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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Im Auge des Orkans

Arctic Monkeys

Da steht er also, schaut sich unbeweglich und entspannt erst mal in Ruhe um. Sondiert die Lage. Die Lage, das sind 2500 Menschen. Direkt vor ihm wogt die dicht gedrängte Masse, spritzt immer wieder Bier aus den Halbliter-Dosen in die Luft und schreit. Er selbst steht nur knapp darüber auf der riesig
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Da steht er also, schaut sich unbeweglich und entspannt erst mal in Ruhe um. Sondiert die Lage. Die Lage, das sind 2500 Menschen. Direkt vor ihm wogt die dicht gedrängte Masse, spritzt immer wieder Bier aus den Halbliter-Dosen in die Luft und schreit. Er selbst steht nur knapp darüber auf der riesigen Bühne des Londoner Astoria mit seinen Jungs, weniger gedrängt, aber genauso gespannt. Und auch sie schreien, ein knappes: “We are the Arctic Monkeys.”

Nur wenige Stunden vorher sitzt Alex Turner ein paar Meter von mir entfernt im Hotel. Ein 19-Jähriger, der sich auf seinem Stuhl windet. Seine Betreuerin hat mir erzählt, dass er sich extra von seinen drei gleichaltrigen Bandkollegen auf einem etwas entfernten Sofa weggesetzt hat: “Ihm sind die ganzen persönlichen Fragen peinlich.” Die Arctic Monkeys aus Sheffield, gegründet vor drei Jahren, sind (mal wieder) the next big thing und gekommen, die Welt zu erobern. Der Name kam ganz automatisch, er wurde ihnen von dem Musikervater eines der Bandmitglieder weitervererbt – und jetzt ist schon klar: Ihre Söhne werden ihn auch weitertragen.

Aber bis dahin ist noch Zeit. Heute hat diese Arctic-Monkeys-Inkarnation ihr erstes Konzert in London, kurzfristig ins größere Astoria verlegt und selbst dort ausverkauft. Erklären lässt sich das kaum mit der einzigen bisher veröffentlichten Single “Fake Tales Of San Francisco”, es muss an den auf Shows verteilten Demos und den auf der Homepage zum Download freigegebenen Songs liegen. Wie auch immer: Das junge Publikum kennt jeden Text, fordert seine Lieblingssongs. Lieblingssongs, die man nirgendwo kaufen kann, die nur auf den Foren im Internet kursieren. Haben sie denn keine Angst, dass jetzt niemand mehr ihr Album kaufen wird, das wohl erst im März nächsten Jahres erscheint? “Weiß nicht,” nuschelt Schlagzeuger Matt Helders. “Die Songs klingen dann ja doch anders, und es sind auch ein paar ganz neue Sachen drauf.” – “Na ja, nicht viele”, zuckt der massige Bassist Andy Nicholson die Schulter, “und eigentlich klingen sie nur ein bisschen anders.” Der ansonsten stille Sänger und Gitarrist Alex schaltet sich ein: “Das mit den Downloads ist doch cool, sonst wären wir doch gar nicht hier, oder?”

Dieses Hier ist schon jetzt sehr weit oben angesiedelt – zumindest in England. Wenn die vier völlig entfesselt ihre punkgetriebenen, hektischen Songs rausrotzen, erinnert Alex mit seinen lakonischen Alltagsgeschichten an Mike Skinner (The Streets) – und eben nicht wie der momentan übliche Rip-off einer End-Siebziger-Ikone. Das könnte die Band vielleicht das entscheidende Quäntchen abgrenzen. Dennoch bleibt ein bohrendes Gefühl: Ist das alles nicht ein bisschen schnell gegangen, ein bisschen zu schnell sogar? Da grinsen alle vier stolz: “Ach nein, eigentlich nicht. Das ist wie ein Sturm um uns herum. Wir sind im Auge des Orkans momentan, und wir sind selber ganz ruhig.” Diese Ruhe werden sie brauchen, wenn sie dahin kommen wollen, wo ihre größten Helden Oasis vor ein paar Jahre einmal waren: nach ganz oben.