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Die neue Verbindlichkeit

Arcade Fire.

Indieland darf seine jüngste Offenbarung bejubeln: "Funeral", das Debütalbum der kanadischen Band Arcade Fire, wurde Ende letzten Jahres mit Platzierungen in sämtlichen Best-of-Listen Nordamerikas geadelt. Seit sieben Monaten tourt die von dem Trubel doch eher überraschte Combo durch die Konzertsäle
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Indieland darf seine jüngste Offenbarung bejubeln: "Funeral", das Debütalbum der kanadischen Band Arcade Fire, wurde Ende letzten Jahres mit Platzierungen in sämtlichen Best-of-Listen Nordamerikas geadelt. Seit sieben Monaten tourt die von dem Trubel doch eher überraschte Combo durch die Konzertsäle und sieht sich allabendlich neuen Konvertierten gegenüber - nicht zuletzt David Byrne, David Bowie und Conan O'Brien. Doch kaum hat das Album 100.000 Exemplare verkauft, scherzen Arcade Fire auf ihrer Website bereits, demnächst in den Ruhestand treten zu wollen.

Es gäbe wirklich eine ganz simple Erklärung für diese Sache, versichert Win Butler, der hünenhaft große Sänger von Arcade Fire: David Byrne sei nun mal ein großer Fan von ihnen, allerdings habe er, als sie ein Konzert in New York ankündigten, keine Karten mehr bekommen. Sofort ausverkauft. Astronomische Schwarzmarktpreise. Darüber sei der ehemalige Talking-Heads-Frontmann dermaßen in Verzweiflung geraten, dass er eine E-Mail an Arcade Fire schrieb. Immerhin, so Butler, wusste Byrne, dass sie gerne einen Song seiner alten Band covern. Und so sei man sich schnell einig geworden: Gästeliste gegen Gastauftritt. Byrne sang "This Must Be The Place" und verbrachte den Auftritt ansonsten glücklich vor der Bühne. Ein fairer Deal. Sitzt man Win Butler gegenüber, in seiner ausgebeulten Anzughose, seiner schwarzen Weste und seinen Turnschuhen Größe 48, hat man nicht gerade den Eindruck, den neuen Propheten des Indierock vor sich zu haben. Er selbst hat sich mit dieser Rolle auch noch nicht ganz angefreundet: Häufig blitzt ein verunsicherter Blick aus seinen Augen. "Was soll das alles?" scheint er zu fragen. Kein Wunder: Immerhin nötigt das Debütalbum seiner Band Journalisten reihenweise zu absurden Schlussfolgerungen. Beispiel: Die Musik klinge wie "Talking Heads meets U2 meets Abba." Die beiden letztgenannten Bands sind dabei so ziemlich das Letzte, an das man sich erinnert fühlt, wenn "Funeral" im CD-Player rotiert. Viel eher könnte einem The Cure in den Sinn kommen, und aufgrund der gepressten, quäkigen Stimme Butlers vielleicht auch The Polyphonic Spree. Im Grunde brachten es aber die Macher des Londoner Kultur-Newsletters Kultureflash auf den Punkt, als sie erklärten: "Crazy but true, it's like nothing else and everything else at the same time." Andere Medien riss der Erfolg von "Funeral" dazu hin, gleich eine "Canadian Invasion" auszurufen, mit Arcade Fire an der Spitze und The Hidden Cameras und Broken Social Scene im Schlepptau. Eroberungskrieg mit Musik? Über solche Kurzschlüsse mag Win Butler nur den Kopf schütteln - schließlich ist er noch nicht mal Kanadier, sondern ein Texaner, der vor ein paar Jahren nur nach Montreal zog, um dort Religionswissenschaften zu studieren. Irgendwann hörte er in Montreal einer jungen Frau dabei zu, wie sie alte Jazz-Standards interpretierte. Régine Chassagne hieß sie. Zunächst verliebte sich Win in ihre Stimme. Mittlerweile sind die beiden seit eineinhalb Jahren verheiratet und das Herzstück von Arcade Fire. Feuer in der Spielhölle: Der Bandname geht auf einen Brand zurück, der einst in einem Casino wütete und viele Menschen das Leben kostete. Wollte man es allzu katholisch nehmen, müsste man sagen: Wer versucht, sein Glück zu erzwingen, wird dafür bestraft. Aber auch ohne religiösen Überbau lassen sich Arcade-Fire-Songs verstehen - als herzzerreißende Abschiedsbriefe, die Menschen an ihre Kindheit und Unschuld schreiben, weil sie erkennen, dass ihre Herzen immer kälter werden. "Children wake up, hold your mistake up (...) don't grow up. Our bodies get bigger, but our hearts get torn up", heißt es in einem Song. Der Titel des Albums, "Funeral", bezieht sich dabei darauf, dass in der Produktionsphase drei enge Angehörige der Bandmitglieder verstarben. Man könnte mutmaßen, die Musik sei als Zelebrierung des Lebens aufgenommen worden, im Angesicht des Todes. Bei ihren Konzerten wirkt die mit bis zu acht Musikern auftretende Band dann auch tatsächlich so, als wünsche sie sich zurück in den Kindergarten-Spielkreis: Alle Mitspieler rotieren eifrig an den Instrumenten, Régine wiegt sich mit einem Schifferklavier im Takt, Richard Parry, der Dünne mit der Brille, hampelt mit einem Motorradhelm über die Bühne und lässt sich darauf herumtrommeln.

Arcade Fire wirken so keinesfalls wie welche, die ins Rock'n'Roll-Geschäft eingestiegen sind, um zum x-ten Mal die Posterklischees vom Rebell, Sexgott oder Weltverbesserer durchzuspielen. Mit ihrem betont altmodischen Artwork und dem streckenweise antiken Schellack-Sound ihres Albums scheinen sie eher aus einer völlig anderen Zeit zu stammen - einer Ära, in der sich Musikeregos noch nicht analog zur Verzerrung ihrer Gitarren aufplusterten. Tatsächlich schließt sich an diesem Punkt ein Kreis: Denn während der Depression in den 30er- und 40er-Jahren leitete Win Butlers Großvater unter dem Namen Alvino Rey eine erfolgreiche Swing-Bigband, die in den ganzen USA auftrat. 1934 entwickelte Rey einen der ersten Prototypen einer elektrisch verstärkten Gitarre, der heute in Seattle in einem Museum für Musikgeschichte ausgestellt wird. Seine Erfolge feierte Wins Großvater demnach in einer Zeit, in der das heute längst klassische Rock-Instrumentarium erst erprobt wurde und in der die Hypemaschine des Musikgeschäfts noch nicht so geölt war wie heute - sprich: in einer Zeit, in der nur derjenige erfolgreich wurde, der seinem Publikum Treue bewies, indem er permanent auf Tour war. Ein Vagabundenleben. Womit die Geschichte wieder bei Arcade Fire angelangt wäre.

Ihr wart fast das gesamte vergangene Jahr unterwegs. Es muss euch langsam auf die Nerven gehen. Auf eurer Website stand bereits, ihr würdet überlegen, aufzuhören.
Win Butler: Das war nur ein Scherz. Es gibt weitaus Schlimmeres, als die ganze Welt zu sehen. Ich war jetzt seit sieben Monaten nicht mehr zu Hause, und wir werden bis Juni nicht mehr dorthin kommen. Aber das ist okay. Ich habe allerdings keine Lust mehr, so viel mit mir herumzuschleppen. Mittlerweile habe ich für meine Klamotten nur noch einen Beutel, und der ist eigentlich immer noch zu groß.
Bei der aktuellen Flut von The-Bands wirkt es recht ungewöhnlich, dass ihr betont, es sei euch egal, ob man Arcade Fire mit oder ohne "The" schreibt.
Na ja, wir schreiben uns eben selbst manchmal mit "The" und manchmal ohne. Es gibt ja Bands, die in dieser Beziehung sehr verbohrt sind, die Cocteau Twins zum Beispiel. Die haben Radiomoderatoren früher regelrecht angemacht, wenn sie von denen als "The Cocteau Twins" angekündigt wurden. Aber uns ist das wirklich egal.
Das Feuer in eurem Bandnamen, stellt es für dich eher die zerstörerische Kraft dar, die bei dem Brand in der Spielhalle Menschen das Leben gekostet hat, oder symbolisiert Feuer für dich auch etwas Positives?
Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, sich da zu entscheiden. Für mich symbolisiert der Bandname ein dramatisches Ereignis, das die Art verändert, wie Menschen miteinander umgehen. Zum Beispiel gab es vor ein paar Jahren in Montreal einen Stromausfall, sieben Tage lang, mitten im Winter. Da war es plötzlich egal, wie viel Geld du hattest, irgendwann hast du dir in deiner Villa doch den Arsch abgefroren und musstest rüber zum Nachbarn gehen, um dich bei ihm am Kamin aufzuwärmen. Solche Ereignisse können Menschen näher zusammenrücken lassen oder sie zu Wölfen verwandeln.
Wie ist es für Régine und dich, als Ehepaar in einer Band zu spielen? Es fallen einem fast nur Beispiele ein, bei denen ...
Ja, es endet fast immer mit einem Desaster. Sonny & Cher, Ike & Tina Turner, Fleetwood Mac, Abba ...
Bei Régine und dir ist das anders?
Ich kann das nur schwer beurteilen, weil ich es ja nicht anders kenne. Wir sind ein Paar, seitdem wir die Band gegründet haben. Aber meine Großeltern haben auch ewig zusammen in einer Band gespielt, und für die war das völlig normal. Ich denke, dass ich es gar nicht anders könnte. Andersrum wäre es viel schwieriger für mich. Tim [Kingsbury, der Bassist der Band] hat zum Beispiel eine Verlobte, und für die beiden ist es sehr hart. Sich sechs Monate im Jahr nicht zu sehen, das ist wirklich schlimm.
Ihr seid in Nordamerika schon mehrmals zusammen mit den Hidden Cameras aufgetreten. In einem ihrer Songs, "Ban Marriage", fordern sie die Abschaffung der Ehe. Ihr seid trotzdem gut mit ihnen ausgekommen?
Ja, wir hatten viel Spaß mit ihnen. Dieser Song "Ban Marriage" ist ja eher als Scherz gedacht. Ich denke, er ist ihr Beitrag zu dem ganzen Gerede um die Homo-Ehe, indem sie die ganze Diskussion einfach umdrehen und fordern, die Ehe komplett zu verbieten, für alle.
Warum habt ihr geheiratet, Régine und du? Was hat sich für euch dadurch verändert?
Diese Frage finde ich interessant, weil die Ehe als Institution ja erst seit den 60er-Jahren überhaupt in Frage gestellt wird, wohingegen es tausende Jahre Beweise auf der Seite gibt, dass die Ehe eine feine Sache sein kann. Nicht dass ich ein romantischer Mensch in dem Sinne wäre, zu glauben, dass es auf der Welt nur einen einzigen Menschen für mich gibt. Aber es gibt für mich keine furchtbarere Vorstellung, als sieben Jahre lang mit einem Menschen zusammen zu sein, danach sieben Jahre lang mit jemand anderem und so weiter. Diese ganzen Trennungen, dieser ganze Schmerz. Eine Beziehung aufrechtzuerhalten kann sehr schwer sein, aber für mich ist es die Mühe wert.
Du siehst also gewissermaßen die Freiheit, immer wieder eine neue Beziehung einzugehen, als etwas potenziell Negatives an? Ist Bindungsunfähigkeit so etwas wie der Fluch der modernen Zeit?
Na ja, eine Ehe macht es einem ja nicht unbedingt leichter, eine Beziehung zu führen. Es gibt verdammt viele Leute, die verheiratet sind, obwohl sie es besser nicht sein sollten. Wie bei allem gibt es eben gute und schlechte Beispiele. Aber ich bin nicht die Sorte Mensch, die die gesamte Institution anzweifelt, nur weil es auch schlechte Ehen gibt. Es gibt ja auch verdammt viele schlechte Bands, aber stelle ich in Frage, dass Menschen Musik machen? Nein. Musik ist Musik.
Wie ist es nach dem Erfolg eures Albums für euch, ständig auf den Titel "Funeral" angesprochen zu werden, also ständig an eure verstorbenen Verwandten erinnert zu werden? Ist das schmerzvoll oder eher tröstend?
Ich denke, die Platte kommt wahrscheinlich um einiges autobiografischer rüber, als sie es tatsächlich ist. Es ist nicht so, als habe jemand unser Tagebuch gefunden und es 100.000-fach vervielfältigt. Das Album handelt von Beziehungen innerhalb der Familie, mit Eltern oder Nachbarn, aber es handelt nicht konkret von meinen Großeltern oder Régines Eltern. Natürlich tragen der Titel und die Linernotes autobiografische Züge, aber dazu kam es erst, als wir uns einen Namen für das fertige Album überlegt haben. Die Songs hatten wir schon vorher geschrieben und produziert. Ich finde es nun ziemlich ärgerlich, wenn Leute das jetzt als Gimmick betrachten und Dinge schreiben wie "Drei Todesfälle und eine Hochzeit". Das ist eine sehr oberflächliche Art, unsere Musik zusammenzufassen.
In dem Song "Neighborhood #4" singst du "There's some spirit I used to know, that's been drowned out by the radio". Kann man das als Seitenhieb auf die Austauschbarkeit aktueller Musik verstehen?
Hmm, ich weiß nicht. Der Song handelt von verschiedenen Dingen. Ich meine, zum Teil handelt er auch davon, dass ich um mich herum einfach nicht das höre, was mich an Musik begeistert. Heutzutage ist Musik oft nur dazu da, von viel wichtigeren Sachen abzulenken.
Was ist dir dann wichtig am Musikmachen? Warum hast du damit angefangen?
Für mich ist es komisch, aufgefordert zu werden, das so sehr zu spezifizieren. Ich weiß es nicht. Die meisten unserer Lyrics sind gar nicht so direkt. In dieser einen Zeile steckt nicht ein großer, toller Lebensentwurf. Keine Ahnung, was ich hier eigentlich gerade rede.
Da ist es wieder: dieses Fragezeichen in Win Butlers Augen. Dieser rätselnde Blick eines Mannes, dem noch nicht ganz einleuchten will, warum ausgerechnet ihm plötzlich so viele dumme Fragen gestellt werden und wie es kommt, dass ausgerechnet ihm ganz Indieland an den Lippen hängen will. Es ist doch eigentlich nur ein Album, und es sind doch eigentlich nur ein paar Songs.
Acht Musiker
Neben Win Butler und seiner Frau Régine Chassagne besteht Arcade Fire aus drei weiteren Mitgliedern: Richard Parry, Tim Kingsbury und Wins jüngerem Bruder Will. Régine singt, spielt Klavier, Gitarre, Akkordeon, Mandoline, Flöte, Schlagzeug und Harmonika. Die anderen Mitglieder sind ähnlich flexibel. Zusätzlich lassen sich Arcade Fire auf der Bühne von dem Schlagzeuger Howard Bilderman und zwei Violinisten unterstützen, Sarah Neufeld und Owen Pallet. Letzterer schrieb die Streicherarrangements für "Funeral" und spielt sonst auch bei den Hidden Cameras.

Alvino Rey
Bürgerlich Alvin McBurney, aus Oakland, Kalifornien. Gitarrenpionier. Spielte zunächst Banjo, wechselte Ende der 20er-Jahre aber zur Pedal-Steel-Gitarre (auch "Hawaii-Gitarre"). Arbeitete in den 30er-Jahren als Entwickler für den Gitarrenhersteller Gibson. Sein Prototyp mit elektrischem Tonabnehmer ist heute als Exponat im "Experience Music Project"-Museum des Microsoft-Gründers Paul Allen in Seattle zu besichtigen. 1985 trat Rey im Programm der zweiten Vereidigung von Präsident Reagan auf. Im Februar 2004 starb er im Alter von 95 Jahren. Arcade Fire mischten zu der Zeit gerade ihr Album ab.