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So war's in Berlin: In der Tanzhalle zum moschenden Einhorn

Arcade Fire live

Glaubt man dem Gerede, dann war das Astra in Berlin am gestrigen Dienstag der sogenannte »place to be«. The Reflektors alias Arcade Fire spielten ein Konzert, das tatsächlich zum Gig des Jahres werden könnte.
Geschrieben am

20.11.2013, Berlin, Astra

 

Um halb acht reicht die Schlange vom Astra bis zur Dönerbude an der Ecke Warschauer / Revaler Straße. Unter dem ein oder anderen Wintermantel erkennt man glänzende, bis zum Boden wallende Abendkleider. Einige Sakkos, die vermutlich beim letzten Mal zur Hochzeit eines Familienmitglieds (oder der eigenen) aus dem Schrank genommen wurden, reihen sich an etwas extravagantere Outfits wie zum Beispiel die Kombi aus silbernen Leggins (an wuchtigen Männerbeinen) und einer gelben Felljacke, für die hoffentlich nicht Bibo aus der Sesamstraße erlegt wurde. Andere wiederum kommen im normalen Berliner-Indie-Schlonz-Look, der anderswo ja auch als Verkleidung durchgehen könnte. Ein von der Band gebuchter junger Herr rennt derweil an der Schlange vorbei und bietet kostenlose Schmink- und Verglitzerungsdienste an. Auch die an der Revaler inzwischen allgegenwärtigen Rauchwarenhändler klappern die Leute ab – und wundern sich lautstark, was für ein seltsames Volk da rumsteht.

Der Wunsch von Arcade Fire, ein in Abendgarderobe oder Verkleidung gehülltes Publikum zu begrüßen, wird über weite Strecken erfüllt. Und die müßigen Diskussionen, ob das jetzt geil ist oder nicht – vor allem angesichts der Tatsache, dass sie das auch auf ihrer Arena-Tour wünschen – spielen hier keine Rolle. Man freut sich über die verrückten Outfits, merkt selbst, dass man in einem Anzug auf einmal viel aufrechter steht - und wer da eben keinen Bock drauf hat, der kommt trotzdem rein. Unterm Strich ist es doch so, wie Win Butler einmal sagte: »It’s nice to look at a bunch of well dressed people!« Kann man sich über diese Tatsache aufregen? Nö. Überhaupt merkt man, dass Arcade Fire damit gar nicht prätentiös oder verkopft daherkommen wollen, sondern sich einfach ins Zeug dafür legen, dass das hier ein besonderer Abend wird. Einer, der dieses Prädikat nicht nur aus der Differenz zwischen Ticketangebot und Nachfrage zieht und seine Besonderheit an Schwarzmarkpreisen von bis zu 350 Euro messen lässt. So ist auch das sonst ja eher funktionale Astra für den Abend aufgebrezelt. Überall hängen Lichterketten, zusätzliche Disco-Kugeln, eine eigene Barbeleuchtung. Alles nur Kleinigkeiten, die wohl kaum das Budget einer Band wie Arcade Fire belasten, aber dem ganzen eben doch ein zusätzliches Flair verleihen und zumindest aus dem Astra für heute die »Astrathèque« machen.

 

Knapp nach halb neun geht es dann auch bereits los mit der Show. Win Butler taucht plötzlich links neben dem Mischpult auf, hat einen Drummer an der Seite und singt ein paar Zeilen aus »My Body Is A Cage«. Er grinst dabei bis über beide Ohren, wiegt seinen langen Körper hin und her bis das kurze Intermezzo plötzlich abbricht und der Rest der Band vor einem Glitzervorhang Position bezogen hat. Dann ein Drumschlag, ein zweiter, die Bongos setzen ein und die Meute ist mitten in »Refletkor«, diesem groovenden Bastard, der schon früh klarmachte, was vielleicht nicht jeder erwartet hätte: Zu Arcade Fire kann man jetzt tanzen! Und zwar durchgehend.

 

 

Dabei ist es scheißegal, ob man dem Groove folgt, der sich durch die neuen Songs zieht oder einen alten Bekannten wie »Neighborhood #3 (Power Out)« begrüßt, der an diesem Abend auch ein paar Hummeln mehr im Arsch zu haben scheint. Das Publikum feiert alles gleichermaßen, bis zum Mischpult sieht man klatschende Hände, springende Menschen und rechts am Bühnenrand immer wieder, mit wehendem Haar, das coolste Mitbringsel des Abends: Ein moschendes Einhorn auf einem langen Holzstab.

 

»Joan Of Arc« mag ein Song bleiben, der ein wenig zu oft die Richtung wechselt, »Normal Person« einen kleinen Hänger in der Mitte haben, aber das wird durch die Spielfreude der Band locker überhört. Immer wieder grinst Win Butler dabei diebisch in die Menge, als freue er sich, dass man als Band noch einmal die Kurve gekriegt hat und nicht auf ewig die Mannschaft für Melancholie, Pathos und »Woooohoooo«-Chöre aller Art bleibt. Wobei es die natürlich auch immer wieder mal gibt. Auch Régine Chassagne ist eine Augenweide, was nicht unbedingt an ihrem reflektierenden Disco-Kleid liegt, sondern vor allem an der simplen und reinen Freude, die immer wieder aus ihrem breiten Lächeln strahlt. Sie hat dann auch einen der schönsten Momente des Abends zu verantworten: Ihre Darbietung von »Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)«, das auf »The Suburbs« noch wie ein Fremdkörper wiegte und hier auf einmal perfekt ins Set passt.

 

Der Endspurt wird spürbar, als Arcade Fire »Uncontrollable Urge« von Devo anstimmen, fast noch punkiger und überdrehter als das grandiose Original. Es folgt »Here Comes The Nighttime«, auf dessen Live-Darbietung man sich schon freut, seitdem man das erste Mal den Konzertfilm gleichen Namens gesehen hat. Hierzu steht man dann wahrscheinlich nur noch an der Theke still – wenn denn überhaupt. Dieser wiegende Groove nach dem schnellen Start und dann dieser Ausbruch nach viereinhalb Minuten – wow! Fehlt nur noch eine Konfettikanone und, ach, da knallt sich auch schon los. Selbst das geht also inzwischen bei dieser vermeintlichen Kulturwissenschaftler-Band.

 

Die Zugabe dann noch einmal etwas besinnlicher: »Haiti« wird gespielt und mit erklärenden Worten versehen bis man auch diesen, eigentlich im Zeichen der Jetztzeit stehenden, Abend mit dem alten Gassenhauer »Wake Up« zu Ende bringt. Mit einer von Win Butler charmant vergeigten zweiten Strophe wohlgemerkt. »That sounds wrong« fällt ihm nach einem Wortdreher auf, dann übergibt er den Gesang ans Publikum, sagt »You know this part, I know that part« und meint damit den lyrisch ja wirklich nicht so anspruchsvollen Refrain, der natürlich wieder alle Münder auf und alle Arme in die Luft reißt.

 

Nach der Show muss man zwangsläufig an die Worte seines Bruders denken, die er in unserem Interview sagte: »Es ist einfach, ein Fußballstadion ›Schiri raus!‹ brüllen zu lassen. Oder Zehntausende stumpf mitklatschen zu lassen. Ehrlich gesagt ist es ziemlich unheimlich, wie leicht so was geht. Wir wollen allerdings, dass die Leute mitklatschen, sich dabei auf künstlerisch wertvolle Weise bewegen, ihre Individualität bewahren, sich lebendig fühlen und vielleicht noch einen tiefschürfenden Gedanken haben.«

 

Das war natürlich schon damals eher ironisch zu verstehen, aber trifft die Sache doch ganz gut. Arcade Fire wissen, dass sie das Rad nicht neu erfinden können, aber sie können einen solchen Abend so aufbrezeln, dass er für sie und für uns ein wenig besonderer wird. Und auch wenn einem schon wieder auf den Sack geht, dass ein Jeder – inklusive der eigenen Person – es irgendwie gern ein wenig raushängen lässt, dass man diesem Abend beiwohnen konnte, muss man leider sagen, dass es tatsächlich ein saugutes Konzert war, das vielleicht am Ende des Jahres auf der persönlichen Hitliste ganz oben steht. Aber es ist ja erst November. Wollen wir also noch nicht die Einhörner, pardon, die Pferde scheu machen ...

 

Setlist:

 

Intro: My Body Is A Cage
Reflektor
Flashbulb Eyes
Neighborhood #3 (Power Out)
Joan of Arc
You Already Know
We Exist
It's Never Over (Oh Orpheus)
Afterlife
Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)
Normal Person
Uncontrollable Urge (im Original von Devo)
Here Comes the Night Time

 

Zugabe:
Haïti
Wake Up