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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Nicht jeder macht Musik, um Parfüm aus Sperma und Blut zu verkaufen«

Arandel im Interview

Wer genau hinter Arandel steckt, liegt im Verborgenen. Kern des Projekts ist eine kleine Gruppe französischer Musiker und Produzenten, die ihre Identität geheim hält und stattdessen anspruchsvolle elektronische Klänge für sich sprechen lässt. Auch Arandels Label Infine sowie das Management-Team leisten einen wichtigen Beitrag zum großen, anonymen Ganzen. Zur Veröffentlichung des neuen Albums »Solarispellis« traten wir in digitalen Briefverkehr, um die Hintergründe des mysteriösen Projekts zu erfahren.
Geschrieben am
Was ist die Idee hinter der Anonymität von Arandel? Warum diese konsequente Geheimhaltung?
Nichts verkauft Musik besser, als Image. Als musikalisches Projekt stellen wir diese Tatsache in Frage. Wollen wir Musik nur deshalb machen, um über uns selbst zu reden, berühmt zu werden und Menschen über uns reden zu hören, statt über unsere Musik? Musik wird immer mehr zu einem Promo-Bonus im gesamten Prozess des Imageverkaufs. Das fühlt sich für uns falsch an. Die Herangehensweise von Arandel ist, alle Tricks abzulegen, von digitalen Plug-Ins bis zum Feuerwerk auf der Bühne. Uns wurde schon oft gesagt, dass dieser Weg in Zeiten, in denen das Image alles bestimmt, einem kommerziellen Selbstmord gleichkomme. Es hat sich allerdings herausgestellt, dass das nicht der Fall ist. Die meisten unserer Interviews beginnen mit dieser Frage. Wenn die Image-Angelegenheiten dann geklärt sind, können wir anfangen darüber zu sprechen, was uns etwas bedeutet: die Musik.  

Ist es schwierig diese Anonymität konstant  aufrecht zu erhalten?
Das ist sehr schwer und bedeutet viel Arbeit für alle, die an diesem Projekt beteiligt sind: von den Musikern bis zum Manager, das Label und vor allem unsere PR-Crew. In diesen seltsamen Zeiten, in denen jeder den Drang verspürt bedeutungslose Fotos und Videos von allem und jedem zu machen anstatt die Dinge einer ernsthaften, näheren Betrachtung zu unterwerfen, ist es echt ätzend anstrengend für uns sicherzustellen, dass die Leute unseren Willen respektieren und sich mit der Musik beschäftigen, nicht mit den Schöpfern dahinter. Uns ist bewusst, dass wir damit 2014 gegen den Strom schwimmen, aber nicht jeder macht Musik, um Parfüm aus Sperma und Blut zu verkaufen.  

Arandel treten auch live auf. Wie setzt ihr das Projekt auf der Bühne um?

Auf der Bühne verstecken wir uns nicht und tragen keine Masken, auch wenn das oft behauptet wird. Wir tragen alle mehr oder weniger das gleiche Outfit und ein bisschen Kriegsbemalung. Wir mögen die Vorstellung, dass alle Menschen im Publikum so nett sind, unseren Wunsch zu respektieren, weder gefilmt, noch fotografiert zu werden und verlassen uns ganz naiv darauf, dadurch die Anonymität wahren zu können. In Bezug auf die Musik, bestehen Arandel-Konzerte meistens aus zwei Musikern, jeder Menge Maschinen und Instrumenten, wie Theremin, Saxophon oder Percussions sowie verschiedenen Gastmusikern. Oft lernen wir diese erst am Tag der Show kennen, etwa weil sie von den Machern eines Festivals empfohlen werden, auf dem wir spielen. Die Shows setzen sich aus verschiedenen Stücken des letzten Albums »In D« zusammen, vermischt zu einem großen Werk.
Was mögt ihr lieber, live zu spielen oder im Studio an Tracks und Ideen zu arbeiten?
Es sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Beim Live-Act geht es darum, etwas im »Jetzt« entstehen zu lassen, während es im Studio darum geht, etwas zu erschaffen, das hoffentlich nicht zu bald veraltet und überholt wirkt. Wir glauben unsere Musik vermag es, unmittelbar eine Verbindung mit einem Live-Publikum herstellen zu können, aber auch einige Hördurchgänge zu überdauern.  

»No midi, no plug-ins, only analog synths«, ist eine Art Motto von Arandel. Bitte beschreibt, welchen musikalischen Regeln ihr euch unterwerft. Warum habt ihr euch für diese reglementierte Arbeitsweise entschieden?

Wir haben eine Vorliebe für Herausforderungen und noch viel mehr für Einschränkungen. Daher beschlossen wir, während der Produktion nichts zu benutzen, das zu bequem und komfortabel ist und stattdessen mit altem Equipment, »echten« Instrumente sowie analogen Synthesizern und Musikern zu arbeiten. Wir möchten den menschlichen Aspekt offenbaren und das Beste aus Fehlern und Irrtümern machen, statt jede Unvollkommenheit auszuradieren. Fortschrittliche Technologie hat diesen perversen Effekt, alles einfach erscheinen zu lassen und verführt dich dazu anzunehmen, du könntest machen, was du willst. Meistens wirkt sich Beschränkung fruchtbarer auf Kreativität aus, als Leichtigkeit. Strategien zu wählen, um den kreativen Prozess zu erforschen, statt sich nur auf das angestrebte Ziel zu fokussieren, scheint uns die spannendere Aufgabe zu sein. Außerdem lieben wir einfach unsere Instrumente. Sie sind wie Charaktere, ihr Klang definiert eine eigene Persönlichkeit. Wir stellen uns die Rolle des Komponisten gerne wie einen Regisseur vor: Er sucht nach Charakteren, so wie nach einer Instrumentierung und lässt diese entweder seine eigene oder ihre Geschichte erzählen. Auf »Solarispelis« trifft das besonders zu, da die Stücke ursprünglich für den Live-Film »Le Bestiaire du Dedans« entstanden, den wir 2012 zusammen mit Gabriel Desplanque entwickelt und aufgeführt haben. Das Album wurde um ein Set aus wenigen Synthesizern und alten Keyboards sowie eine begrenzte Auswahl an Klängen für die Beats – zum Beispiel einer Fahrradklingel als HiHat – gebaut. Diese Klänge reisen durch das gesamte Album, als wären sie Figuren die bei jedem Song in eine andere Landschaft gesetzt werden. Zudem gibt es einige musikalischen Themen, die in Variationen an verschiedenen Stellen des Albums auftauchen. Einige dieser Tricks mögen beim ersten Hören nicht direkt auffallen, »Solarispellis« braucht Zeit um in Gänze entdeckt zu werden und ist absichtlich als musikalische Schatzsuche konzipiert, die man abspielen, aber mit der man auch spielen kann.   
Welche Künstler dienen euch als Inspiration?
Es sind viele und sehr verschiedene. Besonders jene Künstler, die die Avantgarde in die Popmusik bringen. Von den amerikanischen Komponisten der Minimal Music bis zu einigen recht obskuren französischen Produzenten der 60er und 70er, so wie Germinal Tenas oder Jean-Pierre Massiera. In Bezug auf Techno beeindrucken uns die Arbeiten von James Holden und Rechenzentrum, da sie sehr kurze Sounds benutzen und Emotionen aus Abstraktion beziehen. Der estnische Komponist Arvo Pärt, ein wichtiger Vertreter der Neuen Musik, hat uns ebenfalls sehr beeinflusst. Vor allem seine Vokal-Stücke.  Wir lieben außerdem Psychedelia, Library Music sowie Krautrock und sind große Fans von Ghetto House.     

Ihr habt in der jüngeren Vergangenheit auch Remixes für Künstler wie Austra oder Son Lux angefertigt. Was ist das Spannende daran?

It’s a stylist game. Das ist so, wie mit einer Puppe zu spielen. Du kannst sie bis auf die blanken Knochen reduzieren und sogar mit dem Skelett spielen, bevor du dir ausdenkst, wie man sie wieder zusammenbauen und neu einkleiden kann. Es ist ein fantastisches Labor, um neue Produktionstechniken und Ideen auszuprobieren, neue Stile zu testen und die eigene Routine zu durchbrechen. Die Schönheit und der Reiz an einem Remix ist es, einen Song neu zu erfinden, auch wenn man nicht zwingend eine Verbindung zu ihm hat. Es ist tatsächlich einfacher einen Track zu remixen, dessen Original du nicht magst, da man so ohne die Angst respektlos zu werden, mit den Strukturen und Klängen spielen kann.  Für andere Künstler direkt zu produzieren, haben wir bisher noch nicht gemacht, aber in der Zukunft werden wir dafür sicher offen sein. Ein bisschen HipHop oder R’n’B zu produzieren, wäre großartig!

Arandel

Solarispellis

Release: 24.11.2014

℗ 2014 InFiné