthew kenne ich länger als alle anderen. Wir waren zusammen in der Schule, und er hat direkt bei uns um die Ecke gewohnt. Aber die anderen wohnten auch nicht viel weiter entfernt, die kamen kurz danach in unsere Clique.

Seitdem ist viel passiert, unter anderem seid ihr längst keine Nachbarn mehr.
Das stimmt natürlich. Aber so viel hat sich auch wieder nicht geändert: Als wir Ende letzten Jahres ins Studio gingen, war auf Anhieb alles wie eh und je. Die Pause hat uns gutgetan. Vorher hatte ich Bedenken, es könnte anders sein.

Der Vorteil an alten Freundschaften: Man braucht keine Aufwärmphase.
Helders ist vermutlich der lustigste Typ, den ich kenne, wir hatten so viel Spaß wie lange nicht mehr. Als wir uns zum ersten Mal wiedertrafen, legte irgendjemand das erste Streets-Album auf. Es lief dann bestimmt fünfmal hintereinander, und plötzlich war alles wieder so wie mit 16.

War das ein Meeting nach der Pause, um die nächsten Schritte zu besprechen?
Das hätten wir tun sollen, aber irgendwie ist es nicht so gelaufen. Nach der Iggy-Tour und unserer mit den Shadow Puppets haben wir uns getroffen, hatten aber nicht die geringste Ahnung, was wir machen sollten. Dabei ist nicht viel herausgekommen – außer der Erkenntnis, dass wir uns immer noch alle mögen und irgendwann weitermachen wollen.

Zunächst seid ihr weiterhin eurer eigenen Wege gegangen?
Ich steckte damals mitten in einer Produktion mit der amerikanischen Sängerin Alexandra Savior. Sie und ich haben viel für dieses Album geschrieben und auf einem kleinen Acht-Spur-Recorder jede Menge Demos gemacht. Diese Bedroom-Producer-Nummer war neu für mich, so haben wir mit der Band nie gearbeitet. Ich habe diese Methode sehr genossen und wollte auch das nächste Monkeys-Album auf ähnliche Weise angehen. »Tranquility Base Hotel & Casino« begann also mit einem Klavier, einem Aufnahmegerät und mir in einem Raum.

Das Album eröffnet musikalisch ein neues Arctic-Monkeys-Kapitel und wirkt in Teilen wie eine Zwischenbilanz eurer bisherigen Geschichte.
Im Grunde haben wir bereits mit einem Rückblick angefangen: Auf unserem Debüt ging es vor allem um unsere frühe Jugend. Aber klar, das neue Album ist eine Reflexion in Unkenntnis der Zukunft. Ich habe zu Hause gesessen und darüber nachgedacht, wie die Dinge sich entwickelt haben. Eben war ich noch in der Indie-Disco und habe zu den Strokes getanzt – und plötzlich stehe ich selbst auf solchen Bühnen. Zwischendurch hatte ich nie Zeit, das vernünftig zu reflektieren, es ging ja immer weiter. Ich habe das dringende Bedürfnis verspürt, über diese Dinge zu schreiben. Gleichzeitig habe ich lange keine Poesie in diesen Gedanken gefunden und wusste nicht, wie ich sie musikalisch umsetzen sollte.

Kannst du erklären, wie du dann vorgegangen bist?
Das fällt mir immer sehr schwer. Vielleicht muss man sich einen Bildhauer vorstellen, der einen Block Marmor so lange bearbeitet und immer weiter verfeinert, bis eine Skulptur dabei herauskommt. Allerdings ist dieses Bild unglaublich kitschig ... Ich habe jedenfalls versucht, mich selbst auszutricksen. Mich irgendwie in die Lage zu versetzen, diese Musik und Texte schreiben zu können.

Wie hast du das angestellt?
Der Durchbruch war die Verwendung des Klaviers. Das hat mich an meinen Vater erinnert, diese jazzartigen Lounge-Akkorde haben mich ganz von selbst in eine Stimmung versetzt, in der ich eine Art Charakter für diese Texte kreieren konnte. Eine Kunstfigur, wenn man so will.

Dein Vater ist Jazz-Musiker. Du hast bereits mit sieben Jahren zu Hause Sinatra-Songs am Klavier gespielt, insofern ist das Album also auch eine Rückkehr zu deinen ganz frühen Wurzeln.
Nein, das kann man nicht sagen, so gut war ich damals noch nicht, ich konnte keinen dieser Songs vernünftig spielen. Aber ja, mein Vater spielte Saxofon und Trompete und ein bisschen Klavier. Er selbst würde sich vielleicht als Pianist bezeichnen. Tatsächlich habe ich viel über ihn und sein Spiel nachgedacht, als ich das Album geschrieben habe. Einige der Klavierparts erinnern mich an die Sachen, die ich als Kind aus dem Nebenzimmer gehört habe.

Die Texte sind für mich im Grunde wie Rap-Texte. Sie stehen somit in einem interessanten Kontrast zu der sehr klassisch angelegten Musik.
Das wäre das größte Kompliment, das man mir machen könnte. Ich bin während der Produktion zu der Überzeugung gelangt, dass die Texte modern genug geschrieben sind, um ein gewisses Gegengewicht zur Musik erzeugen zu können. Das Album sollte insgesamt klassisch angelegt sein, aber nicht wie eine Retro-Veranstaltung wirken, das war mir sehr wichtig. Da haben wir auch mit der Produktion sehr bewusst entgegengesteuert.

Die Texte leben von präzisen, beinahe journalistischen Beobachtungen, vermischt mit surreal anmutenden Metaphern und authentischen dialogischen Sequenzen wie zum Beispiel in dem Song »One Point Perspective«. Die Zeile »This stunning documentary that no one else unfortunately saw / Such beautiful photography, it’s worth it for the opening scene / I’ve been driving ‘round listening to the score« könnte einem prätentiösen Klischee-Smalltalk bei einer Vernissage entnommen sein. Notierst du so etwas eins zu eins, oder entspringt das deiner Fantasie?
Ich schreibe immer und ständig alles auf, was mir gefällt. Du hast zum Beispiel vorhin Matt Helders als Physical Monster bezeichnet, das habe ich gleich notiert. Und dieser dialogische Ansatz ist ein überaus effektives Mittel, meine Themen in Szene zu setzen.

Hinzu kommt ein spezieller Humor: Der Song endet sehr abrupt. Beinahe könnte man denken, mit der Anlage stimme etwas nicht. Machst du so was extra?
Die Idee war, den Text musikalisch zu unterstreichen. Du kennst das doch sicher auch von Partys. Wenn alle betrunken sind, durcheinander sinnloses Zeug quatschen und ständig den Faden verlieren, das wollte ich mit diesem Ende illustrieren: Plötzlich reißt die Unterhaltung ab.

Auf den ersten Blick klingt das Album so, wie man sich ein mögliches Alex-Turner-Soloalbum vorstellen könnte. Wie haben die anderen Monkeys in dieser Musik ihren Platz gefunden?
Ich hatte nie Interesse daran, ein Soloalbum zu machen. Ich bin ein Teil dieser Band und fände das respektlos den anderen gegenüber. Trotzdem wollte ich diese Musik machen, sie war in mir. Wenn man am Klavier komponiert, kommt man automatisch zu anderen Ergebnissen als auf der Gitarre. Und es war mir wichtig, mich ein bisschen vom Realismus der meisten Arctic-Monkeys-Sachen zu verabschieden. Insgesamt entwickelte sich das so in eine Richtung, von der mir relativ bald klar wurde, dass sie absolut nichts mit dem zu tun hatte, was die Leute von einer Monkeys-Platte erwarten würden.

Zu welchem Zeitpunkt hast du die anderen an den neuen Songs teilhaben lassen?
Relativ früh. Als ich die ersten Demos fertig hatte, lud ich Jamie ein, sich alles anzuhören und gemeinsam an den Songs zu arbeiten. Er spielte ein paar Gitarren ein, hatte ergänzende Ideen und war insgesamt ziemlich begeistert. Sein Enthusiasmus hat mir meine Unsicherheit genommen. Nach einer Weile holten wir Nick ins Studio und spielten ihm unser Demo von »The Star Treatment« vor. Er war ebenfalls begeistert, und so habe ich nach und nach von allen grünes Licht bekommen.

Du wohnst seit einigen Jahren in Los Angeles. Ist die Stadt zu einer zweiten Heimat für dich geworden?
L.A. ist natürlich ziemlich genau das Gegenteil von Sheffield, wo ich wiederum nichts verpasse, weil sich absolut nichts geändert hat, seitdem ich dort weggezogen bin. Trotzdem weiß ich nicht mehr so genau, warum ich überhaupt weggezogen bin. Ich habe tolle Freunde in L.A., aber sonst? Was hält mich in dieser Stadt? Vor allem das viele Equipment, das ich dort inzwischen angehäuft habe. Ziemlich billige Erklärung, oder?

Hast du noch eine bessere?
Als ich acht Jahre alt war, bin ich mit meiner Oma und ein paar anderen Verwandten nach San Francisco gefahren. Wir fuhren die Küstenstraße runter und übernachteten in Los Angeles bei Freunden, die meine Oma von einer ihrer vorangegangenen Reisen kannte. Das ist für mich eine der prägendsten Erinnerungen meiner Kindheit geblieben.

Arctic Monkeys ist ein etwas albernder Name, der auf dem Cover des neuen Albums ebenso wenig abgedruckt ist wie auf den drei Alben davor. Wie oft bereut ihr den Namen?
Jeden einzelnen Tag!

Arctic Monkeys

Tranquility Base Hotel & Casino

Release: 11.05.2018

℗ 2018 Domino Recording Company Ltd

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