×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

'Two more songs to go.'

Arctic Monkeys live

Nicht die schlechteste Idee: Die neue Platte 'Favourite Worst Nightmare' ist fertig, kommt im April udn die Band gibt schon einmal ein euphorisierendes, exklusives Vorabkonzert in Berlin. Alles hätte so schön werden können.
Geschrieben am
06.03.07, Berlin, Postbahnhof.

Klang ja eigentlich nach einer fairen Sache: Die Arctic Monkeys geben sich zwei Tage Promorummel in der Hauptstadt und hängen für die Fans noch ein exklusives Konzert dran. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, weiß man ja selber, wie nervtötend es sein muss, einen ganzen Tag mit der Lifestyle- und Musikjournallie zu verbringen – man ist ja selber Teil davon. Also mal schnell die größten Halle im Postbahnhof gebucht, die Tickets auf den Markt geworfen, so richtig mit exklusivem Kartenverkauf in ausgesuchten Plattenläden und so. Nah am Fan war das allemal. Und 27,50 Euro sollte es einem das doch wohl wert sein, vorab schon mal die Songs des heiß erwarteten Zweitlings 'Favourite Worst Nightmare' zu hören.

Dementsprechend groß waren Andrang und Geschiebe und rigoros die Gästelistenpolitik. Trotzdem konnte man noch zu moderaten Preisen Schwarzmarkt-Tickets erstehen, was wohl der schieren Größe der Gleishalle im Postbahnhof geschuldet war. Punkt 21 Uhr eröffneten SDNMT Seidenmatt aus Berlin den Abend. Eigentlich eine komische Wahl, ist doch ihr epischer Instrumental-Postrock nicht unbedingt das, was man an so einem Abend erwartet. Gerade deswegen machten sie ihre Sache äußerst gut. Ich hatte schon vorher Stoßgebete in den Himmel geschickt: "Bitte nicht schon wieder eine Dinslakener Band, die sich einbildet in Camden zu wohnen!" Stattdessen also Seidenmatt: Zu sechst auf der Bühne, mit Cello, Laptop, Drums, gelegentlich diversen Percussionsinstrumente, Bass und vor allen Dingen Gitarren. Dass mit dem Songs auseinanderhalten war nur leider etwas schwer. Weil: Ich kannte sie vorher nicht. Aber: Das wird sich ändern. Zumindest das frei downloadbare Werk, habe ich mir hier schon einverleibt.

Pünktlich um zehn startete dann der Auftritt der Arctic Monkeys. Das Geschiebe wurde spürbar stärker, immer wieder drängelten sich Menschenketten vorbei, dem Moshpit entgegen. Das Set bestand ungefähr zu gleichen Teilen aus bewährten Hits und den neuen Songs. Wegen denen war man ja da. Die Band zumindest. Das Publikum hatte natürlich auch noch andere Interessen. Das zeigte sich, als der dritte Song losknallte: 'I Bet You Look Good On The Dancefloor'. Die Drums rappelten los, die Gitarrenmelodien von Alex Turner und Jamie Cook überholten sich gegenseitig und die Menge explodierte förmlich. Unglaublich, wie tight die Arctic Monkeys da aus den Boxen dröhnten. Selbst die neuen Songs drückten nach vorne und ließen den Moshpit in keiner Minute erkalten. Dennoch blieb es grundsätzlich schwer, sich ein Urteil zu bilden, gerade weil die Lyrics live nicht wirklich verständlich waren. Dennoch musste man feststellen: Kompromisse gibt es auf Album zwei anscheinend wenige. Bei der Single 'Brianstorm' hat man wohl versucht, einen sperrigen Hit in die Charts zu mogeln. 'Flourescent Adolescent' weiß schon allein des Titels wegen zu begeistern. Leider konnte ich ihn nicht so richtig genießen, da ich mit gepressten Lippen versuchte, rauszuhören, was zum Henker Turner da an Weisheiten zum Besten gibt. Zum Glück gab es zwischen durch die bekannten Appetithäppchen: 'A Certain Romance' mit durchgedrücktem Gaspedal gespielt, 'Dancing Shoes' und 'When The Sun Goes Down'.

Die Arctic Monkeys waren auf der Bühne leidenschaftliche Routiniers. Selbstsicher in der Geste, aber offenbar mit Spaß dabei. Was ja bei ihnen nicht so selbstverständlich ist. Turner bedankte sich immer wieder mal mit einem "Thanks for having us!". Und setzte dabei ein Lächeln auf, das sagte: "Wusst ich’s doch, dass wir euch kriegen!" Jamie Cook machte einen konzentrierten Job, wirkte sonst aber fast schüchtern. Basser Nick O'Malley dagegen schaffte es, dermaßen gelangweilt dreinzuschauen, als hätte er seit seiner Anstellung schon alles gesehen. Aber wieso auch nicht. Als ich die Arctic Monkeys das letzte Mal gesehen hatte, spielten sie vor 60.000 auf dem Reading Festival. Da bringt einen so ein Auftritt in der ausverkauften Gleishalle nicht wirklich aus der Ruhe. Schlagzeuger Matt musste derweil am meisten Schwitzen – kein Wunder beim Tempo der neuen Songs. Gab also bis dahin nix zu meckern. Aber dann kam so langsam die Ansage: "Two more songs to go." Dreieinhalb Minuten später das unvermeindliche: "This is our last song." Da waren gerade mal vierzig Minuten rum. Schlussakkord, Abgang, Jubel – und nix. Lauterer Jubel. Immer noch keine Reaktion. Wenigstens waren die Roadies nett und schmissen Plektren, Setlist und ein schweißnasses Handtuch in die gierigen Fanhände. Aber die Band hatte offenbar keinen Bock mehr. Fünf Minuten Klatschen später bequemte man sich immer noch nicht. Tja, und dann ging das Licht an. Das Klatschen erstarb, stattdessen wurde laut gepfiffen. Ein paar Becher flogen Richtung Bühne. Nützte alles nix. Der Abend war vorbei. Von da an sprach keiner mehr davon, dass die Arctic Monkeys ein tightes Set abgeliefert und tolle neue Songs in Petto hatten. Stattdessen hörte ich an der Theke: "Wichser!" An der Garderobe: "Wichser!" Von dem Typen, der vorm Eingang eine volle Chipstüte zusammentrat: "Wichser!" Und ich dachte auf dem Nachhauseweg: "Wichser!" Schade eigentlich.