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Beerdigung, Bibel, Vorstadt - Reflektion!

Arcade Fire

Arcade Fire machen sich zur Veröffentlichung ihres neuen Albums »Reflektor« rar. Sie sprachen weltweit mit gerade mal zwölf Journalisten – einer davon war unser Autor Daniel Koch. Er diskutierte mit William Butler über geheimnisvolle Werbekampagnen für das Album, ihren energiegeladenen Auftritt in einer Salsa-Disco in Montreal und den guten Geruch von David Bowie.
Geschrieben am

9-9-9-9

 

Wir schreiben den 9. September 2013. Die Downtown von Montreal ist nicht gerade die gewohnte Gegend für ein Indie-Konzert. Hier reiht sich eine Studentenbar an die andere, in der man sich zum günstigen Vorsaufen trifft, um dann in eine der zahlreichen cheesy Discos weiterzuziehen. Der Club La Salsathèque ist da keine Ausnahme. Das Ambiente ist seit 30 Jahren unverändert, setzt auf Neonlicht, Spiegel und Plastikpalmen. Irgendwann an diesem Montagmorgen hängt jemand ein Poster auf: »The Reflektors« werden hier am heutigen 9. September um neun Uhr abends für neun Dollar Eintritt spielen. Wer rein will, müsse den Dresscode wahren, und der besagt: entweder verkleidet oder im feinen Zwirn auflaufen.

 


Es sollte nicht lange dauern, bis halb Montreal und das Internet wussten, dass mit The Reflektors nur die Lokalhelden Arcade Fire gemeint sein können. Alexandre Lemieux war für uns vor Ort. Der Kanadier ist selbst Teil der lokalen Szene, war als Bandmanager aktiv und hat den Club Zoobizarre betrieben. »Um zwei Uhr mittags hatten sich schon die ersten Die-Hard-Fans versammelt – um fünf war es das reinste Chaos«, schildert er die Umstände vor Ort. »Über tausend Leute standen in der Schlange, einige schick in ihren Abschlussballkleidern, andere als Teletubbies, Hot Dogs oder Piraten kostümiert.« Alexandre war von seinem Freund Owen Pallett eingeladen worden: »Owen schrieb mir eine Mail, in der stand: Mal dir dein Gesicht an und komm vorbei!«

Wie es in der Salsathèque ausgeschaut hat, kann man nun in dem Kurzfilm »Here Comes The Night Time« sehen. Der wurde am 9. September und den zwei folgenden Abenden dort gedreht. In ihm tauchen drei neue Songs auf sowie Gaststars wie James Franco, Rainn Wilson, Bono, Ben Stiller, Michael Cera, Bill Hader, Zach Galifianakis, Eric Wareheim, Jason Schwartzman und Aziz Ansari. Vor allem Cera als nörgelnder Barkeeper sorgt für Gefallen. Er fragt sich, warum gerade diese Band dort spielen muss, wo doch Michael Bublé und Mumford & Sons viel besser wären.

 


»Der Laden war gerammelt voll und der Vibe geradezu magisch«, weiß Lemieux zu berichten. »Die Bandmitglieder zogen mit riesigen Pappmaschee-Köpfen durch das Publikum – wenn sie denn überhaupt darunter steckten. Überall waren Kameras. Dann ging das Licht aus, und die Band betrat mit zwei Percussionisten aus Haiti die Bühne. Die Frauen hatten dicke, schwarze, fast Goth-artige Eyeliner drauf. Die Männer trugen Kriegsbemalung. Arcade Fire eröffneten den Abend mit ›Reflektor‹, und Win stürmte sofort in die Menge. Das Publikum ist völlig durchgedreht und war wie wild am Pogen. Eine Wahnsinns-Energie. Nach 60 Minuten war die Show vorbei. Es gab weder Zugaben noch alte Songs. Aber Mitglieder der Band legten auf, plauderten mit dem Publikum und gaben Autogramme. Ein denkwürdiger Abend – und das, obwohl Secret-Gigs von Arcade Fire in Montreal ebenso Tradition haben wie Räucherfleisch und Bagels.«

 

Montreal Calling

 

23. September. Diesmal befinden wir uns in Berlin, in einem schmucklosen Konferenzraum im sechsten Stock eines Bürokomplexes in der Pfuelstraße, nicht unweit der Haltestelle Schlesisches Tor, an der im August plötzlich seltsame Kreide-Graffiti aufgetaucht waren. Die Buchstaben »R-E-F-L-E-K-T-O-R«, verteilt auf neun Quadrate mit einem Kreis drum herum. Ein Lebenszeichen von Arcade Fire, wie man inzwischen weiß. Ein weiteres steht an: Das Telefon klingelt.Die Band hat sich die wenigen Interviews, die sie gibt, fair aufgeteilt. Win Butler telefoniert mit Zane Lowe von der BBC, Richard Reed Parry mit dem NME, wir warten auf den Anruf von William Butler, kurz Will – Bruder von Sänger Win Butler und einer der vielen Multiinstrumentalisten der Band. Er bedient wahlweise Synthesizer, Bass, Gitarre oder stiehlt der Percussion-Fraktion die Show, wenn er mal wieder durchdreht und mit der Trommel vorm Bauch das Dach der Festivalbühne erklimmt. Auf YouTube gibt es nicht umsonst einen Zusammenschnitt von »Arcade Fire’s Will Butler – Greatest Moments«. Der Quoten-Irre ist Will aber mitnichten: Er hat am Weinberg College of Arts and Sciences in Evanston, Illinois ein Lyrik- und Slawistik-Studium abgeschlossen. Dazu veröffentlichte er Gedichte und zeichnet sich maßgeblich verantwortlich für das soziale Engagement der Band. Aus seiner Studienzeit gibt es die schöne Anekdote, dass er seine Professorin für slawische Literatur, Clare Cavanagh, einmal gefragt habe, ob sie ihn für die nächste Vorlesung entschuldigen könne. Will sagte: »Ich spiele in einer Band. Und wir müssen morgen zu Conan O’Brien.«

 


Will sitzt in einem Büro in Montreal, ist aber so gut wie auf dem Sprung nach New York, wo sich auch der Firmensitz von »Arcade Fire Ltd.« befindet – standesgemäß am Broadway. Wenn ich den Vertrag, den ich vor dem Hören des Albums unterschreiben musste, richtig verstanden habe, gehört mein Arsch genau dieser Firma, wenn ich zu früh irgendwem erzähle, was ich da gehört habe. Will lacht, als ich ihn auf die Sicherheitsvorkehrungen anspreche. Es ist ein volles, herzliches Lachen, bei dessen Klang man noch mehr bedauert, dass man ihm nicht persönlich gegenübersitzt. Die spannende Frage, wie das neue Album denn nun klänge, haben seine Kollegen schon auf ihre Weise beantwortet. Sein Bruder Win deklarierte es zu einem »Mash-up aus Studio 54 und weirder Voodoo-Musik«; Richard Parry sagte: »Manchmal klingen wir auf ›Reflektor‹ wie eine bluesige Bar-Combo. Manchmal wie eine Disco-Band in einem schrägen, alten Nachtclub in einem Land, das keiner kennt.« Ob Will das so unterschreiben würde? Wieder dieses Lachen. Dann: »Das trifft die Sache schon mal ganz gut. Ich würde noch The Cure einbringen – ein wenig aus ›Disintegration‹ und eine Prise ›Pornography‹. Nirvana stecken auch drin: Ungefähr anderthalb Minuten auf ›Reflektor‹ könnten von ›In Utero‹ stammen.«

 


Später wird er noch ein wenig präziser. Erst einmal stellt Will Butler jedoch klar, dass man mit der Geheimniskrämerei keinesfalls Fans oder Musikjournalisten vergraulen wolle. Eher im Gegenteil. »Das Bewerben neuer Alben ist oft so langweilig. So formatiert. Wir waren immer neidisch auf die Möglichkeiten, die man zum Beispiel im Filmgeschäft hat. Da kannst du erst ein Poster rausbringen, dann ein virales Video, dann einen Teaser, dann einen Trailer, dann noch einen Trailer. Das macht doch viel mehr Spaß! Man könnte also sagen: Unsere Aktionen sind der Versuch, unsere eigenen Trailer zu machen.«

Das läuft genauso ab, wie man es sich bei einer Band wie Arcade Fire vorstellt: »Wir sitzen zusammen in einem Raum im Kreis – die Band, unser Team, unser Manager – und spielen uns die Bälle zu. Wir spinnen herum, überlegen, was cool und künstlerisch wertvoll zugleich wäre, was uns Spaß macht und wie wir es umsetzen können. Meist gehen dann noch einige Mails in die Runde, bis wir dann so etwas wie einen Plan haben. Eine sehr schöne kollektive Erfahrung.« Die nur aufgeht, wenn die Sicherheitsvorkehrungen greifen, wie Will betont. »Deshalb der Vertrag, den du unterschreiben musstest. Denn natürlich ist man immer ein wenig enttäuscht, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Wir waren sehr traurig, als ›Reflektor‹ frühzeitig ins Netz gestellt wurde. Andererseits war das auch wieder eine tolle Geschichte: Einer hat das Vinyl zu früh in seinen Laden gestellt, und jemand, der uns nicht mal mag, hat die Platte aus Versehen gekauft. Das ist doch großartig!«

 


Wills Bruder sprach im Telefoninterview mit Zane Lowe von der BBC ebenfalls euphorisch über die Kampagne, die er ein »verrücktes Kunstprojekt« nannte: »Wir sehen das nicht als Promotion. Es sollte Spaß machen. Uns – und den Fans. Denen vor allem. Ich weiß, wie sich das auf der anderen Seite anfühlt. Ich werde nie vergessen, wie großartig es war, als wir mit der ganzen Familie Michael Jacksons ›Thriller‹-Premiere im Fernsehen gesehen haben. Wo gibt es das heute noch?« Ihr eigenes »Thriller«-Video haben sie zwar nicht. Aber immerhin ihr »Here Comes The Night Time«, das zuerst im US-Fernsehen zu sehen war.»Der Bass klopft und klopft ...«

 

20. September, Berliner Firmensitz von Universal. Der Platten-Major übernimmt in Deutschland den Vertrieb von »Reflektor«. In Amerika sind Arcade Fire noch auf dem Indie-Label Merge Records. Die einzige »Reflektor«-CD, die es bisher in Deutschland gibt, liegt in einem Player, der vermutlich schon viel Elend schlucken musste. Der Raum, der extra für Listening-Sessions gebaut zu sein scheint, wirkt, als würden hier normalerweise Popsternchen jene Songs vorgespielt bekommen, die sie bald singen müssen. Aber der Bass der Anlage kann was! Und das ist bei Arcade Fire anscheinend auf einmal wichtig. Das zeigte bereits die Single »Reflektor« – einer jener Songs, die von James Murphy produziert wurden. Man sollte sich eigentlich dankbar zeigen, diese Musik so früh hören zu dürfen, und doch ist man vor allem überfordert. Dreizehn Songs, einige so fintenreich, als habe man versucht, ebenso viele Stile darin unterzubringen. Am Ende schwirren dem Hörer seltsame Referenzen durch den Kopf, die von Peter Gabriel bis zum Soundtrack von »Monkey Island« reichen. Ich habe mein Notizbuch vollgeschrieben mit Quatsch wie diesem: »Der Bass klopft und klopft an der Himmelstür, say heaven is a place and you know where it is.« Oder: »Klingt nach Arcade Fire as you’ve known them before, bis dann der Bass in den Keller geht und die Kohlen anfeuert.«

 


Als ich Will Butler später ein paar dieser Notizen vorlese, klingt sein Lachen noch ein wenig lauter. Dann erklärt er, was für ihn die Essenz der Aufnahmen ausmache: »Wir haben uns nie wirklich als Musiker verstanden. Bisher sahen wir uns als Künstler, die ganz okay Musik machen können. Das ist inzwischen anders. Wir haben viel dazugelernt. Was den Sound angeht, ist es wohl wirklich so, dass unsere Zeit in Haiti ihre Spuren hinterlassen hat. Unsere Konzerte dort haben uns viel über Dynamik nachdenken lassen, weil eine Crowd, die kaum mit Rock’n’Roll sozialisiert wurde, ganz anders auf deine Musik reagiert. Außerdem haben wir den Karneval dort kennengelernt – was sich ebenfalls ausgewirkt hat.«

Wie das gemeint ist, sieht man sehr gut in besagtem Film, vor allem, wenn der erste Song in der fünften Minute zu einer wilden Tribal-Orgie abhebt. »Was die vielen Songideen angeht: Wir haben Stücke immer schon eher durch Jam-Sessions entwickelt. Denk nur an ›Rococo‹ oder ›Crown Of Love‹. Diesmal ist vor allem ›Reflektor‹ so entstanden. Wir waren dabei ein Dutzend Musiker im Studio. Darunter zwei haitianische Drummer, zwei zusätzliche Saxofonisten, Owen Pallett am Klavier – es fühlte sich fast wie eine Motown-Session an. Man arbeitet natürlich noch eine Weile am Resultat, aber der Kern des Songs ist dort entstanden.« Einen Gast hat Will dabei dezent unterschlagen: David Bowie singt schließlich auch mit. Wie sich das so anfühlt, wenn David Bowie im Studio vorbeischneit? »Ehrlich gesagt denk ich immer das Gleiche und immer nur das eine, wenn David Bowie irgendwo in meiner Nähe ist: ›Gott, riecht der gut!‹«

 

Quadratur des Kreises

 

23. September. Am Telefon noch immer Will Butler. Dieser müsse jedoch in fünf Minuten auflegen, sagt die freundliche Label-Dame aus dem Off. Schade, wo man doch gerade bei einem interessanten Thema ist. Nämlich bei den Fragen, die man selbst auch nicht beantworten kann: Wieso bildet man sich ein, die Musik dieser Riesenband wäre etwas Intimes, etwas Persönliches, etwas, das man nicht nur in die Klatschehände, sondern auch ins Herz lassen will? Und wie will die Band dieses Gefühl bewahren, wo doch die Hallen, in denen sie spielen, immer größer werden? »Das ist genau die Herausforderung, der wir uns immer wieder stellen müssen«, antwortet Will. »Es ist einfach, ein Fußballstadion ›Schiri raus!‹ brüllen zu lassen. Oder Zehntausende stumpf mitklatschen zu lassen. Ehrlich gesagt ist es ziemlich unheimlich, wie leicht so was geht. Wir wollen allerdings, dass die Leute mitklatschen, sich dabei auf künstlerisch wertvolle Weise bewegen, ihre Individualität bewahren, sich lebendig fühlen und vielleicht noch einen tiefschürfenden Gedanken haben. Wenn wir das schaffen, gehen wir danach die Quadratur des Kreises an.«

 


Dann ist da wieder dieses Lachen, ein schöner Abschluss für das Gespräch.

 

 

Auf der nächsten Seite: Die Diskographie von Arcade Fire und Nebenprojekte der Bandmitglieder

Diskografie

 

 

 

Arcade Fire EP (2003, Re-Release 2005)
Gab es eigentlich eine Zeit, in der man sich von dieser Band nicht Großes versprochen hatte? Wenn überhaupt, dann vielleicht nur die Zeitspanne zwischen Bandgründung und dem Erscheinungsjahr dieser EP. Hier mag die bisweilen maue Produktion noch ein wenig auf Stimme und Stimmung drücken, aber Songs wie »I’m Sleeping In A Submarine« und »Headlights Look Like Diamonds« zeigen bereits den Kontrast zwischen Experimentierfreude und dem Drang zur großen Melodie, den Arcade Fire später immer weiter perfektioniert und zelebriert haben. Interessant ist vor allem, dass sich eines der besten Stücke ihres Albums »Neon Bible« bereits hier findet: »No Cars Go«, zwar noch ein wenig mehr rumpelnd, aber schon als Hinweis, wie groß die Band mal klingen will.

 

 

 

Funeral (2004)
Das Albumdebüt, das dank eines Lizenzierungs-Hickhacks hierzulande offiziell erst 2005 erschien, hatte schon ein gewisses Hype-Potenzial im Rücken. Was zum einen an den Berichten über die mitreißenden Konzerte von Arcade Fire und zum anderen an den Lobeshymnen der US-Musikpresse lag. Christian Steinbrink sah darin in Intro eine »unerhört feine Indie-Platte, die wirklich allen vollmundigen Ankündigungen gerecht wird. Zwar dockt hier wenig an die aktuellen musikalischen Moden an, allein die Vielfalt der Songs auf diesem Debüt verdient an sich schon das Prädikat ›zeitlos‹. Vieles wirkt hier spielerisch, wie aus dem Ärmel geschüttelt, aber gerade deshalb wie von außergewöhnlichem Talent gesegnet. ›Funeral‹ ist ein Album, dessen Arrangements und Songstrukturen ähnlich outstandig wirken wie die auf der bemerkenswerten Broken-Social-Scene-Platte, dabei aber nie elegisch sind, sondern immer fluffig und leicht.« Ein Kunststück, wenn man bedenkt, wie schwer die Themen, die darauf verhandelt werden (Tod! Tod! Tod!), wiegen. Die Einschätzung des Kollegen kann man hier so stehen lassen – und er würde es sicherlich begrüßen, dass wir sein Fazit, eine Bloc-Party-Platte sei im direkten Vergleich mitreißender, hier (so gut wie) unter den Tisch fallen lassen.

 

 

 

Neon Bible (2007)
Diesmal durfte Kai Klintworth mit einer Rezension ran. Auch er thematisiert den nun noch heftiger erklingenden Rummel um die Band und stellt fest: »In ein paar Monaten zeigt sich dann, ob Arcade Fire, die personifizierten Feuilleton-Darlings, es genau wie Adam Green über diesen Weg richtig hoch hinaus schaffen.« Adam wer? Ach ja – damals machte der Vergleich durchaus Sinn. Klintworth erkennt zwar zu Recht, dass das Kommunenhafte, das der Band nachgesagt wird, ein wenig nervt, stellt aber ein positives Urteil aus: »Die Texte haben sich gemacht, es geht nonchalant um singularisierte Identitäten in der globalisierten Welt. Um Intimes, vorgeführt in einem stets leicht skurrilen Zirkuszelt. Und wenn sich das Songwriting ab dem dritten Hören richtig entfaltet und festgesetzt hat, kommen keine Zweifel mehr auf. Das Indie-Hippie-Kammerorchester holt alle Herzen ab, die es 2005 entflammt hatte. Plus x. Und jetzt ab ins Feuilleton, auf die Musik-Magazin-Cover und die Bühne.« Im Rückblick kann und muss man heutzutage sagen, dass die ständige Hype-Erwähnung fast ein wenig nervt – große Songs hatten sie schon zuvor, und die Begeisterung der Fans haben sie sich mit tollen Live-Shows erspielt. Punkt.

 

 

 

The Suburbs (2010)
Es gab wenige, die im Drittwerk von Arcade Fire nicht die Platte des Jahres sahen – und trotzdem gab es irgendwie Redebedarf, was allein 115 Kommentare auf intro.de unter der Review von Christian Steinbrink belegen: »›The Suburbs‹ kommt weitgehend ohne offenbare Höhepunkte aus, es ist ein Album, das die Melancholie des Heimkommens in den Mittelpunkt und das Songwriting in den Dienst dessen stellt. In diesem Sinne rennt die Band sehenden Auges in die Fehlerstellung, die Rockfans seit Dekaden an Konzeptalben bemängeln. Das Album überzeugt aber dennoch, und zwar durch wunderbare Kniffe wie die verschiedenen Covermotive, die vor dem Heck eines Wagens den Blick auf verhängnisvolle Orte der Adoleszenz lenken, oder durch seine Texte, die sich oftmals wie Tagebucheinträge des jungen Werther Win Butler lesen. ›Sometimes I can’t believe it / I’m moving past the feeling‹, heißt es sehr exponiert im Titelstück. Beachtet man solche Feinheiten nicht, könnte ›The Suburbs‹, das Album, etwas zu beiläufig wirken. Das täuscht aber, denn dieses Album brennt.«
Man könnte auch sagen: Es wächst. Aber das wäre vielleicht zu profan, wenn auch nicht falsch. Tatsächlich zeigten sich viele erst ein wenig genervt von der Kritiker-Lobhudelei und ließen sich dann doch begeistern. Beim Autoren dieser Story war es übrigens andersherum: Er gehörte zu den »Platte des Jahres«-Lobhudelern und musste später eingestehen, dass eigentlich nur eine Handvoll der Songs dauerhaft hängen blieben, während er immer noch gerne in voller Länge »Funeral« hört.

 

Nebenprojekte

 

Wild Light
Tim Kyle, ein frühes und nur kurzzeitiges Bandmitglied von Arcade Fire, gründete 2005 mit seinem Kumpel Jordan Alexander Wild Light. Alexander wiederum war einst Mitbewohner von Win Butler. Obwohl das letzte, sehr schöne Album »Adult Nights« bereits 2009 erschienen ist, gilt die Band noch als aktiv.

 

Clues
Eine der zahlreichen Bands des Brendan Reed – der ebenfalls nur in den Anfangsjahren Teil von Arcade Fire war. Mittlerweile aufgelöst, ist den Clues mit ihrem selbstbetitelten Debüt ein feines Album gelungen, auf dem sie wie etwas aufgeräumtere und ein bisschen langweiligere Guided By Voices klingen.

 

Alvino Rey
Kein Side-Project, aber auf jeden Fall erwähnenswert: Win und Will Butler sind mütterlicherseits die Enkel dieses Musikers, der oft als »der Vater der Pedal Steel Gitarre« genannt wird. Als Gitarrist und später als Bandleader hat sein Name in Swing und Jazz gleichermaßen einen geschätzten Klang.

 

Sarah Neufeld
Die Violinistin von Arcade Fire ist umtriebig, widmete sich zuletzt ihrem noch recht neuen Solodebüt »Hero Brother«, das diesen August erschien und verhallten Geigenwohlklang (manchmal) mit gehauchtem Geistergesang vermählt. Passt gut in den Herbst.

 

Belle Orchestre
Sarah Neufeld musiziert an der Seite von Richard Reed Parry auch bei dieser Instrumentalband, die bereits 2003 mit Arcade Fire das Studio teilte und die Band 2005 auf Tour begleitete.

 

The Luyas
Pietro Amato ist Teilzeit-Mitglied von Arcade Fire, Mitglied des Belle Orchestre und bei The Luyas aktiv, die einen verspielten Twee-Indie servieren, der vor allem auf dem 2009er-Album »Too Beautiful To Work« sehr gelungen klingt. Seit 2009 ist Sarah Neufeld auch mit dabei.

 

Richard Reed Parry
Einer der sympathischsten und aktivsten Musiker von Arcade Fire. Er war auf dem letzten The-National-Album zu Gast, spielte beim 2004er-Album von Unicorns, assistierte Little Scream bei ihrem Debüt »The Golden Record«, ist auf »Return To The Sea« von Islands zu hören und, wie schon erwähnt, Mitglied bei Belle Orchestre. Zudem veröffentlicht er ab und an sehr schöne Solo-Aufnahmen wie das Talk-Talk-Cover »I Believe In You« oder den Beitrag zum Sampler »Have Not Been The Same«, wo er im Duett mit Little Scream den Song »When You Know Why You’re Happy« (im Original von Mary Margaret O’Hara) singt.

 

Jeremy Gara
Der Drummer der Band war bereits Mitglied einer Slowcore-Band (Kepler), spielte Mathrock bei Weights and Measures und ist zum Beispiel auf Owen Palletts Album »Heartland« zu hören.

 

Owen Pallett
... alias Final Fantasy ist seit Jahren gern gesehener Gast bei Arcade Fire und dort zum Beispiel (auf »Funeral« und »Neon Bible«) für die Orchester-Arrangements zuständig. Auch bei den Secret-Shows stand er mit Arcade Fire auf der Bühne.

 

Arcade Fire »Reflektor« (Vertigo / Universal / VÖ 25.10.13)