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Burn out or fade away

Anton Corbijn / Control

Im Januar '08 startet das Ian Curtis-Biopic auch bei uns. Vor zwei Wochen stand Regisseur Corbijn in Köln Rede und Antwort. Wolfgang Frömberg war dabei.
Geschrieben am
Ian Curtis gehört anscheinend zu den englischen Popikonen, die mit Fußball nie sonderlich viel am Hut hatten - und damit zur Minderheit auf der Insel. Zu Beginn von Anton Corbijns Biopic nach der Vorlage von Deborah Curtis` Buch 'Aus der Ferne' geht Curtis (Sam Riley) jedenfalls in dem Kaff Macclesfield, wo er lebte, mit einer Platte unterm Arm - David Bowie! - nach Hause. Da rollt ihm das Leder vor die Füße, das ein paar spielenden Jungs über den Zaun geflogen ist. Der hübsche Kerl macht keine Anstalten, den Ball zurück zu kicken. Er geht seinen Weg- zu Fuß und in Gedanken. Es wird ein ebenso erfolgreicher wie kurzer Marsch durch die gerade vom Punk aufgewühlten Institutionen der Unterhaltungsindustrie sein.

Der Mythos Ian Curtis, der sich am 18. Mai 1980 im Alter von 23 Jahren das Leben nahm, sitzt nichtsdestotrotz bis heute in vielen Köpfen und Herzen. Die Verfilmung seiner Geschichte und der Karriere der Band Joy Division - zugleich das Filmdebüt des Starfotografen Anton Corbijn - dürfte nicht nur in Großbritannien mit Spannung erwartet werden. Während 'Control' in England Anfang Oktober anlief, wurde der deutsche Kinostart auf Januar 2008 festgelegt. Vor knapp zwei Wochen war nun Corbijn in Köln, um höchstpersönlich 'Control' auf der hiesigen Cologne Conference vorzustellen. Nach der Aufführung stand er dem neugierigen Publikum Rede und Antwort.

So war zu erfahren, dass Deborah Curtis zwar als Co-Produzentin geführt ist, aber diese Position ihren Einfluss auf die Adaption nicht unbedingt gesteigert hat. Corbijn bezifferte zudem den Zeitraum, den er, als Postpunk noch akut und kein Begriff aus Geschichtsbüchern war, für seine legendären Fotoaufnahmen von Joy Division brauchte, auf zehn Minuten. Als Freund der Band oder gar von Ian Curtis, wie hier und da kolportiert, habe er sich nie gesehen. Ihre Begegnung war flüchtig.

Corbijn erklärte, dass er auf gar keinen Fall einen "Rockfilm" habe machen wollen. Schon als er das Angebot zur Umsetzung des Buchs bekommen habe, fürchtete er in eine Schublade gesteckt zu werden. Deshalb sei er auch nicht begeistert gewesen von der ambitionierten Idee der Schauspieler. Sie wollten die zu hörenden Joy-Division-Songs unbedingt selber einspielen. Ironie des Drehbuchs, dass gerade die Live-Szenen der aus Riley, Joe Anderson, James Anthony Pearson und Harry Treadaway bestehenden Formation zu den besten Momenten des Films gehören. Um diese Auftritte herum konzentriert sich Corbijn auf Ian Curtis` Entfremdung vom kleinbürgerlichen Leben und auf das Leiden seiner Ehefrau Deborah Curtis, die sich um die kleine Tochter kümmert, während Curtis auf Tour eine Affäre mit der Schwärmerin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) beginnt. Vielleicht eine subtile Form der späten Genugtuung, dass Samantha Morton in der Rolle der gehörnten, treuherzigen Gattin den unerfahrenen Akteur Riley noch mit dem Rücken zur Wand an eben diese zu spielen vermag. Gleichwohl verfügt Sam Riley über eine Ausstrahlung, die ein zärtliches Mitgefühl genau da evoziert, wo es angebracht ist.

Curtis war nicht nur typischer Einzelgänger und manischer Performer. Er war Epileptiker und litt unter der Angst vor neuen Anfällen. Die Medikamente, die er nehmen musste, trugen nicht zur Aufhellung seines Gemüts bei. Spätestens als es ihn auch auf der Bühne erwischte, vermochte er diese nicht mehr als Zufluchtsort anerkennen. Seine Krankheit würde ihn wie alle anderen Auswüchse des Alltags auch im Rampenlicht immer wieder heimsuchen.

Der popmusikalische Kontext, der am schnell kürzer werdendem Haar von Curtis, den staunenden Augen beim Besuch eines Sex-Pistols-Konzerts, oder auch dem unheimlichen Ursprung des Bandnamens im Dritten Reich abzulesen ist, bleibt ästhetisch einwandfrei in Szene gesetzte Kulisse. Entscheidende Typen wie Martin Hannett und Tony Wilson, Peter Hook und Bernard Sumner sind weniger blasse Statisten als eher schon verkappte Karikaturen. Corbijn hängt an seiner Hauptfigur bis zu dessen Tod. Sein starkes Schlussbild lässt einen so schnell nicht vergessen, dass Ian Curtis neben Kurt Cobain der einzige früh verstorbene Popstar ist, der weder einem Attentat zum Opfer fiel, noch sich im Drogentod verlor - sondern letztlich die Kontrolle über das Ende seines Burn-Out behalten sollte.

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