×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ambivalenz aushalten

Antilopen Gang

Die erfolgreiche Undergroundkarriere der Antilopen Gang basierte auf zahlreichen Albumveröffentlichungen zum freien Download, selbst organisierten Touren und einem ganz eigenen Stil zwischen Witz und Schmerzen. Doch die ganz große Aufmerksamkeit bekam die Rap-Crew erst nach einem tragischen Todesfall. Benjamin Walter besuchte die drei Musiker in Düsseldorf.
Geschrieben am

Privat bei Antilopen. Koljah, Danger Dan und Panik Panzer servieren zum Interview artig Orangensaft und bieten den extra gekauften »Bestechungskuchen« an. Wäre doch nicht nötig gewesen! Das findet die Antilopen Gang irgendwie auch. Seit dem Tod des vierten Gangmitglieds NMZS, der Veröffentlichung dessen Soloalbums »Der Ekelhafte« und des Prinz-Pi-Disstracks »Das Leben und Streben des Friedrich Kautz« schauen Medien und Fans mit dramatisch steigendem Interesse auf die Jungs. Die schauen indifferent zurück. »Es hätte sicher einen schöneren Anlass für die Aufmerksamkeit geben können, aber ich muss mich dem jetzt auch nicht zwanghaft verweigern. Irgendwie ist alles scheiße, denn hätte niemand darüber berichtet, hätte mich das auch genervt«, beschreibt Koljah nüchtern seinen Umgang mit dem wohl tragischsten Karrieresprung einer Band, den man sich vorstellen kann.

 

 

Schon seit Jahren veröffentlichen die Musiker unter der »Dachmarke« Antilopen Gang grandiose Alben wie »Aschenbecher« von NMZS und Danger Dan, eine trotzig-abgründige Verhandlung des eigenen Scheiterns und Versumpfens, und das prollige »Spastik Desaster« mit dem Studentenparty-Hit wider Willen »Fick die Uni«. Album um Album zwischen Lebensangst und Selbstüberhöhung, zwischen stumpfen Sprüchen und kritischer Haltung. Und das alles nach dem DIY-Prinzip, also in Eigenarbeit, ohne klassisches Label.

 

Den Vertrieb machen, das heißt hier: Pakete packen. Koljahs Wohnküche wird dominiert von einem riesigen Kartonstapel voller T-Shirts und CDs. Der Output der Gang drängt sich physisch in die private Lebenswelt, muss an die Fans verschickt werden, und dann kommt auch schon wieder die nächste Nachschublieferung angerollt. Während Danger Dan die Rolle des lebensuntauglichen Künstlertyps kultiviert hat und Koljah die des eloquenten Meckerers, ist Panik Panzer im symbiotisch arbeitenden Verbund der Antilopen Gang die Position des Praktikers zugefallen. Ohne die Hilfe seiner Kollegen hätte der »Shopmann« den letzten Ansturm aber auch nicht bewältigen können. »Als wir das ›Der Ekelhafte‹-Album rausgebracht haben, war das Amok. Es gab in der Wohnung nur noch ein paar Gänge, durch die man sich bewegen konnte. Wir haben hier bis tief in die Nacht mit wenig Schlaf gesessen, und es war ein einziges Schlachtfeld. Das kann man so auch nicht noch mal machen«, erzählt Panik Panzer und macht damit deutlich, dass die Gang bereit ist, künftig erstmals mit professionellen Businesspartnern zusammenzuarbeiten. 

 

Und das steht an, denn ein neues Album, ein echtes Crew-Album, an dem alle drei Mitglieder mit ihren unterschiedlichen Stärken gleichwertig beteiligt sind, ist in seinem Entstehungsprozess bereits weit fortgeschritten. Zwischen etwas verschämtem Stolz und der mit einem unbekannten Prozentsatz ernst gemeinten Androhung von Maulschellen, falls das Aufnahmegerät weiter mitläuft, werden zahlreiche Tracks vorgespielt. Die Drohung ergibt Sinn, denn es klingt unwiderstehlich. Der stets etwas chaotische Output der Gang findet in den diesmal komplett selbst produzierten Stücken nun auch musikalisch zu einer geschlossenen Form. Inhaltlich entfernt man sich etwas vom Sprüche-Klopfen, bleibt aber immer innerhalb des ästhetischen Codes der Antilopen Gang. Und der ist gar nicht so leicht zu knacken. Unter dem YouTube-Video zum Song »Motto Mobbing« toben wilde User-Diskussionen, wie das Stück denn bitte zu verstehen sei, der Song »Männer« lässt gleichermaßen feministische wie sexistische Lesarten zu, und Koljah schrieb mit »Über den Schutzpatronen der Husaren« eines des ernsthaftesten HipHop-Stücke überhaupt. Pöbelt aber gleichermaßen auch gegen »deepe« Tracks. 

 

 

Müssen die Antilopen fast zwanghaft mit Ironie verwirren und sich von sich selbst abgrenzen? »Ja. Weil es einfach nicht mehr auszuhalten ist mit uns. Und wir leiden ja selbst am meisten darunter«, erklärt Danger Dan und versucht, traurig zu gucken. »Aber viele gute Lieder von uns, die viel Aufmerksamkeit erregen, haben kein bisschen Ironie.« Koljah ergänzt: »Wir können halt alles. Wenn wir einen unironischen Track machen, funktioniert das genauso wie ein ironischer, auch wenn dann manche Leute denken, es sei genau umgekehrt. Mir macht es sehr viel Spaß, Leute zu irritieren und Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen. Bei den neuen Tracks wird in einem Lied gesagt, das Leben ist scheiße, in dem anderen eben, das Leben ist voll geil. Stimmt halt beides.« Danger Dan: »Es ist auch nötig, einfach mal Ambivalenz auszuhalten. Ich glaube, dass die meisten Menschen, die ich mag, keine Ahnung davon haben, wer sie eigentlich sind und was sie eigentlich wollen.« 

 

Es entwickelt sich eine komplizierte Diskussion über Selbst- und Fremdwahrnehmung der Band, das (Un)wesen der Ironie und die Antilopen als funktionierende Projektionsfläche für die Dummen, die Schlauen und die Verlorenen gleichermaßen. Teile der Gang wundern sich dabei selbst über neue Erkenntnisse. Und da jeder weitere Versuch der Bandanalyse letztlich scheitert, bleibt nur noch die Flucht ins auch von den drei Rappern geschätzte Klischee: Die Antilopen Gang sind stabile Typen, die ihren Weg gehen und den Kopf immer oben halten. Und damit muss ganz Rap-Deutschland jetzt eben klarkommen.