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Reflektor

Arcade Fire

Auch wenn »Reflektor« wahrscheinlich nichts zum Lieben werden wird, mag man Arcade Fires viertem Album doch sehr lange und mit ständig wachsendem Erkenntnisgewinn zuhören.
Geschrieben am

Für jeden Rockmusiker, der etwas auf sich hält, gilt heute: Kein Album zweimal machen. Gerade für Acts, die stark im Fokus stehen, ist dieses Motiv zum Diktat geworden. Denn hart fühlt sich die Keule der Langeweile von Massen von Ex-Fans an, das tausendfache Gähnen an Blogger-Schreibtischen, in Redaktionen und Plattenläden kann dir wie ein Orkan ins Gesicht blasen. Arcade Fire sind sich der strengen Überwachung des mächtigen Watchdogs »Globale Öffentlichkeit« bewusst, und sie haben sich bislang immer noch recht elegant aus seiner Schusslinie manövrieren können. Einer der Leitsätze von Win Butler, Régine Chassagne und ihrem regelmäßig variierenden Ensemble lautete stets: »Im Zweifel lieber überfordern als bedienen«. Auch für ihr viertes Album »Reflektor« sind sie dieser Devise gefolgt, und das war kein dummer Entschluss. Denn natürlich kann man das Album mit seiner verhältnismäßigen Überlänge von 76 Minuten als »überfrachtet« oder »prätentiös« bewerten, beim ersten Hördurchlauf genauso wie beim zweiten oder dritten. Dennoch muss man sich als Fan wie auch als Kritiker eingestehen, dass diese Grundsatzentscheidung letztlich anregender und spannender ist als der Vorsatz zu Biederkeit.

Genauso wie Paul McCartney, Howard Carpendale, Madonna und viele andere ambitionierte Popstars in den letzten Jahren haben sich Arcade Fire für »Reflektor« einen Außenstehenden mit Reputation als Kollaborateur ins Studio geholt, dessen Wahl aufgrund seiner Prominenz in einem abweichenden Genre für Aufsehen sorgte: Die Nominierung von James Murphy war und ist ein ziemlich smarter Zug. Doch abgesehen von der ersten Single, dem Titelsong des Albums, gibt es kaum eindeutige Verweise auf den schneidend discoiden Markenzeichensound von Murphys LCD Soundsystem. Stattdessen ist er mit Arcade Fire an Orte gegangen, die für beide Parteien Neuland gewesen sein dürften. »Flashbulb Eyes« ist vor allem ein dubbiger Dancehall-Track, »Here Comes The Night Time« wagt sich auf Felder von fräsenden Bässen und modernen Trap-Rhythmen, bevor er den Weg zurück zum Popsong einschlägt. Grundsätzlich hat Murphy Arcade Fire ihren Hang zu vor Euphorie überquellenden Arrangements und Songstrukturen zwar nicht versagt, »Reflektor« wirkt aber trotzdem etwas durchdachter, nüchterner und im Bezug auf den Titel programmatischer als ihre bisherigen Alben. Etwas mehr die Bowie-Arbeitsweise, die Win Butler sowieso schon immer nachgesagt wurde.

 

Der Unterschied zum schon sehr verwegen klingenden »The Suburbs« liegt darin, dass »Reflektor« von keiner deutlichen inhaltlichen Klammer zusammengehalten wird. Nicht jeder Song lässt sich auf die auf dem Cover abgebildeten Sagengestalten Eurydike und Orpheus zurückführen. Stattdessen ist das Album, auch aufgrund der – dank Murphys Einfluss – Fülle an elektronischen Sounds, ein Dokument des Ausprobierens. Es dokumentiert Mikroexperimente, die sich auf einzelne Teile von Songs beschränken durften, ohne dabei völlig willenlos und unzusammenhängend zu wirken. Die für Hits notwendigen konzentrierten Hooklines fehlen dagegen völlig. Dementsprechend ist »Reflektor« wohl kein Album, das man bedingungslos lieben kann. Er ist aber eines, dem man sehr lange und mit ständig wachsendem Erkenntnisgewinn zuhören mag. Von dieser Sorte gibt es in den Untiefen des Rock zwar mehr, als man denkt – in ihrer Popstar-Kategorie zeigen sich Arcade Fire damit aber deutlich konsequenter als fast alle ihre Mitbewerber.

 

In drei Worten:

Starkraft / Cleverness / Eleganz